Von Karl-Heinz Nebel

Eberhard hasste seinen Vornamen. Eberhard hat’s Geld verscharrt, hat’s wiedergefunden … Dieser blöde Spruch. Aber Eberhard musste schmunzeln. Das Geld, das er verscharrt, oder zumindest beiseitegeschafft hatte, war nie sein eigenes gewesen – er hatte es zu seinem machen wollen. Nun gut, dafür hatte er auch fünf Jahre Gelegenheit gehabt, darüber nachzudenken. Er hatte einen großen Traum: Einmal eine Million Euro besitzen. Schnell hatte er aber feststellen müssen, dass das mit seiner Hände Arbeit, selbst als Bankkaufmann, nicht so recht klappen wollte.

Sabine und er, das war der Inbegriff der großen Leidenschaft gewesen. Ein Vorzeigepaar. Bis er zu spielen begonnen und ihr gesamtes Erspartes dabei verzockt hatte. Aus Angst, Sabine zu verlieren, hatte er angefangen, erst kleinere Summen, dann immer mehr fremdes Geld auf ihr gemeinsames Konto zu überweisen, und es war nur eine Frage der Zeit, dass das aufflog.

 

Nun saß Eberhard im Bus und fuhr nach Hause. Er hatte gehofft, Sabine würde ihn abholen, aber ihr Job war wichtiger. Als starke Frau leitete sie ein ganzes Institut. Hatte fünfzig Männer und genauso viele Frauen unter sich. Da konnte sie nicht mal schnell den eigenen Mann vom Knast abholen. Bei ihrem letzten Besuch hatte sie ihm unmissverständlich klargemacht, dass das die allerletzte Chance war, die sie ihm bot. Noch ein krummes Ding, und ihre Ehe würde Vergangenheit sein. Er sah zum Fenster hinaus und bekam bei dem Gedanken feuchte Augen, dass sie ihm überhaupt noch vertraute.

 

Eberhard stieg nicht in seiner Straße aus. Sabine war nicht zu Hause, damit eine Gelegenheit für ihn, sich die Stadt ein wenig anzusehen. Ein Blick in seine Brieftasche gab ihm den Impuls, zum nächsten Geldautomaten zu gehen.

Aus alter Gewohnheit ließ er sich die Kontoauszüge ausdrucken. Der Drucker spuckte mehrere Blätter aus. Eberhard drehte den Stapel um und las. Der erste Eintrag war Sabines Gehalt. Er schämte sich, als er die Summe sah. Sie hätten sich mit beiden Einkommen ihren Traum vom eigenen Haus im Handumdrehen erfüllen können. Er las weiter. Belastungen von Versicherungen, ein größerer Betrag war von einem Modehaus eingezogen worden, warum nicht, dachte er. Er blätterte um – spürte sein Herz stolpern und nahm einen starken Stich in der Brust wahr. Die Summe von einer Million Euro war von jemandem, den er nicht kannte, eingezahlt worden. Geht jetzt alles wieder von vorn los?, fragte er sich und bekam weiche Knie. Die wildesten Gedanken schwirrten ihm durch den Kopf. Sabine wird doch nicht …?

 

Eberhard versuchte sich zu beruhigen. Er ging zum Blumenladen und kaufte einen Strauß mit einer großen Sonnenblume, so, wie Sabine ihn mag. Dann besorgte er eine Schachtel Lindt-Pralinen und machte sich zu Fuß auf den Weg nach Hause.

Sie war noch nicht da, als er die Wohnungstür aufschloss. Die Wohnung roch nur nach ihr, ihrem Deo und Parfüm. Er holte eine Vase, ließ lauwarmes Wasser hineinlaufen, gab den Strauß hinein und stellte sie auf den Tisch im Wohnzimmer. Dann ging er ins Schlafzimmer. Die Betten waren sauber überzogen, Sabines Bett war nur flüchtig aufgeschüttelt, wie sie es schon früher getan hatte. Eberhard versank in Gedanken an unbeschwerte Tage und vernahm dabei nicht die Geräusche an der Wohnungstür.

