Von Hans-Günter Falter

Runter von der Straße, rein in die Cafés, davon träume ich seit ich 12 bin und als Musiker mein Geld verdiene.
Dabei liebe ich die Pariser Straßen, und die Plätze, die so voller Leben sind. Ich bin süchtig danach Musik zu machen, vor der Metrostation, auf dem Boulevard. Hier habe ich mein Stammpublikum und unzählige Gelegenheitszuhörer.
Meine Seele wohnt in der Musik, wird ständig leidenschaftlich inspiriert und von immer neuen Harmonien angefeuert, wie ein Athlet zu immer phantastischeren Höchstleistungen getrieben. Und mein Portemonnaie füllt es auch, wenn auch nur bescheiden. 

Damals, zusammen mit Guérino, fing es an. Wir waren ein gutes Gespann, er spielte Akkordeon, ich Gitarre. Uns gehörte Paris. Ach was, uns gehörte die ganze Welt.   

Jeden Tag zieht es mich wieder hinaus, raus aus unserer Wohnwagensiedlung am Rande der Stadt, rein in den Trubel dieser pulsierenden Metropole. Schon auf dem Weg erfasst mich das Verlangen, nimmt mich gefangen. Wie ein Melodiebogen aus sphärischen Arpeggien, zieht es mich durch die Straßen, führt mich atemlos, bis ich plötzlich vor dem Eingang zur Metro stehe und gar nicht genau sagen könnte, wie ich dahin gekommen bin.
Die Sehnsucht nach den Verkäufern auf dem Markt treibt mich an, die laut schreiend Kohlköpfe und Karotten, Fisch und Schweinebacken, Pâtes und Croissants anpreisen; nach den Cafés und dem Geruch von Gauloises und Café au lait, nach Pastis und nach Baguette, und nach dem Parfüm der schönen Mademoiselles. Auch wenn die mich kaum beachten, solange ich nicht spiele. Solange ich sie nicht verzaubern kann.

Manchmal fühle ich mich wieder wie der kleine 12-jährige Sinti, der schüchtern auf dem Trottoir steht und seine Musik spielt, dabei bin ich jetzt ein 18-jähriger Manouche, der heute am 2. November 1928, seinen Lebensweg ganz klar vor Augen hat.

Jek, dui, trin, star, los geht das nächste Stück. Der Bass hängt heute wieder unsäglich hinterher. Er verschleppt das Tempo und nervt. Aber Pierre, den Bassisten, werde ich noch die paar Tage ertragen, heute fällt es mir auch nicht ganz so schwer, heute spiele ich für mich und denke nur noch an die Zukunft. Ich werde ihn nach dem Auftritt nicht mal böse anschauen, heute nicht. Heute ist mir alles egal. Heute bin ich glücklich wie noch nie.

*

Am Nachmittag war ich mit Monsieur André im Bistro an der Rue de Vaugirard. Wir sprachen über das feste Engagement in seiner Kapelle und er hat mir einen Vertrag angeboten. Die Konditionen sind sehr gut, natürlich, er weiß, dass er so schnell keinen versierteren Gitarristen wie mich finden wird.

Ein festes Einkommen, endlich nicht mehr nur hier ein Auftritt, da ein Auftritt für ein paar Francs. Nicht mehr immer auf der Suche nach einer zweitklassigen Rhythmusgruppe, die gerade Zeit hat; nicht mehr mit miserablen Musikern auftreten, die so ungenau spielen. Das ist schlecht für mein Renommée, weil die Zuhörer merken, dass das Timing nicht stimmt, aber sie können nicht erkennen, wer von den Musikern falsch ist. Das schlägt leicht auf mich zurück. Ende damit. Profi sein, mit anderen Profis spielen, da will ich hin.
Bella wird begeistert sein. 

André und ich, wir saßen im Bistro und tranken Rotwein. Ich kam mir so groß vor, so groß wie der Eiffelturm, der vor uns emporragte. Nein, ich fühlte mich noch viel größer. 

*

Das wird der Einstieg in etwas ganz Besonderes, das spüre ich bei jedem Ton den ich jetzt spiele. Heute Paris, morgen die ganze Welt.
Meine Zeit hier mit den Gelegenheitsjobs ist abgelaufen, nicht nur wegen Pierre, der müsste sonst als Nächster gehen. Aber jetzt gehe ich. 

Schluss für heute. Ich nehme meine Gitarre, lege sie sorgsam in den mit rotem Satin ausgeschlagenen Koffer, den ich vor ein paar Monaten in einem Trödelladen erstanden habe, klappe den Deckel zu und lasse die beiden Schlösser einschnappen. Von den anderen verabschiede ich mich heute ganz kurz. Nein, keinen Wein mehr und auch keine Zigarette zum Abschied. Ich will nach Hause zu Bella, ihr alles berichten, so schnell wie möglich.

Schon in der Metro, auf dem Heimweg zur Porte de Choisy im 13. Arrondissement, spüre ich ihr Flair, obwohl sie noch gar nicht in meiner Nähe ist. Bella, meine Schöne. Ihre weiche Haut vermisse ich so sehr, wenn ich den Tag über unterwegs bin, und ihre rauchige tiefe Stimme. Ab und zu, an manchen Tagen, sehen wir uns in der Stadt, verabreden uns auf dem Markt auf dem sie ihre Blumen verkauft. Die Blumen aus Zelluloid, die sie jeden Abend bei Kerzenschein in unserem Wohnwagen behutsam anfertigt. Ich liebe es ihr dabei zuzusehen, wenn sie mit großer Geschicklichkeit diese bunten Blumen gestaltet. Sie lässt ihre Finger so virtuos wie effektiv über das Material gleiten. Ich stelle mir vor, wie es klingen würde, wenn diese Blumen ein Instrument wären.

