Von Ingo Pietsch

Höchstens zwei Jahre.

Wie konnte das sein?

Länger hatte mir der Arzt nicht gegeben.

Ich war eigentlich nur wegen einem Hautausschlag auf den Handrücken in Behandlung gewesen und dann kam die ernüchternde Diagnose.

Irgendwann hatte ich nur noch die Ohren verschlossen und genickt.

Warum ich?

Ich rauchte nicht, trank nur gelegentlich Alkohol, nahm keine Drogen.

Vielleicht hätte ich mehr Sport machen sollen, wie meine Freundin. Aber ich fand ständig eine Ausrede nicht raus mit ihr zum Joggen gehen zu müssen. Joggen ist halt blöd. Aber Bärbel liebt es.

Wie unternahmen auch so schon viel gemeinsam und fuhren eigentlich überall mit dem Fahrrad hin.

Ich traute mich nicht, Bärbel anzurufen oder ihr eine Nachricht zu schreiben. Sie war gerade auf der Arbeit und das würde sie sicherlich aus der Bahn werfen. Wen nicht?

Mir war immer noch nicht klar, was es für mich bedeuten würde.

Ich studierte gerade und wollte mein eigenes Architekturbüro eröffnen, Bärbel heiraten und eine Familie gründen.

Nicht unbedingt in der Reihenfolge, aber Bärbel gehörte in mein Leben.

Würde sie mich verlassen, wenn ich nur noch vor mich hinsiechen würde, oder schon vorher?

Würde unsere Liebe stark genug sein, um all das überstehen?

Ich stieß mit den Beinen gegen die Mauer zum Eingang der U-Bahn, weil ich die ganze Zeit auf meine Handy gestarrt hatte und meinen Daumen über das Gesicht von Bärbel kreisen ließ, um sie doch zu kontaktieren.

Es war schon Spätabends, da die Testergebnisse aus dem Labor so lange gebraucht hatten und nicht mehr viel los.

Ich ging gedankenverloren die Treppe hinunter, löste ein Ticket und stellte mich an den Bahnsteig.

Ein Stück von mir entfernt stand ein Typ mit einem Aktenkoffer, der von zwei Jugendlichen angepöbelt wurde.

Normalerweise hätte ich mich eingemischt und die Halbstarken davongejagd, aber nicht heute Abend.

Ich ignorierte die drei, zog meinen Kragen hoch, versenkte meine Hände in den Hosentaschen und schloss meine Augen.

Der Fahrtwind der ankommenden U-Bahn zerrte an meiner Kleidung, meinen Haaren, sogar an meinem ganzen Körper.

Für einen kurzen Moment wünschte ich, dass mich der Zug mitreißen würde – ein schnelles schmerzloses Ende.

Aber das konnte ich meiner Freundin und meiner Familie nicht antun.

Die Bahn hielt und ich schaute zur Seite. Die Jugendlichen rannten mit dem Koffer zur Treppe, als wäre der Teufel hinter ihnen her. Der Typ war verschwunden, die Türen der Bahn immer noch geschlossen.

Hatten sie ihn auf die Schienen geschubst?

Irgendwie war mir im Moment alles egal. Welchen Sinn hatte mein Leben noch? Was bewegendes konnte ich in zwei Jahren tun? Was verändern?

Ich drückte den Knopf für die Tür und trat in das leere Abteil.

Frei Platzwahl.

Die Sitze waren allesamt sauber und ich ließ mich auf eine lange Bank sinken.

Die Bahn fuhr an, ich unterdrückte den Drang, das Gleichgewicht zu halten und kippte einfach auf die Seite.

Tränen liefen über meine Wangen und ich wimmerte leise vor mich hin.

Plötzlich öffnete sich die Abteil-Tür.

Ich stemmte mich hoch und sah verschwommen einen Bahnangestellten mit einer Lochzange.

Anscheinend fantasierte ich, denn er sah genauso aus, wie der Fahrkartenkontrolleur aus dem Film Der Polarexpress.

„Die Fahrkarten bitte!“, sang er laut heraus.

Ich hielt meine Karte hoch und knipste ein Loch hinein.

„Warum so traurig?“, fragte er.

„Ist eine lange Geschichte.“

„Dann fassen Sie sich kurz, ich habe noch eine Menge Arbeit vor mir.“

Ich schaute mich im leeren Abteil um.

