Von Raina Bodyk

Wie oft habe ich mir den Spruch angehört: ‚Das Leben ist eine Achterbahn.‘ Dazu kann ich nur sagen, meins ist eher eine U-Bahn-Fahrt! Wo andere sonnige Landschaften, idyllische Dörfer oder faszinierende Architekturwunder bestaunen, geht meine Lebensbahn meistens durch lange, düstere Tunnel.
Ist Ihnen schon aufgefallen, dass manche Leute immer Glück haben und anderen wieder und wieder das Pech an den Händen kleben bleibt?
Das begann schon in meiner Kindheit. Die Firma, in der Papa arbeitete, musste Insolvenz anmelden. Er bekam trotz aller Bemühungen keinen neuen Job. Sein Kopf weigerte sich hinzunehmen, dass er für seinen Beruf mit fünfundvierzig Jahren zu alt sein sollte. Der Alkohol wurde sein Ausweg und unsere Hölle.

Ich war so froh, als ein gutaussehender, junger Mann mir mit achtzehn die Chance zur Flucht bot. Wir verliebten uns und wir wollten so schnell wie möglich heiraten. Er befreite mich von meinem elterlichen ‚Zuhause‘. Nach den Flitterwochen stellte sich heraus, dass er es mochte, Frauen zu schlagen.

Später jedoch zog auch ich einen Hauptgewinn im Lebenslotto! Klaus wurde die Liebe meines Lebens. Obwohl wir nicht mehr ganz jung waren, schenkte uns der Himmel noch eine Tochter. Beate war unsere ganze Freude. Es folgten beglückende Jahre, in denen wir sie furchtbar verwöhnten. Leider mussten wir uns ständig sorgen. Die Kleine ließ keine Kinderkrankheit aus, brach sich das rechte Bein beim Klettern auf Nachbars Apfelbaum, war einen unendlich langen Tag verschwunden, weil sie mit ihrem besten Freund im Hexenwald die sieben Zwerge suchen wollte. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass sie nichts ausließ, unsere Nerven in Aufruhr zu versetzen. Aber wir sagten uns immer: „Besser temperamentvoll und mutig, als zu brav und verschüchtert.“

Dann passierte es. Die Bahn fuhr in den finstersten Tunnel meines bisherigen Lebens. Klaus hatte einen Autounfall und liegt nun schon ein halbes Jahr im Wachkoma. Kein Arzt kann uns sagen, wie lange es dauern wird oder ob er überhaupt wieder wach werden wird.
Beate und ich fahren abwechselnd jeden Tag zu ihm in die Klinik. Es deprimiert uns unendlich, dass uns niemand sagen kann, was er von seiner Umgebung noch mitbekommt, ob er uns hört oder sieht. Ab und an bewegen sich seine Finger oder sein Arm zuckt wie im Krampf. Die Augen schweifen ziellos umher. Wie oft habe ich gehofft, jetzt, jetzt wird er wach … Mit jedem Tag schwindet die Wahrscheinlichkeit ein bisschen mehr, dass er zurückkommt.

Wir tun alles, um ihm dabei zu helfen. Er hat früher leidenschaftlich Kriminalromane verschlungen. Also lese ich ihm die von Edgar Wallace und Agatha Christie vor. Die modernen Autoren muss meine Tochter vorlesen, die sind mir zu brutal und blutig. Wir spielen ihm seine Lieblingsmusik vor, erzählen von unserem Alltag. Oft werde ich kleinmütig, verliere den Glauben an ein glückliches Ende. Weine vor lauter Verzweiflung und Traurigkeit. Aber nie im Krankenzimmer, aus Angst, er könnte es mitbekommen und darunter leiden. Manchmal möchte ich nur noch wegrennen, egal wohin, nur weit weg.  Ich komme mir vor wie in einem altmodischen Zug. Du rutscht und schwankst hin und her, dann ruckt es plötzlich, deine Hoffnung auf einen Halt erwacht, der nächste Ruck und du stehst wieder auf dem Boden der niederschmetternden Tatsache, dass du nicht rauskommst.

