Von Bernd Kleber

 

Dissonanz und Paeonia

 

 

Jeder lebt in seiner eigenen Welt,
aber meine ist die richtige …
Die Lassie Singers

 

Ein weißes Blütenblatt schwebt zu Boden, liegt nun neben anderen, die dort schon gefallen waren …

Tim steht im Laden, dreht sich um seine eigene Achse und sein Blick verliert sich im Leeren. Die lächelnde Floristin sieht ihn kopfschüttelnd an, hatte sie doch keine Antwort erhalten auf ihre Frage: „Welche Blumen liebt denn Ihre Frau?“

***

Wie war es nur so weit gekommen, fragte sich Tim. Er hatte immer so gerne Narreteien erfunden und seine Frau geneckt. Zu Beginn der Ehe hatte sie über seine Ideen gelacht und ihn umarmt oder einen Knuff in die Seite gegeben. Später hatte sie manchmal gemeint: „Tim, ist gut, können wir den Quatsch mal bitte lassen?“

Sie waren nun drei Jahre verheiratet. Tim hatte nie geträumt, dass sie einmal ja sagen würde. Er hatte letztendlich den Geburtstag seines Kumpels genutzt und Hannah einen Heiratsantrag gemacht. Eigentlich mit der Erwartung einer Ablehnung, ein Spaß würde es werden, hatte er damals gedacht. Er liebte sie, sie hatten eine vertraute Freundschaft, trafen sich immer wieder und waren sich sehr nah gekommen. Sie hatten jedoch nie über eine gemeinsame Zukunft gesprochen, alles lief, wie es floss, vor sich hin. Bis sein Kumpel Kalle meinte: „Auf meinem Geburtstag überraschen wir Hannah und du machst endlich einen Antrag. Muss ja mal konkret werden mit Euch.“ Tim hatte gelacht und erwidert: „Nie heiratet sie mich. Ich bin doch gar nicht ihre Kragenweite.“ Darauf hatte Kalle den Kopf geschüttelt.

Nun sah sie ihn mit hochrotem Gesicht an, als er sich da im Handstand mit der Rose im Mund vor ihr aufgebaut hatte. Er war mindestens gleich rot und mit der Sorge, er bekäme einen Schlag, hatte sie: „JA“ geflüstert. Alle Freunde applaudierten tosend und jubelten. Hannah Kalweit würde Frau Jordan werden.

Kurz darauf waren sie in eine gemeinsame Wohnung gezogen. Und während sie sich um den Haushalt kümmerte und ihn immer wieder ermahnte, sich ein wenig einzufügen, ließ er es weiter fließen, lächelte sie an, gab ihr einen Kuss auf die Wange, umtanzte sie und rief: „Sorry!“. Er verteilte überall seine Kleidungsstücke, platzierte sein Besteck auf dem Geschirrspüler statt in ihn und die benutzten Teller daneben. Sie suchte zum Waschen oder Aufräumen seine Socken, Slips, Hosen und Hemden in der Wohnung zusammen, mit der Bemerkung: „Ich lasse demnächst alles liegen, wo du es fallen gelassen hast“, und er lachte.

Beim Rasenmähen köpfte er die Pfingstrosentriebe. „Aus Versehen!“

Tim war ein Sonnenschein, nie üble Laune und immer den Schalk im Nacken. Aber er vergaß, dass Menschen dazu neigen, bei zu viel Sonne einen Brand zu bekommen. Er umarmte sie und scherzte. Er war sich sicher, dass sie sich darüber freute, wenn er Mehl in ihren Föhn füllte und sie aussah wie ein Schneemann und nochmals duschen musste. Abgesehen davon, dass sie das Bad anschließend wischte. Er war auch vor Freude kaum einzukriegen, als sie ahnungslos gegen die Frischhaltefolie lief, die er vor die Wohnzimmertür gespannt hatte. Ihr Aufschreien war so echt! Tim kringelte sich auf der Couch, während Hannah sich ihre Nase rieb und die Folie entsorgte. Er war ein Clown und bereitete seiner Frau immer wieder Überraschungen, auch wenn sie dabei blaue Flecken davontrug. Sobald sie ein Gesicht wie ein bockiger Igel zeigte, freute er sich und umarmte sie fest und küsste ihren Nacken.

Beim Staubwischen zerbrach er die Vase, in der die Kunstblumen standen, Pfingstrosen. „Kommt nicht wieder vor!“

Einmal als er eine Maus gefangen hatte und die im Abfalleimer versteckte, beschlich ihn der Eindruck, Hannah zeige darüber und was geschah gar keinen Humor. Sie schrie, nachdem sie den Deckel geöffnet hatte und das Tier quietschend herausgesprungen war. Hannah fiel rücklings auf ihr Hinterteil und Tim lachte, dass die Gläser im Geschirrschrank klirrten. Später fragte er sie, ob sie es nicht auch witzig fand und ob sie überhaupt damit gerechnet hätte? Er wunderte sich über ihren leeren Blick und bekam keine Antwort.

