Von Andreas Schröter

Zu den seltsamsten Dingen, die sich im vorigen Jahr bei uns im Dorf abgespielt haben, gehört sicherlich das kurze Gastspiel von Pfarrer Smirnov in St. Maria Königin. Ich habe einige Interviews geführt, um etwas Licht ins Dunkel zu bringen.

Bernhard Kohl, Küster in St. Maria Königin: Ich kann nicht viel zu Pfarrer Smirnov sagen. Ich war in den sechs Wochen, in denen er bei uns war, ja meist krank. Naja, ich bin eben nicht mehr der Jüngste. Irgendwann fängt es an mit den Gebrechen. Es ist schade, dass ich ihn nicht besser kennenlernen durfte.

Heinz Träger, ehemaliger Pfarrer in St. Maria Königin: Ich merkte gleich, dass Pfarrer Smirnov versuchte, sich mit mir gut zu stellen. „Wir werden das schon gemeinsam schaukeln, nicht wahr?“, sagte er immer wieder und berührte mich dabei kumpelhaft an der Schulter. Eigentlich hatte ich nicht vor, künftig etwas zu schaukeln. Schließlich war ich in den Ruhestand eingetreten, und er sollte meine bisherigen Aufgaben übernehmen. Aber als er mich dann fragte, ob ich wenigstens die Beerdigungen für eine Weile übernehmen könne, bis er sich eingearbeitet habe, habe ich auch nicht „Nein“ gesagt. Erstens fühlte ich mich geehrt, zweitens hatte ich so das Gefühl, wenigstens noch nicht komplett zum alten Eisen zu gehören. Ich habe das dann bis zu seinem Weggang weitergemacht. Erst als Pfarrer Smirnovs Nachfolger kam, hat das aufgehört.

Udo Dombrowski, im Erzbistum zuständig für Personalangelegenheiten: Es ist nicht so, dass wir uns aussuchen könnten, wen wir in eine Dorfgemeinde schicken, deren bisheriger Pfarrer in den Ruhestand geht. So viele Bewerber gibt es heute nicht mehr. Aber gegen Pfarrer Smirnov sprach nichts. Er war wohl früher irgendwo in Osteuropa tätig gewesen, beherrschte unsere Sprache aber gut genug. Er legte mir eine Reihe von Schreiben vor, die angeblich über seine früheren Beschäftigungen Auskunft gaben. Weil sie aber in einer osteuropäischen Sprache verfasst waren, konnte ich sie nicht verstehen. Offen gestanden war ich froh, überhaupt jemanden gefunden zu haben, der Pfarrer Heinz Träger nachfolgen wollte.

Eva Neuhofer, Hausangestellte in St. Maria Königin: Na, man kann doch jeden jungen Mann voll und ganz verstehen, der bei uns Pfarrer werden möchte. Wer hat denn schon eine so schöne Kirche wie wir?! Sie stammt aus dem 14. Jahrhundert und hat meterdicke Mauern. Und weil die wenigen Fenster im oberen Teil längst vergilbt sind, fällt auch im Sommer nur wenig Tageslicht ins Innere. Also ich fühle mich da gleich geborgen und von der Außenwelt gut abgeschirmt und fast beschützt.

Tobias Mehler, Messdiener in St. Maria Königin: Bei Pfarrer Träger musste ich vor jeder Messfeier die Messgewänder weihen, indem ich sie mit Weihwasser besprenkelte. Ich weiß nicht, ob das in allen Gemeinden üblich ist. Mein Onkel meinte, das sei Quatsch, solche Gewänder würden nur einmal geweiht – wenn sie neu angeschafft werden. Naja, Pfarrer Träger war eben schon ein bisschen älter. Aber weil sich das bei mir so eingeschliffen hatte, besprenkelte ich auch Pfarrer Smirnovs Gewänder – um mir gleich am ersten Tag den ersten Anschiss von ihm einzufangen. Was das denn solle? Er könne im Gottesdienst doch kein klatschnasses Gewand anziehen. Klatschnass war natürlich die Übertreibung des Jahrhunderts. Nicht mal leicht feucht war das Gewand. Ich fand das komisch und überlegte, mit dem Messdiener-Dienst aufzuhören. Aber da hätten meine Eltern etwas dagegen gehabt und mir vielleicht das Taschengeld gekürzt. Die sind erzkatholisch und nerven nur.

