Von Daniela Seitz

Liebe Piper,

nun sind wir also an diesem Punkt angelangt. Ich habe dich nicht weggeworfen, sondern einfach keine andere Lösung gesehen. Mein Gott, hätte es eine Lösung für uns im Feuer gegeben, ich hätte für uns hineingegriffen.

Vielleicht bin ich gestern emotional geworden. In Wirklichkeit habe ich scheinbar nur das Beste getan, was mir im Moment möglich war. Ja ich hätte mir gewünscht, dass du aus dem Badezimmer rauskommst und mich aufhältst, um wieder für UNS klar zu sehen. Das konntest du immer gut. 

Alle deine Wünsche erfüllen, ist mir scheinbar nicht möglich. Ich dachte nur noch, wann hört das endlich auf. Wann finde ich endlich eine Lösung? Ich scheine für dich immer zu wenig zu sein.

Obwohl ich immer mir die Verantwortung zugeschrieben habe, hast du versucht immer verantwortlich zu sein. Doch für dich hätte es nichts zu tun gegeben, da du gut bist, wie du bist. 

So war es mir nur vergönnt, noch einen letzten Blick von dir am Fenster zu bekommen. Dich nicht zu lieben, geht gerade nicht.

Gordon

PS: Vielleicht gelingt es uns doch irgendwie bei einem Begegnen auf der Straße einfach hallo zu sagen. Respektvoll und dankbar für das was war und hätte sein können.

 

*****

 

„Komm endlich aus dem Badezimmer raus!“, brüllt Gordon, während er mit beiden Fäusten auf die Tür einschlägt.

„Bitte geh“, antwortet Piper unter Tränen und mit ersterbender Stimme.

Sie drückt mit ihrem ganzen Körpergewicht gegen die andere Seite, da das Schloss bei Gordons letztem Wutausbruch zu sehr in Mitleidenschaft gezogen wurde. Warum hatte sie es nicht zwischenzeitlich repariert?

Ihre Hündin Lassie ist bei ihr. Auch sie hat Angst vor Gorden. Sie liegt winselnd in der hintersten Ecke des Badezimmers und scheint es regelrecht zu riechen, wenn sich ein erneuter Wutanfall anbahnt. Piper hat es oft nur rechtzeitig ins Badezimmer geschafft, weil Lassie sich wie ein lebendiges Frühwarnsystem dorthin zurückzog.

„Diesmal schlage ich dir die Tür ein!“, droht Gordon brüllend. Er bekräftigt sein Versprechen mit donnernden Schlägen, die noch in Pipers Körper vibrieren. Lange wird sie die Tür ohne das Schloss nicht halten können.

„Oh bitte..Gordon…bitte…hör auf…bitte“, fleht sie ihn mit erstickter Stimme an.

Panisch sieht sie sich nach ihrem Notfallplan um. Die Schere! Sie liegt im Badezimmerschrank vor dem sich Lassie zu einem Ball zusammengerollt hat. Viel zu weit weg von der Tür. Extra gekauft, extra geschärft, nur um dann völlig außer Reichweite zu sein. Wie dilettantisch!

„Komm da endlich raus!“

Verzweifelt wirft Piper sich gegen die Tür. Warum hatte sie nach seinem Brief nachgegeben? Es war, als hätte er nach dem Brief wieder einen Fuß in der Tür gehabt. 

Eigentlich hatte er sie nach der Trennung regelrecht gestalkt und mit weiteren Nachrichten überhäuft. Doch ihre Mutter fand das romantisch und redete ihr ins Gewissen, wie sie nur so einen gutaussehenden Mann davon laufen lassen könne. Sie werde ja auch nicht jünger!

Ihre neue Freundin, Gordons Ex, machte ihr unmissverständlich klar, dass sie nicht alle Tassen im Schrank habe, wenn Sie vor Gordon Angst hätte. Niemand sei liebenswürdiger, charmanter und rücksichtsvoller.

Also kehrte sie zu ihm zurück, völlig an sich selbst zweifelnd, dank der Menschen in ihrem Umfeld, die von Gordon instrumentalisiert worden waren. Ihr einredeten, dass sie sich alles einbilde und das mit ihr etwas nicht stimme. Doch das hatte sie damals noch nicht erkannt. Wut über diesen emotionalen Missbrauch, nicht nur von Gordon, gibt ihr neue Kraft.

„Verschwinde! Hau ab! Verpiss dich!“, brüllt sie.

„Dich werde ich Respekt lehren“, empört sich Gordon.

„Steck dir deinen Respekt sonst wohin! Geh endlich und komm nie wieder!“, kreischt Piper. Ihre Stimme überschlägt sich.

