Von Daniela Seitz

Eine zurückgelassene Bahn. Menschenleer und verlassen. Eingewickelt im Zahn der Zeit, einer Decke gleich, und doch voller Seelen. Ich wittere sie alle, einem Wolf gleich. Aber ich jage nicht. Ich suche etwas. Vage Empfindungen treiben mich voran, durch die Abteile der Bahn. Die Seelen ignorieren mich. Mir ist kalt. 

„Folge mir!“

Nur ein Wispern. Kaum wahrzunehmen und doch bestärkt es diese Kraft in mir, die mich voran streben lässt. Mich ruhelos antreibt. Einen wahllosen Mangel versprüht in den tiefsten Urängsten meines Seins. Gischt auf der Haut. Kalte Hände und Füße. Ein erstarrter Moment im Wüten der Zeit.

„Folge mir!“

Unbezwingbarer Druck! Verloren in Gewalten universaler Flüche gebe ich Schutz und verliere trotzdem gegen das galaktische Chaos. Ich spüre die Haut, das Sein, in meiner Hand, als wäre es mir nicht gerade entrissen worden. Eine verunglückte Inobhutnahme in einer verletzten Rettungmission.

„…folge…“

****

Bis ins tiefste Innere verletzt, wache ich vom Klingeln des Weckers auf. Es ist halb sechs an einem Sonntag. Bis ich um sieben Uhr mit der U-Bahn zur Arbeit fahre, brauche ich meine Zeit für mich. Hätte ich mich doch bloß nicht für die Sonntagsschicht gemeldet. Ich mache das Radio an und schlage mein Bettzeug zurück.

„Guten Morgen. Es ist halb sieben!“, verkündet der Radiosprecher.

Ein Blitz fährt auf mich hernieder. Das kann nicht sein. Ungläubig schaue ich meinen Wecker an. Der Radiosprecher fängt indessen an über die Sommerzeit zu reden. Ach verdammt. Ich hätte den Wecker eine Stunde vorstellen müssen. Nix mit gemütlich frühstücken oder ein bisschen Frühsport. Ab unter die Dusche, rein in die Klamotten und los geht’s.

Vollkommen meiner Routine beraubt, einen Apfel im Mund, breche ich alle persönlichen Rekorde und fliege regelrecht zur U-Bahn-Station. Wenn nicht diese Pünklichkeitsdomina meine Vorgesetzte wäre, wäre es irrelevant, welche der Züge ich nehme. Fahren ja eh alle paar Minuten welche. So aber erlaufe ich mir gerade einen Lungenrekord, um genau diese eine Bahn noch zu erwischen.

Wie ein Stein, abgefeuert von einer Steinschleuder, entere ich die Treppen abwärts und schaffe es halbwegs, die anderen nicht über den Haufen zu rennen. Nur das kleine Mädchen an der Hand ihrer Mutter, hält sich auch partout an dem Geländer fest, dass ich um die Ecke biegend ebenfalls anvisiert habe. Der Schwung ist zu groß. Ein Zusammenstoß eigentlich unvermeidlich. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass ich die U-Bahn verpassen werde, wenn das Unvermeidliche eintritt.

Mein Körper reagiert vor mir. Macht einen Salto über die Kleine hinweg, die sich in dankenswerter Weise duckt, während die Mutter mir hinterherschimpft, weil ich den halbangebissenen Apfel bei dieser Aktion verliere. Bin ich denn wahnsinnig? Saltis sind nicht das Problem, die kann ich mal eben aus dem Handgelenk schütteln. 

Aber die Landung auf der Treppe? Ich mache mich rund, spanne alle Muskeln an, rolle an der Treppe ab und schieße wie eine abgefeuerte Kanonenkugel weiter zwischen die gerade zugehenden Türen der U-Bahn, die meinen Schwung bremsen.

Puh! Geschafft. Oder ist das auch ein Traum? Immerhin ist mein eben geleistetes Kunststück eigentlich unmöglich. Andererseits hat mein Vater beim Möbel schleppen an seinem hundertsten Rentnertag unfreiwillig ebenfalls auf der Treppe eine Rolle rückwärts gemacht und sich nicht einen einzigen Kratzer geholt. Und das rückwärts. Davon spricht er auch jetzt noch, fünf Jahre später.

„Hey, du bist die Frau aus meinem Traum“, macht ein etwa 17-jähriger mich auf sich aufmerksam.

Ich verdrehe die Augen. Was für ein lahmer Anmachspruch.

„Üb das nochmal vorm Spiegel“, antworte ich und mache mich aus dem Staub.

Ich glaube an U-Bahn Feng Shui. Wechsle den Standort und schlimmstenfalls die Abteile und du findest einen kleinen Platz in all den Menschen, wo nicht irgendein Quatschkopf um deine Aufmerksamkeit buhlt.

Leider folgt er mir. Also strebe ich immer weiter voran. Getrieben von dem Mangel an Ruhe. Und verfolgt von einem Déjà-vu. Na hoffentlich war der Traum keine Vorahnung. Allerdings wüsste ich nicht, was zum Geier ich würde schützen wollen.

„Folge mir!“

Eine unmerkliche Bewegung. Ein verdächtig alleingelassener Rucksack fesselt meine Aufmerksamkeit. Ungesehen und ganz intuitiv nehme ich ihn mit und folge der Bewegung. Dann schaue ich zum Fenster und sehe einen zweiten Tunnel, wo keiner sein sollte. Und eine Tastatur mit zwei roten Knöpfen. Rechts oder links.

