Von Kornelia Wulf

Ein Sonnenstrahl fängt ihren Körper ein, der bläulich im Schmutz der Scheibe schillert. Die blitzt wie die coole Murmel von Klaus, denkt Jan, als sie die Beinchen unter die Flügel hebt – fein wie Seidenpapier -, weil sie auf Reinlichkeit Wert legt. Und auf dem Weg aus dem dunklen Schacht juckt ihr Surren in seinem Ohr. Jan mag den Moment, wenn es aufwärts geht, bis der Asphalt sie trägt und das helle Licht den Blick weitet. Manchmal muss er dann an diesen Jungen denken, der im Religionsbuch auf Seite dreißig lebt. Frau Sander, seine Lehrerin, die alles weiß, sagt, dass er Jona heißt. Der schon auf wulstigen Darmschlingen saß, bevor der Wal, der ihn nicht fraß, ihn zurück an Land spuckte. Obwohl – das weiß Jan schon – in dem finsteren Bauch kein U-Bahnlicht scheint und sich dort niemand an die Magenwand lehnt, als sein Blick auf die raschelnden Seiten gleitet in den Händen des Mannes, der neben ihm sitzt. 

Und er sieht Lukas im weißen Trikothemd. Wie er die Fäuste in Richtung Siegerhimmel stemmt. 

Podolskis Abschiedsgeschenk: ein Traumtor!

liest Jan in der Kickerzeitung. Und plötzlich – das Fliegengebrumm verstummt – auch das Rascheln – der Mann schlägt gerade die Seite um – spürt er den Druck starker Hände …

Jans Schenkel glitschen im Spielerschweiß, als Lukas ihn auf seine Schultern hebt. „Ein neuer Stern am Fußballhimmel“, tobt die Menge. Ihr Kreischen bringt das Stadion fast zum Wanken. Und in seinem Schädel rotiert ein Schwindel, als sein Fuß wieder heiligen Rasen berührt. „Denk an den Deep Squat,“ an Jans Ohrläppchen kitzelt der Champions League Atem, „der Ball soll beinahe die Wolken streicheln, wenn du die Arme streckst, und der Hintern haarscharf Grasspitzen rasieren. Und wie im richtigen Leben geht es immer auf und ab. Mindestens fünfzig Mal. Und dann – ich schwöre – spielen wir beide. Seite an Seite.“ 

Ein Quietschen scheucht Jan aus dem Glücksmoment. Der Mann neben ihm schlägt die Zeitschrift zusammen. Kurz vor der nächsten Haltestelle. Und als er den Arm anhebt, wächst da ein Fleck. Aus dem ein Geruch strömt, der Jan an das Parfüm von Boateng erinnert – dem Pinscher von Klaus, in dem ein Kampfhund steckt – wenn man beim Sprühen die Achseln vergisst. Doch die Fliege mag den Duft, und als ob der Mann, der gerade die Bahn verlässt nach ihr ruft, schwebt sie auf seine Schulter. Seufzend an den Schnüren zerrend hebt Jan den Sportbeutel hoch. Und die Finger, die in die Öffnung gleiten, zupfen an den Nähten des Leders.

In den Schrank hatte Papa den Ball gesperrt. Sieben Tage lang.

Obwohl Jan doch wie ein Profi schießt. Punktgenau zielte er an ihm vorbei. Und der Ball hatte nur ihr Kleid gestreift, das Sandras Monsterbauch wie ein Sphaghettischlauch umspannte. Und als spiele Papa in seiner Liga, trennten nur Millimeter Hand und Haut – doch auf Jans Wange brannte ein scharfer Hauch – als Papa weit ausholte, ihn schüttelte, und „Hey, geht´s noch?“, brüllte. Ein Spuckesprühregen traf Jans Stirn. Papa Fingerknöchel klopften dort kräftig an. „Sandra darf sich nicht aufregen! Das weißt du doch. Nach all diesen Wochen, in denen sie liegen musste. Wir wollen den Kleinen doch nicht verlieren.“

