Von Daniel Büttrich

Das Telefon klingelte. Sie lag auf dem Sofa und regte sich nicht. Das Schattenspiel am Balkon erzählte eine geheimnisvolle Story, Genre Gruselklassiker. Dabei schwankte nur die Straßenlaterne, während der Wind sich an den Kanten des Hauses symphonisch abarbeitete.

 

„Hallo, ich bin es, deine Mama! Du bist heute unterwegs? Hast mir gar nichts davon erzählt…Pass auf dich auf… Melde dich doch mal… Na gut… Tschüss!“

 

Sie zog die Decke über den Kopf, holte tief Luft und legte die rechte Hand auf den Bauchnabel. Der heulende Wind und der zirpende Kühlschrank entfernten sich.

Sie versuchte, das durch den Anruf ihrer Mutter erzeugte Schuldgefühl auszublenden. Zentnerschwere Gedanken an ihr Jura-Studium ignorierte sie und tröstete sich mit der Aussicht auf den nächsten Tag, einen Sonntag, den sie ausschließlich mit Lernen verbringen wollte. Widerstandslos ergab sie sich schließlich ihrer Erschöpfung.

 

Sie öffnete die Augen.

 

„Hast du geschlafen?“, fragte die junge, hübsche Frau mit schwarzer Pagenfrisur, die unvermittelt im Schlosspark vor ihr aufgetaucht war.

 

„Nein. Ich schließe meine Augen, um besser nach innen sehen zu können.“

 

Sie staunte. Die Frau trug ein schwarzes Audrey-Hepburn-Kleid mit Blumenmotiven.

Hanna hatte häufig geträumt, mit genau diesem Kleid auszugehen.

 

„Wer sind Sie?“

 

„Ich bin jemand, den du lieben darfst.“

 

Die Unbekannte gab ihr einen Kuss auf die Wange, öffnete ihren Sonnenschirm und flog davon. Hanna blickte ihr nach und fühlte sich frei.

 

Als sie aufwachte, erschrak sie. Sie war auf dem Sofa eingeschlafen. Es war kurz vor 12!

Sie ging in die Küche und machte sich ihren Kaffee heute besonders stark. Als sie im Wohnzimmer am Esstisch saß, erinnerte sie das Blinken des Telefons an den Anruf ihrer Mutter. Sie sah sich in ihrer Wohnung um und fragte sich: Ist das meine Wohnung?

Ihre Mutter hatte sie eingerichtet. Bald würde sie wieder zu ihrem monatlichen Putztag erscheinen und nebenher Gegenstände umstellen, bis es ihr gefiel.

 

„Nun hast du es wieder schön!“, würde sie sagen, nachdem sie die Wohnung auf Vordermann gebracht hatte.

 

„Du hast genug zu tun mit deinem Studium, ich helfe dir gerne.“

 

Wusste ihre Mutter, wie entmutigend und energieraubend das auf sie wirkte?

 

Er klingelte. Einmal, zweimal, dreimal, viermal. Er wartete. Laut las er ihren Namen auf dem Klingelschild vor: „Hanna Salegger.“ Klingelte ein fünftes Mal. Keine Reaktion. Dann schrieb er ihr eine WhatsApp.

 

„Hi Hanna, ich stehe vor deiner Tür! LG, Dennis.“

 

Ihr Handy war aus. Er roch am Blumenstrauß rosa Nelken und murmelte vor sich hin.

Er mochte sie und konnte sich vorstellen, dass sich mehr zwischen ihnen entwickelte.

Er ging ein paar Schritte, sah sich noch ein letztes Mal um und beschleunigte daraufhin seinen Gang. Er war enttäuscht, aber nicht verärgert.

 

Sie wusch sich die Hände, als es an der Tür klingelte. Das Treffen mit Dennis hatte sie komplett vergessen! Ihr Puls raste. Jäh herauskatapultiert aus ihrem behaglichen sonntäglichen Kokon wurde ihr plötzlich schwindlig vor Angstgefühlen. Sie war blockiert. Konnte sie ihn in die Wohnung lassen, obwohl nicht aufgeräumt war? Nichts war vorbereitet, kein Essen, nicht einmal ein kleiner Salat! Und warum hatte sie ihn zu sich eingeladen?! Sie kannte Dennis nur aus der Uni-Mensa. Warum lud sie immer wieder Jungs zu sich nach Hause ein, um sie unvorbereitet versetzen zu müssen?! Sie war verzweifelt. Nein, sie konnte ihn nicht herein lassen.  

