oder wie viel Geld braucht der Mensch

Von Hans-Joachim Weddeler

Seit Tagen lag die Montagsausgabe der Mitteldeutschen Zeitung im Haus. Erst auf dem Küchentisch, nun auf dem Esstisch im Wohnzimmer. Die Zeitung war aufgeschlagen und, obwohl sie es sich nicht gegenseitig eingestehen wollten, heftete sich ihr Blick im Vorbeigehen immer wieder auf diese eine Mitteilung. Eine Mitteilung, die tiefe Gefühle wach gerüttelt hatte.

»Weißt du noch, damals als wir geheiratet hatten und unsere erste Wohnung bekamen? Wir hatten kein Geld für Küchenmöbel und Schränke. Auf der Sparkasse sagte sie uns: ‚Nein, sie bekommen keinen Ehekredit, sie verdienen zu viel. Kannste dich noch erinnern?« Seine Frau sah ihn in die Augen, nickte mit dem Kopf. »Ja ich weiß«, antwortete sie und mit einem Lächeln  sprach sie weiter »und dabei, es war nicht einfach. Du in drei Schichten, und an den Wochenenden und Feiertagen 12 Stunden durch, für 750 Mark. Und immer die Angst es könnte was passieren.«

»Du warst damals wie heute auch immer weg, Früh um 5 los, mittags die 2 Stunden zu haus und dann noch mal los. Das haben die 500 Mark auch nicht ausgeglichen. Und doch war`s zu viel, was wir verdienten. Schon komisch das Ganze.«

Genüsslich sog er an seiner Pfeife und lehnte sich auf dem Gartenstuhl zurück. Er rauchte nur draußen, auch jetzt im Winter. Er sah seine Frau an die, in ihrer dicken Strickjacke eingemummelt, ihm in der offenen Laube Gesellschaft leistete. Die Erinnerungen an die gemeinsam verbrachten Ehejahre waren in den letzten beiden Tagen mit unwiderstehlicher Macht in ihre Gedankenwelt eingedrungen. An Stelle des Ehekredits bekamen sie 6 tausend Mark, verzinst mit 3 Prozent, das reichte damals für Küchen- und Besenschrank, Spüle, Tisch und 4 Stühle. Dazu 2 Kleiderschränke – Marke vergrößerter Spind – und 2 Betten mit Matratzen, die sie nebeneinander stellten um ein Ehebett zu haben. Das war schon alles, es reichte aus. Der kleine Bungalow, den sie damals als erste eigene Wohnung zu gesprochen bekamen, war gemütlich eingerichtet. Mit dem Ofen im Flur, waren die Räume im Winter gut zu heizen. Der Platz genügte noch für das Trocknen der Windeln, nach dem 2 Jahre später ihr erster Sohn geboren war.

 

»Ich weiß es noch wie heute«, sprach er seine Gedanken aus, »unsere Hochzeitsreise führte in ein Ferienheim in den Harz. Und man wollte uns erst nicht die Einreisegenehmigung für`s Grenzgebiet geben. Als ob sie Angst hatten, wir wollten abhauen. Doch dann ging`s doch. Herbert brachte uns mit seinem Wagen da hoch und holte uns wieder ab. Dir war die ganze Zeit über schlecht. Das kommt davon, wenn man schwanger ist.« Lächelnd wendete er sein Kopf und sah zu seiner Frau. »Trotzdem war es schön« erwiderte sie »wir sind viel gelaufen und waren mit der Bahn in Schierke. Plötzlich stand die Schaffnerin vor uns und kontrollierte unsere Passierscheine.« Ihre Lippen verzogen sich zu einem leichten Grinsen.

»Und was kam nach 90zig?«, nahm sie ihre Gedanken wieder auf, »Umschulung und nun fasst 40 Jahre Arbeit. Und die ganze Zeit über haben wir irgendwelche Kredite bezahlen müssen. Warum, weil das Geld nie gereicht hat, dass man sich Wünsche erfüllen konnte. Immer war was, die Haussanierung, dann der Straßeausbau. Und zur Arbeit mussten wir ja auch fahren, günstige Verbindungen gab und gibt es ja nicht. Wenn ich so nachdenke, sind wir doch hauptsächlich mit unseren Auto`s zur Arbeit gefahren. Die paar Fahrten zur Ostsee und später nach Dänemark. Mein Gott, wo ist die Zeit bloß hin? Wenn ich daran denke, dass wir in den 27 Jahren der Sparkasse das dreifache zurückgezahlt haben und immer pünktlich, was denken die in Berlin sich bloß, wie es einem geht? Nur immer arbeiten und zahlen und ständig wird alles teurer. Für die Rente soll man sparen. Wovon, dass sagt keiner?«

