Von Nicole Leidolph

Marie haut in die Tasten, wie man so schön sagt. Das rhythmische Klack-Klack-Klack schallt in stakkatoähnlichen Salven durch das Büro. Das nervt alle anderen, aber sie muss diese verdammte Deadline einhalten. Bis 13 Uhr soll die Meldung abgestimmt sein, dazu benötigt sie das Go von drei verschiedenen Redaktionen, von denen zwei grundsätzlich die Ruhe weghaben. Sie blickt auf die kleine Uhr in der Ecke ihres Bildschirms. 11:27 Uhr. Was noch nach viel Zeit klingt, ist in Wahrheit ein Wimpernschlag.

In dem Moment taucht in der anderen unteren Ecke blinkend der Messenger auf. Nora. „Ich muss mit dir sprechen. Dringend!!!“ 

Drei Ausrufezeichen. Marie seufzt genervt. Sie wird keine Ruhe geben. Nora gibt nie Ruhe, wenn sie etwas Wichtiges loswerden will. 

Sie antwortet: „Später.“

Die nächste Nachricht. „Nein. Teeküche. Jetzt.“

Marie verdreht die Augen und sieht erneut auf die Uhr. Es kostet mehr Zeit, wenn sie diskutiert. Sie könnte es schaffen, wenn Nora schnell mit was auch immer herausrückt. Sie greift nach ihrer Tasse, steht auf, murmelt etwas Undeutliches von „Kaffee holen“ und verlässt das Büro.

Als ob es jemanden interessieren würde, wo sie hingeht. Die Luft ist zum Schneiden dick, die Chefin ist nämlich angespannt. Es wird erst wieder gesprochen, wenn sie ins nächste Meeting geht. Das ist in etwa einer halben Stunde. Insofern ist eine kleine Verschnaufpause gar nicht so schlecht.

Nora steht bereits in der Küche und trommelt mit den Fingernägeln auf dem schmalen Tresen herum. „Endlich!“

„Beruhig dich mal, ich kann mich ja nicht beamen. Sie sitzt mir heute echt im Nacken“, sagt Marie und stellt ihre Tasse in den Kaffeeautomaten. Wenn sie schon mal hier ist, will sie etwas von der dunklen Brühe trinken, auch wenn man davon Bauchschmerzen bekommt. So teure Kaffeevollautomaten und dann so ein schlechter Geschmack. Hier ist alles möglich. „Also, was gibt es so Wichtiges?“

Noras Gesichtsausdruck wechselt nahtlos in den Lästermodus. Ihre Augen leuchten, ihr Lächeln wird breiter, sie ist in ihrem Element. Klatsch und Tratsch. Sie beugt sich näher und senkt verschwörerisch die Stimme. „Du weißt doch, dass ich mit meinen Mädels in den Urlaub fahren will, ne? Und Corinna ist ja jetzt mit unserem Stefan zusammen.“

Marie unterdrückt ein wehmütiges Seufzen. Stefan war der einzige Mann in ihrer Bürotruppe, ein richtig guter Freund, jemand, auf den man sich verlassen kann und der immer zu ihr gehalten hat. Er war die Elternzeitvertretung ihrer Chefin und seit sie wieder da ist, weht ein deutlich anderer Wind. Er musste in eine andere Abteilung wechseln. Sie haben alle noch Kontakt und sehen sich mittags regelmäßig, aber es ist nicht dasselbe. Bei ihnen im Büro wird nicht mehr gesprochen, geschweige denn gelacht. Das neue Motto lautet „Stress, Stress, Stress“. 

„Stefan hat uns doch vom Haus seiner Eltern auf Malle erzählt.“

Marie nickt. Stefan erzählt oft von seinen reichen Eltern. Es sind lustige Geschichte von seiner temperamentvollen Mutter und seinem stoischen Vater.

Nora sieht sie an, als würde gleich eine Bombe platzen. „Das Haus gibt es nicht.“

Kurzes Schweigen. Dann sagt Marie gedehnt und nicht sehr sinnig: „Häh?“

„Das Haus gibt es nicht“, wiederholt Nora langsam und überdeutlich, als würde es sich um ein akustisches Verständigungsproblem handeln.

