Von Angelika Brox

„Mir ist schlecht. Ich kann heute nicht zur Schule gehen.“
„Aber Schatz, du hast ja dein Frühstück noch gar nicht angerührt. Iss wenigstens eine Scheibe Toast, danach geht es dir bestimmt besser!“
Amelie schiebt den Teller zur Seite, kreuzt die Unterarme auf dem Tisch und legt den Kopf darauf.
„Ich hab‘ aber Bauchschmerzen.“
Besorgt setzt sich die Mutter neben sie und fühlt mit einer Hand ihre Stirn.
„Fieber hast du nicht. Was könnte es denn sonst sein?“
Laura schaltet sich ein.
„Ich kann mir denken, was sie hat.“
Sie streicht ihrer kleinen Schwester über die Haare und fragt: „Ist es wegen Nico?“
Ruckartig hebt Amelie den Kopf.
„Woher weißt du das?“
„Also stimmt es.“
Die Mutter zieht die Augenbrauen zusammen und sieht Amelie prüfend an.
„Was ist mit diesem Nico?“
„Ach, nichts.“
„Doch!“, sagt Laura. „Ich habe gesehen, wie er auf dem Schulhof ständig hinter dir und Charlotte hergelaufen ist. Zwei andere aus seiner Klasse waren auch noch dabei und sie haben gelacht.“
Amelie senkt den Blick und schweigt.
„Du kannst es ruhig erzählen“, ermutigt sie die Mutter. „Was wollten die Jungen von euch?“
Leise und stockend beginnt Amelie zu sprechen: „Am Anfang haben sie immer Knutschgeräusche gemacht, wenn sie an uns vorbeigingen. Wir haben gesagt, sie sollen damit aufhören, aber sie haben bloß gegrinst. Dann fingen sie an, so blöde Bemerkungen zu machen. Die wurden jeden Tag ekliger. Gestern hat Nico mir ganz fest an den Po gefasst.“
Die Mutter ist blass geworden.
„Warum hat du uns denn nichts davon erzählt?“, fragt sie.
Amelie wischt sich eine Träne von der Wange und flüstert: „Charlotte hat zu Hause auch nichts verraten. Wir haben uns geschämt.“
„DIE müssten sich schämen!“, empört sich Laura. „Was haben sie denn zu euch gesagt?“
Amelies Antwort ist kaum zu verstehen. „Dein Kleid sieht scharf aus, was hast du denn da drunter? Bist du lesbisch? Auf Facebook sind ja sexy Nacktfotos von dir. Willst du mal ein geiles Foto von mir sehen?“
Die Mutter springt auf.
„Das reicht! Ich komme mit zur Schule! Diese Mistkerle knöpfe ich mir vor!“
„Nein, Mama!“, ruft Amelie erschrocken. „Die rächen sich später an mir.“
„Dann spreche ich eben mit der Lehrerin.“
„Keine gute Idee“, meint Laura. „Nachher wird Amelie von allen als Petze beschimpft und gemobbt.“
Sie legt ihrer kleinen Schwester einen Arm um die Schulter. „Du und Charlotte, ihr bleibt demnächst in den Pausen immer in meiner Nähe. Dann trauen die Typen sich nicht mehr an euch ran, das sind nämlich in Wirklichkeit bloß Feiglinge, die sich aufspielen wollen.“
Plötzlich verändert sich Amelies unglücklicher Gesichtsausdruck. Sie presst die Lippen zusammen, kneift die Augen zu Schlitzen, holt tief Luft, dann trommelt sie mit den Handflächen auf die Tischplatte, dass die Teller scheppern, und schreit: „Neiiiin! Ich WILL nicht, dass DIE bestimmen, wo ich sein darf! “
Mit einem tiefen Seufzer setzt sich die Mutter wieder hin.
„Na gut“, sagt sie, „aber irgendetwas müssen wir doch unternehmen.“
Laura schmunzelt. „Ich weiß auch schon, was. Wir schreiben ein Lied über diese Sache! Ich trete ja mit meinen Cinderellas auf dem Schulfest auf. Dann singst du deinen Song.“
„Aber ich hab‘ doch noch nie mit einer Band gesungen.“
„Na und? Du hast auf jeden Fall eine schöne Stimme. Vielleicht macht Charlotte ja auch mit.“
Die Mutter strahlt Laura an.
„Das ist eine großartige Idee! Wie sagte Carrie Fisher so schön? Take your broken heart / make it into art!
„Also abgemacht“, sagt Laura. „Zwei Wochen lang passe ich auf dich und Charlotte auf, so lange hältst du das durch. Und dann schauen wir mal, wie dein Song einschlägt.“

