Von Claudia Grothus

Samstag! Sonnenlicht flutet durch die Glasfront des Hauses. Vollbepackt mit Einkaufstaschen steigt die vierköpfige Familie die Stufen zum Loft hinauf.

Sie stellen die bunten Flechtkörbe auf dem weißen Küchenblock ab.

Emma, die Achtjährige, greift sich beim Auspacken einen Sahnejoghurt. Ihre Mutter Julia tut es ihr gleich. Dann lassen sich alle auf die hellgraue Sofalandschaft fallen.

Nico, Emmas großer Bruder, bleibt nur kurz sitzen und verschwindet dann nach unten in sein Zimmer an die Playstation.

Julia lehnt sich aufseufzend in die weichen Polster und taucht genüsslich ihren Löffel in den Joghurt. Steffen kuschelt sich albernd an seine Frau und versucht, einen Happen abzubekommen. Emma kichert.

Eine Weile lümmeln alle drei wohlig auf den Sofakissen und beobachten, wie das Sonnenlicht auf den Wänden spielt. Emma hat Kopfhörer aufgesetzt und lauscht ihrem Hörbuch.

Julia widersteht der Versuchung, einfach die Augen zu schließen und liegen zu bleiben. Stattdessen schält sie sich aus Steffens Umarmung, steht auf und öffnet die Terrassentür. Frühlingsluft strömt herein und sie nimmt einen tiefen Atemzug.

Sie gähnt, reckt sich und dehnt die verspannten Schultern. Dann bringt sie ihren leeren Becher in die Küche. Ihr Blick fällt auf den Familien-Timer an der Wand. Heute ist doch schon der Erste! Sie nimmt den Kalender vom Haken und blättert den neuen Monat nach vorne.

Und da steht es: 16 Uhr Geburtstag Hachenbach. Das kann nicht wahr sein! Nicht heute! Nicht Hachenbach!

„Steffen!“

Ihr Mann schaut alarmiert von seinem Handy auf.

„Dein Chef hat heute Geburtstag. Wir sind für 16 Uhr eingeladen.“

„WAS?!“ Steffen springt vom Sofa auf. „Warum sagst du mir das jetzt erst?“

„Weil ich es selbst nicht wusste! Ich habe gerade erst das Kalenderblatt umgedreht!“ In Julias Stimme klingt aufkommende Panik an.

Steffen schaut auf seine Armbanduhr. „Halb drei. Das schaffen wir noch.“

In der Sofalandschaft sitzt jetzt nur noch Emma und kratzt, auf ihr Hörbuch konzentriert, die letzten Joghurtreste aus dem Becher. Von der Terrassentür weht eine angenehme Brise herein.

„Geh du zuerst in die Dusche.“ Julia hastet ins Schlafzimmer. Dort öffnet sie ihre Seite des Schranks und schiebt hektisch einen Bügel nach dem anderen von links nach rechts.

Da ist ihr einziges Cocktailkleid, das zur Jahreszeit passt. Hastig zieht sie Jeans und T-Shirt aus und schlüpft hinein. Sie wusste es: Es wirft Falten, es spannt an den Brüsten und umklammert presswurstartig die Stelle, wo einmal ihre Taille gewesen ist. Julias Seele fällt in einen Abgrund aus Scham.

Schnell versteckt sie das Kleid ganz hinten im Schrank.

Nochmal von vorne das Bügelschieben. Aber es materialisiert sich kein passendes Kleidungsstück für diesen Anlass. Was bleibt, ist eine Seidentunika zur Coulotte. Viel zu leger für einen Empfang! Zumindest die Frauen würden sofort erkennen, dass sie fett geworden ist und deshalb Zelte trägt.

Der Schrankspiegel zeigt ihr eine längst herausgewachsene Frisur. Das geht nicht. Das geht gar nicht! Sie könnte heulen!

Sie wickelt sich in ihren Bademantel und läuft über den kurzen Flur in das komplett mit Schiefer geflieste Bad. Steffen steht im indirekten Licht hinter der Glaswand. Die Regendusche spült Schaumreste von seinem muskulösen Körper.

„Ich kann nicht mitkommen!“, ruft sie in das fallende Wasser.

Steffen dreht die Dusche ab.