»Stimmt schon« er steckt seine Pfeife wieder in Brand, »wenn wir nicht uns und die Kinder nicht hätten, es wäre nicht schön gewesen. So gab es immer einen festen Halt. Egal wie, bisher haben wir alles geschafft und das meiste allein gewerkelt. Das Haus so weit in Ordnung gebracht, den Garten, waren ständig auf Arbeit oder in Bereitschaft, du in der Klinik, ich im Landesdienst. Da darf man nicht drüber nachdenken, 40 Jahre im Dienst für 44 Prozent Rente . Es wird ja erst ab 91 gerechnet. Du musst noch ein paar Jahre, dann werden wir sehen ob die Rente reicht. Ja, wenn man Geld gehabt hätte, vielleicht wäre einiges anders gelaufen. Na was soll`s«

Er stand auf und klopfte seine Pfeife leer. Steckte den warmen Kocher in die Westentasche und sah seine Frau liebevoll an. »Gehn wir rein? Mir ist kalt« sagte sie und stand auf. Sie fassten sich an die Hand und gingen durch den Garten zum Haus. Die Spatzen und Meisen lärmten am Futterplatz und die Sonne strahlte vom blauen Winterhimmel, so dass sie, vom Schnee reflektiert, die Augen blendete.

 

Es war Herbst geworden, Frühwinter. Der erste Schnee lag und hüllte alles in ein friedliches Weiß. Geblieben waren gute und weniger gute Erinnerungen an die gemeinsam verbrachte Lebenszeit. Alles erlebte, hatte seine Spuren in ihren Herzen hinterlassen. Sie waren gereift im Strudel der Ereignisse, hatten sich nie aufgegeben und hofften von ganzem Herzen ihren Lebensabend glücklich und in Ruhe verbringen zu dürfen.

 

Auf der aufgeschlagenen Mitteldeutsche Zeitung lag der Lottoschein. Über Jahrzehnte hatten sich die angekreuzten Zahlen nicht geändert. Sie waren Begleiter geworden, obwohl sie keine Geheimnisse bargen und noch nie einen Treffer ergeben hatten. Hier auf dem Esstisch waren sie eigentlich fehl am Platz. Jedoch stellten sie zusammen einen Beweis dar. Den Beweis dafür, dass die angekreuzten Ziffern tatsächlich als Glückszahlen ermittelt wurden und das Ergebnis der Gewinn einer Million Euro ist.

 

»Ist dir schon was eingefallen, was wir mit dem ganzen Geld machen? Du Lotto – Millionär!«, fragte sie. »Ich weiß es auch nicht so recht«, antwortete er. »Einerseits bin ich glücklich, aber andererseits kann ich dir nicht sagen, ob ich glücklich bin oder was auch immer. So lange haben wir davon geträumt, uns Wünsche erfüllen zu können. Und nun Frau Millionärin? Was bedeutet es jetzt schon, nach allem was hinter uns liegt? Eine Million. Scheint deshalb die Sonne heller als sonst? Oder kommt damit Glück und Gesundheit? Nein, bestimmt nicht. Einige werden schon warten, wie das Finanzamt und die Sparkasse. Wir haben doch keine Ahnung davon, wie man sich verhalten muss. Vorzeitig sollte man sein Geld nicht an Kreditgeber zurückzahlen, dann wirst du noch bestraft wegen ausbleibender Zinsen.« Er sah unschlüssig aus, mit seiner in Falten gelegten Stirn. »Also, was wollen wir machen?«, unterbrach ihn seine Frau.

 

In der Stube hatten sie ihre gewohnten Plätze besetzt. Sie saß auf der kleinen Couch und sah ihn unverwandt mit hellen, erwartungsvollen Augen an, so als würden jetzt die Probleme endgültig und ein für alle Male geklärt.

»Wir haben einmal darüber gesprochen, dass man 400.000 seinen Kindern schenken kann, ohne das gleich das Finanzamt die Hände aufhält. Das stand so in der Zeitung. Ich denke deshalb, wir sollten jedem das Geld schenken. Den Rest behalten wir. Dann können wir zu deinem 60zigsten nach Irland. Diesen Herzenswunsch können wir dir erfüllen.«

»Meinst du? Schön wäre es ja, mit eigenen Augen die Landschaft und die Schlösser zu sehen. Ja, das ist mein großer Traum. Rosamunde Pilcher…« Ihre Gedanken waren nicht hier, in dieser Stube und bei diesem Problem. »Aber auch die anderen schönen Landschaften in Schweden würden mir gefallen. Das wäre ja auch was für dich, oder?« »Na klar, Wald, Berge und Seen, da müsste man sein Leben verbracht haben.«

 »Also gut« sagte sie, »auch wenn unsere Familie ja nun zerrissen ist, wegen der Einen, du weißt wen ich meine, glaube ich auch, das wir das Geld so verteilen sollten. Dann hätten die Jungs sicher ein gutes finanzielles Polster«. Seine Frau war aufgestanden und setzte sich neben ihn. Er legte den Arm um ihre Schulter und küsste sie auf die Stirn.

 »Es ist sicher gut so« antwortete er, » Und außerdem, wieviel Geld braucht der Mensch?«