Mit Wucht knallte Jan den Flummi an die Wand. Gleich nach dem Abendbrot hatten sie ihn in sein Zimmer verbannt. Immerzu soll er grinsen, weil in dem Bauch von Papas Neuer ein Schreihals wächst. Und als er sich dann in den Kissen wälzte, fiel das dunkle Tuch auf in hinab. Das sich wie eine Gummihaut über Nase und Mund spannt und aus den Poren perlt die Angst, wenn es „Hey, Baby“ raschelt, „now we present: your übelster Traum.“ 

Auf seinen Lippen wachsen Spuckebläschen. Der kleine Kreischer gluckst ihn an, als die Hände seine Mitte umgreifen, ihn aus dem Bettchen heben und bauchwärts auf den Fußball legen. Noch versuchen die krummen Beinchen zu strampeln, während Jan sie auf das Leder drückt, die Schnur fest durch die Speckfältchen zieht und das Bündel zu einem Paket verschnürt in den Himmel kickt. Kein Schuss in den Ofen, denkt er, als die schwarze Wolke eine dicke Lippe riskiert, sich aufplusternd öffnet wie der Mund von Rihanna. Und die wattigen Wülste wie Frau Holle schüttelt, bis ein markiges Bäuerchen im All erschallt. 

Sanft streichelte ihn die kühle Hand. Die Stirn gekraust schaute Sandra ihn an. „Vielleicht hast du was Falsches gegessen?“, raunte sie. Schlapp grunzte Jan in das Baumwollkissen, in dem eine kleine Träne versickerte, als sie ihm Tee mit Zwieback brachte.

Heute hat er sich wieder sein Sportzeug geschnappt. Und die Hoodiekapuze über den Kopf gezogen ist er zur Bahn geflitzt. Jans Weg führt über 17 Stationen. An jedem Sonntagnachmittag. Seit letzten Sommer, als er in die vierte Klasse kam. Mama hatte ihm damals einen Stein geschenkt, mit roter Farbe bemalt. Betupft mit neun Punkten, einen für jedes Lebensjahr. Den flitschte er über den Rhein. Cool, dachte er, zehn Sprünge. „So wie der Stein musst jetzt auch du ins kalte Wasser springen“, sagte Papa. Immer sülzt der so komische Sachen. Und Mama schniefte, als sie darüber sprach.

Dass sie nun zu Brian zieht.

Und in seinem Kopf tönte noch einmal das dumpfe Bummern, das Jan an den Krieg der Klingonen erinnert. An das Knallen der Türen, bevor der Motor aufheulte. An das Brüllen von Mama „Hau bloß ab! Was anderes kannst du wohl nicht“. Und noch einmal sah er den Kummer in ihren Blick, der wie giftiger Efeu aus ihm heraus rankte.

„Mama und Papa können nicht zusammenbleiben“, da war ein Kratzen in Mamas Stimme, „wir lassen uns scheiden. Aber keine Sorge, als Eltern mögen wir uns noch immer leiden.“ Und nachdem der Stein über den Rhein bis nach Alaska sprang – und sich sein Elternhaus in ein Iglu verwandelte – nahm Papa ihn an die Hand und übte mit Jan das Fahren mit der Bahn. An jedem Nachmittag.

Mit beiden Eltern soll er leben, bei jedem eine Woche lang. So wie ER die wütenden Wogen teilte, damit die Flut des Streites Jan nicht zerreißt.  (Fffhhh, dachte Jan, auch Mama sagt immer so komische Sachen).

Und von einem Ort zum anderen reisend – wie ein menschliches Pendel, das ewig schwingt – fühlt er sich wie ein Vagabund. So sehr wünscht er sich einen Hund. Doch selbst beim kleinsten Dackelhauch schwillt Sandras Nase zur Mandarine an. Und in der Wohnung, in der Mama mit Brian lebt, sind keine Tiere erlaubt. Dort wohnt auch Katie. Die Tochter von Brian. Die auf seinen Rücken springt, wenn er am Sonntag kommt, und sich dort sabbernd an seinem Nacken festsaugt.

Und mit dieser Zecke muss er sich ein Zimmer teilen. 

Erst letzte Woche hat sie den Filzstift über Jans Fanbuch geschwungen, wie eine Blechtrompete LuLuLukas gesungen. Einen rosanen Rauschebart an sein Kinn gemalt. Und einen Knutschemund!