Der Kontrolleur starrte mich an und wartete auf eine Antwort.

Ich zögerte: „Welchen Sinn hat mein Leben noch, wenn es nur noch kurz ist?“

Seine Augenbrauen hinter der Brille zuckten hoch: „Das kommt darauf an, welchen Sinn du ihm geben willst.“

„Ist das so was, bei dem ich zum Nachdenken angeregt werden soll!?“

Er trat einen Schritt zurück: „Wenn du die Antwort kennst, warum fragst du dann?“

Ich hielt mir die Hand an die Stirn und massierte sie. „Sie sind nicht wirklich, oder?“

„Ich bin so real, wie du es brauchst.“

„Ich hoffe, Sie fangen nicht an zu singen, das kann mein Unterbewusstsein jetzt überhaupt nicht gebrauchen.“

Er schien enttäuscht zu sein und setzte sich neben mich. „Dein Leben ist das, was du aus ihm machst. Und wenn du darum kämpfst, wird es noch mehr wert sein.“

Ich schaute zu Boden und dabei kam mir das Sprichwort in den Sinn: Weisheits-Sprüche kommen bei Leuten, denen es schlecht geht, merkwürdigerweise selten gut an. Warum nur?

Als ich etwas erwidern wollte und wieder aufschaute, war der Kontrolleur verschwunden.

Ich vernahm auch keinerlei Bewegungen oder Geräusche des Zuges mehr.

Ich stand auf und sah durch die Fenster nach draußen, erblickte aber nur undurchdringliche Schwärze.

War die U-Bahn in einem Tunnel stecken geblieben?

Mit einem Mal tropfte es von der Decke und Wasser lief zur Tür hinein.

War der Tunnel geflutet worden?

Das Wasser stand mir jetzt schon bis zum Knöchel, ich war halb durchnässt.

Ich lief zur Abteil-Tür und rüttelte daran, doch sie war verschlossen.

Das Wasser stand auf Kniehöhe.

Panik überkam mich.

Ich zückte mein Handy – kein Empfang.

Das konnte doch alles nicht wahr sein! Ging es so zu ende?

Das wollte ich auf keinen Fall.

Ich konnte kaum noch laufen, musste schon fast schwimmen.

Irgendwo gab es doch bestimmt einen Notrufknopf.

Da war er, direkt vor mir, knapp unter dem Wasserpegel.

Meine Kleidung zog mich nach unten und ich musste meine gesamten Kräfte aufwenden, um vorwärts zu kommen.

Das Wasser stieg immer weiter.

Ich musste jetzt tauchen, um den Knopf zu erreichen, schaffte es, aber nichts passierte.

Mit meinen letzten Schwimmzügen tauchte ich knapp unter der Decke auf und holte noch einmal tief Luft.

Dann war das komplette Abteil geflutet.

Ich schwebte mit angehaltenem Atem durch die Kabine.

Die Beleuchtung flackerte und ging aus. Alles war dunkel.

Reflexartig holte ich Luft und schluckte Wasser.

Aus. Ende. Vorbei.

Ich öffnete die Augen und stand wieder auf dem Bahnsteig.

Die Jugendlichen pöbelten den Mann mit dem Aktenkoffer an.

„Hey, lasst den Mann in Ruhe!“, schrie ich.

Das interessierte die Beiden überhaupt nicht.

Einer spielte mit einem Springmesser herum.

Jetzt wurde es mir zu blöd.

Ich rannte los oder versuchte es zumindest, denn meine Klamotten waren schwer und mit Wasser vollgesogen. Es gab ein platschendes Geräusch bei jedem meiner Schritte.

Die U-Bahn kam näher und ich hatte nicht viel Zeit.

Gleich würden sie ihn vor den Zug schubsen.

Als die Jugendlichen mich herannahen sahen, machten sie die Biege.

Ich brach zusammen und blieb in einer Wasserlache liegen.

Der Typ war auf mich zu gekommen und half mir wieder auf.

Es war nicht irgendein Fremder, sondern mein behandelnder Arzt.

„Ich glaube, Sie haben mir wahrscheinlich das Leben gerettet.“, sagte er. „Warum sind Sie so nass? Sie haben doch nicht versucht, sich das Leben zu nehmen?“

„Nein, das war das Schicksal.“ Die U-Bahn fuhr weiter. „Und das kann ziemlich fordernd sein, glauben Sie mir.“

 

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