Nach dem Besuch brauche ich immer einen heißen, starken Kaffee mit viel Zucker. Ich sitze dann im Krankenhauscafé und fühle mich unendlich müde und schwach. Ein Marathon könnte nicht anstrengender sein.

Gestern setzte sich jemand, dem ich schon öfter im Flur begegnet bin, zu mir an den Tisch,  Er machte einen sehr gebrochenen Eindruck. Auf meine Frage erzählte er mir, dass er sich gerade für immer von seiner Frau verabschieden musste – nach 51 Ehejahren. Ich kann gut nachfühlen, wie er sich fühlen musste. Wie oft habe ich mir in den letzten Monaten voll Angst vorgestellt, mit genau dieser Situation konfrontiert zu werden. Als ich meine Hand auf seine zitternde legte, brach er in Tränen aus und erzählte mir von seiner Elfriede. Während er in seine Erinnerungen versank, strahlten seine Augen. Das Reden tat ihm offensichtlich gut.

Seitdem wartet er fast jeden Tag in diesem Café auf mich. Ich erzähle von Klaus, wie er einmal war, wie sehr wir uns geliebt haben, von seiner Rücksichtnahme, den Blumen, die er mir oft schenkte. Aber auch von meiner Verzweiflung, der wachsenden Hoffnungslosigkeit. Die Gespräche geben mir Kraft und Trost, so wie ihm auch.

Nach zwei Monaten hat er mich heute gefragt: „Liebe Frau Berger, wollen wir nicht mal zusammen essen gehen, ohne den Anblick von Ärzten, Schwestern und Kranken?“ Ich schäme mich ein bisschen dafür, aber ich habe mich über den Vorschlag sehr gefreut. Endlich  einmal ausbrechen aus dem immer gleichen Tagesablauf. Er hat ein richtig schickes Restaurant ausgesucht. Ich bin noch ganz aufgeregt! Da interessiert sich jemand für mich, will mir eine Freude machen, lächelt, wenn er mich sieht. Wie lange habe ich das nicht mehr erlebt.
Ach, Klaus! Warum hast du mich verlassen? Ja, verlassen! Wirst du zu mir zurückkommen? Gesund?

Nein, ich habe kein schlechtes Gewissen! Es war nur ein Essen.Ich habe den Abend genossen. Ein wunderschöner Abend!  Ich habe gar nicht gewusst, dass Franz (ja, wir duzen uns jetzt) so amüsant erzählen kann. Wie lange habe ich schon nicht mehr gelacht …

Seitdem treffen wir uns öfter in der Stadt. Ich glaube fast, ich fange an, mich in ihn zu verlieben. Beate sage ich noch nichts davon. Für sie ist das sicher ein Verrat an ihrem Vater. Eine Neunzehnjährige kann das noch nicht verstehen, glaube ich.

Aber Klaus erzähle ich davon. „Ich habe jemanden kennengelernt, den ich sehr mag. Einen Mann, für den ich existiere. Existiere ich noch für dich? Wo bist du? Hörst du mich überhaupt? Ich habe solche Angst, dich zu verlieren. Aber meine Hoffnung schwindet täglich ein bisschen mehr. Ich bin vierundfünfzig Jahre alt und sehne mich danach, wieder zu leben! Wach bitte, bitte auf – oder stirb. Leb mit mir oder lass mich frei.“ Habe ich wirklich gesagt, ’stirb‘?
Über mich selbst erschreckt, stoße ich hervor: „Es tut mir leid! Ich meine das nicht so. Aber dein Koma hat nicht nur dich eingesperrt. Mich in gewisser Weise auch!“

***

Meine Mutter erzählt mir in letzter Zeit öfter von einem Franz, den sie im Krankenhaus kennengelernt hat. Ich habe mir erst nichts dabei gedacht, habe es sogar gut gefunden, dass sie jemanden zum Reden hat, der sie versteht, weil er selbst Traumatisches durchgemacht hat.

Allmählich fällt mir auf, wie ihre Augen strahlen, wenn von ihm die Rede ist. Sie legt plötzlich Make-up auf, wenn sie Papa besucht. Macht einen auf jung! Das ist so geschmacklos! Sie sind sogar schon ein paar Mal zusammen ausgegangen. Was denkt sie sich dabei? Oder er? Mein Vater liegt sterbenskrank im Bett und sie betrügt ihn mit einem anderen Mann? Das ist so gemein!

