Von Agnes Decker

„Was macht der? Ist der bekloppt?“ ruft der Mann in der Überwachungszentrale der Städtischen Verkehrsbetriebe seinem Kollegen zu. Dann werden alle Monitore dunkel.

 

„Mama, was macht der Mann?“ Die helle Kinderstimme zerschneidet die Stille. 

„Pscht.“ Eine junge Frau zieht das Mädchen an sich und drückt es fest an ihre Brust.

Jetzt ist es wieder still. Die Menschen sitzen dicht an dicht auf ihren Sitzen oder stehen im Gang und schauen vor sich auf den Boden.

Ich beobachte alles im Rückspiegel und hoffe, er bemerkt es nicht. Er, der Mann, der an der letzten Station einstieg und mich überredete, die Tür zwischen Fahrgastraum und Fahrerkabine zu öffnen. Etwas, was ich noch nie getan habe. Und… was man auch nicht tun sollte und ich ganz sicher nie mehr tun werde. Aber er hat es so dringend gemacht. So überzeugend war er. Und jetzt ist er hier drin. Direkt neben mir. Die Tür zum Fahrgastraum ist offen. Damit sie ruhig sind und damit sie sehen, dass er mich bedroht. Mit einer Pistole oder so was ähnlichem. 

 „Nächster Halt – Appellhofplatz.“ Die automatische Ansage ist wie immer, was mich ein bisschen beruhigt, die Realität hinein holt in diese unwirkliche Situation. Der junge Mann steht jetzt so nahe neben mir, dass ich ihn riechen kann. Er riecht gut. Ein teures Rasierwasser. Irgendetwas mit B. Ich komme nicht drauf. Wer so gut riecht, kann doch nicht böse sein. 

Die Tür hat er jetzt wieder geschlossen. Er räuspert sich, dabei bin ich es, der diesen Kloß im Hals hat. „Könntest du bitte das Mikrofon einschalten?“, sagt er, und beobachtet jede meiner Bewegungen. 

Ich drücke auf den Knopf. Er räuspert sich schon wieder. Dann spricht er. Laut und deutlich. „Bitte steigen Sie alle an dieser Station aus. Sie brauchen keine Angst zu haben. Die nächste Bahn wird Sie zu Ihrem Ziel bringen. Auch der Fahrer wird heute Abend wohlbehalten wieder zu Hause sein. “ Wie höflich, denke ich, und wie fürsorglich. Eine junge Stimme hat er und spricht schnell und etwas heiser.

Ich werfe ihm einen Seitenblick zu. Er ist groß und schlank, fast schon dünn, trägt Jeans und weiße Sneakers, einen schwarzen Kapuzenpulli. Über Nase und Mund hat er ein dunkles Tuch gebunden. Nur seine Augen kann ich sehen. Sie sind grün. Die Waffe ist auf meine Brust gerichtet. 

Die Fahrgäste verlassen jetzt eilig die Bahn, laufen zu den Ausgängen, auch die Frau mit dem kleinen Mädchen. Im Spiegel sehe ich, dass noch ein paar zurückgeblieben sind, sechs, um es genau zu sagen. Sie sind genauso gekleidet wie der Mann, der neben mir steht und mich immer noch mit dieser Pistole bedroht. Turnschuhe, Jeans, Kapuzenpullis und Tücher vor dem Gesicht. Der Hambacher Forst fällt mir ein. Vielleicht sind es Umweltschützer, denke ich, und spüre, wie eine Welle der Erleichterung den Klumpen in meinem Hals wegspült.

„Das sind unsere Leute“, sagt der Mann neben mir. „Du kannst die Türen jetzt schließen.“

Ich befolge seine Anweisungen und beobachte die Männer, die sich auf den frei gewordenen Sitzen niedergelassen haben. Einer ist stehen geblieben und schraubt an einer Stange herum. Neben ihm stehen diverse Koffer und Taschen. 

„Jetzt zündet er gleich die Bombe“, geht es mir durch den Kopf und ich spüre, wie mein Nacken hart wird. Die Angst sitzt immer im Nacken, denke ich, und was mir für ein Unsinn einfällt. Eben waren es noch harmlose Umweltschützer und jetzt sind es Terroristen. Terroristen, die teure Rasierwässer benutzen. 

