Von Gerd Henze

Außer Paul war nur ein Arbeiter vom Friedhofsamt gekommen, der die Urne in dem Bohrloch versenkte. Wer anders sollte auch zur Beerdigung seines Vaters kommen? Freunde hatte er nie gehabt, seine Kollegen sah er nur bei der Arbeit, seine Frau, Pauls Mutter, war schon lange fort. Paul hätte ein paar Leute bezahlen können. Doch wem hätte das genützt? Ihm war es egal, seinem Vater wäre es auch egal gewesen. Der Arbeiter schaute ihn fragend an. Paul drehte sich um und ging. Hinter sich hörte er, wie die Schaufel in das Erdhäuflein gestochen wurde und der sandige Boden ins Loch rieselte.

Morgen war Heiligabend. Sein Vater hatte ihm nie etwas zu Weihnachten geschenkt. ‚Nur, weil es alle machen, müssen wir es nicht auch tun.‘, hatte er gesagt. Paul hatte seinem Vater immer eine Kleinigkeit geschenkt: eine warme Mütze für den Winter; eine Blutwurst, weil er lächelte, wenn er sie aß, obwohl er sonst niemals lächelte; einen steinernen Krug, aus dem er nie getrunken hatte; ein Portemonnaie, aus dem er jeden Ersten wortlos einen Fünfziger zog, den er ihm auf seinen Platz legte. Das war lange her. Seit vielen Jahren hatte er ihm nichts mehr zu Weihnachten besorgt.

Paul ging zum Leichenschmaus in ein Café. Niemand war gekommen. Er hatte auch niemanden eingeladen. Er trank einen Kaffee und aß ein Stück Streuselkuchen. Danach bestellte er ein Bier und sah aus dem Fenster. Draußen wurden die Straßenlaternen eingeschaltet.

Wo seine Mutter jetzt wohl war? Eines Tages, er ging noch nicht zur Schule, sagte ihm sein Vater, sie wäre gegangen und käme nicht mehr zurück. Paul weinte, denn er wollte nicht, dass seine Mutter weg wäre. Sein Vater nahm ihn bei der Hand, führte ihn in den Keller und schloss ihn ein. Es war das erste Mal, dass er ihn einschloss. Paul verstand nicht, warum seine Mutter nicht mehr da war. Sein Vater erklärte es ihm nicht.

Die Geschäfte auf der anderen Straßenseite räumten die Auslagen vom Bordstein und ließen die Eisengitter herunter. Paul bestellte noch ein Bier. Er würde seinen Vater nicht vermissen. Obwohl er lang mit ihm zusammen gelebt hatte, hatte er ihn nie so richtig kennen gelernt. Er hatte ihn gekleidet, ihm zu essen gegeben und manchmal in den Keller eingesperrt. Er hätte es schlechter treffen können. Als Paul damals aus dem kleinen Häuschen am Waldrand ausgezogen war, hatte sein Vater die Sachen, die er nicht mitnehmen wollte, in den kleinen Innenhof getragen und in einer Tonne verbrannt. Danach hatten sie sich nicht mehr gesehen.

Paul zahlte und ging. Er schlug den Mantelkragen hoch und versenkte die Hände tief in die Taschen. Sein Atem kondensierte an der kalten Luft. Im kleinen Park sah er eine Gruppe von Männern. Er blieb stehen. Zusammengekrümmt am Boden lag ein weiterer Mann. Die anderen traten auf ihn ein – in den Bauch, in den Rücken, ins Gesicht. Paul tat ein paar Schritte nach vorn in den Schatten einer Linde. Der am Boden hielt die Arme schützend vor die Augen. Die anderen traten weiter, mit den Absätzen, mit den Spitzen, sprangen auf den Kopf – wieder und wieder. Der am Boden rührte sich nicht mehr. Die anderen traten weiter auf ihn ein. Irgendwann hörten sie auf, stützten sich keuchend auf den Knien ab, rangen nach Luft. Dampfschwaden stiegen stoßweise aus ihren Mündern auf. Dann gingen sie und schlugen sich dabei die Hände ab. Paul beugte sich über den, der am Boden lag. Ein Obdachloser, so wie er angezogen war. Warmes Blut dampfte auf dem kalten, feuchten Kies vor der Bank. Ein Gesicht war nicht mehr zu erkennen. Paul wählte die Nummer des Notrufs.

Was der Mann wohl getan hatte, dass die anderen so wütend waren? Ganz gleich, was er getan hatte, sie hatten kein Recht, ihn so zu behandeln. Es war nicht richtig. Aber warum war es nicht richtig? Wenn man andere wütend machte, musste man mit den Konsequenzen leben. Ob der Mann hier noch lebte? Paul ging in die Hocke. Er hörte keinen Atem. Hinter ihm rannten die Sanitäter herbei.

„Gehen Sie, wir übernehmen jetzt!“
Dann kam die Polizei.
„Haben Sie uns angerufen?“
„Ja.“
„Was ist passiert?“
„Der Mann lag am Boden und vier andere haben auf ihn eingetreten.“
„Konnten Sie nicht helfen?“
„Dann würde ich jetzt auch hier liegen und Sie säßen immer noch in Ihrer warmen Wachstube.“
„Kennen Sie den Mann?“
„Nein.“
„Kannten Sie die anderen?“
„Nein.“
„Können Sie sie beschreiben?“
„Ja.“

Hätte ich ihm helfen können? Auf dem Weg nach Haus dachte Paul über die Frage des Polizisten nach. Angst hatte er nicht gehabt – er hatte eigentlich niemals Angst. Der Mann hätte vielleicht überlebt. Und dann? In ein paar Wochen hätte er wieder in dem kleinen Park gesessen und hätte andere wütend gemacht. Paul machte niemanden wütend. Er brachte aber auch niemanden zum Lachen. Der Obdachlose würde nie mehr lachen und nie mehr weinen. Ob ihn jemand vermissen würde? Paul vermisste ihn nicht. Ein Mensch starb, zwei wurden geboren – irgendwo. Ihn würde später auch niemand vermissen. Er hatte nicht einmal einen Sohn. Ob der Obdachlose einen Sohn gehabt hatte? Ob er ihn in den Keller gesperrt hatte? Paul hätte ihn gern gefragt, konnte er nun aber nicht mehr. Nichts konnte er ihn mehr fragen. Er vermisste ihn, obwohl er ihn nicht gekannt hatte. Warum hatte er ihm nicht geholfen? Vielleicht brauchte er ja selbst Hilfe.