Von Anne Moog

„Haben Sie Vorurteile, verwenden Sie Stereotype?“ Mit dieser provokanten Frage eröffne ich das heutige Uniseminar und schaue dabei aufmerksam in die Runde der Erstsemester, die jetzt irritiert und etwas verunsichert wirken. „Natürlich haben Sie die. Ob Sie wollen oder nicht. Aber seien Sie beruhigt. Es geht gar nicht anders. Warum? Weil jeden Tag eine solche Flut an Informationen auf uns Menschen einströmt, aber unser Gehirn nur eine begrenzte Kapazität hat, diese ganzen Reize aufzunehmen. Es muss daher die Informationen anhand von sogenannten Denkschablonen filtern. Die Aufmerksamkeit wird somit selektiv. Dessen sollten Sie sich bewusst sein. Kritisch wird diese Selektion nur, wenn sie diskriminierend wirkt.“ Ich mache eine längere Redepause und lasse das Gesagte auf die Studenten wirken.  

„Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen … Meine Mutter hatte schon immer einen „grünen Daumen“. Alle Pflanzen blühen bei ihr, wachsen und gedeihen. Nur eine Pflanzenart fällt nicht darunter, die Orchideen. So schön meine Mutter sie auch findet, ihr gelingt es nicht, diese Blumen dauerhaft zu halten. So zumindest ihre eigene Meinung, die sie mir auch schon in Kindheitstagen darlegte. Die klassischen Aussagen meiner Mutter waren: ´Ich finde sie zwar wunderschön, aber bei mir werden die nichts´ oder ´Ich weiß nicht, wie ich mit denen umgehen soll´. Es war daher irgendwie ganz klar, dass wir zu Hause keine Orchideen hatten. Als ich meine erste eigene Wohnung bezog, hatte ich diese Einstellung längst verinnerlicht und auch hier war es wie selbstverständlich, dass auch auf meinen Fensterbänken keine Orchideen standen. Was denken Sie, warum?“ 

Eine Studentin meldet sich. „Weil Sie diese Einstellung im Elternhaus gelernt und übernommen hatten.“ 

„Genau. Da die Orchidee aber ein klassisches Mitbringsel von Besuchern ist, dauerte es nicht lange, bis auch mir eine geschenkt wurde. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen, weil ich ja an die Worte meiner Mutter denken musste. Damit war mein Denkschema aktiviert. Und was passierte? Die Orchidee blühte und danach lief es genauso, wie es meine Mutter immer gesagt hatte. Aus der Orchidee wurde ´nichts´. Ich schaute mir das eine Weile an, dann wanderte sie in den Biomüll. Was bewirkte das bei mir, was vermuten Sie?“ 

„Ihre Erfahrung deckte sich mit den Berichten Ihrer Mutter und dadurch fühlten Sie sich in Ihrer Meinung bestätigt“, folgert ein Student.  

Ich nicke zustimmend. „Fakt ist, dass wir dazu neigen, nach Hinweisen zu suchen, die unsere eigenen Ansichten bestätigen, als nach solchen, die ihnen widersprechen. Dies führt dazu, dass wir oft nur das sehen, was wir erwarten zu sehen. Unsere Erwartungen wiederum werden unter anderem durch Erziehung, Erfahrung und Emotionen beeinflusst. 

Meine Geschichte geht aber noch weiter. Jahre später bekam ich wieder eine Orchidee geschenkt. Die Schönheit beeindruckte mich dieses Mal besonders. Vielleicht war ich zu diesem Zeitpunkt auch zugänglicher für diese edle Blume, weil ich kurz zuvor eine faszinierende Orchideenschau im Frankfurter Palmengarten besucht hatte. Jedenfalls entschied ich mich, ihr bzw. uns ´eine Chance zu geben´.“ 

Die Studenten lachen über meine Formulierung. Aber ich merke, dass sie verstehen, worauf ich hinaus will. „Diese Entscheidung für die Orchidee veränderte etwas in mir. Mein Interesse war geweckt und ich widmete ihr daher mehr Aufmerksamkeit und Zeit als den anderen Pflanzen. Ich nahm sie nicht nur wahr, automatisch und unbewusst, sondern ich beobachtete sie, gezielt und bewusst. Plötzlich registrierte ich Details und jede Veränderung. Ich fing an, im Internet Informationen über die Orchidee zu sammeln. Die Pflegehinweise las ich natürlich besonders intensiv, ich wollte ja alles richtig machen. Langsam aber sicher wandelte ich das von meiner Mutter ohne weitere Prüfung übernommene „Halbwissen“ in Fachwissen um. Mein Umgang mit der Orchidee wurde dadurch immer besser, immer sicherer und wissen Sie was? Sie scheint es mir zu danken, denn sie blüht mehrfach im Jahr und das so wunderschön, so außergewöhnlich.“ 

Wieder schaue ich in die Runde. „Was möchte ich Ihnen mit meiner Orchideengeschichte sagen? Obwohl praktisch niemand von vorgefassten Meinungen frei ist, müssen die sich nicht zwangsläufig zu – diskriminierenden – Vorurteilen umwandeln. Das  geschieht nur, wenn wir sie trotz gegenteiliger Informationen und Erfahrungen nicht ändern. Wichtig ist, sich der vorgefertigten Schemata selbst einzugestehen, ihrer bewusst zu werden. Nur wenn wir sie kennen, bemerken wir sie, während sie in uns arbeiten. Dann können wir lernen, uns nicht von ihnen leiten zu lassen.“