Annegret Mehler, Gemeindemitglied: Ich gehe alle zwei Wochen zur Beichte. Meist habe ich aber so viel zu tun, dass ich in den Beichtzeiten, die ungünstig für mich liegen, die Letzte bin und hinter mir niemand mehr wartet. Seltsam fand ich, dass Pfarrer Smirnov mich nach meinen familiären Beziehungen ausgehorcht hat. Ob ich alleinstehend sei. Auch hatte ich manchmal das Gefühl, dass er den Kirchenraum absuchte, ob sich dort noch weitere Gemeindemitglieder aufhielten. Als dann tatsächlich noch die alte Frau Wessling kam und offenbar ebenfalls noch eine Beichte abgenommen haben wollte, änderte sich sein Verhalten. Er murmelte ein: „Deine Sünden sind dir vergeben, bete fünf Rosenkränze“, und das war’s. Vielleicht liegt das daran, dass mein Sohn Tobias als Messdiener so gute Arbeit leistet, dachte ich noch. Da werden einem vielleicht die Sünden schneller vergeben.

Eva Neuhofer, Hausangestellte in St. Maria Königin: Ich bin ja auch für die Pfarrerswohnung zuständig, die direkt an die Kirche grenzt und durch einen schmalen Durchgang von dort aus zu erreichen ist. Gewundert hat mich, dass Pfarrer Schmirovs Bett immer aufs Säuberlichste gemacht war. Pfarrer Trägers Bett war jeden Morgen durchwühlt gewesen, wenn ich kam. Ich hielt seinen Nachfolger zunächst für ausgesprochen ordentlich und war froh darüber, denn es bedeutete für mich weniger Arbeit. Irgendwann wunderte mich das dann aber doch und ich machte mit der Handkante einen kleinen Kniff ins Kopfkissen. Am nächsten Tag sah dieser Kniff noch genauso aus. Wo hatte Pfarrer Smirnov geschlafen? Hatte er etwa eine Geliebte im Dorf?

Tobias Mehler, Messdiener in St. Maria Königin: Ich glaube nicht, dass Pfarrer Smirnov wusste, dass ich da war, als ich einmal beobachtete, wie er sich für die Messfeier vorbereitete. Er ließ das Gewand, das ich einmal zu seinem Ärger geweiht hatte, links liegen, holte aus einer Truhe ein weitaus weniger prunkvolles Stück und zog es an. Als er das Kollar, den priesterlichen Kragen, anlegte, grinste er vor sich hin. Es war kein freundliches Grinsen, das kann ich sagen, und ich machte, dass ich wegkam.

Eva Neuhofer, Hausangestellte in St. Maria Königin: Einmal kam uns Pfarrer Meinolf Lücking aus der Nachbargemeinde besuchen, um seinen neuen Kollegen kennenzulernen. Es war herrliches Wetter und ich bat ihn, unter dem Sonnenschirm im Pfarrgarten Platz zu nehmen. Ich wollte Pfarrer Smirnov holen. Doch der weigerte sich beharrlich, mir in den Garten zu folgen. Ich möge Pfarrer Lücking doch bitte in die Kirche holen. Er habe Kopfschmerzen und befürchte, dass die im Sonnenlicht schlimmer würden.

Dieter Basting, Pfarrgemeinderats-Vorsitzender: Ich will Ihnen ganz ehrlich sagen, was ich an Pfarrer Smirnov nicht in Ordnung fand: dass er den Leib Christi während der Messer nicht selbst an die Gemeindemitglieder austeilte. Ich finde, das ist einfach Pfarrers-Aufgabe. Er ließ das unseren Tobias machen. Smirnov behauptete, er habe einen Ausschlag an den Händen und könne das den Gemeindemitgliedern nicht zumuten. Ich habe nie irgendwelchen Ausschlag bei ihm gesehen. Außerdem hätte er ja Handschuhe anziehen können. Das gibt’s doch nirgendwo, dass Messdiener das tun.

