Von Veronika Beckmann

Warm und freundlich scheint die Morgensonne auf die Wohnquartiere der großen Stadt und in den Straßen erwacht das Leben. Menschen machen sich auf den Weg zur Arbeit, Kinder treffen sich vor den Häusern und gehen in kleinen Gruppen zur Schule. 

Im Quartier „Cölln“ verabschiedet sich vor einem Wohnblock Sven Bähr von seiner Frau und seinen Kindern.
„Aber heute Abend spielst du mit mir!“ Der fünfjährige Henry umarmt seinen Vater stürmisch zum Abschied.
„Natürlich, mein Großer“, gibt dieser lachend zur Antwort und wuschelt seinem Sohn kurz mit den Fingern durch die blonden Haare. 

Dann streicht er seiner Frau Mareike über den gewölbten Bauch und seinem Töchterchen Laureen, die ruhig an der Hand der Mutter wartet, über die Wange.
„Und euch, meinen drei Frauen, wünsche ich einen schönen Tag. Passt gut auf euch auf.“
Gerührt schaut er etwas später seiner Familie nach, die sich zu Fuß auf den Weg zum nahe gelegenen Kinderzentrum macht, wendet sich schließlich um und geht in die andere Richtung zur Haltestelle des Elektrobusses.

Auf dem Weg zur Arbeit hängt er lächelnd seinen Gedanken nach. Sie sind eine glückliche Familie, alles passt im Moment wirklich gut. Nachdem der Arzt vor einem halben Jahr Mareikes dritte Schwangerschaft bestätigt hatte, konnten sie in die große Wohnung im Quartier „Cölln“ ziehen, wo sie sich nun alle richtig wohlfühlen.

Schon im Jahr 2020 war bundesweit mit der Neustrukturierung im Wohnungsbau begonnen worden. Jetzt, nur zwei Jahrzehnte später, ist das Ziel erreicht und Menschen mit ähnlichen Bedürfnissen leben zusammen in für sie optimierten Wohnquartieren, die in den Klassen A bis E verfügbar sind.
Junge Menschen ohne Kinder beginnen ihr selbstständiges Leben in E-Quartieren. Nach und nach stehen dann die Wechsel in D, C und B-Quartiere an. Die A-Quartiere bleiben schließlich Menschen vorbehalten, die mit siebzig Jahren aus dem Berufsleben ausgeschieden sind und die folgenden Jahre ohne familiäre und berufliche Verpflichtungen genießen können. 

Sven Bähr würde den Nutzen dieses Konzeptes, wenn er nach seinen Erfahrungen gefragt würde, ohne Zögern bestätigen. Er hatte bis jetzt immer das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu leben, umgeben von Menschen in der gleichen familiären Situation und mit ähnlichen Interessen.
So wie jetzt in der neuen Wohnung im Quartier „Cölln“. Hier leben Familien mit drei oder mehr Kindern, die alles, was sie benötigen, in unmittelbarer Nähe vorfinden. Das Kinderzentrum mit verschiedenen Betreuungsangeboten, das Schulzentrum mit Lernangeboten bis zum Schulabschluss, zahlreiche Sport- und Freizeitangebote für jedes Alter und vor allem Gleichaltrige und Freunde für die Kinder, aber auch für die Eltern.

Fünfzehn Minuten später ist er bei seiner Arbeitsstelle angekommen. Die Kollegen begrüßen sich freundlich mit Handschlag, dann werden die Tourenpläne verteilt.
Der städtische Getränkeservice, für den Sven arbeitet, beliefert kostenfrei alle Haushalte mit Getränken. Bringdienste für andere Lebensmittel haben sich in einer Testphase nicht bewährt, da das Einkaufen im Quartier kaum Mühe bereitet und sich nebenbei immer die Möglichkeit zu einem Gespräch unter Nachbarn bietet.