„Was?“

„Du musst ohne mich gehen!“

„Bist du irre? Das geht auf keinen Fall! Wieso sollte ich ohne dich gehen?“

Julia stockt. „Weil … Wir bekommen so kurzfristig niemanden für die Kinder!“

Steffen greift sich ein schneeweißes Badetuch. „Emma ist acht Jahre alt und wird ja mal ein paar Stunden alleine zuhause bleiben können. Nico ist ja auch noch da.“

„Er ist dreizehn!“

Steffen wickelt sich das Handtuch um die Hüften.

„Komm schon, mach keinen Zwergenaufstand“, sagt er und versucht, Julia im Vorbeigehen zu küssen.

„Scheiße!“ Sie verliert die Nerven. „Hör auf mit mir zu reden, wie mit einem Kleinkind!“

Steffen rollt die Augen.

„Für dich ist das mal wieder alles kein Problem!“ Julia ist in der feuchten Hitze des Badezimmers rot angelaufen.

Sichtlich genervt verlässt Steffen das Bad.

Wütend zieht Julia sich den Bademantel von den Schultern, meidet einen Blick in den Spiegel und tritt in den warmen Dunst der Dusche.

 

„Emma, Schatz, nimm mal den Kopfhörer ab!“ Steffen setzt sich im Leinenanzug neben seine Tochter aufs Sofa.

Nico ist aus dem Souterrain aufgetaucht und kramt im Kühlschrank.

„Nico, komm mal eben her!“

„Was denn?“

„Mama und ich müssen nochmal weg. Wir haben eine wichtige Einladung vergessen.“

Steffen spürt, wie sich Emma in seinem Arm steif macht.

„Nico, du passt auf Emma auf.“

„Ja, klar“, antwortet der Junge gedehnt. Dann verschwindet er wieder nach unten.

„Aber wir wollten doch einen Film gucken!“ Emmas Stimme klingt bedrohlich schrill. Sie windet sich aus Steffens Arm und starrt ihn mit riesigen Augen an, in denen sich schon die ersten Tränen sammeln.

„Mäuschen, wir können doch auch morgen noch einen Film gucken.“

Emmas Gesicht verzieht sich zu tiefen Grübchen, ihr Kinn beginnt zu beben. Ein Schluchzer bricht sich Bahn und sie fängt an zu heulen wie ein Kleinkind.

„Was ist denn hier los?“ Julia kommt geföhnt und geschminkt, aber noch im Frotteemantel aus dem Bad.

„Ich habe ihr gesagt, dass wir nochmal weg müssen. Da ist sie total ausgerastet.“

Julia schließt kurz die Augen, atmet tief durch die Nase und setzt sich auf die Sofalehne hinter das weinende Kind.

„Emma, hör mir mal zu!“

Das Weinen wird leiser, aber Emma verbirgt immer noch ihr Gesicht im Kissen.

„Im Leben ist es manchmal so. Ich würde auch lieber zuhause bleiben.“

Vorsichtig streichelt sie Emma über die Schulter.

„Mama?“, tönt es dumpf aus dem Sofakissen.

„Ja, Schatz!“

„Bitte geht nicht weg!“

Julia steht ungehalten auf. „Emma, es geht nicht anders.“

„Aber ihr habt es versprochen!“ Emma holt zu einer neuen Heultirade aus.

„Sie muss langsam mal lernen, mit Enttäuschungen umzugehen.“ Steffen schaut auf seine Armbanduhr. „Und du musst dich jetzt fertigmachen.“

Julia eilt ins Schlafzimmer, zieht sich an und stellt sich ihrem niederschmetternden Spiegelbild. Genau so hatte sie niemals aussehen wollen! Sie spürt, dass ihr Durchhaltevermögen schmerzhafte Risse bekommt.

Im Flur kommt ihr Steffen entgegen. „Wo bleibst du denn?“

„Ich bin fertig. Was macht Emma?“

„Sie ist in ihr Zimmer runtergegangen.“

„Okay, komm, dann sagen wir den beiden tschüss.“

Sie nehmen die Hintertreppe hinunter ins Souterrain. Auf dem fensterlosen Flur steht zwischen einem Haufen Sneaker Nicos Mountainbike. „Pass mit deiner Hose und dem Rad auf!“, mahnt Julia. „Wieso steht das überhaupt hier?“

„Wir sind weg!“, ruft Steffen und öffnet Nicos Tür. Der Junge sitzt im Dunkeln mit Kopfhörern vor dem Computer. Auf seinem Gesicht flackert der Widerschein des Bildschirms, auf dem alle paar Sekunden Licht aufblitzt. Steffen winkt übertrieben, damit Nico ihn sieht. Sein Sohn blickt kurz auf und nickt, wobei seine Augen schon wieder zu seinem Spiel zurückkehren.