Jochen Meininghaus, Kriminalkomissar: Dass zuvor schon einmal eine alte Frau – Liese Wessling – im Beichtstuhl gestorben war, hatten wir gar nicht mitgekriegt. Was soll dabei auch die Polizei, wenn eine 91-Jährige dort das Zeitliche segnet? Eigentlich ist das doch sogar für tief Gläubige ein schöner Tod, direkt nach abgenommener Beichte über den Jordan zu gehen, oder? Oh, entschuldigen Sie meine Wortwahl, das war nicht angemessen. Aber als das dann exakt zwei Wochen später mit Rosemarie Zoller (89) erneut passierte, mussten wir uns dann doch dafür interessieren. Pfarrer Smirnov konnte nicht weiterhelfen. Er sagte, er habe beiden Frauen die Beichte abgenommen und dann, weil keine anderen Gemeindemitglieder mehr warteten, den Beichtstuhl verlassen. Dabei habe er nicht auf die alten Damen geachtet. Er habe angenommen, dass sie noch ein wenig beten wollten, und habe sie gern gelassen.

Eva Neuhofer, Hausangestellte in St. Maria Königin: Der Tod der beiden alten Damen im Beichtstuhl war das Schrecklichste, was ich in meiner gesamten Tätigkeit für die Gemeinde erlebt habe. Ich war tagelang mit den Nerven vollkommen runter und hätte mich so gern mit Bernhard Kohl, unserem Küster, ausgetauscht, aber der war ja in letzter Zeit ständig krank. Pfarrer Smirnov schien das alles nicht weiter zu tangieren. Ehrlich gesagt: Von einem Pfarrer hätte ich mir deutlich mehr Anteilnahme gewünscht. Im Gegenteil: Er schien sogar belebter als in den Tagen zuvor.

Jochen Meininghaus, Kriminalkomissar: Nach der dritten Beichtstuhltoten, Marie Schuster (75), eskalierte die Sache natürlich entsprechend. Wir waren bisher immer davon ausgegangen, dass die Seniorinnen an akutem Herzversagen gestorben waren, aber nun ließen wir eine Obduktion durchführen, und dabei erlebten wir eine Überraschung. Marie Schuster hatte keinen einzigen Tropfen Blut mehr im Körper. Wir exhumierten natürlich sofort die beiden anderen Toten, und siehe da, auch sie waren völlig blutleer. Pfarrer Smirnov war nicht aufzufinden, und dabei ist es ja bis heute geblieben, wie Sie wissen – trotz der Fahndung, die ich sofort herausgegeben habe. Nächsten Monat sind wir bei „Aktenzeichen XY … ungelöst“ im Fernsehen. Vielleicht bringt das ja etwas.

Eva Neuhofer, Hausangestellte in St. Maria Königin: Ich weiß nicht, wie genau Sie unsere wunderschöne Kirche schon kennen. Sie hat auch eine Krypta, die sieben Meter unter der Erde liegt. Da gehe ich nicht gerne hin. Da ist es ja eher ein bisschen gruselig. Und ganz anders wird mir, wenn ich darüber nachdenke, dass dort am Tag nach Pfarrer Smirnovs Verschwinden ein mit rotem Samt ausgeschlagener offenen Sarg gefunden wurde. Ich weiß bis heute nicht, wie der dort hingekommen ist. Ich denke immer noch viel über die Zeit mit Pfarrer Smirnov nach – zum Beispiel auch darüber, dass er Pfarrer Träger die Beerdigungen hat machen lassen. Ob das ebenfalls mit seiner Lichtempfindlichkeit zu tun hatte? Der arme Mann. Das ist doch nichts, wenn man nicht mal in die Sonne gehen kann. Apropos Sonne: Auch Bernhard Kohl mag in letzter Zeit die Sonne nicht mehr so gerne. Ob Pfarrer Smirnovs Krankheit ansteckend war? Letztens habe ich Bernhard abends bei Dunkelheit auf der Bank vor der Kirche gesehen. Als ich zu ihm trat, sagte er ganz versonnen, was früher nie seine Art war: „Sind das Licht des Mondes und die Geräusche der Nacht nicht einfach ganz wunderbar? Weißt du was, Eva? Pfarrer Smirnov fehlt mir.“