Von Roger A. Freiburghaus

Ein lauwarmer Föhnwind wehte durchs morgenschlafende Linschwil, als Wachtmeister Bärder keuchend die Steinstufen zum Bureau hochstapfte. Er zog den rasselnden Schlüsselbund aus der Hosentasche und öffnete damit die schwere Eingangstür. Im Dunklen tappte er seinem Schreibtisch entgegen, wo er in gewohnter Manier mit seinen klobigen Händen die Petrollampe anzündete und, ohne den hochgekrempelten Mantel auszuziehen, sich in den für seinen massigen Körper viel zu kleinen Stuhl fallen liess. Er betrachtete im fahlen Schein der Lampe das blankpolierte schwarze Telephon. Frühmorgens schwieg es noch, aber er ahnte, dass sich bald einer dieser Dorftölpel melden würden.

Bärder beugte sich über den Schreibtisch, riss den Kalenderzettel des Sonntags ab und las den Spruch, der für den heutigen 16. April besagte: „Wer Unkraut nur ein Jahr lässt stehen, kann sieben Jahre jäten gehen.“ Er hasste jäten. Und er ärgerte sich über Linschwil, da hatte es viel zu viel Unkraut.

Vor knapp neun Monaten wurde er in dieses jämmerliche Bauerndorf versetzt, weil er sich die Finger verbrannt hatte, an dieser Bankaffäre. Nun musste er sich, zum gewöhnlichen Landjäger degradiert, mit Vaganten, Panschern und Streckern in diesem Kaff abgeben, obwohl er doch hochgeachteter Kommissär der Berner Kriminalpolizei war. Noch ein paar Jahre hatte er hier bis zur Pensionierung abzusitzen und sich um das Unkraut von Linschwil zu kümmern. Falls er nicht doch vorher das Zeitliche segnen würde, denn diese verfluchten Magenschmerzen waren höllisch und die Operation im Salem-Spital erst in drei Tagen. Geschlafen hatte er in den letzten Wochen kaum mehr. Er legte den Hut auf den Tisch ab und steckte umständlich einen Rössli-Stumpen an.

 

Die Tür wurde aufgerissen. Wie ein Gaul schnaufend betrat Remunz das Bureau des Wachtmeisters. Als Korporal war Remunz längst nutzlos, weil er seit Jahren mehr Zeit im Gasthof Bären verbrachte als im Polizeibureau. „Hans-Jakob, du musst kommen, mit dem Bäcker stimmt etwas nicht“, rief der Remunz, schwer atmend. Seine ungewaschene Uniform roch noch nach Wermut. „Dem Bärenwirt muss ich wohl auch mal die Postordnung lesen“, dachte sich der Wachtmeister, „schenkt der dem Remunz schon zum Morgenessen Absinth seiner Schwarzbrennerei aus.“

 

Gemeinsam tappten sie träge über die staubige Strasse zur Bäckerei Züpfer. Langsam waren sie beide; der eine, weil ihm der Kopf schmerzte, der andere, weil ihm der Magen schmerzte. Erstaunt fragte Remunz nun: „Wachtmeister, ist dir nicht warm in dem Mantel, es ist doch föhnig?“ Mit seinen stechend grauen Augen schaute der Wachtmeister strafend auf den Korporal herab: „Hätte ich bereits zum Zmorge so viel gesoffen wie du, wäre mir auch warm.“

 

Schweigend erreichten sie die Bäckerei, drei tratschende Dorfweiber gafften ins dunkle Schaufenster mit den verblichenen Vorhängen und Bärder ärgerte sich über deren lautes Geschnatter. Das Geschäft schien leer zu sein. „Wegtreten!“, befahl der Wachtmeister und versetze der Tür einen Tritt, der sie widerstandslos aufbrach. Im Stechschritt peilte er die Backstube an, der Korporal taumelte hinterher und rammte prompt in den Bärder, als dieser unerwartet auf der Türschwelle stehenblieb.