Ich muss mit ihr reden!
„Mama, hast du Papa aufgegeben?“
„Natürlich nicht! Wie kommst du auf so einen Unsinn, Bea?“
„Du gehst mit diesem Franz aus, triffst dich jeden Tag mit ihm, schminkst dich. Hast du was mit dem?“
„Und wenn? Denkst du nicht, dass auch ich ein Anrecht auf ein bisschen Freude habe? Du weißt, dass ich alles tue, um deinem Vater zu helfen, so wie du auch. Rede mit ihm, lese ihm vor, spiele ihm seine Lieblingskomponisten vor. Aber wir müssen uns darauf einstellen, dass …“
„Nein, niemals! Er wird wieder gesund, da bin ich ganz sicher.“
„Ich hoffe es sehr, mein Schatz. Versteh aber bitte, dass ich mich nach Gesellschaft, nach Ausgehen, ja, einfach nach Lebendigkeit sehne. Ein Mensch kann nicht auf Dauer nur funktionieren, dann geht er kaputt.“
„Klar! Natürlich verstehe ich das! Du bist einfach so was von egoistisch. Du hast dir schon einen Nachfolger für Papa ausgesucht. Vielleicht willst du sogar, dass er nicht mehr aufwacht!“, stößt Beate bitter hervor.

 Die flache Hand der empörten Mutter trifft sie hart im Gesicht.
Ein schockierter Aufschrei. Beate bricht in Tränen aus und stürmt aus der Wohnung.

***   

„Frau Beate Berger, geboren am 17. Mai 2001 in Aachen, ledig, Studentin, wird von der Staatsanwaltschaft angeklagt, Herrn Franz Jost aus niedrigen Beweggründen am 3. September 2020 in seinem Haus ermordet zu haben, gemäß StGB § 211. Frau Berger, wollen Sie sich dazu äußern?“

„Ja. Ich wollte das alles nicht. Er sollte nur meine Mutter in Ruhe lassen.“

„Was hat Ihre Mutter damit zu tun?“

„Mein Vater liegt seit Monaten im Wachkoma. Dieser Herr Jost hat sich an meine Mutter rangemacht. Wissen Sie, seine Frau ist vor kurzem gestorben. Wahrscheinlich suchte er eine Frau, die ihm den Haushalt führt.“

„Woher wollen Sie das wissen?“

„Das ist doch klar, sonst hätte er sich bestimmt nicht so schnell getröstet.“

„Wieso glauben Sie nicht, dass ehrliche Gefühle im Spiel sein könnten?“

„Man hört doch doch immer wieder, dass Witwer sich ganz schnell wieder Partnerinnen suchen, damit sie sie versorgen.“

“Na ja! Lassen wir das mal so stehen. Sie gingen also zu ihm …“

„Herr Richter, ich wollte wirklich nur mit ihm reden. Ich sagte ihm, dass er meine Mutter in Ruhe lassen solle, sie sei schließlich verheiratet. Und da …, da hat er gesagt, mein Vater sei doch nur noch eine Hülle! Da habe ich rot gesehen! Ich wusste nicht mehr, was ich tat, als ich die Kristallvase vom Tisch packte und ohne nachzudenken, zuschlug. Er brach sofort zusammen. Alles war voll Blut. Das wollte ich nicht!“ Weinend schlägt Beate die Hände vor die Augen.

„Kind, wie konntest du das tun? Du hast einen Menschen umgebracht! Warum?“, ruft erschüttert die fassungslose Mutter.

„Mama, verzeih mir. Aber Familie ist doch das Wichtigste im Leben, das habt ihr mir immer gesagt. Ich musste unsere Familie retten. Franz wollte alles zerstören! Das durfte ich nicht zulassen. Du kannst doch Papa nicht im Stich lassen. Er braucht dich.“

***

Egal, wie das das Gericht über meine Tochter urteilen wird, eins weiß ich ganz genau, die Fahrt durch die Finsternis dieses Tunnels wird nie enden.

 

 

V1