Emma sitzt in ihrem Zimmer am Tisch unter der Schreibtischlampe und hat Malsachen aufgebaut. Scheinbar konzentriert rührt sie mit dem dicken Pinsel im Wasserglas.

„Wir gehen jetzt, Schatz!“, sagt Julia. „Spätestens um acht sind wir wieder hier.“

Emma fixiert stur den rotierenden Pinsel.

Julia seufzt und schließt leise die Tür.

Emma hört, wie das Auto wegfährt.

Sie legt den Pinsel neben den leeren Malblock, rutscht auf dem Stuhl nach hinten und bleibt lauschend sitzen.

Die Klinke ihrer Zimmertür bewegt sich. Nico kommt herein und lässt seinen Blick kurz schweifen.

„Na, malst du wieder Scheiße?“, fragt er.

Emma antwortet nicht.

„Ob du Scheiße malst?“ Sie zuckt zusammen. Mit dem Handballen stößt er sie vor die Schläfe. Ihr Kopf fliegt zur Seite. Sie kann sich gerade noch auf dem Stuhl halten.

„Blöde Kuh! Los, steh auf!“

Emma schiebt sich vom Sitz.

„Pass auf, ich zeig dir Judo.“ Nico stellt sich ihr gegenüber. Dann eine blitzschnelle Bewegung und Emma fliegt nach hinten. Es reißt ihr die Füße hoch und sie knallt mit dem Rücken zuerst auf den Boden. Aus ihrer Lunge entweicht ein hell klingender Luftstoß und Emma kann nicht mehr atmen. Sie liegt da wie ein Fisch auf dem Trockenen und sperrt den Mund auf.

Nico presst ihre Handgelenke auf den Boden und kniet sich auf ihre Oberarme. Der Schmerz ist unerträglich und da reagiert auf einmal ihr Zwerchfell wieder. Sie reißt Luft in ihre Lungen und schreit.

„Halts Maul!“, brüllt er, und scheuert ihr eine. Emma röchelt, als er endlich die Knie von ihren Armen nimmt.

Immer noch presst er ihre Hände auf den Boden.

„Guck mich an! Los, guck mich an!“

Emma gehorcht, dreht ihr Gesicht nach oben und blinzelt. Er ist ganz nah über ihr. Sie kann seinen Schweiß riechen. Mit einem lauten Räuspern holt er Rotze aus dem Rachen und lässt sie mit gespitztem Mund auf ihr Gesicht laufen. Emma wimmert, presst die Lippen aufeinander und windet sich vergebens unter seinem Gewicht.

Dann lässt er plötzlich ihre Hände los und setzt sich auf ihre Beine. Emma versucht sofort, ihren Körper unter ihm wegzuziehen. Aber er ist zu schwer.

„Was ist los?“, höhnt er. „Das ist doch lustig! Los, komm, lach doch mal!“

Und dann beginnt er, sie zu kitzeln. Mit allen zehn Fingern wühlt er in ihren Seiten. Emma schlägt um sich und brüllt. Ein Faustschlag trifft ihren Kopf, dort wo die Haare sind, damit man die blauen Flecke nicht sieht.

Emma stöhnt. Er packt sie vorne an ihrem Hoodie, reißt ihr Gesicht ganz nah an seins und zischt wutverzerrt: „Ich habe doch gesagt, du sollst die Schnauze halten!“ Dann schmeißt er sie zurück auf den Boden. Ihr Schädel knallt auf den Teppich. Ganz kurz ist sie weg.

Nico steht auf, geht aus dem Zimmer. Für heute ist es vorbei.

Emma dreht sich auf die Seite und bleibt mit zitterndem Atem liegen. Nach einer Weile steht sie auf, geht aufs Klo, wäscht sich das Gesicht, zieht ihren Pyjama an und legt sich ins Bett.

Um halb neun öffnet sich leise ihre Zimmertür. „Hey, Mäuschen, wir sind wieder da!“ Emma tut so, als ob sie schläft.

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