An einem Dachbalken befestigt war ein Kalberseili und daran hing der Züpfer Erwin, der Dorfbeck, die Hose eingenässt. „Dieser Narr hat sich aufgehängt. Bloss ein paar Stunden her. Selbstmord offensichtlich“, analysierte der Wachtmeister glasklar. „Wie ist er da hochgekommen? Ich sehe kein Taburettli, von dem er hätte runterspringen können“, fragte der Korporal kritisch und rieb sich die Augen. „Vermutlich ein Mehlsack, Remunz. Schneide das Seili durch, lege ihn auf den Boden und warte hier. Ich rufe vom Bureau den Doktor an. Mit dem Züpfer ist’s aus.“

Remunz, vom Schrecken ausgenüchtert, schleppte einen Mehlsack zum Züpfer Erwin, der da stumm von der Decke baumelte, das Gesicht weisser als seine Bäckerschürze und mit halb herausgestreckter Zunge und seinen weit geöffneten glasig-blauen Augen fragend auf die beiden herunter starrte. Es erschauderte Remunz, als er mit seinem Sackmesser das Seil durchschnitt und der bullige Körper mit einem dumpfen Bums auf dem Boden aufprallte. „Warum tat er das bloss?“, fragte der Korporal halblaut. Der Wachtmeister kratzte sich am Kopf, zog den Mantelkragen zurecht und steckte umständlich einen Rössli-Stumpen an: „Ich habe ihn zuletzt gestern Abend beim Bären gesehen, als ich überprüfte, ob der Wirt die Polizeistunde einhält. Vor der Beiz hat der Züpfer einen Mordskrach veranstaltet, weil ihm die Meute vorgeworfen hat, dass er das Brot mit Härdöpfel strecke. Vermutet habe ich das schon lange. Er ging wohl danach in die Backstube, schwermütig über seinen kaputten Ruf und hängte sich auf.“ Remunz nickte.

Währenddessen sich der Wachtmeister durch die Ladentür auf den Weg zurück ins Bureau machte, setze sich der Korporal auf einen Mehlsack, nun auf den Doktor wartend und betrachtete still den leblosen Körper des Dorfbäckers, der ihn immer noch verzweifelt mit rausgestreckter Zunge anglotzte. Remunz entdeckte an der liegenden Leiche die blutigen und abgebrochenen Fingernägel, und malte sich aus, wie der Erwin vermutlich in letzter Sekunde es sich noch anders überlegte, sich vom Seili um den Hals befreien wollte und dabei die Finger blutig kratzte.

 

Auf dem Rückweg hatte der Wachtmeister wieder einen Magen-Krampfanfall. Am Strassenbord erblickte er eine Staude Bärlauch, riss sich ein paar Blätter ab und kaute sie, seine alte Mutter hatte ihm das gegen Magenschmerzen empfohlen.

 

Im Bureau angekommen, setze sich Bärder, nachdem er routinemässig den Hut auf dem Schreibtisch ablegte, gleich an die Schreibmaschine und tippte energisch in Grossbuchstaben den Polizeirapport: ZUEPFER ERWIN SELBSTMORD.

Durch die warme Morgensonne, die nun durch die Fenster ins Bureau des Wachtmeisters schien, begann Bärder zu schwitzen. Er schloss die Tür ab, trat zum Rasierspiegel, schlug vorsichtig den Mantelkragen zur Seite und betrachtete sich, sachte mit seinen Pranken die tiefen Kratzwunden am Hals abtastend. Er schlüpfte aus dem Mantel, hängte ihn über die Stuhllehne und setzte sich wieder hin.

Umständlich steckte er einen Rössli-Stumpen an. Die wattigen Rauchschwaden verteilten sich gemächlich im Bureau, fröhlich erleuchtet durch die Sonnenstrahlen. Der Wachtmeister warf einen Blick auf den Kalenderspruch: „Wer Unkraut nur ein Jahr lässt stehen, kann sieben Jahre jäten gehen.“ Er hasste jäten. Und er ärgerte sich über den Züpfer Erwin, der ihm heute morgen um halb sechs das Gurgeli zerkratze, als sich Bärder doch bloss um die Unkrautvertilgung in Linschwil kümmerte, um Recht und Ordnung wiederherzustellen.

Der Wachtmeister legte den Stumpen auf dem Aschenbecher ab, schüttelte ungläubig den Kopf und hackte mit den Zeigefingern den Rapport in die Schreibmaschine.

 

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