„Wähle!“

Ich hinterfrage weder die unsichtbare Stimme, noch die zwei Tunnel oder die Tastatur. Ich wähle links, für den unbekannten Tunnel. Die U-Bahn reagiert sofort, als hätte ich ihre Schienen umgestellt. Mit einer engen Linkskurve visiert sie den fremden Tunnel an.

„Ach hier hast du dich versteckt“, meldet sich dieser 17-jährige wieder hinter mir.

„Warum folgst du mir?“, frage ich entgeistert zurück.

Er schlägt ein Fenster ein und nimmt mir wortlos den Rucksack ab. Die Tunnellandschaft ändert sich und der Junge wirft den Rucksack zum Fenster hinaus.

„Ich tue das, was du mir im Traum gesagt hast“, dreht er sich wieder zu mir um.

„Was für einen Traum meinst…“, setze ich an zu fragen, als eine Druckwelle den Zug erfasst.

Der Rucksack explodiert! Treibt die Bahn vor sich her, wie ein Schäferhund die Schafe. Unwillkürlich werfe ich mich über den Jungen und schütze ihn mit meinem Körper vor der Druckwelle, die über uns hinwegfegt.

`Verdammte Scheiße! Der Traum war doch eine Vorahnung. Hätte ich mich doch nur nicht für die Sonntagsschicht gemeldet! `, ist das Letzte was ich denke, bevor das Chaos ausbricht!

****

Bin ich im Auge des Sturms? Es ist vergleichsweise ruhig. Aber ich stehe wieder an der Treppe an der ich meinen Salto vollführt habe. Allerdings ohne die schimpfende Mutter oder das Kind. Der Junge hingegen ist nicht weit und kommt auf mich zu. Bevor er mich erreicht, klingelt mein Handy! Oh, schreck! Meine Pünklichkeitsdomina! Und ich bin zu spät. Trotzdem besser als der 17-jährige. Ich gehe ran.

„Ja hallo Frau Recker“, begrüße ich meine Vorgesetzte.

„Oh Gott sei Dank! Sie leben noch“, klingt eine menschlich besorgte Stimme an mein Ohr, die ich niemals meiner Pünktlichkeitsdomina je zuordnen würde.

„Ja, warum sollte ich…“

„Eine Bombe in ihrer U-Bahn! Es geht durch alle Nachrichten, da in dem Zug live gestreamt wurde, als sie in die Luft ging. Irgendwie ist die Bombe hinter der U-Bahn explodiert. Deshalb gibt es sehr viele Überlebende!“

„Ähm, tja, also ich stehe hier an der Haltestelle und warte auf die Bahn“, stammle ich, weil ich die Ereignisse nicht übereinander bringen kann und mich einfach mal an das jetzt halte, in dem ich ja wirklich wieder hier stehe.

„Gottlob, dass sie unpünktlich waren! Wer hätte gedacht, dass ihre Unpünktlichkeit Ihnen mal das Leben retten würde!“

„Äh, ja…“, stammle ich und denke mir gleichzeitig, dass sie es wieder geschafft hat, mein Verhalten zu entwerten.

„Nehmen Sie sich heute frei! Ich habe schon Ersatz für sie. Immerhin haben Sie gerade einen Anschlag überlebt! Wir sehen uns morgen!“, beendet sie das Gespräch in ihrer üblichen Domina Tonfall.

„Ja offensichtlich bis morgen“, sage ich schon zur tutenden Leitung.

Bin ich doch mit dem Mädchen zusammengestoßen und habe nicht nur die U-Bahn verpasst, sondern auch eine Gehirnerschütterung erlitten? Warum grinst mich dann der 17-jährige so erwartungsvoll an?

„Was?“, blaffe ich ihn an.

„Wir haben dank deiner telepathischen und telekinetischen Kräfte viele Menschenleben gerettet. Du bist Batman und ich bin dein Robin“, freut er sich.

„Batman ist männlich!“

„Ach wir finden schon einen coolen Namen für dich! Wie wäre…“, fängt er an zu überlegen.

„Hör auf! Ich habe keine Kräfte!“

„Und warum bist du mir im Traum erschienen, hast mich gewarnt und mich aufgefordert dir zu folgen? Das waren deine telepathischen Kräfte. Und mit deiner Telekinese hast du die Druckwelle der Explosion weitestgehend von der U-Bahn fern gehalten. Solange wie es dir möglich war. Dann hast du uns mit letzter Kraft hierher teleportiert!“

Mir bleibt der Mund offen stehen. Im Traum soll ich ihn aufgefordert haben? Ich dachte der Traum habe mich aufgefordert jemand anderen zu folgen. Nicht umgekehrt.

„Ich brauche jetzt erst mal einen Kaffee!“, seufze ich.

„Aber was war das mit diesem zweiten Tunnel? Das habe ich noch nicht verstanden!“, löchert er mich.

„Na, wird wohl auch Telekinese zur Verschiebung der U-Bahn gewesen sein. Was weiß ich denn schon? Ich warte nur darauf, dass ich aus diesem Traum aufwache!“, murre ich ihn an.

„Das ist aber kein Traum. Und du hast Kräfte!“, beharrt er.

„Okay, du hast Recht. Und wo bekomme ich jetzt meinen Kaffee her?“, frage ich in der Hoffnung ihn so abzuhängen.

„Ich kenne da ein tolles Cafè!“

„Prima! Geh du nur vor! Ich folge dir!“, antworte ich.

 

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