Von Patricia Modispacher

Nach dem Entsetzen musste ich lauthals lachen. Alle Bankangestellten starrten zu mir. Ganz mechanisch ging ich auf die Schalter zu, wollte ihnen meinen Kontoauszug und diesen unfassbar apokalyptischen Fehler zeigen, dann aber blieb ich stehen. Mein ganzes Leben lang hatte ich Angst vor dem Kontoauszugsautomaten gehabt. Irgendwie war ich immer in den Miesen. Nicht meinetwegen. Mir selbst habe ich nie was gegönnt. Klamotten kaufte ich secondhand, wenn ich Lebensmittel kaufte, die nicht im Angebot waren, bekam ich Schweißausbrüche. Ich bin immer fleißig gewesen. Habe es nicht verschuldet, dass ich als Dauerstudent keine staatliche Hilfe mehr bekam und tausend Jobs brauchte, um nicht zu verhungern. Und weil ich so viel arbeiten musste, hatte ich Probleme mit dem Lernen und dem Bestehen von genormten Klausuren. Und so musste ich immer wieder ein Semester mehr dranhängen. Und noch eins. Und noch eins.

Aber jetzt war ich dran.

Auf mein Konto waren gestern 1 Million Euro eingegangen. Klar, das war ein Missverständnis, ein gewaltiger Irrtum, aber wer so viel Geld überweist, hat bestimmt noch ´ne Million irgendwo rumliegen. Wenn nicht tausende davon.

Schnurstracks ging ich nach Hause und nahm mir vor, so viel von dem Geld auszugeben, wie es ging, bevor jemand die Unstimmigkeit bemerkte. Zuerst kaufte ich mir endlich ein Notebook mit dem Obst-Logo, das so leicht sein sollte, damit ich nicht mehr mit meinem uralten vier Kilo-Laptop in die Uni musste, für den ich mich so sehr schämte, dass es mir schon wieder leidtat. Im Grunde war er ein guter. Moritz hieß er. Mein Laptop. Und hatte mir die letzten sechs Jahre meines Lebens gute Dienste geleistet, aber wenn ich ihn herunterfahren wollte, zwang er mich immer zu drei Updates, der Ton funktionierte nicht, ab und zu stürzte er ab. Es war Zeit, Moritz zu begraben. Dann bestellte ich die ganzen Markenklamotten, die ich mir schon als Kind erträumt hatte. Irgendwann merkte ich, wie sehr meine Wangen schmerzten. Von dem Dauergrinsen waren meine Muskeln total angespannt. Also bestellte ich Pizza zum Mittagessen, was ich seit Jahren nicht getan hatte.

Zu teuer.

In die Uni ging ich an diesem Tag gar nicht. Schließlich war ich ganz schön damit beschäftigt, sämtliche Werkausgaben von Goethe und Kleist zu bestellen, mit der unfassbaren Vorfreude, die beiden Kontrahenten in meinem klapprigen Bücherregal nebeneinanderzustellen.

Die kleinen Freuden.

Es war spät, als Jens heimkam. Als er sich im Flur die Schuhe auszog, klappte ich Moritz zu, griff mir meinen Block und tat so, als würde ich lernen.

„Na, fleißig?“

„Ein bisschen.“

Er wuschelte mir durch die Haare und küsste mich auf den Kopf.

„Wie war dein Tag?“

„Ganz gut“, war meine Antwort. Kühl und in der Tonart, die ihm zeigte, dass ich beschäftigt war.

„Ich mach uns was zu essen.“

„Okay.“

Sobald er weg war, klappte ich Moritz wieder auf und begann zu grinsen, als ich die nächste Bestellung abschickte. Jens habe ich an diesem Abend von meiner Million nichts gesagt. Wahrscheinlich wollte ich ihn damit überraschen.

Die Liebe.

Seltsam, wie anders man denkt, wenn man Geld hat. Die letzten Tage mit Geld waren die glücklichsten meines Lebens.

Früher bin ich durch jeden Laden und habe mich schlecht gefühlt, weil ich mir einfach nichts leisten konnte. Wollte ich mir einen neuen Teller kaufen, hatte ich drei Tage lang nichts, was ich auf diesen hätte legen können. Jetzt aber stolzierte ich durch jeden Laden und hatte das Gefühl, alles haben zu können, was ich wollte. Beinahe wahllos kaufte ich Lampen, Geschirr, Bettbezüge und ließ mir alles nach Hause liefern. Auch eine dieser teuren, glitzernden Badekugeln, die jeder auf den unsozialen Medien postete, kaufte ich. Dabei hatten wir nicht einmal eine Badewanne. Aber wenigstens diese Kugel.

Unendlichkeit.

Beim Shopping auf der Fußgängerzone begegnete ich meinem Schwarm. Ich traf ihn ungefähr einmal im Monat an verschiedenen Orten und war immer wieder aufs Neue darüber verwundert, wie gut Menschen aussehen konnten. Ich fragte mich, was sich reiche Menschen erlauben konnten und ging auf ihn zu.

„Für wie viel Euro würdest du mit mir rummachen?“

Der Schöne hielt die genormte Empörungsfrist von zwanzig Sekunden ein, bis ich ihm die Geldscheine unter die Nase hielt und er mit mir aufs nächste Klo ging. Er wollte nur 300 Euro haben, dabei hätte ich ihm auch 30 000 gegeben. Aber wie schätzt man schon seinen eigenen Wert ein?

Er stand dicht vor mir, sah auf den Boden und ich betrachtete seine makellose Haut, die dichten Haare und schrie beinahe vor Aufregung, als er mich endlich küsste.

Unendlichkeit.