Bevor er losfährt wirft Sven einen prüfenden Blick auf die Ladung in seinem LKW. Die Ladehelfer haben wieder einen guten Job gemacht. Die abgepackten Flaschen wurden nach Bestimmungsorten sortiert auf der Ladefläche gestapelt.
Eigentlich fahren sie fast nur noch Trinkwasser zu den Haushalten, seit Untersuchungen vor ein paar Jahren ergeben haben, dass das Wasser aus den Leitungen keine gute Qualität hat. Es schmeckt unangenehm, aber zum Baden, Waschen und Putzen kann man es verwenden. Eine Ursache wurde bisher noch nicht gefunden, Gesundheitsschäden nach dem Genuss können jedoch nicht ganz ausgeschlossen werden.
Zunächst überfliegt er die Liste mit der heutigen Strecke, da die Routen häufig wechseln. Dann startet er seinen Wagen.

Als erstes beliefert er das „Dadune“. In dem D-Quartier leben junge Familien mit ein bis zwei Säuglingen oder Kleinkindern.
Ein Vorteil des Trinkwasserproblems ist, dass nun in jedem Quartier ein auf die Bedürfnisse der Bewohner abgestimmtes Wasser ausgegeben werden kann, in D-Quartieren zum Beispiel eines, das für die Säuglingsernährung geeignet ist.

Über die große Umgehungsstraße, die weit um die Wohngebiete herumführt, erreicht er anschließend das „Aurora“. In den A-Quartieren gehört es zum Service, dass das Wasser bis vor die Wohnungstüren gebracht und nicht zentral auf der Etage abgestellt wird. Die Nummern der Wohnungen finden sich auf den Flaschen wieder, so dass die Zuordnung für die Mitarbeiter leicht ist.

Gerade als er in der dritten Etage vor A250-03-05 das Gebinde absetzen will, fällt sein Blick auf das Namensschild neben der Türe.
Reuben Kolnikow steht dort und Sven liest die Aufschrift langsam ein zweites Mal. Der ungewöhnliche Name ist ihm in seiner Schulzeit schon begegnet, denn vor fünfzehn Jahren hieß der Lehrer seiner Abschlussklasse so.
Einen Augenblick zögert er, weil ein Aufenthalt ihn in Schwierigkeiten und seine ganze Tourenplanung durcheinander bringen wird. Dann kann er jedoch seine Neugierde nicht bezwingen und drückt auf den Klingelknopf neben der Tür.

Im Inneren der Wohnung hört er schlurfende Schritte und kurz darauf wird die Türe geöffnet. Sven erkennt seinen Lehrer sofort wieder.
Schon damals war er ihm alt erschienen. Nun steht ein schmaler Mann in gebeugter Haltung vor ihm. Die weißen Haare sind als lange Strähnen von links nach rechts über den fast kahlen Kopf gelegt. Die Haut an Gesicht und Händen wirkt dünn und faltig. Seine Augen hinter der Brille blicken Sven von unten aufmerksam an.

„Ja bitte?“

Sven wird plötzlich klar, dass Reuben Kolnikow in seinem Berufsleben wahrscheinlich hunderte von Schülern unterrichtet hat. An Sven Bähr, an einen von den vielen Durchschnittlichen, wird er sich bestimmt nicht erinnern.

„Guten Tag, Herr Kolnikow.“
Sven lächelt und hält sein Paket etwas in die Höhe.
„Ich bringe Ihnen Ihr Wasser für die nächsten Tage.“

Reuben Kolnikow sieht ihn an und schweigt.

„Vielleicht haben sie schon auf die Lieferung gewartet“, kommt Sven ihm versöhnlich entgegen, obwohl er bis jetzt in seinem Zeitplan war. 

Sein Gegenüber zeigt keine Reaktion.

Irritiert sieht Sven zur Seite und streift mit dem Blick die Etiketten auf den Flaschen.
„Ich habe dieses Mal etwas besonders Gutes für Sie. Sie bekommen heute Wasser der Qualität A+.“
Fröhlich strahlt er den alten Herrn an.

