Von Martina Zimmermann

Dorothee, Alfred, Paula und Willy wohnten zusammen in der Seniorenresidenz  ´Das blühende Leben ´. 

Im Großen und Ganzen fühlten sie sich dort wohl und genossen ihren Lebensabend so gut es ging. 

Die finanziellen Mittel dazu besaßen sie und so konnten sie sich manchen Luxus erlauben.

Die vier teilten ihre Freude, aber auch ihr Leid miteinander. Sie munterten sich auf und trösteten sich. Manchmal stritten sie sich, aber es hielt nie lange an. Keiner brachte es fertig, dem anderen lange böse zu sein und das machte alles aus. 

 

Eines morgens lief Doro, so nannten die anderen Dorothee, mal wieder laut fluchend durch den Flur. Sie rief die ganze Zeit: 

„ Ach heiliger Antonius, Patron der Schlodderköppe bitte für mich und hilf mir.“ Sie schaute dabei auf den Boden und wiederholte ihren Spruch immer wieder wie in Trance. 

Eine Stunde später trafen sich alle vier zum Frühstück. 

Sowohl Willy als auch Alfred und Paula waren guter Dinge, bis Doro erschien. 

„Was ist dir denn über die Leber gelaufen?“, fragte Paula ahnungslos als sie Doros  langes Gesicht blickte, welches aussah, als hätte sie drei Tage im Regen gestanden. 

 

„Mein geliebtes Collier ist verschwunden. Gestern hatte ich es noch“, erklärte Doro. 

„Ich habe schon alles abgesucht“, sagte sie und schien sehr verzweifelt dabei.

„Nun setz dich erst einmal hin und frühstücke etwas, vielleicht kommt dir dann der Gedankenblitz und du weißt wieder wo es ist“, schlug Alfred vor.

 

Doro stampfte mit dem Fuß auf, Zornesröte im Gesicht. 

„Ihr glaubt ich bin schusselig, aber ich weiß wer das Collier gestohlen hat.“

„Gestohlen?“, wiederholten alle wie aus einem Munde. 

„Genau, es wurde gestohlen und diese Layla ist dafür verantwortlich.“

„Hast du denn Beweise?“, fragte Willy ungläubig. 

„Natürlich habe ich die, sonst würde ich es doch nicht sagen!“, erklärte Doro bestimmt.

„Dann werden wir dich unterstützen“, erklärte Paula. 

„Was wollen wir denn tun?, fragte Alfred und sah etwas hilflos aus. „Ich werde sie zur Rede stellen, so kommt sie mir nicht davon.“

„Dann kommen wir natürlich mit“, rief Paula. Alle erhoben sich und schritten wie in einer militärischen Einheit los. Als die komplette Truppe vor Layla stand, fühlte diese sich sichtlich unwohl.

Doro schoss vor und  ging Layla an. 

„Was denkst du dir, du kleines Ding. Meinst wohl ich bin nicht mehr ganz bei Trost und ich merke es nicht, wenn du mich bestiehlst. Aber den Zahn kann ich dir ziehen. Ich will mein Collier zurück und auf der Stelle!“

„Ich habe ihr Collier nicht“, stotterte Layla, die sichtlich verwundert und ziemlich hilflos vor den vieren stand. 

„Du warst die letzte, die mir gestern Abend noch den Tee gebracht hat. Es kommt sonst niemand in Frage. Gib es zu du kleine billige Angestellte“, fauchte Doro wutentbrannt. 

Die anderen drei standen wie eine Wand hinter Doro, doch insgeheim hatten sie etwas Mitleid mit Layla. 

Willy schritt als erster ein. 

„Vielleicht ist es ja auch ganz anders. Es könnte doch sein, dass es sich um ein Versehen handelt?“, fragte er und schaute Layla dabei an. 

„Nein,“ schrie sie. Ich habe das Collier nicht. 

„Solche Leute wie du, die sind mir von Anfang an suspekt“, erklärte Doro und stand immer noch in drohender Haltung vor Layla.

„Wenn ich schon sehe, wie du dich abends deinem Freund in die Arme wirfst, so was von billig. Dann diese Hosen mit den Löchern an den Knien, dass zieht doch niemand an, der etwas auf sich hält. Und Layla, woher kommt der Name eigentlich? Du bist doch nicht von hier, oder?“

 

Layla hatte Tränen in den Augen, sie konnte nichts mehr sagen. 

Dann drehte sie sich um und lief davon.

Alle vier standen da und Paula fasste sich als erste.

„Kommt, wir gehen zurück und überlegen, was wir als nächstes tun sollten.

„Ich würde gerne die genaue Geschichte hören“, meinte Willy. 

„Wie genau sehen deine Beweise aus?“

„Ich trug das Collier, wie jeden Abend vor dem Spiegel, um mich daran zu erfreuen. Es war das letzte Geschenk von meinem verstorbenen Mann, Franz, ihr wisst ja. Dieses Ritual habe ich jeden Abend, ich hoffe, er kann mich so sehen. Dann klopfte es und Layla brachte mir den Tee, den ich bestellt hatte. Und heute morgen war das Collier nicht mehr da.

Also ist die Sache doch klar“, erklärte Doro. 

 

„Willy schaute ungläubig zu Doro und sagte: „Du hast keine Beweise. Das sagt nichts aus.“

„Das sehe ich genauso“, stimmte Alfred zu. 

