Von Maria Lehner

Eine neue Zeitrechnung hat begonnen, seit Heinz aus dem Urlaub zurückgekommen ist: Die Tauben, die er früher als „Ratten der Lüfte“ bezeichnet hatte, empfingen ihn damals mit zärtlich-sanftem Gurren. Statt sie zu vergiften, hatte er in der Hektik vor dem Urlaub das Falsche bestellt und verabreicht: „Elektrolyt–Energie-Präparat mit natürlichem Vitamin E, speziell auf die Bedürfnisse der Brieftaube während der Flugsaison angepasst“. 

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Heinz ist ein anderer geworden. Seinen Freunden erzählt er vom Urlaub, sogar, dass „die da unten in Kroatien“ Tauben essen (er verrät einige Rezepte). Für die Hawara, wie er seine Freunde nennt, ist er plötzlich schwer einzuschätzen. Mit der Hausmeisterin, der Peschka, er spricht jetzt von ihr als „die Susi“, sitzt er auf seinem beinah taubenfreien Balkon hinter den Blumentrögen mit blühenden Geranien und sie lachen. Sie fahren zusammen im Auto weg. Die Peschka erzählt, sie seien in Augsburg gewesen. Mehr verrät sie nicht. Ausgerechnet Augsburg?!

 

Wenn an warmen Maitagen das Fenster geöffnet ist, hört man, dass Heinz viel telefoniert. Man sieht ihn in die Filiale der Stadtbücherei gehen; mit Büchern unter dem Arm kommt er heim. So geht das den ganzen Juni lang. Und immer wieder fährt er gemeinsam mit „ihr“ weg. „Zum Baumarkt“, antwortet er auf Fragen. Er ist stunden- manchmal tagelang weg. Seltsam. Und immer wieder: „Behördenwege“.

 

Er verändert sich auch körperlich: aus dem griesgrämigen blassen Eigenbrötler wird ein stattlicher umgänglicher Mann. Geht er ins Fitness-Studio und ins Solarium? Und „sie“ ist immer dabei. Das Seltsamste aber ist: Fast alle Tauben sind weg.

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Die Hawara sind auf Mutmaßungen angewiesen, denn Heinz macht sich rar. Peter, einer von den Freunden, war auf dem Yppenmarkt; ein Teil davon ist der „Bobo-Markt“ – das Teuerste und Ausgefallenste gibt es dort – zum Beispiel Taubenspezialitäten. Hat nicht Heinz davon gesprochen, wie gut Täubchen schmecken? Weiß er nicht sogar über Zubereitungsarten genau Bescheid? Peter, einer der Freunde, hat eine Dose Taubensuppe mitgebracht: etikettiert in Frankreich, aber was heißt das schon? Und war Heinz nicht immer mit Plastikgefäßen unterwegs? Vermutlich um seine Balkontauben wegzubringen – womöglich in eine Hinterhofküche? Verkocht er sie dort mit der Peschka, die soll eine gute Köchin sein? Er ist immer beschäftigt und gut gelaunt – das hat doch alles etwas zu bedeuten!? 

 

Wie tötet er sie? Etwa mit Elektroschocks (er hat eine Ausbildung als Elektrotechniker)? Waren schon jemandem Federn in der Mülltonne aufgefallen? Nein? Vielleicht können die Peschka und er sogar die noch zu Geld machen: Taubenfederpolster. Als Gerd das seiner Frau erzählt, schüttelt es sie vor Ekel. „Du, da muss die Nicole her!“ bestimmt sie. Die Nichte von Gerd hat nämlich Jura studiert. Zwar nur bis zum ersten Staatsexamen, aber egal.

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Nicole wird angerufen und alle Hawara treffen sich bei Gerd. Sie beginnt aus ihren Notizen zu zitieren: „Tauben sind Wildtiere und es ist gesetzlich verboten, ihnen ungerechtfertigt Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen oder sie in schwere Angst zu versetzen“. Allein dafür käme Heinz schon dran! Fast wäre es, hätte er damals nicht das falsche Mittel bestellt, gelungen, dass er ihnen „Nahrung oder Stoffe vorsetzt, mit deren Aufnahme für das Tier offensichtlich Schmerzen, Leiden, Schäden oder schwere Angst verbunden sind“. Wer weiß, wie er es jetzt geschafft hat. „Taubentötung“, sagt sie „gilt nicht als gelindes Mittel zur Abwehr, denn ein Vergrämen, damit meint der Gesetzgeber das Fernhalten, kann auch mit milderen Mitteln erfolgen“. Wenn er das getan hat und sie dabei nicht gequält hat, läge keine Gesetzesübertretung vor. Aber: Woher kämen dann die Pasteten am Yppenmarkt? 

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Der Tratsch wächst im Vorübergehen, sagten die alten Römer schon. Und die alten Hawara tun viel dazu, dass das Gerede zur Jahresmitte soweit gediehen und gewachsen ist wie gemästete Täubchen. So kommt es, wie es kommen muss: Die Bezirksverwaltung ist informiert über den rätselhaften Taubenschwund im Hanzlik-Hof, dem großen Ottakringer Gemeindebau. 