Das friedliche Hirn auseinandergenommen hatte ein Rachemonster ihn in seine Klauen bekommen. Und plötzlich sah Jan es nur noch verschwommen. Wie ihr Körper über der Balkonbrüstung schwebte – von der Astronautenbarbie, die nahm Katie sogar mit aufs Klo – und in freiem Fall auf ein Autodach knallend in tausend Stücke zersprang.

„Ehrlich. Ich dachte, die kann fliegen“, hat er zu Mama gesagt, als Katie beim Schreien das Atmen vergaß. Und dann wuchsen da wieder die blättrigen Spitzen. Grüngiftig kletterte Mamas Blick bis in tiefere Schichten. „Wie kannst du nur …“, schluchzte sie, „… genau wie dein Vater …“ 

Den ganzen Abend musste er in der Küche sitzen. Darüber nachdenken, wie man Böses in Gutes umkrempeln kann, obwohl Brian – etwas von „Steinzeitmethoden“ murmelnd – Mama ganz fest in die Arme nahm.

Sie scheinen an der Scheibe vorbei zu sprinten. Bäume und Häuser, die er nicht kennt.

Jans Blick huscht beklommen. Bestimmt ist das allwissende Auge mitgekommen. Das über ihn wacht und nervös klimpert, wenn er Unsinn macht. Doch dann bleibt er an zwei Damen hängen. Die eng die Köpfe zusammenstecken, während die Hintern über die Sitzkante quellen.

Heute hat er einfach die 18 genommen. Nicht die 12, wie an jedem Sonntag sonst. Und unter den Sohlen spürte er ein Beben, als sein Fuß fremden U-Bahnboden berührte. Die Zahnbürste neben den Fußball gequetscht fährt Jan heute zu Rainer. Mann, der kann kicken. Fast so geil wie Lukas.  Der plötzlich auf den Bolzplatz kam. An diesem Nachmittag – Jan wartete gerade auf Klaus – als Mama ihn wieder begnadigt hatte. Doch der musste Lia hüten. Denn im Haus von Klaus wohnt auch eine Schwesternlaus, die einem den letzten Nerv aussaugt. Er trainiere die E-Jugend in seinem Verein, sagte Rainer, während er Jan ein paar coole Beinarbeittricks zeigte. Und dass Jans Waden sich zum Trommeln eigneten, sähe er sofort. Auf einmal schmierte sein Blick wie zäher Schlick – und ließ ein bisschen Schmutz zurück – während Jan sich vor ihm drehen und wenden sollte. Doch dann zeigte ihm Rainer das Foto. Und vom Blau der Augen eingesogen, vergaß Jan den Dreck. Von den Augen von Fuchur, dem Mini-Malteser. 

An der Leine dürfe Jan ihn führen, versprach Rainer, wenn er ihn abhole von der Bahn.

Den Rücken vom Polster weggestemmt, strafft er Schultern und Bauch. Sein Herz klopft im Kommandoton. Die nächste Station ist es schon. Und die Wange an die Scheibe gepresst, sieht er Rainer neben der rot-weißen Schranke stehen. Sein neuer Freund springt winkend in die Luft, als Jan den Fuß auf den Bahnsteig setzt. Doch nirgendwo tönt ein Hundegebell und er sieht auch kein weißes Fell. Zögernd zieht sich ein Zucken durch Schenkel und Wade. „Wo ist der Hund?“, ruft er ihm zu. 

Als Rainer die Leine aus der Tasche zieht und sein Daumen auf die Linde hinter dem Kiosk zeigt, prescht Jan voran. Bis sein Kopf in Wolle versinkt – in zwei Pulloverarme, die ihn fest umfangen – und er dort das Coole Rasierwasser riecht. Und einen Hauch Sandra. Auch. Ganz vorn im Waggon hat Papa gesessen, hinter den zwei dicken Frauen versteckt. Den Kopf komplett vom Fahrkartenautomaten verdeckt.

Die Wange in weichen Flausch geschmiegt, kraust Jan die Stirn. Kann man Pullover aus Hundehaar stricken?

Blauen Augen rollen. Blitzen wie Murmeln und die Hände zu einem Netz gekreuzt flüstert Papa,

„Junge, das ist der falsche Weg.“

 

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