„Beweise? Ich brauche keine, ihre pure Anwesenheit strahlt schon Kriminalität genug aus“, behauptete Doro. 

„Jetzt mach einmal einen Punkt“, rief Alfred.  

„Ich kann es mir einfach nicht vorstellen, dass Layla etwas stehlen würde.“ 

„Es werden doch alle Personen besonders ausgesucht, die hier bei uns arbeiten und bis jetzt ist noch nie etwas gestohlen worden.“

„Bis jetzt“, rief Doro und schien schon wieder zu brodeln. 

 

„Ich möchte gerne in dein Zimmer und würde mich dort einmal umschauen“, schlug Alfred vor.

„Das kannst du gerne tun, mein Lieber, du wirst es schon sehen, dass ich Recht habe.“

„Dann gehen wir alle“, beschloss Paula. Alle nickten und machten sich auf den Weg in Doros Zimmer. 

Dort angekommen sagte Willy:  

„Doro, bitte setze dich noch einmal dorthin, wo du gestern Abend gesessen hast und dann werden wir Schritt für Schritt alles nachvollziehen.“

„So machen sie das im Tatort auch immer“, warf Paula aufgeregt ein.

Willy nickte und bat Doro auf dem Hocker vor dem Schminkspiegel Platz zu nehmen.

Sie folgte seinen Vorgaben, wenn auch nur widerwillig, aber sie setzte sich hin.

„Was hast du gestern Abend gemacht, bitte stelle es für uns nach. Wo hast du das Collier zur Aufbewahrung?“, fragte Willy.

„Gleich hier“, sagte Doro und zeigte auf die Schmuckschatulle vor ihr. 

„Dann greife zur Schatulle und tue bitte so als würdest du das Collier entnehmen und dir umlegen.“

 

Sie griff hinein und tat so, als wenn sie sich das Collier, welches verschwunden war, umlegen würde. 

„So, jetzt hast du das Collier um den Hals gelegt. Was passierte dann?“

„Danach klopfte es und Layla kam mit dem Tee herein.“

„Wo hat sie den Tee denn hingestellt?“, fragte Willy. „Gleich bei dir auf den Schminktisch?“

„Natürlich nicht, sie stellte den Tee, dort auf dem kleinen Tisch ab.“

„Wie ging es weiter?“ fragte er nach. 

„Wie soll es weiter gegangen sein?“ fauchte Doro. 

„Was hast du dann getan?“

„Ich stand auf und ging rüber zu dem Tisch um mir den Tee zu holen, was denn sonst!“

Willy nickte. 

„Bitte gehe rüber zum Tisch und tue so, als wenn du dir die Tasse Tee holen möchtest“, bat er sie.

Doro tat es, wenn auch mit Widerwillen. Sie stand auf und lief rüber zum Tisch, dabei bückte sie sich um den nicht vorhandenen Tee vom Tisch zu nehmen. Gerade als sie etwas sagen wollte, blickte sie dabei zu Boden und sah das funkelnde Collier auf dem Boden liegen.

„Das gibt es doch nicht, da liegt es!“ 

Doro strahlte so, wie die anderen es noch nie gesehen hatten. 

„Dann ist es mir vom Hals gerutscht, als ich den Tee vom Tisch genommen habe. Ich hatte nicht mehr daran gedacht.“

„Stattdessen hast du dich sofort auf Layla eingeschossen. Die arme hat dir einen Tee gebracht und dir geholfen und du hattest deine Vorurteile, die dir gerade Recht kamen“, ermahnte Paula.

Doro senkte ihren Kopf. 

„Und wir alle müssen uns schämen“, sagte Willy und man sah ihm sein schlechtes Gewissen an.

„Wir hätten uns zuerst über die Beweislage kundig machen müssen, bevor wir mit dir los geprescht sind und die arme Layla fertig gemacht haben. Sie stand da völlig alleine und wir haben ihr keine Möglichkeit gegeben sich zu verteidigen. Wie machen wir das wieder gut?“

„Zuerst müssen wir uns entschuldigen“, erklärte Paula. Doro stand dort und man sah ihr an, wie sehr es ihr leid tat. 

„Vielleicht muss ich auch noch in meinem hohen Alter lernen. Vor allem, nicht mit Vorurteilen verblendet, durchs Leben zu gehen. Ich sollte jeden so nehmen wie er ist, und für die Zukunft werde ich es versuchen“, sagte sie. 

„Wir alle sollten das tun“, meinte Alfred. Alle nickten und dann gingen sie geschlossen zu Layla, 

die nichts Gutes ahnte, als sie die vier auf sich zukommen sah.

Alle vier entschuldigten sich aufrichtig und Doro besonders. Da sie gut betucht war, hatte sie sich überlegt Layla einen kleinen Urlaub mit ihrem Freund zu ermöglichen. Sie wusste eigentlich, wie hart Layla arbeitete. Diese konnte ihr Glück nicht fassen und nahm die Entschuldigung und auch die Entschädigung an. Die hatte sie verdient.

 

An diesem Tag hatten alle etwas dazu gelernt. Der Sturm, der so schnell aufgezogen war, hatte sich genauso schnell wieder gelegt. Gott sei Dank, oder lag es an dem heiligen Antonius? Dem Patron der Schlodderköppe? 

Wer weiß das schon?…

 

x = Schlodderköppe= Schlodderkopp jemand der ständig etwas verliert oder verschloddert

      so nennen wir das im Münsterland