Lassie stimmt winselnd in Pipers Schrei ein. Sie hat sehr schlechte Erfahrungen mit großen brüllenden Männern gemacht, bevor Piper sie aus dem Tierheim holte. Piper muss die Oberhand behalten. Schon um Lassies willen. 

Ein erneuter Schlag. Die Tür ächzt. Pipers ganzer Körper zittert unter der Anstrengung.  Dann hört Piper einen dumpfen Knall und das Holz direkt neben ihrem Kopf splittert. Keine Zeit nachzudenken! 

Die Schere! 

Piper gibt die Tür auf und dreht sich um. Sie rennt. Nimmt Geräusche gar nicht mehr wahr.

Die Schere!

Ein dumpfer Schlag auf ihrem Kopf. Piper bricht genau vor Lassie und dem Badezimmerschrank zusammen. Sie spürt ihren Körper nicht.

Die Schere!

So nah! Es wird dunkel. Ein Schatten springt über sie hinweg. Ein wütender Schmerzensschrei. Dann ein herzzerreißendes markerschütterndes Gejaule. Lassie!

Die Schere!

Piper kämpft die Dunkelheit nieder. Sie erreicht die Schere. Dreht sich um. Lassie wehrt sich. Gordon dreht ihr den Rücken zu. Seine Hand blutet von Lassis Biss.

„Nicht Lassie! Arschloch!“

Piper fliegt regelrecht auf Gorden zu, der trotz des Warnrufes keine Zeit mehr findet sich umzudrehen. Piper sticht von hinten auf ihn ein. Wieder und wieder und wieder. Voller Adrenalin und völlig von Sinnen. Blut spritzt durch das ganze Badezimmer. Bis Gordon zusammenbricht. In einer Blutlache. Die Schere in seinem Rücken.

Warum hatte sie so spät erkannt, dass Gordon ein verdeckter Narzisst war? Der Dramen um des Dramas willens inszenierte, weil er das Drama braucht. Der toxische Wutanfälle schon bekam, wenn sie nur seine Ordnung im Küchenschrank durcheinander brachte.

Dieses Mal hatte sie sich getrennt. Endgültig. Sie war aufgewacht. Lies sich nicht mehr von den anderen manipulieren oder von Gordon selbst. Vertraute ganz auf Ihr Bauchgefühl, dass sie seit Monaten anschrie: Verlass Gordon!

War der Preis für ihre Freiheit Lassis Leben?

Sie stürzt zu ihrer Hündin, die ebenfalls in einer Blutlache liegt. So nah bei Gordon, dass Piper einfach nicht mehr zuordnen kann, ob das Blut von Lassie oder von Gordon ist. Lassie leckt ihr die Hand und winselt matt.

„Oh nein, nein, nein, nein…NEIN“.

Sanft tastet sie Lassies Körper ab. Rippen sind gebrochen. Unter den Rippen entweicht das Blut aus Lassie. Innere Blutungen?

Sie dreht sich zu Gordon. Ihn muss sie nicht untersuchen um zu wissen, dass er tot ist. Aber sein Hemd lässt sich gut mit der Schere in Streifen schneiden um Lassies Blutung mit einem Verband zu stoppen.

Sie ruft mit ihrem Handy den Notruf an. Kommt der Notarzt auch um Tiere zu retten? Sie streichelt Lassie um sie zu beruhigen und spricht sanft auf sie ein.

„Hallo“

„Piper Langley. 435 Humming Street. New York 163“, ruft sie sobald sie merkt, dass jemand in der Leitung ist. Dann kann sie nicht mehr klar denken.

„Mein Hund stirbt. Retten Sie meinen Hund!“

Blut tropft langsam auf Lassie herunter.

„Was ist denn passiert?“

„Mein Ex …er hat mich angegriffen…mein Hund…“

Piper unterbricht sich. Die Tropfen werden zu einem Strom. Sie packt sich an den Kopf.

„Hallo. Sind sie noch da?“

„Ich blute!“, sagt Piper verwundert, nicht mehr in der Lage auf die Frage zu reagieren.

Erstaunt betrachtet sie ihre Hand, an der nun ihr eigenes frisches Blut klebt. Sie spürt es an ihrer Schulter herunterfließen. Erinnert sich an den Schlag auf den Kopf.

„Am Kopf. Er hat mich am Kopf erwischt“, nuschelt Piper.

Der Hörer wird schwer, Lassie unruhig, die Frau am Telefon sagt irgendwas, doch es ergibt keinen Sinn mehr.

„Sterbe ich?“

Der Hörer fällt Piper aus der Hand. Sie fühlt sich schwerelos. Einbildung? Der Boden kommt näher. Ohnmächtig liegt Piper da. Lassie winselt.

„Hallo… hören Sie…hallo…Hilfe ist unterwegs!“

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