„Wir fahren zurück.“  Die Stimme des Mannes dringt in meine Gedanken.

„Rückwärts? Das geht nicht. Die nächste Bahn ist gleich hinter uns. Wenn die auffährt, dann….“, sage ich und  weiß nicht, wie ich den Satz beenden soll. 

„Keine Angst, wir haben an alles gedacht. Die Weichen sind gestellt. Und, übrigens, die Verbindung zur Leitstelle ist unterbrochen. Wir sind ungestört.“ Der Mann klingt selbstbewusst. Sein Ton ist rauer geworden, so als  würde das „Wir“ ihm den Rücken stärken. Er begleitet mich durch den Gang bis zum Notleitstand am Ende des Zuges. Von hier aus lasse ich die Bahn in den Tunnel hinter uns rollen. Da ist alles dunkel. Gottseidank. Ich spüre, wie ein eiskalter Schweißtropfen über meine Stirn läuft und sich brennend in meinem rechten Auge ausbreitet. Mit dem Ärmel meiner Uniformjacke wische ich ihn weg. Dann bediene ich mit steifen Händen die Schaltknöpfe. 

„Stopp“, sagt der Mann neben mir. 

Ich tue, was er sagt. Wir gehen gemeinsam zurück, vorbei an den sechs dunklen Gestalten. Im Führerstand drücke ich auf den Startknopf. Fast lautlos gleitet die Linie 3 in den Tunnel. Hier war ich noch nie. Die Schienen, die aus der Dunkelheit auftauchen, scheinen ins Nichts zu führen. Nach einer, mir endlos erscheinenden Zeit, beginnt der junge Mann zu sprechen: „Dir passiert nichts. Wir sind keine Kriminellen. Das, was wir vorhaben, dient einem guten Zweck. Wir schützen die Menschen. Wir verletzen sie nicht.“ Während er spricht, fuchtelt er mit den Händen, wohl um seine Rede zu unterstützen. Dabei bewegt er auch die Pistole von mir weg. Wenn nicht die anderen wären, könnte ich ihn jetzt überwältigen. Ich bin eindeutig kräftiger und besser trainiert als dieser Spargeltarzan. Aber, da ist der Moment auch schon wieder vorbei.

Auf der linken Seite taucht eine Art Behelfshaltestelle auf. „Halt.“ Der Mann neben mir hält mir seine flache Hand entgegen. Er wirkt angespannt. Sein Körper ist jetzt hoch aufgerichtet, mit geradem Rücken und vorgestrecktem Kopf, wie ein Raubvogel, der seine Beute gewittert hat. 

Ich bringe den Zug zum Stehen, fast lautlos und bin, trotz der Situation, in der ich mich befinde, ein wenig stolz, dass ich es mal wieder so sanft und ohne schleifende Bremsgeräusche geschafft habe. „Bist ein gutes Mädchen, Jaqueline“, murmele ich und berühre leicht mit der Hand die Seitenwand. 

Die anderen Männer sind von ihren Sitzen aufgesprungen und beginnen, Koffer, Taschen und Gerätschaften auszupacken. Einer springt herum, von hier nach dort und schraubt Stangen und allerlei anderen technischen Kram zusammen. 

„Du kannst aussteigen und mitkommen. Vielleicht verstehst du dann, warum wir das hier tun.“ Nachdem ich die Türen geöffnet habe, stehe ich langsam auf. Meine Beine sind steif vom langen Sitzen und mir ist leicht schwindlig. 

Der Behelfsbahnsteig ist in ein grelles Licht getaucht. Die Männer stehen abwartend herum. Anscheinend sind sie mit den Vorbereitungen fertig und warten auf Anweisungen oder auf irgendetwas, was hier geschehen soll.

Ich spüre eine Bewegung im Magen. Jetzt bloß nicht kotzen, denke ich, bloß das nicht. Das wäre so wie Schwäche zeigen. Und das geht nicht. Ich muss das doch alles hier durchstehen, darf nicht zusammenbrechen.

