Von Petra Vogg

1950

Liebe Mutter,

hab Dank für den Unterrock aus Fallschirmseide. Er passt mir perfekt. Hier in Paris ist es auch jetzt, noch schwer Stoffe für Kleidung zu organisieren. Dafür fehlt es mir nicht an Menschen, mit denen ich mich verbunden fühle. Erst letztens besuchten wir den Louvre, um später im Café bis in die Nacht angeregt über die Kunstwerke zu diskutieren. Mit den Lebensmitteln, die du mir geschickt hast, habe ich für meine Freunde gekocht. Yorkshire Pudding lieben sie. Es gibt große Neuigkeiten. Ich kehre nach London zurück, …

 

„Liebe Rosalind, am letzten Tag hier bei uns im Institut möchte ich dir danken, für deine akkurate Arbeitsweise und Denkanstöße. Mir fällt es nicht leicht, dich als Röntgenkristallographin gehen zu lassen. Ich hoffe, die Kollegen am King’s College in London wissen deine Arbeit zu schätzen. Auf unsere Kollegin und Freundin.“
Jacques Mering, der Leiter des Labors prostete Rosalind zu. Die Angesprochene schob sich die dunkelbraunen kurzen Haare hinters Ohr. Ein Lächeln blühte auf, dass die ebenmäßigen Gesichtszüge betonte. Sie nahm ein Glas Weißwein entgegen und trank einen Schluck.
„Danke, mein lieber Jacques. Ich bin mir nicht sicher, ob die Entscheidung zurück nach London zu gehen die Richtige ist, aber ich freue mich auf meine Familie und ein neues Aufgabengebiet. Das bewilligte Stipendium gilt für drei Jahre, vielleicht komme ich wieder zurück zu euch und in diese wundervolle Stadt.“

 

London empfing Rosalind mit dem typischen Einheitsgrau des Winters. Zu Fuß begab sie sich zu der altehrwürdigen Akademie. Ihre Absätze hallten auf den Steinen vor dem Eingangstor. Nach dem Eintritt strich sie sich das Haar aus der Stirn, dass der Wind verwirbelt hatte, knöpfte den beigen Mantel auf und legte ihn über den Arm. Zielstrebig ging sie die Flure entlang zum Büro von John Randall, dem Leiter des Laboratoriums. Das Gebäude verströmte eine eigenwillige Mischung aus altem Papier, Bohnerwachs und Staub. Die Gemälde an den Wänden, die seit mehr als einem Jahrhundert die intelligenten und reichen Männer des Landes in der Forschung vereinten, ignorierte sie. Durch die Flure der naturwissenschaftlichen Abteilung halten nur selten Absätze von Damenschuhen. Couragiert klopfte sie an und öffnete die braune Holztüre mit Schwung.
„Guten Tag, Miss Franklin. Treten Sie ein,“ begrüßte sie Mr. Randall. Rosalind nahm auf der anderen Seite des Eichenschreibtisches Platz.
„Guten Tag, Mr. Randall. Ich freue mich auf mein neues Aufgabengebiet. Was genau, wird meine Aufgabe sein?“
„Sie werden mit Raymond Gossling Röntgenbeugungen anfertigen. Zusammen mit Maurice Wilkins, meinem Stellvertreter im Institut, hat er herausgefunden, dass die Fasern der Desoxyribonukleinsäure gute Röntgendiagramme liefern. Da die Kristallstrukturanalyse ihr Spezialgebiet ist, werden sie weitere Proben untersuchen. Mr. Wilkins ist im Urlaub und kommt Mitte des Monats zurück an unser Institut. Kommen Sie, ich zeige Ihnen ihren Arbeitsplatz.“ Rosalind folgte ihm zum Labor. Dort angekommen legte sie ihren Mantel auf einen Stuhl, nahm ihren weißen Laborkittel aus der Aktentasche und schlüpfte hinein. Rasch steckte sie Notizheft und Bleistift in die Tasche. Beim Umdrehen bemerkte sie, dass sich sein Blick auf ihren Rock geheftet hatte. Sie zog spöttisch die Augenbrauen hoch und sah Mr. Randall, der ihr jetzt wieder ins Gesicht blickte direkt in die Augen. Er schenkte ihr ein Lächeln, das sie nicht erwiderte.
„Ich sehe, Sie sind gut vorbereitet. Ich werde Sie jetzt mit Raymond Gosling bekannt machen.“ An einem der Tische stand ein großer Mann im Laborkittel und grauen Hosen. Er hatte versucht, das füllige dunkelblonde Haar mit einem Seitenscheitel zu bändigen. Raymond reichte Rosalind seine kräftige rechte Hand.
„Herzlich Willkommen! Vor kurzem habe ich Ihren Aufsatz über die Röntgenbeugungsanalyse bei Kohlenstoffen gelesen, den ich sehr aufschlussreich fand. Ich freue mich darauf, mit Ihnen zu arbeiten.“

„Danke für die Begrüßung. Welchen Proben untersuchen Sie aktuell?“
„Dann überlasse ich sie mal ihrer Aufgaben. Ich habe noch einen Termin“, verabschiedete sich Mr. Randall.
Rosalind und Raymond bildeten rasch ein Team und ergänzten sich bei den anfallenden Arbeiten. Als Mr. Wilkins nach seinem Urlaub zurück ins Labor kam, hielt er Rosalind für seine neue Assistentin. Wie selbstverständlich wies er ihr täglich neue Aufgaben zu.
„Rosi, wie weit sind Sie mit dem Erstellen der Protokolle meiner letzten Versuchsreihe?“