Die Miene des pensionierten Lehrers bleibt unbewegt.

„Haben Sie sich in letzter Zeit manchmal nicht wohl gefühlt?“
Sven merkt, dass Schweiß seinen Nacken hinunter rinnt. Ohne eine Antwort abzuwarten, fährt er nervös fort: „Das A+ hilft da wirklich ganz hervorragend. Die zugesetzten Mineral- und Aufbaustoffe bringen sie ganz schnell wieder auf die Beine.“

Der Alte rührt sich immer noch nicht und sieht Sven unverwandt an.
Der fühlt sich von der Situation zunehmend überfordert. Inzwischen schwitzt er am ganzen Körper und sein Mund ist trocken. Warum sagt der Alte nichts?

Schließlich streckt Reuben Kolnikow langsam die Hand nach den Flaschen aus. Er wirkt müde und irgendwie traurig.
„Ich habe gewusst, dass es so kommen wird, aber dann fällt es einem doch noch schwer“, er lächelt Sven um Entschuldigung bittend an. „Ich bin erst gestern achtzig geworden.“

Sven hofft, dass der Alte ihm endlich das blöde Wasser abnimmt, damit er gehen kann.

„Sie wissen gar nicht, was Sie da tun, stimmt’s?“

„Was tue ich denn?“, fragt Sven gereizt.

„Nicht nur die Schwachen und Kranken in unserem Quartier bekommen dieses Wasser.“
Reuben Kolnikow macht eine kleine Pause und sieht Sven erwartungsvoll an, der nun endgültig genug von diesem Menschen hat.
Ohne den weiteren Worten des alten Herrn noch Aufmerksamkeit zu schenken, stellt er mit einem Ruck das Paket auf dem Boden ab und verlässt eilig das Haus.

Die Türen seines Lieferwagens sind noch offen. Vor ihm stehen die Flaschen, die er nun im Quartier ausliefern wird.
Was war denn mit dem los? So ein verrückter alter Mann! Sven schüttelt den Kopf.
Alles wird hier für die älteren Bewohner getan. Die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung und die medizinische Versorgung sind optimal. Der Alte sollte froh sein, er lebt fast im Paradies.
Das war bei seinem Urgroßvater früher noch anders. Sven erinnert sich gut, wie er als kleiner Junge mit seiner Mutter die knochige, im Bett liegende Gestalt mehrmals besucht hat. Bis der Opa mit fünfundneunzig Jahren starb.

Sven sieht wieder in seinen Wagen und betrachtet die Etiketten der Flaschen. A, A, A+, A+.
Der letzte Satz seines alten Lehrers, nur leise hinter ihm gesprochen, als Sven ihm schon den Rücken zuwandte, klingt plötzlich klar und deutlich in seinen Ohren.
„Alle Menschen über achtzig bekommen es auch, das gute A+.“

Die Erkenntnis trifft ihn wie ein Keulenschlag.

Reuben Kolnikow hat bemerkt, was niemand sehen will. Jetzt liegt die Wahrheit jedoch überdeutlich vor Sven. Es gibt keine Menschen über achtzig mehr, genauso wenig, wie es noch schwache und kranke alte Menschen gibt.

Sven wird schwindelig, auf seiner Stirn bilden sich Schweißtropfen und ein Schauder läuft über seinen Rücken. Vor seinen Augen verschwimmt das Bild. Die senkrechten Balken der Pluszeichen ziehen sich nach unten in die Länge.
A, A, A, die Buchstaben auf den Etiketten tanzen einen unheimlichen Tanz.

Entsetzen packt ihn und nimmt ihm die Luft zum Atmen.
Fassungslos wendet er den Blick von den Flaschen im Laderaum ab und schaut auf seine zitternden Hände. In seinem Kopf kreist eine Frage aus dem Gespräch mit dem alten Mann. Er hört seine eigene Stimme wieder und wieder.

Was tue ich denn? Was tue ich …?