 

Eines Tages, beim Heimkommen – natürlich ist „sie“ wieder dabei! – sagt Heinz: „Schau, eine Verständigung. Für mich liegt ein amtlicher Brief auf dem Postamt.“. Peter hört das und fragt sich, ob man sein Herzklopfen, das den Verrat offenbart, hören kann. Tags darauf liest Heinz halblaut: „Gem. §36 TierSchGes ist den Organen das Betreten von Liegenschaften, Räumen und Transportmitteln, zum Zwecke der Kontrolle (§ 35) gestattet, wenn sich der begründete Verdacht ergibt, dass eine Übertretung dieses Bundesgesetzes erfolgt ist. Herrn Heinrich Zsifkovits wird am 15. Juli 2022 zwischen 9:00 und 10:00, die Gelegenheit gegeben, dass in seiner Anwesenheit im Objekt 1160 Wien, Hanzlikgasse 26/2/37 eine Befragung vor Ort stattfindet und somit eine gerichtliche Vorladung unterbleiben kann.“ Sein flatternder Blick müht sich durch das Dickicht der Sätze und Nebensätze und pflügt die amtlichen Termini entlang, bis er versteht: Wenn Heinz also die Behördenvertreter in seine Wohnung lässt, damit sie – was auch immer – prüfen können, passiert weiter nichts? Und was soll das bitte mit dem Tierschutzgesetz zu tun haben? Heinz hatte wegen seiner Katzenallergie noch nie ein Haustier. Und Hunde hasst er sowieso. So wie er früher Tauben ge-…. Tauben??? Ist es etwa wegen der Tauben? Aber die sind doch auch weg?

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„My home is my castle“ sagt Heinz zur Susi Peschka und vergisst die ganze Angelegenheit bald darauf. Er hat anderes zu tun. Die Hawara sind jetzt nicht mehr so viel im Park, sondern mehr im Schwimmbad. Die Sonne strahlt auch an diesem 3. Juli, als die Abordnung von drei Personen wieder abzieht, weil alles Läuten und Klopfen an der Tür Nummer 37 sinnlos ist. Ein paar Wochen später ist es so weit: Heinz muss der gerichtlichen Vorladung Folge leisten.

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In einem Amtsraum sitzt er Behördenvertretern gegenüber, die ihn darüber „belehren“, was hier passiert, warum er da ist, worum es geht und was man wissen will. Heinz sitzt versteinert da, als er hört „…erhebt sich der dringende Verdacht, dass an die dreißig Stadttauben aus dem Objekt…“ (exakt seine Adresse wird genannt) „entfernt und an einen unbekannten Ort verbracht wurden“. Der Satz hallt in seinen Ohren nach und dringt wie ein Nagel in sein Herz. Es tut weh. Er sieht zum Fenster: Ein paar Tauben sitzen dort und picken mit ihren Schnäbeln an die Scheibe. Sie sehen aus, als würden sie Heinz ermutigend zunicken.: „Oida! Loss da nix gfoin! Sog, wia ´s is!“

 

Er atmet durch, streckt sich und greift in seine Tasche. Dem Verhandlungsleiter stellt er die Frage, ob er ein Beweisstück einbringen dürfe. Als ihm dies genehmigt wird, reicht er dem Vorsitzenden ein Blatt Papier. Der zeigt der Kommission den Briefkopf des Schreibens vom 3. Mai 2022 und – nachdem mehrere Male ein „Ah!“ und „Oh!“ erklungen war – beginnt der Richter vorzulesen: „ Der Beitrittsantrag des Herr Heinz Zsifkovits, wohnhaft“ …(das wissen nun wir schon!)… „zum ÖBTZ wurde angenommen…“. Ein zweites Schreiben in Kopie gibt es noch, diesmal vom 25. Juni und an den ÖBTZ adressiert, in dem die Stadt Wien genanntem Verein zum „Meilenstein der Stadttaubenhaltung“ gratuliert. Nach ein paar amtlichen Floskeln und dem Gegenzeichnen des Verhandlungsprotokolls darf Heinz gehen. Auf dem Heimweg begegnet er Gerd und Peter. Man kennt sich schon seit der Schulzeit, nun sieht man aneinander vorbei. 

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An einem Abend Ende Juli sitzen die Mitglieder des Österreichischen Brieftaubenzucht-Vereines (ÖBTZ), darunter auch Heinz, im Vereinslokal beisammen. Sie haben etwas zu feiern. Schon im Mai wurde die Errichtung eines „Muster-Taubenschlags nach Augsburger Modell“ genehmigt: „ein Außengehege mit einer Länge von drei Metern, mit einer Breite von einem Meter, in dem jedes Taubenpaar mindestens 0,5 Quadratmetern Platz hat“. Ein Neubeginn: Wie beim „Augsburger Stadttaubenkonzept“ gibt es hier den ersten – von Heinz und Susi betreuten – Taubenschlag im Stadtgebiet, in denen die Tauben versorgt und ihre Eier gegen Attrappen ausgetauscht werden. 

 

Als Heinz von der Vorladung erzählt, schüttelt der Obmann den Kopf: „Überschießende Reaktion! Behördenwillkür! Typisch! Ein Sturm im Wasserglas – und: der Steuerzahler zahlt´s!“

 

Trotzdem wird Heinz die Hawara einladen. Die haben immer genug Zeit und es braucht wohl noch einige Freiwillige, um das Konzept entsprechend umzusetzen. Außerdem gibt es so viel zu erzählen – und eigentlich haben sie ihm gefehlt: Gerd, Peter und all die anderen.

 

Irgendwann schmiegt sich die Susi Peschka an den Heinz und flüstert „Du, die Tauben turteln sicher schon, wollen wir nicht auch…?“

 

Version 2