Der junge Mann hat die Hand in meine Jacke gekrallt und zieht mich mit sich. „Komm, ich zeige dir was, zeige dir, warum wir hier sind.“ Und dann ruft er seinem Kumpel zu: „Kann ich mal Licht haben?“

Einer der beiden Scheinwerfer ist jetzt genau auf uns beide gerichtet. Es ist so hell, dass ich kaum hinschauen kann. Jetzt wandert der Lichtkegel weiter. Aus zusammengekniffenen Augen nehme ich wahr, dass sich der Raum nach hinten verengt. 

„Komm.“ Der Mann zieht und zerrt an meiner Jacke. Ich stolpere mehr, als dass ich hinter ihm hergehe. Kurz vor dem Eingang zu einem engen und niedrigen Tunnel bleibt er stehen. 

„Geh hinein“, sagt er und gibt mir einen Schubs. Zögernd gehe ich ein paar Schritte vorwärts. Im Licht des Scheinwerfers erkenne ich Haufen von Kleidern, Matratzen und Unrat. 

„Weiter.“ Wieder erhalte ich einen Schubs. Der Gestank nach Urin, Kot, verfaulenden Lebensmitteln und Undefinierbarem, legt sich über meine Schleimhäute. 

Aus dem Augenwinkel nehme ich eine Bewegung wahr. Ohne hinzusehen weiß ich, was es ist, kann es spüren, spüre sie, wie sie mir über die Füße huschen. Ich hasse Ratten, ihre Bewegungen und das unerträgliche Quietschen. Ich will weg hier. Bitte, lass es bald vorbei sein. Ich spüre, dass ich meine Hände gefaltet habe, wie meine Mutter mir sie früher gefaltet hat zum Abendgebet.

Plötzlich bewegt sich direkt vor mir einer der Müllhaufen. Ratten, denke ich, viele, viele Ratten. Trotz des Ekels, der meinen ganzen Körper schüttelt, schaue ich wie gebannt hin. Kann den Blick nicht abwenden. Der Haufen wird immer höher, dann blickt ein blasses, faltenreiches Gesicht aus dem Unrat heraus und mich an, wahrscheinlich genauso erstaunt wie ich. Nach und nach geraten auch in die anderen Haufen in Bewegung. 

„Das sind Menschen, verdammt nochmal, das sind doch Menschen.“ Ich höre meine Stimme, die von den Wänden widerhallt.

„Ja, das sind Menschen. Hunderte, vielleicht sind es sogar mehr als tausend. Wir wissen es nicht. Tunnelmenschen nennen sie sich. Hier ist es wärmer und trockener als auf der Straße und nicht so gefährlich. Einige gehen schon lange nicht mehr nach oben in unsere  Welt. Mumien sagen sie zu ihnen. Sie sind schneeweiß und warten auf den Tod.“ Die Stimme des jungen Mannes ist leise und eindringlich. „Andere arbeiten tagsüber und kommen nur zum Schlafen hierhin.“

„Menschen, das sind doch Menschen“, höre ich mich stammeln, immer wieder, mit einer piepsigen fremden Stimme. 

„Ja“, sagt der junge Mann und legt den Arm um meine Schulter. „Deswegen sind wir hier. Mach die Kamera an, Jonas“, ruft er und führt mich weg aus dem Lichtkegel. 

Zwei der jungen Männer breiten ein Plakat aus: Menschlichkeit für alle, steht darauf. Ein anderer geht mit dem Mikrofon herum und stellt Fragen. Jonas nimmt alles mit der Kamera auf.

Sie geben ihnen eine Stimme und ein Gesicht, denke ich, und fühle so etwas wie Stolz. 

 „Verstehst du jetzt, warum?“ Der junge Mann schaut mich mit seinen grünen Augen an.

„Ja, ich verstehe“, sage ich, „Aber, warum die Entführung und die Pistole?“

„Es muss spektakulär sein. Sie hören uns sonst nicht zu.“ Schon fast vertraut nimmt er meinen Arm und führt mich zurück zur Bahn. Dort drückt er mir die Pistole in die Hand. „Gehört meinem kleinen Sohn.“, sagt er und zwinkert mir zu. 

Ich starte den Motor. Während Jaqueline und ich sanft dem Licht entgegen gleiten, taucht die Welt hinter uns in tiefe Dunkelheit.

Version 2    

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