Von Dagmar Droste

Er saß mit geschlossenen Augen in der zweiten Reihe des Konzertsaales. Ein Platz, den er oftmals einnahm, wenn Nele spielte. Heute Abend hatte sie spielfrei. Er spürte sie neben sich. Ein tiefes Glück erfüllte ihn. Sie hatte ihm Musik nahe gebracht, zu einer Zeit, als er überzeugt war, dass es mit ihm nicht weitergehen würde. Ihre Hände lagen ineinander. Er genoss die Kühle ihrer Haut, den Duft ihres Parfüms, „Aqua di Gioia“. Das frische, blumige Aroma passte zum heutigen italienischen Abend. Entspannt lauschte er den Klängen in Moll. Antonio Vivaldi „Sommer“.

 

Er liebte die Leichtigkeit der Violinenklänge. Ein inneres Tanzen erfasste ihn. Wellenartige Bewegungen durchströmten seinen Körper. Er erspürte in der Musik den Sommer. Die sengende Sonne, die schwülen Nächte, die Sehnsucht nach Kühlung. Im virtuosen Spiel ertönte der Ruf des Kuckucks. Er erahnte den Geruch der reifen Felder, erlebte den Sommerregen auf seiner Haut, das Schwirren der Fliegen und Mücken im flinken Legatospiel der Violinen.  Er konzentrierte sich auf das Aufkommen des Windes, der sich im Wechselspiel mit Grollen und Blitzen in einem Sturm entlud. Die Musik erfüllte seinen Körper.

 

Er richtete sich im Sessel auf und stieß mit dem Knie an Neles. Erregung, die ihn von den Beinen her erfasste, ließ ihn nach Neles Knie tasten, bevor das furiose Crescendo den Schlussakkord einleitete.

 

***

 

Ihr Lieblingsplatz, die Bank am Hafen. Von hier aus hatte sie einen wunderbaren Ausblick auf das Meer. Den Schiffen zuschauen, die sich langsam den Weg durch die Fahrrinne bahnten. Blies der Ostwind, trieb er das Wasser aus dem Watt, das Fahrgastschiff kam nicht weiter, setzte auf und verweilte bis zum Hochwasser auf der Sandbank. Eine Fahrt vom Festland bis zur Insel dauerte schonmal drei bis vier Stunden, obwohl nur durch sechzehn Kilometer getrennt. Sie versank in Erinnerungen …

 

„Wir sitzen fest“, kam die Durchsage des Kapitäns, „wir warten auf auflaufendes Wasser.“

 

Hauptsaison, das Schiff war überfüllt, kein Wunder. Nele war an Deck dem Touristenknäuel entronnen, den Blick auf das Meer gewandt stand sie am Heck. Sie hatte sich spontan entschlossen, ihren Lieblingsort zu besuchen, entsprechend schwierig war es gewesen, auf der kleinen Insel eine Unterkunft zu finden. Für fünf Tage war es ihr gelungen. Sie genoss die sanfte Brise auf ihrer Haut, das Spiel des Windes mit ihrem Haar, das Meer im Schimmer der Sonne. Einige Menschen versuchten in Erfahrung zu bringen, wann es denn weitergehe und wie gefährlich es sei, auf der Sandbank zu verweilen. Entspannt lächelte sie und wandte sich dem Deck zu.

 

Wie ein Blitz durchfuhr es ihren Körper. Entfernt erfasste sie das Kreischen der Möwen, nahm den leichten Wind und die Wärme der Sonne auf ihrer Haut wahr. Was sie spürte, war sein durchdringender Blick. Sekunden wurden zu Minuten.

 

Ohne sie aus den Augen zu lassen, kam er auf sie zu.

 

„Hallo, ich bin Matthias.“

 

„Nele.“ Sie schaute ihn verlegen an. „Bist du in Urlaub hier?“ Eine Frage, die sie sofort bereute. Was sollte er sonst hier tun? Nach einem Einheimischen sah er nicht aus.

 

„Nein, nicht wirklich. Ich bereite mich auf den Segelflugschein vor“, erwiderte er lächelnd.

 

„Oh …“, stotterte sie, „fliegst du in deiner Freizeit?“ Eine blöde Frage schoss es ihr durch den Kopf. Besser sie hielt den Mund.

 

„Nicht in meiner Freizeit. Ich bin Pilot.“ Er schaute sie prüfend an.

 

Sie war verwirrt, sah an ihm vorbei, fand keine Worte.