Zwei Wochen später findet das Schulfest statt. Vor der Turnhalle wurde eine Bühne aufgebaut. Schlagzeug, Verstärker und Boxen stehen bereit. Rechts vorne an der Mauer zur Straße lehnen lässig Nico und seine Mitläufer, kauen Kaugummi und grinsen hämisch.
Der Rektor hält eine kurze Ansprache und kündigt dann das Konzert an: „Und jetzt viel Vergnügen mit den CINDERELLAS!“
Unter Johlen und Klatschen kommen sie nacheinander aus der Turnhalle und laufen auf die Bühne: Amelie, Laura, Charlotte, Jasmin, Maja und Sophia.
Laura und Maja hängen sich ihre elektrischen Gitarren um und stöpseln sie ein, Sophia macht dasselbe mit ihrem E-Bass und Jasmin setzt sich ans Schlagzeug. Amelie und Charlotte stellen sich Hand in Hand ans Mikrofon.
Nico und seine Mitläufer machen unentwegt Kussmünder.
Amelie wartet, bis es still wird. Mit ruhiger Stimme beginnt sie zu sprechen: „Es gibt an unserer Schule Jungs, die Mädchen belästigen. Mit dummen Sprüchen, ekligen Gesten und Anfassen ohne Erlaubnis.“
Charlotte fährt fort: „Wir haben darüber einen Song geschrieben. Das Lied, das wir jetzt spielen, ist über euch und über alle Grapscher und sexistischen Sprücheklopfer da draußen!“
Einige Sekunden lang ist vom Publikum nur Tuscheln und Räuspern zu hören.
Amelies Haut kribbelt vor Spannung.
Jasmin greift zu den Drumsticks  und zählt laut: „One, two – one, two, three, four!“
Mit einem gewaltigen Donnerschlag legen die Cinderellas los. Jasmin drischt auf ihre Drums ein, als hätte sie einige der übelsten Sexisten vor sich. Laura und Maja hämmern die einleitende Akkordfolge so druckvoll in die Saiten, dass die Schallwellen über das Publikum hinwegfegen. Sophias Bass baut dröhnend das harmonische Gerüst auf.

Amelie ruft mit zorniger Stimme die ersten Worte ins Mikrofon:
„Wenn du mir an den Hintern fasst, soll das etwa mutig sein?
Und wenn du Kussgeräusche machst, soll das etwa witzig sein?
Es zeigt nur, dass du’s nötig hast, das macht dich erbärmlich klein!“

Charlotte schleudert mit aller Kraft den Refrain heraus:
„Was glaubst du denn, wer du bist,
du feiger kleiner Sexist?!“

Amelie packt all ihre Wut in die nächste Strophe:
„Wenn du mich eine Schlampe nennst, willst du dadurch besser sein?
Wenn du versaute Wörter sagst, willst du dadurch größer sein?
Es zeigt nur, dass du’s nötig hast, das macht dich erbärmlich klein!“

Und wieder spuckt Charlotte ihre Verachtung ins Mikrofon:
„Was glaubst du denn, wer du bist,
du feiger kleiner Sexist?!“

Es folgt ein dynamischer Instrumentalteil, zu dem Amelie und Charlotte wild herumspringen und ihre Haare schütteln, dann eine ruhigere Bridge, in der die beiden zweistimmig singen:
„Hast du es immer noch nicht gecheckt?
Mädchen haben ein Recht auf Respekt.
Hast du mal drüber nachgedacht,
was dein Benehmen mit uns macht?“

Zum Schluss schreien sie gemeinsam ihre musikalische Ohrfeige in die Welt hinaus:
„Was glaubst du denn, wer du bist,
du feiger kleiner Sexist?!
Verdammt nochmal, was glaubst du,
was glaubst du denn, wer du bist?!“

Abrupt stoppen alle Instrumente.
Einige Augenblicke verharrt das Publikum regungslos, während die letzten Klänge davonschweben. Dann bricht der Jubel los.
Amelie schaut zur Seite. Die Stelle an der Mauer, wo Nico und seine Mitläufer gestanden haben, ist leer.
Amelie und Charlotte strahlen sich an. Sie halten ihre rechten Handflächen hoch und geben sich ein klatschendes High Five.

 

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