In kurzer Zeit hat Bella einen ganzen Korb von diesen Kunstwerken produziert, eines liebevoller als das andere, erschaffen durch ihre Phantasie. Phantasie, die einzige Wirklichkeit, die ich akzeptiere.
Wir leben von der Geschicklichkeit unserer Hände, die unsere Illusionen umsetzen. Die Blumen gestaltet Bella schon seit ihrer Kinderzeit, sie hat die Technik in ihrer Familie gelernt, und bald werden wir auch eine Familie sein, Bella ist schwanger. Und ich bin glücklich.

Von Andrés Angebot ist Bella genauso begeistert wie ich. Sie will eine Flasche Rotwein holen, um darauf anzustoßen.
Da passiert es. Es geht alles so rasend schnell. Ich kann es kaum beschreiben. Bella stößt mit dem Ellbogen gegen die Kerze, die auf dem Tisch steht und den Wohnwagen spärlich beleuchtet. Die Kerze fällt und entzündet den Korb mit Bellas Zelluloid-Blumen. Das Zelluloid ist hochentzündlich, es gibt eine Stichflamme, der ganze Wagen steht sofort in Flammen. Wir stürzen beide hinaus, Bella ist direkt vor mir, ich versuche sie vor den Flammen zu schützen, sie und unser ungeborenes Kind. Meine Kleider fangen Feuer und ich falle auf den Boden vor dem Wohnwagen. An mehr kann ich mich nicht erinnern.

Im Krankenhaus erwache ich. Das Schlimmste sind die Schmerzen in meinem rechten Bein. Meine linke Hand ist in einen dicken Verband gehüllt, ich kann sie nicht spüren. Ich versuche mich aufzurichten, aber mein ganzer Körper schreit vor Schmerz. Eine Krankenschwester kommt in das Zimmer.
„Madmoiselle, wie geht es Bella? Und wie geht es unserem Kind?“, frage ich sie und ich erschrecke dabei über meine seltsam klingende schwache Stimme.
„Ils vont bien, es geht ihnen gut. Ich hole ihre Frau, sie ist draußen auf dem Flur.“
„Bella, geht es dir wirklich gut?“
„Qui, mon cher, ich bin unverletzt und auch mit dem Kind ist alles in Ordnung, aber du hast sehr schwere Verbrennungen“, sagt Bella.
„Ich habe starke Schmerzen im rechten Bein.“
Bella bleibt stumm, ihre Augen werden glasig.
„Bella, was ist? Sag doch, was ist mit dem Bein?“
„Die Ärzte sagen es kann sein, dass sie es amputieren müssen, aber ….“ Bella macht eine Pause und schaut ernst auf den Boden und dann in meine Augen. „Aber deine linke Hand ist so stark verbrannt, du wirst nie wieder Gitarre spielen können.“
Mon Dieu. Ich bin am Boden zerstört. 

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In den nächsten Monaten komme ich wieder zu Kräften. Die Ärzte sind erstaunt, dass ich mich so schnell erhole. Das Bein muss nicht amputiert werden, auch die Verbrennungen an meinem Körper heilen einigermassen unproblematisch. Aber meine Hand? Meine Greifhand zum Gitarre spielen? Nur Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger kann ich bewegen. Die Sehnen des Ringfingers und des kleinen Fingers sind durch das Feuer verkürzt und verkrüppelt.
Ich spüre, wie sich mein Traum, der immer so klar vor meinen Augen stand, in Wolken hüllt. Aber ich habe ihn noch nicht verloren, will immer noch meine Musik machen, durch die Welt ziehen damit. Aber ich sehe auch die Realität, ich bin ein Gitarrist, der die Saiten nicht mehr greifen kann; wie ein Singvogel ohne Stimme, eine Trommel ohne Trommelfell.
Soll ich ein anderes Instrument lernen? Schlagzeug vielleicht? Aber es sind doch die Melodiebögen und die Harmonien mit ihren Rhythmen, die ich im Kopf habe und die hinaus müssen, raus in die Welt. Ich brauche die Gitarre dafür.

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Bella brachte mir meine Gitarre ins Krankenhaus, es war das Letzte was sie für mich tat. Kurz nach der Geburt von Lousson, unserem Sohn, trennten wir uns. Sie sagte ich sei ein Phantast, sollte der Realität ins Auge sehen und nicht von einer Musik träumen, die ich nie wieder würde machen können.

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Bella sollte sich irren. Meine Vision war stärker als mein Handicap und meine Musik hat mit ihrer Virtuosität schließlich die gesamte Musikwelt beeindruckt.

Ich habe für mich eine völlig eigene Gitarrentechnik kreiert. Nur mit zwei Fingern gespielt, eine eigene Jazz-Gattung begründet, übrigens die einzige, die nicht aus Amerika stammt. Meine Musik, meine Melodiebögen, meine Phrasierungen, mein Ton wurden stilbildend für Jazz, Rock und Pop-Gitarristen.  

Und ja, ich habe die Melodien, die in meinem Kopf waren, hinaus in die Welt getragen und damit unsere Musik aus der verstaubten, folkloristischen Ecke geholt und sie dahin gebracht, wo sie hingehört; ins Licht dieser Welt. Für mein Volk bin ich die Galionsfigur, das große Vorbild, fast ein Heiliger.
Für alle anderen bleibe ich der begnadete Musiker mit der großen, unaufhaltsamen Vision.