Es hatte aufgehört zu klingeln. Sie schloss sich im Bad ein und ging unter die Dusche.

Halblaut sagte sie ein Bachmann-Gedicht vor sich hin.

 

„Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann: sollt ich die kurze schauerliche Zeit
nur mit Gedanken Umgang haben und allein nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun? Muß einer denken? Wird er nicht vermisst?“* Sie las viel lieber Gedichte von Ingeborg Bachmann als Texte über Familien- und Erbrecht. Es dämmerte. Der Tag war kurz. Zu kurz um zu lernen.

 

Ein junger Mann in einem weißen Gewand stand vor ihr.

 

„Wer bist du?“, fragte sie.

 

„Ich bin ein Engel. Ich soll dir eine Nachricht überbringen. Deine Familie ist gestorben.“

 

Sie schwieg.

 

„Woran?“

 

„An Lügen.“

 

Sie sah in das freundliche Gesicht des Engels, der sie anlächelte.

 

„Alle?“

 

„Ja“

 

„Auch mein Bruder?“

 

„Alle.“

 

„Danke.“, sprach sie und schlief ein.

 

In ihrer Lieblingskneipe beobachtete sie die Gäste von ihrem Stammplatz aus. Der Ober, ein schwarzhaariger Mann mittleren Alters namens Dimitri, nahm sowohl Getränke- als auch Musikbestellungen entgegen. Sie hatte sich ein dunkles Bier und „Whistling Girl“ von „Wovenhand“ gewünscht. Dimitri kannte ihren alternativen Musikgeschmack und lobte: „Gute Wahl.

 

„Hi, Hanna!“

 

Sie hob den Kopf. Vor ihr stand Dennis, mit einem Strauß Nelken in der Hand.

 

„Keine Angst vor deiner Phantasie. Kein Vogel kann zu hoch fliegen, wenn er seine eigenen Flügel benützt. William Blake!“

 

Er lächelte verlegen. Fast schuldbewusst senkte er seinen Kopf und eine blonde Haarsträhne fiel ihm ins Gesicht. Sie fand ihn süß in diesem Augenblick.

 

„Du bist ja ein Poet! Lernt ihr so etwas im Medizinstudium?“

 

„Schön wär´s!“

 

„Darf ich mich zu dir setzen, Hanna?“

 

„Ja, klar. Nimm Platz.“

 

„Die Blumen sind für dich. Heute ist Valentinstag!“

 

„Heute ist Valentinstag?! Nein, das habe ich völlig vergessen! Sehr nett von dir, Dennis.

Das wäre nicht nötig gewesen.“

 

Dennis setzte sich.

 

Beide sahen sich an. Es war ihm, als ob er ihr Gesicht in Gedanken abmalte. Ihre weichen, runden Gesichtszüge, ihre kleine, aber nicht zu kleine Nase, ihre vollen Lippen, ihre neugierigen Augen.

 

Er bestellte bei Dimitri ein Pils, „Get off“ von den Dandy Warhols und eine Vase für die Blumen.

 

Minuten vergingen, ohne dass einer von beiden ein Wort sagte.

 

„Hast du mir gerade schweigend deine Lebensgeschichte erzählt?“

 

„Nein, die dauert viel länger. Woher wusstest du, dass ich hier sein werde?“

 

„Zufall. Intuition.“

 

„Wie war deine Prüfung in medizinischer Psychologie?“

 

„War ok.“

 

Hanna stellte Dennis viele Fragen.

Bei Fragen zu ihrem Studium gab sie sich wortkarg. Zur Mitte des Studiums befand sie sich in einer Krise. Das Studium machte ihr keine Freude, es bestand für sie ausschließlich aus Überwindung und Arbeit. Die späteren beruflichen Aussichten machten sie nicht glücklich. Sie hatte ihrer Mutter einen Gefallen mit der Wahl des Studiums gemacht.

Nicht aus Liebe, sondern aus emotionaler Abhängigkeit.

 

Nach dem zweiten Bier entdeckten Dennis und Hanna, dass sie sich beide für gute Bücher interessierten. Über eine Ausstellung zu Peter Handke im Theatermuseum kamen sie auf Daniel Kehlmanns jüngsten Roman zu sprechen, den Dennis für ein Meisterwerk hielt, während Hanna nach 100 Seiten aufgehört hatte zu lesen.