„Kapier ich nicht.“ Marie runzelt die Stirn. „Seine Schwester macht doch gerade dort Urlaub. Er hat uns Fotos gezeigt.“

„Corinna weiß nichts von dem Haus. Sie hat ganz komisch reagiert.“ Nora hebt den Zeigefinger. „Er hat auch keine Schwester und seine Eltern sind nicht reich. Die wohnen in einer ganz normalen Mietwohnung in Deutz.“

„Was?“ Marie bemüht sich, den neuen Informationen geistig irgendwie zu folgen. „Er hat gar keine Schwester? Aber er war doch auf der Taufe seines Neffen und die ganzen Fotos …“

„Keine Ahnung, wer das auf den Fotos ist, aber definitiv nicht seine Schwester.“

„Du meinst, er hat uns angelogen?“ In Maries Kopf rattert es. Sie versucht krampfhaft, eine Erklärung zu finden. Das kann doch nicht sein. Es muss sich um irgendein Missverständnis handeln. „Wieso soll er gelogen haben?“

„Ich kann das auch nicht glauben.“ Nora zuckt mit den Schultern. „Aber jetzt denk mal nach, was er uns alles erzählt hat. Seine Model-Freundin, die beinahe an einem Wespenstich gestorben ist …“

„Dafür hat er Sonderurlaub bekommen“, fällt ihr Marie ins Wort. „Weil er Tag und Nacht an ihrem Bett saß.“

„Und sein Jura-Examen hat er mit 1,0 bestanden“, fährt Nora unbeirrt fort. 

„Dafür hat er auch Sonderurlaub bekommen.“ Maries Fassungslosigkeit wächst. „Ich habe zwei Wochen lang seine Arbeit übernommen. Ich musste dreimal nach Berlin und war bei diesem dämlichen Fußballspiel, das keine Sau interessiert hat.“

„Ich habe außerdem letztens in einem Podcast gehört, dass so ein Juraexamen ganz anders abläuft, als er uns weismachen wollte.“ Nora sieht sie triumphierend an, als wäre sie ihm schon lange auf die Schliche gekommen. „Und er hat das Studium niemals so nebenbei geschafft, während er Vollzeit arbeitet. Jura ist knallhart.“

„Moment mal, weißt du noch, als wir Weihnachten in der Südstadt unterwegs waren?“ Marie atmet laut durch. „Da hat er uns doch stundenlang von seiner venezolanischen Ex erzählt, dass ihr Vater ein Drogenbaron ist und ihn quasi mit in den Familienbetrieb aufnehmen wollte.“

„Ja, mein Gott, er hat gar nicht mehr aufgehört.“ Nora verdreht die Augen. „Ich habe mich irgendwann echt gelangweilt. Und wir haben ihm alles geglaubt, wir Hühner.“

Marie schüttelt erneut den Kopf. „Ich verstehe nur noch Bahnhof. War wirklich alles gelogen? Alles? Sein ganzes Leben?“

„Ja.“ Nora nickt. „Sieht so aus.“

„Er spricht also nicht fließend Spanisch.“

„Nein.“

„Und hat keinen neuen BMW gekauft.“

„Er hat überhaupt kein Geld.“ Nora schüttelt wild den Kopf. „Corinna zahlt die ganze Zeit für alles.“

„Und sie hat sich nicht gewundert, als du sie gefragt hat, ob ihr in das Haus seiner Eltern auf Mallorca könnt, das es nicht gibt?“, fragt Marie. 

