Von Uta Lemke

Yannik ist wütend. Er wusste gar nicht, dass er so wütend auf eine Person sein kann, die eigentlich gar nicht in seinem Leben existiert. Wenn Ma von ihr erzählt, dann klingt es so, als wäre sie lebendig. Als würde sie immer noch in dem feenhaften Kinderzimmer auf dem Boden sitzen und mit ihren Legos spielen. Als würden die Pausenbrote auf dem Tisch gar nicht alle für ihn sein, sondern auch für seine Schwester. Auf jedem Ausflug, den sie als Familie unternehmen, ist sie mit dabei, sie springt mit Yannik zusammen ins Wasser des Badesees und schwimmt mit ihm um die Wette, sie bettelt um ein buntes Eis und bekommt das größte von allen, ihr Lachen schallt durch den blühenden Wald und ihre Haare wehen im Wind.

Dabei kennt Yannik sie nicht einmal. Er war noch so klein, winzig wie eine Puppe, als sie verschwunden ist, das sagt Ma zumindest, jedes Mal, wenn er sich beschwert, dass er sich ja nicht einmal erinnern kann.

Manchmal hat er sich Fotos von ihr angesehen und sich eine Erinnerung zusammengesponnen. Er hat sich ihr Lächeln vorgestellt oder wie sie ihm mit einer sanften Stimme ein Schlaflied vorsingt. Er hat es versucht, hat versucht, es zu fühlen. Hat sich so sehr gewünscht, sie würde sich wie seine Schwester anfühlen und nicht wie ein Geist aus einer anderen Welt, ein Geist aus der Welt der Erinnerungen, von Mas Erinnerungen.

Aber wenn er in ihre fotografierten Augen schaut, dann fühlt er nichts, nur Gleichgültigkeit. Als wäre sie nicht seine Schwester, sondern einfach nur irgendein Bild. Als hätte es sie nie gegeben. Und dennoch ist sie immer noch da, in jedem Wort, was Ma zu ihm spricht, in jeder liebevollen Geste, in jedem traurigen Blick. Sie ist da, wie ein Einbrecher, der das Haus nicht mehr verlassen will. Sie existiert für ihn gar nicht, und doch ist sie realer als Yannick selbst.

Denn jedes Mal, wenn Ma ihm in die Augen guckt, sieht sie ihre Augen und jedes Mal, wenn er lächelt, sieht sie ihr Lächeln und jedes Mal, wenn er denkt, jetzt müsste sie wirklich stolz auf ihn sein, dann nimmt sie ihn nicht einmal wahr.

Yannick hat genug davon, im Schatten einer Schwester zu stehen, die gar nicht mehr da ist, denn egal wie gut er ist, egal wie liebenswert er sich verhält, Ma wird sie immer mehr lieben als ihn. Sie wird immer kostbarer sein, als er, weil sie nicht nur vergänglich, sondern vergangen ist. Sie kann nichts mehr falsch machen, keinen Ärger verursachen, keine „schwierige Phase“ durchlaufen, weil alles, was von ihr noch bleibt, die schönen Momente sind.

Und jetzt steht er in der Tür ihres ehemaligen Kinderzimmers und sieht die filigranen Engelfiguren auf der weißen Kommode stehen und die violetten Vorhänge im Wind flattern und das Glasperlenspiel vor dem Fenster im Abendlicht funkeln und alles was er fühlt ist Wut. Er will die Axt aus Mas Werkstatt nehmen und alles zerschlagen, das Bett, das Tischlein mit dem Puppenhaus, die Kommode, den Kleiderschrank. Er will alles kurz und klein hacken, bis nichts mehr übrig ist als Trümmer.

Und dann wird er das Fenster weit aufreißen und selber springen. Er wird aus Mas Leben verschwinden, wie seine Schwester es getan hat. Wird endlich Mas Worte befolgen, die sie ihm Streit gerufen hat, er solle sich mal seine Schwester als Vorbild nehmen.

Und auch er wird bleiben. Vergessen wird Ma all die Momente, in denen er sie zur Weißglut gebracht hat, vergessen wird sie all seine nervigen Eigenschaften, all seine Wutausbrüche. Zurückbleiben werden nur noch die schönen Erinnerungen und sie werden Ma im Rückblick auf einmal so viel kostbarer erscheinen. Und wenn sie traurig ist, dann wird sie nicht mehr in das Zimmer seiner Schwester gehen, um ihren Tränen freien Lauf zu lassen, sie wird sich in sein altes Bett legen und bitterlich in sein Kissen weinen, weil ihr mit einem Mal bewusst werden wird, dass sie jede Chance verpasst hat, ihm die selbe Liebe zu geben wie seiner toten Schwester.

Und sein Schatten wird sie verfolgen, wird bei ihr sein in jedem Moment ihres Lebens, wird sie nie wieder verlassen, wie der Schatten seiner Schwester. Jedes Kinderlachen, was sie hört, wird sie an ihn erinnern und jedes Mal, wenn sie den Badesee besucht, wird sie ihn dort schwimmen sehen, ganz allein und doch nicht allein. Zum ersten Mal in seinem Leben, wird sie ihn wahrnehmen und nicht seine Schwester. Und sie wird ihm all ihre Liebe schenken, obwohl sie wissen wird, dass es zu spät ist.