 

Beim dritten Bier angelangt, begann Dennis von seiner Familie zu erzählen. Er war Einzelkind, seine Eltern wohnten im Umland. Er hatte einen guten Kontakt zu ihnen.

 

„Und bei dir? Wie ist dein Kontakt zu den Eltern?“

 

„Erzähle ich dir nächstes Mal.“

 

Sie schaute auf die Uhr.

 

„Ich muss heim. Dimitri! Zahlen!“

 

„Ok, schade. Es war sehr schön mit dir! Gerne können wir uns bald wieder treffen.“

 

„Danke, ich fand es auch sehr schön!“

 

WhatsApp:

„Ich komme nach München. Können wir uns treffen? LG, Moritz“

 

Ihr ekelte. Sie wollte ihren Bruder nicht mehr sehen. Er wusste das und probierte es trotzdem immer wieder. Vor zwei Jahren hatte er sie überraschend besucht und hatte es listig sogar in ihre Wohnung geschafft. Sie hatte gedroht, ihn mit dem Küchenmesser abzustechen, während er beteuerte „ein ganz Anderer“ geworden zu sein und es sich außerdem nur um „geschwisterliche Kuscheleien“ in der Pubertät gehandelt habe, sie solle sich nicht so haben.

 

Sie antwortete ihm: „Ich will dich nicht sehen und du weißt es. Lass mich in Ruhe.“

 

Am nächsten Tag begann eine normale Studienwoche. Vormittags verbrachte sie im Hörsaal, am Nachmittag lernte sie in der Bibliothek, abends daheim. Später knipste sie den Fernseher an und zappte sich durchs Programm. Sie blieb bei „Germanys next Topmodel“ hängen. Die Sendung sah sie sich gerne an, sie konnte sich dabei gut entspannen.

 

„Hör endlich auf herum zu zicken! Wir sind Geschwister! Ich habe mich 1000 x entschuldigt. Man muss auch vergeben können. Du bist ungerecht! Ich bin kein Verbrecher! Ich bin dein Bruder!“

 

„Hast du vergessen, wie weh du mir damals getan hast? Kannst du nicht akzeptieren dass ich dich nicht sehen möchte?! Ich will mein eigenes Leben ohne euch haben.“

 

„Gib wenigstens nur mir die Schuld, nicht auch noch Mama und Papa. Reicht es nicht, dass die Ehe unserer Eltern daran zerbrochen ist?“

 

„Die Ehe ist nicht daran zerbrochen, sie war schon lange vorher kaputt.“

 

„Mit dir kann man nicht reden.“

 

„Weil ich mit dir nicht reden will.“

 

Als sie sah, dass ihr Bruder erneut antworten wollte, blockte sie ihn.

 

„Keine Angst vor deiner Phantasie. Kein Vogel kann zu hoch fliegen, wenn er seine eigenen Flügel benützt. William Blake.“ Sie dachte an Dennis und den gestrigen Abend.

 

Spontan rief sie Dennis an.

 

„Dennis? Ich bin es, Hanna! Können wir uns heute sehen? Ja..? Ok? Zu dir nach Hause…. Ok…. Ok! Bis dann!“

 

Sie beeilte sich. Flog in die U-Bahn, landete am Hohenzollernplatz und schwebte leichtfüßig bis zur Wohnanlage von Dennis. Der Aufzug schoss sie in den 7. Stock. Dort befand sich Dennis kleine 1,5-Zimmer-Wohnung mit Balkon. Sie umarmten sich zur Begrüßung.

 

„Ich mag dich. Aber ich brauche Zeit.“, flüsterte sie ihm ins Ohr.

 

„Ich mag dich auch. Wir haben Zeit.“, antwortete er.

 

Von seinem Balkon aus hatten sie einen Ausblick auf einen bewegten Ausschnitt einer Großstadt. Lichter, die Autos waren, Schatten, die Menschen waren, Geräusche, die Leben waren. Das war anders als ihre Wohnung. Es war besser.

 

„Auf deinem Balkon habe ich das Gefühl zu fliegen“, sprach Hanna.

 

Sie umarmten sich erneut vorsichtig.

 

„Warte. Ich komme gleich. In zwei Minuten können wir beide fliegen!“

Er verschwand kurz in der Wohnung und kehrte mit einer Flasche Rotwein zurück.

 

Hanna lachte laut.

 

„Machen wir einen Rundflug!“, schlug Dennis vor und schenkte den Rotwein ein.

 

* Aus „Erklär mir, Liebe“ von Ingeborg Bachmann