 

„Nele, was machst du?“

 

„Ich, ich … wohne im Hotel Fresena … für fünf Tage.“

 

Er schmunzelte. „Ich wohne am Flugplatz für zwanzig Tage.“

 

Sie lachten. Das Gespräch stockte. Als läge die Antwort ihrer Sprachlosigkeit in der Weite des Meeres, schauten sie suchend in die Ferne.

 

Der kräftige Motor versuchte, das Schiff wieder auf Kurs zu bringen. Die Menschen drängten sich um den Ausstieg.

 

„Heute Abend, 18.00 Uhr, am Hafen?“, er sah Nele fragend an.

 

„Ja ja … ja gerne“, stammelte sie. Er verschwand in der Menschenmenge.

 

Der Weg zum Hotel war kurz. Im Nebel der Gefühle ergriff sie Beschwingtheit, ein Kribbeln, das ihr Herz erfasste und den Magen zusammenzog. In vier Stunden würde sie ihn wiedersehen.

 

Von Weitem sah sie ihn. Er saß auf der Bank am Hafen, schaute auf das Meer, das sich zurückgezogen hatte. Segelboote lagen trocken. Abendliche Ruhe und Stille! Eine Möwe tänzelte auf dem Deich. Sein dichtes, braunes Haar glänzte im schwindenden Sonnenlicht. Er wirkte entspannt.

 

„Matthias?“, sie näherte sich der Bank.

 

Er sprang auf, legte selbstverständlich den Arm um ihre Schulter. „Schön, dass du da bist.“

 

Fünf Tage und Nächte mit Matthias veränderten Neles Leben. Sie tauchte tief in das Meer der Gefühle, spürte Sehnsucht nach seinen Berührungen. Nächte voller Zärtlichkeit und Begierde, Tage der Unbeschwertheit. Sie saßen auf der Düne, schauten auf das Meer. Salzgeruch erreichte ihre Sinne. Das Dünengras wiegte im leichten Sommerwind. Sie schmiedeten Pläne.

 

Ein Leben auf der Insel. Matthias könnte als Segelfluglehrer arbeiten, sie Sommerkonzerte geben. Träume … Matthias hatte für zwei Jahre einen Vertrag als Pilot in den Staaten und Nele ihr Musikstudium noch nicht abgeschlossen. Sie trennten sich mit dem Versprechen, sich nächstes Jahr zur selben Zeit auf der Insel zu treffen.

 

Sie telefonierten so oft, wie er es vom anderen Ende der Welt ermöglichen konnte. Immer waren es sehnsuchtsvolle Gespräche, die die Hoffnung auf ein Wiedersehen im nächsten Sommer nährten.

 

Unvermittelt brach der Kontakt ab. Nele hörte nichts mehr von Matthias. Ihr Herz konnte es nicht akzeptieren, zentnerschwer fühlte sie es in ihrer Brust. Was war passiert? Nur eine Sommerliebe? Gab es eine andere Frau? Sie versuchte, ihre Fantasie im Zaum zu halten. Gemeinsame Freunde gab es nicht, an die sie sich hätte wenden können.

 

Nele zog es im Jahr darauf auf die Insel. Sie blieb allein. Matthias war nicht erschienen.

 

Was war von ihrem gemeinsamen Traum geblieben? Sie schloss ihr Studium ab und bemühte sich um ein Engagement für die Sommerkonzerte auf der Insel. Ich habe unsere Vorstellungen erfüllt, dachte sie bitter. Und du? Sie konnte ihn nicht vergessen.

 

Nele genoss die warme Abendsonne auf ihrer Bank am Hafen. Der Abend war konzertfrei. Die Schiffe hatten angelegt. Ein faulige Wattgeruch lag in der Luft. Die Unruhe, die sie unvermittelt in sich wahrnahm, zeugte von einer Ahnung. Ein tief gehender Gedanke an Matthias, der ihr Schmerzen bereitete. Sie erfuhr seine Nähe körperlich.

 

Die Sonne hatte sich verabschiedet und der beginnenden Dämmerung Platz gegeben. Das tastende Geräusch eines Stockes hinter der Bank erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie schaute sich um …

 

Eine vertraute Stimme riss sie vom Anblick des weißen Stockes.

 

„Nele?“ Verunsichert stand er vor ihr.

 

„Matthias … du bist spät.“

 

Er lachte leise. Tastete nach ihr. Fuhr mit den Fingern jede Linie ihres Gesichts nach, begriff ihre Gestalt auf eine andere Art.

 

„Mein Liebes. Zu spät?“

 

„Nein, nicht zu spät … Gerade passend!“

 

Eng umschlungen standen sie an ihrer Bank. Die Zeit blieb stehen. Sie waren angekommen.