Er kippte seine Kaffeetasse um. Die Flüssigkeit formte Flussdelta auf der Tischdecke und verfärbte die weißen und rosa Blütenköpfe des Pfingstrosendekors. „Ich mach es nachher weg!“

Dann wieder hatte Tim die Zugangsdaten Hannahs von einem bekannten Versandhändler benutzt, um ein Päckchen kommen zu lassen. Als Hannah es auspackte und dabei die ganze Zeit murmelte, sie habe ja gar nichts bestellt, biss Tim sich auf die Lippen und hielt kaum an sich, so groß war seine Vorfreude über den zu erwartenden gelungenen Streich. Leider fand Hannah es weniger lustig und lief dann hinter ihm her, schlug immer wieder mit der Faust aus Gummi am Arm gleichen Materials gegen seinen Rücken, was ihm ziemlich schmerzte. Beleidigt warf er ihr vor: „Verstehst du denn keinen Spaß mehr?“

Er nahm Servietten aus dem Spender und wischte seine Schuhsohlen ab, die auf dem Flurboden Spuren hinterlassen hatten, anschließend die Fliesen selbst. Die Pfingstrosen auf dem Papier waren nicht mehr zu erkennen. „Sieht man kaum, brauchst nicht wischen!“

Eines anderen Tages wartete Tim bis Hannah, nach ihrem Dienst ein Nickerchen machend, eingeschlafen war. Dann sprühte er vorsichtig Rasierschaum in ihre rechte Hand. Er stellte sich hinter die Couch und kitzelte mit einem Grashalm die Stirn Hannas. Die schlug sich gegen den Kopf. Sie erschrak, da sie das ganze Gesicht nun voller Schaum hatte. Tim erstickte fast vor Lachen. Hannah lief ohne ein Wort ins Bad.

Weil er so sehr lachen musste, ließ er sich nach hinten an die Wand fallen, wobei ein gerahmtes Poster zu Boden fiel, das Glas zerbrach. Die Grafik zeigte Pfingstrosen und Glockenblumen von Albert Williams und zerriss, als er Halt suchend darauf trat. „Ich räum´s gleich weg!“

Das Leben war schön und lustig für Tim. Alles in Ordnung. Manchmal kitzelte er seine Frau unter dem Kinn mit der Frage: „Ist wieder gut, meine kleine Leberwurst?“ Wenn sie nickte, dann strahlte er und kreierte den nächsten Streich.

Erneut hatte er eine hervorragende Idee. Ganz stolz war er auf seine Kreativität, das Eheleben zu bereichern. Er bereitete alles vor, hatte den Gegenstand der Überraschung schon gekauft und in seiner Büroecke versteckt.

Als Hannah den Geschirrspüler einräumte, rief er ihr zu, sie solle noch nicht einschalten, er würde es gleich übernehmen und seine Kaffeetasse dazustellen. Sie quittierte mit einem kurzen „Okay!“ und verschwand im Garten. Tim entpackte den neu gekauften Artikel und legte ihn in den Spülautomaten. Später nach dem Abendessen fragte er seine Frau: „Wollen wir schnell den Abwasch ausräumen?“ Hannah sah ihn mit gerunzelter Stirn an und nickte.

Beide gingen in die Küche, sie öffnete die Front und zog den oberen Korb hervor, machte einen Schritt zurück und ein undefinierbares Geräusch dabei. Tim griff in den Korb und bemerkte: „Toll, wie neu!“ Er grinste so breit, dass zu fürchten war, der Kopf bräche auseinander. In der Hand hielt er eine Klobürste. Hannah sah ihn mit geöffnetem Mund an, ihre Augen aufgerissen. Sie schien nach Luft zu schnappen. Tim wieherte vor Lachen.

„Das war´s. Ich kann nicht mehr. Mit uns funktioniert das nicht. Ich ziehe zu meinen Eltern oder meinen Bruder und will die Scheidung, du Idiot!“ Sie griff nach der Tasse, die neben ihr auf dem Küchentisch stand, einen Kaffeepott, verziert mit Pfingstrosen in Rot und warf sie in Richtung Tim. Der duckte sich schnell. Es schepperte. Hannah drehte sich um und lief ins Schlafzimmer, das sie abschloss.

Tim hatte keine Ahnung, warum seine Frau auf einmal so humorlos war, verstand den Sturm im Wasserglas gar nicht. Er schlich aus dem Haus und traf sich mit seinem besten Freund. Nachdem er mit Kalle unter herzhaftem Lachen über alles gesprochen hatte, empfahl der ihm eine überzeugende Entschuldigung und einen bestechenden Blumenstrauß. „Tut mir leid, Tim, aber du hast sie ja nicht alle!“ Der Gescholtene sah seinen Freund mit gekniffenen Lippen an und zuckte die Schultern.

***

„Also, welche Blumen soll ich nun für ihre Frau binden?“, fragte die Floristin erneut. Tim glotzte sie an: „Ich weiß es nicht.“

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