Fühlt sich anders an.

Ich stieß ihn weg. Den Kerl kannte ich gar nicht. Er war schön anzusehen, ja, aber ich liebte Jens. Ich wollte Jens. Immer nur ihn. Was war in mich gefahren?

Daheim standen mehrere Pakete im Flur, sodass ich kaum zur Wohnungstür kam. Drinnen waren weitere Kartons und ein niedergeschlagener Jens.

„Wie hast du vor, das alles zu bezahlen?“

Keine Begrüßung, kein Lächeln in seiner Stimme, nur blanker Horror. Er wurde auch etwas wütend, dann aber zeigte ich ihm die neue Skiausrüstung, die ich für uns gekauft hatte und den enormen Koffer dieser Faber Castell Buntstifte, die er schon immer gewollt, aber niemals besorgt hatte, weil man sich doch meist für Lebensmittel entscheidet.

„Und hier: für deine Mutter, die vergriffene Erstauflage ihrer Lieblingsautorin und für deinen Bruder-“

„Wie du das bezahlen willst?“

Er freute sich nicht. Warum freute er sich nicht? Wie konnte er sich über die Buntstifte, die Staffelei, die Weltreise für zwei nicht freuen? Aber er wusste ja noch nicht, dass ich jetzt kein armes Würstchen mehr war.

Ich erzählte ihm von meinem Geld.

„Das ist nicht dein Geld.“

„Es ist auf meinem Konto.“

„Du schickst all die Sachen wieder zurück und dann gehst du zur Bank und klärst das alles auf.“

Das mit den Stiften nagte an mir. Er hatte sie immer schon gewollt und bei jedem Zeichnen mit Billigstiften gemeckert, dass das mit den anderen nicht so wäre. Warum reagierte er so irrational?

„Das ist mein Geld. Und was ich damit mache, ist meine Entscheidung.“ Ich entdeckte einen kleinen Briefumschlag und öffnete ihn, in der Hoffnung, die Tickets für das Konzert darin zu finden. Und das tat ich auch.

„Und ich entscheide mich dafür, dich glücklich zu machen.“ Ich drückte ihm die Karten zu einem Konzert mit anschließendem Meet and greet mit seiner Lieblingsband in die Hand. „Also sei gefälligst auch glücklich.“

„Du bist völlig durchgedreht.“

Er warf die Karten auf den Boden, schnappte sich seine Jacke und eine gepackte Tasche, die wohl schon die ganze Zeit neben ihm gestanden hat. Aber zwischen den ganzen Kartons hatte ich sie gar nicht gesehen.

„Gib mir Bescheid, wenn du wieder normal bist und die Sachen und das Geld zurückgegeben hast“, sagte er und stürmte hinaus. „Bis dahin bin ich bei Pat.“

„Ich denk gar nicht dran, das zurückzugeben. Das ist alles, was ich je wollte!“

Die Liebe.

Er kam nicht mehr zurück. Auf meine Geschenke reagierte er nicht. Ich habe sogar diese verdammte Band vor seine Haustür geschickt und er hat sie nicht reingelassen. Was für ein Schwachkopf. Auch ohne ihn kam ich gut klar. Schließlich hatte ich jetzt keine Geldsorgen mehr und viel Zeit. Denn die Uni hab ich geschmissen. Hatte ja genug Geld. Nur kam mit der Zeit immer mehr die Langeweile. Ich hatte mir eine Villa gekauft, die Welt bereist und innerhalb von einem Jahr all meine Lebensträume erfüllt.

Aber etwas fehlte.

Ich saß auf meinem Mahagonisessel im Foyer meiner Villa mit dem leicht spiegelnden Marmorboden und aß Trüffelpralinen, aber seltsamerweise schmeckten sie nicht. Etwas in meinem Leben war so bitter, dass es mir den Appetit verdarb. Dann sah ich online die Werbeanzeige von einer kleinen Insel in der Karibik und beschloss, sie mir zu kaufen, um einen ruhigen Rückzugsort zu haben.

Die kleinen Freuden.

Als ich auf meiner Insel von einem gutaussehenden Kerl einen Drink serviert bekam, klingelte mein Handy. Es war der verzweifelte Jens, der nun doch wieder angekrochen kam. Er heulte aber so sehr, dass ich kaum verstand, worum es ging. Sein Anliegen hatte wohl was mit dem Tod seiner Mutter zu tun. Ob ich das mit dem Krebs nicht mitbekommen habe?

So viel beschäftigt.

Was ich denn jetzt mache.

Dies und das.

Er redete unendlich lange, bis ich es nicht mehr aushielt.

„Jetzt sag doch endlich, was du von mir willst.“

„Ich kann die Beerdigung meiner Mutter nicht bezahlen. Weißt du, wie viel Geld die allein für einen doofen Grabstein verlangen? Ich glaube, einer aus purem Gold wäre nicht teurer.“

„Du willst mein Geld? Das Geld, das ich weggeben sollte?“

Er weinte. Jämmerlich.

„Ich zahle dir jeden Cent zurück, ich bin nur momentan nicht so flüssig.“

„Wann warst du je flüssig, Jens?“

„Ich mache grade Abendkurse, es ist ziemlich stressig, aber wenn ich es schaffe, dann-“

„Als ob du den Abschluss schaffen würdest.“

„Ich schwöre, ich zahle dir alles zurück, ich-“

„Weißt du, das meiste von meinem Geld habe ich bereits angelegt.“ Genüsslich trank ich von meinem Cocktail. „Von jetzt an muss ich mir jede Investition gut überlegen und, naja, so eine Beerdigung ist einfach zu teuer.“