„Mr. Wilkins, mein Vorname ist Rosalind. Darauf habe ich sie bereits mehrmals hingewiesen. Da mich Mr. Randall beauftragt hat, Aufnahmen der Desoxyribonukleinsäure anzufertigen, werde ich ab jetzt keine weiteren Arbeiten für sie erledigen. Sie sollten sich eine Assistentin suchen, wenn ihnen ihr Arbeitspensum über den Kopf wächst.“ Wilkins schluckte, so eine Antwort war er von Untergebenen nicht gewohnt. Mit kühlem Blick taxierte er die Frau vor sich.
„Sie sind eine mir unterstellte weibliche Angestellte und vergreifen sich im Ton. Muss ich Sie extra daraufhin weisen, wer dieses Institut leitet? Stellen Sie meine Autorität in Frage?“
„Ich habe zu arbeiten. Guten Tag!“ Rosalind drehte sich um und ließ ihn stehen.

Nach diesem Gewitter wurde die Atmosphäre im Labor zur frostigen Winternacht im Januar. Wilkins und Franklin ignorierten sich so weit als möglich.

Rosalind und Maurice kommunizierten nicht mehr direkt, sondern nur noch über Raymond. Um dieses Ärgernis zu beenden, beorderte Mr. Randall beide zu einem Gespräch in sein Büro. Er legte fest, welchen Status Rosalind innehatte und verteilte die Aufgabengebiete neu.
„Ich werde sie zusammen nach Cambridge entsenden. Sie beide werden sich mit Francis Crick und James Watson über die Struktur der kristallinen DNA austauschen, dass an der Universität aufgestellt haben. Es ist eine Ehre, dass Cambridge uns um eine Expertise bittet. Sie reisen übermorgen.“

***

„Es freut mich sehr, dass wir ihnen heute unser Modell der DNA vorstellen dürfen, kommen sie Mrs. Franklin. Mit ihrem Kollegen haben wir uns seit Monaten über Briefe ausgetauscht. Was halten Sie von unserer Arbeit,“ fragte Francis Crick Rosalind. Auf einem der Arbeitstische des Labors stand ein Modell mit drei Spiralketten, zu einer Helix angeordnet. Die Besucher sahen sich das Gebilde von allen Seiten an.

„Meine Herren, ich muss sie enttäuschen. Wenn ich ihr Konstrukt mit unseren Ergebnissen vergleiche, stelle ich Folgendes fest. Es besteht aus drei Strängen, mit Phosphaten im Zentrum. Die positiven Ionen im Kern der Helix sind von Wasser umgeben und somit neutral. Da sich bei meinen Versuchen herausgestellt hat, dass die DNA in der Lage ist, beträchtliche Mengen an Wasser aufzusaugen, müssen sich die Phosphate höchstwahrscheinliche auf der Außenseite befinden. Diese Vermutung versuche ich derzeit nachzuweisen. Mit unseren bisherigen Ergebnissen kann ich ihnen klar sagen, dass dieses Modell nicht der Wirklichkeit entspricht. Diese Reise war verschwendete Zeit, die ich im Labor besser nutzen könnte.“ Mr. Watson war durch diese harsche Rede brüskiert und beachtete die Frau nicht weiter, in Gedanken gab er ihr den Namen „dark lady“.
„Sie scheinen sich ja ganz sicher zu sein“, bemerkte Mr. Crick. Er nahm ihr die vernichtende Meinung nicht übel und bemühte sich um sachlichen Austausch, da er von ihrem Fachwissen fasziniert war. Am nächsten Tag reisten die Besucher nach London zurück.

 

Die Herren Crick, Watson und Wilkins tauschten sich weiterhin in regem Briefverkehr aus. Franklin erforschte die kristallinen Strukturen und mit Hilfe von Gosling fertigte sie weitere Fotos an. Rosalind Franklin führte ein Forschungstagebuch, wie es ihre Art war, trug sie alle Erkenntnisse sorgfältig ein. Zu einem der Fotos vermerkte sie Folgendes. Unser heutiges Foto (Nr. 51) beweist meine Theorie. Wir haben heute weitere Anhaltspunkte für die Dimensionen und Winkel des DNA-Moleküls entdeckt. Es scheint, als gäbe es zwei Stränge, ich habe sie Strang A und B benannt.

Da dieses Buch im Labor aufbewahrt wurden, konnte sich Wilkins über den Fortgang ihrer Forschung auf dem Laufenden halten. Durch ihn fanden diese Ergebnisse den Weg nach Cambridge, bevor sie von ihr veröffentlicht wurden.

Francis und James zerbrachen sich die Köpfe um das Rätsel der DNA und zogen letztendlich auch durch die Notizen von Franklin die richtigen Schlüsse.

 

1962 wurde der Nobelpreis für Physiologie und Medizin an Francis Crick und James Watson von der University of Cambridge und an Maurice Wilkins vom King’s College London vergeben, für die Entdeckung der Doppelhelix-Struktur der DNA.

 

 

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