Nora setzt ein ratloses Gesicht auf. „Sie war sehr lange Single …“

„Dann ist bei ihr aber Hopfen und Malz verloren, sorry!“ Marie lehnt sich an die Theke. „Die ist mit einem notorischen Lügner zusammen und es ist ihr egal? Hat er vielleicht irgendeine psychische Störung?“ Sie nimmt ihre Kaffeetasse aus dem Automaten. „Münchhausen-Syndrom, oder so?“

Nora zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung.“

Marie nimmt einen Schluck Kaffee, verbrennt sich die Zunge und verzieht kurz das Gesicht. Ekelhaft, dabei sollen es angeblich beste Bohnen sein. „Seine Lügen haben sich wohl irgendwann verselbstständigt. Wie ein Zug, der langsam Fahrt aufnimmt. Nein, wie ein Zug, der immer im Kreis fährt, er kann nicht mehr aussteigen“, sinniert sie. „Der fährt jetzt seine eigene Route.“

Nora lacht. „Bei dem ist der Zug längst abgefahren.“

„Er ist nicht nur abgefahren, er ist weg. Er hat den Bahnhof verlassen.“

Nora nickt. „Er ist in einer völlig anderen Welt.“

„Ist das nicht im Grunde krass, was er da für eine Leistung erbringt? Ich meine, er muss sich immer an alles erinnern, an jedes Detail.“

„Aber einige Sachen waren komisch“, sagt Nora. „Weißt du noch, als er meinte, seine Mutter sei eine geborene Von-und-zu aus dieser superbekannten Adelsfamilie, die auch einen Wikipedia-Eintrag hat? Aber Jiotta hat er erzählt, dass sie Griechin sei?“

„Stimmt, ich habe die Familie gegoogelt.“ Marie schüttelt den Kopf über sich selbst. „Und ich habe ihm gesagt, dass seine Mutter nicht unter den Mitgliedern aufgelistet ist. Er meinte, die Familie sei ja sehr groß. Er hat das so ruhig und gelassen gesagt. Unglaublich.“

„Ja.“ Nora nickt bekräftigend. „Unglaublich.“

„Ich dachte, wir wären Freunde.“ Marie sieht ein Kartenhaus vor ihren Augen zusammenbrechen. „Wie kann man seine Freunde denn so verarschen?“

„Wahrscheinlich ist er wirklich krank.“ Nora senkt ihre Stimme zu einem Flüstern. „Und alles, was er über Tessa erzählt hat. Dass sie ihm seit Jahren nachläuft, dass sie ihn ständig verführen will …“

„Dass sie nackt vor seiner Tür stand und er sie abgewiesen hat“, sagt Marie. „Unfassbar. Ich hoffe, das hat er nur uns erzählt. Das ist ja Rufmord der allerübelsten Sorte.“

„Seine anderen One-Night-Stands“, fährt Nora fort, „mit den Kolleginnen.“

„Puh …“ Marie schüttelt den Kopf. „Mit seinen Storys kannst du ein ganzes Buch füllen.“

„Sprechen wir ihn darauf an?“

„Ich weiß nicht.“ Marie zögert kurz. „Glaubst du nicht, er lügt sich aus der Sache heraus?“

Noras Handy piepst. Sie zuckt schuldbewusst zusammen und zieht es hastig hervor. „Mist, der Chef muss ins Meeting und ich soll Protokoll führen.“ Bereits im Gehen ruft sie noch: „Habe ich total vergessen.“ 

„Halt, lässt du mich so einfach hier stehen?“ Marie sieht ihr empört nach, doch sie ist schon hinter der Ecke verschwunden. „Verdammt.“ Und jetzt? Wie soll sie sich gleich in der Mittagspause verhalten? Sie sind mit Stefan verabredet!

In dem Moment ertönt ein lautes, energisches „Klick-Klick-Quietsch“. Die Chefin kommt auf ihren neuen Pumps heranmarschiert. Beim linken quietscht das Leder. Marie spürt, wie sich ihre Wange rot färben. Sie ist schon viel zu lange weg und jetzt wird sie sie in der Teeküche erwischen. Es ist in etwa so, wie wenn man von der Mutter beim Rauchen ertappt wird. Zu spät, um sich zu verstecken.

„Was machst du denn hier?“ Ein strenger Blick. „Ich bin jetzt im Meeting, was ist mit der Meldung?“

„Du hast das Meeting mit Stefan, oder?“ Marie ergreift die Flucht nach vorne. „Ich begleite dich ein Stück. Ich muss dir etwas erzählen, was du niemals glauben wirst.“

Klatsch und Tratsch. Die einzige Währung, die im Büro noch was wert ist.

 

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