Von Carina Pfäffle

Er war wieder nicht nach Hause gekommen. Die ganze Nacht tigerte sie im Wohnzimmer auf und ab. Das Zimmer war nicht groß. Fünf Schritte breit und vier ein halb Schritte lang. Sie hatte genügend Zeit gehabt es auszumessen. Ihre Unruhe trieb sie in den Wahnsinn. Nicht zu wissen, wo er war. Nicht zu wissen, was er wieder anstellte. Nicht zu wissen, ob es ihm gut ging. Sie hatten sich gestritten. Wieder einmal. Der Morgen war wie jeder andere verlaufen. Seit Monaten konnten sie kaum eine Konversation führen ohne sich anzuschreien. Sie verstand ihn nicht. Er sah nicht, was er alles kaputt machte mit seinem Verhalten. Er zerstörte nicht nur die Türen in der Wohnung, schlug vor rasender Wut auf Fenster ein oder zerbrach mit Absicht ihre Lieblings- CD, „Empty Sky“ von Elton John. Er verletzte auch ihre Gefühle. Und das traf sie am Härtesten.

Die Nacht war entsetzlich. Er hätte von der Schule nach Hause kommen sollen. Vor exakt neun Stunden und vier und fünfzig Minuten. Wenn er überhaupt in die Schule gegangen war nach diesem lauten Morgen. Daran zweifelt sie. Wahrscheinlich strich er schon den ganzen Tag mit seinen Freunden um die Blocks. Sie lungerten dann an Bahnhöfen herum oder maroden Gebäuden. Sie sahen von außen herunter gekommen aus. Wie Abfall. Niemand traute sich da hinein. Aber die Jungs liebten diese Häuser. Da waren sie ungestört, wenn sie sich einen Kick geben wollten. Er brauchte diesen Kick. Vor einigen Wochen hatte sie herausgefunden, dass er mit dem koksen angefangen hatte. Wie konnte ihr kleiner, süßer Junge nur so abstürzen. Sie erinnerte sich noch als wäre es gestern, als er sein erstes Wort sagte. Es war nicht „Papa“. Papa war schon vor seiner Geburt nicht mehr nach Hause gekommen. Es war ein sonniger Mittwochnachmittag als sie mit ihm auf den Spielplatz gegangen war. Ein roter Käfer fuhr langsam neben dem Sandkasten vorbei und da sagte er „Auto“. Sie hatte Tränen in den Augen und müsste lachen. Frida wusste nicht, warum sie aus gerechnet jetzt an diesen Moment denken musste. Aber an den Abenden, an denen sie verzweifelt auf ihn wartete oder besorgt auf der Polizeiwache stand, da dachte sie an diese Tage zurück. Tage, an denen es nicht leichter war. Eine alleinerziehende Mutter ohne Arbeit und ohne Familie. Sie hatte nicht die leichteste Mutterrolle erwischt. Aber sie hatten sich. Sie zwei. Sie waren glücklich, solange sie sich selbst hatten.  Er war immer bei ihr gewesen, und sie immer bei ihm. Als er den Blinddarmdurchbruch hatte, schlief sie tagelang im Gästezimmer im Krankenhaus. Obwohl er schon 15 Jahre war, wollte er auf keinen Fall alleine im Krankenhaus bleiben. Sie musste wehmütig an den Tag denken, als sie ihn vom Skilager in der achten Klasse abholen musste, weil er Heimweh hatte. Frida hatte niemals erwartet, dass ihr kleiner Junge einmal so sein würde. So… rücksichtslos, so gewalttätig. Sie erreichte ihn nicht mehr. Weder mit Worten noch mit Taten. Er war ihr entglitten und sie fragte sich immerzu wann das geschehen war. Sie konnte sich diese Antwort nicht geben. Sie wurde unruhiger. Es war nun halb zwei. Sie setzte sich auf das verblasste blaue Sofa und tippelte ungeduldig mit den Füßen auf den Boden. Es war nichts neues, dass er nachts nicht nach Hause kam. Das war langsam zur Gewohnheit geworden. Sie hatte die Polizei nicht verständigt. Warum auch? Das half ja nichts. Außerdem war sie es leid Woche für Woche auf dem Polizeirevier zu sitzen. Man kannte sie dort schon. Der Himmel draußen war wolkenlos und kein Stern war zu sehen. Er war leer, so wie sie. Jetzt begann sie wieder an ihren Fingernägeln zu knabbern. Eine Gewohnheit, die sie seit ihrem Alkoholentzug vor vierzig Jahren abgelegt hatte. Aber diese zermürbende Situation hielt sie nicht aus. Immerhin griff sie nicht zur Flasche. Sie hatte es eisern durchgezogen. Für Marco. Für Marco hatte sie es aufgegeben, weil sie das Beste für ihn wollte. Sie fing an ihre Atemzüge zu zählen. Einatmen 1, ausatmen 2, einatmen 3…. Das hatte ihr der Therapeut aus der Klinik beigebracht. Es half meistens, aber heute nicht. Nichts half. Der alte Kater sprang ächzend auf das Sofa und rollte sich neben sie. Sie fing an ihn zu streicheln und er zu schnurren. Marco hatte sich immer eine Katze gewünscht. Zum achten Geburtstag hatte sie ihm den Kater aus dem Tierheim geschenkt. Damals war er überglücklich gewesen. Er hatte wochenlang nicht aufgehört zu strahlen. Sie vermisste diesen glücklichen, kleinen Jungen.

Frida war wohl eingenickt, denn auf einmal hörte sie das Klopfen gegen die Wohnungstür. Es war erst leise, dann wurde es langsam lauter. Sie blickte sich kurz verwirrt um. Es war halb vier Uhr morgens. Vielleicht ist das Marco, dachte sie. Schnell sprang sie auf und beeilte sich zur Tür. Sie riss sie auf. Vor ihr stand ihr Junge. Er hatte wie üblich eine schwarze Jogginghose an, und den Kapuzenpulli tief ins Gesicht gezogen. In seiner rechten Hand hielt er eine „Empty Sky“ CD. Er streckte ihr die CD vorsichtig entgegen. Heiße Tränen sammelten sich in Fridas Augen und dann zog sie ihren Jungen feste an sich. Sie wollte ihn nie mehr loslassen. Alles was er unter dieser heftigen Umarmung hervor brach war „Mama“.