»Willkommen zurück«, sagte Sabine tonlos hinter ihm. Eberhard fuhr herum und starrte sie an. Bei Sabine läuteten augenblicklich die Warnglocken, das spürte er sofort. Aber er hatte ihr ja genügend Grund dafür gegeben. Das sollte sich jetzt ändern, das hatte er sich fest vorgenommen.

»Was ist los?«, fragte sie scharf.

Eberhard machte einen Schritt auf sie zu und versuchte ein Lächeln, das sie nicht weiter misstrauisch werden lassen sollte. Er nahm sie behutsam in die Arme, drückte sie an sich und seine Wange an ihre. »Hi, Schatz«, hauchte er ihr ins Ohr. Das winzig kleine Problem der riesig großen Summe auf ihrem Konto konnte noch einen Moment warten.

Dachte er zumindest, aber er spürte, dass er immer hibbeliger wurde. Er stellte sich die Frage, ob sie es überhaupt schon wusste, schließlich war die Buchung gerade einen Tag her.

Sabine hatte noch ihre Tasche über der Schulter hängen und ihren Sommermantel an. »Lässt du mich erst mal heimkommen?«, hauchte sie jetzt zurück. Eberhard ließ sie nur mit Widerwillen los. Sie legte ihre Tasche ab und hängte ihren Mantel mit schnellen Handgriffen auf einen Bügel an der Garderobe. Dann streifte sie ihre Schuhe ab, drehte sich wieder zu ihm und schlang ihre Arme um seinen Hals.

 

»Sagst du mir jetzt, warum du mich so entgeistert angesehen hast, als ich zur Tür hereingekommen bin?«, fragte Sabine, als sie nach ihrer ersten Runde aneinandergekuschelt in ihrem Bett lagen.

»Wir haben eine Million auf unserem Konto«, sagte er knapp.

»Du spinnst.« Sie lachte.

»Ich mache keine Scherze.« Eberhard zog seinen Arm unter ihrem Kopf hervor und setzte sich auf. »Ich weiß nicht, woher das Geld kommt. Das kann nur ein Irrtum sein.«

»Versprich mir, dass das keine krumme Sache ist, die du mir jetzt beichten willst«, sagte sie, und er überhörte ihre Angst vor einer erneuten Enttäuschung nicht. »Zeig doch mal den Auszug her.«

Eberhard schwang sich aus dem Bett und zog sich einen Hausmantel über. Er holte seine Brieftasche aus dem Wohnzimmer und legte sich wieder zu ihr, ohne den Mantel abzustreifen. Gemeinsam betrachteten sie sich die Zu- und Abbuchungen.

»Mein Gott, so viel Geld, da wüsste ich sofort, welche Wünsche ich mir als erste erfüllen würde.« In ihren Worten schwang Wehmut und auch er empfand so, weil sie schließlich morgen zur Bank gehen und die Summe zurückbuchen lassen würden.

»Endlich ein eigenes Haus mit einem schönen Grundstück und einem Wintergarten für meine exotischen Pflanzen, die ich mir zulegen würde und und und …« Sabine wurde richtig schwärmerisch.

Eberhard küsste sie auf die Nasenspitze, dann atmete er tief ein und ließ die Luft lautstark durch die Nase entweichen. »Leider müssen wir damit noch warten. Von diesem Geld geht es noch nicht.«

»Nein«, schmollte sie. »Und jetzt zieh endlich deinen Mantel wieder aus …«

 

Eberhard hatte auf dem Arbeitsamt eine Nummer reserviert, aber bevor er dorthin und Sabine ins Büro gingen, sprachen sie bei der Bank vor. Den Kontoauszug hatten sie mitgenommen. Zu dieser Zeit war noch kein Betrieb im Beratungsraum, sodass eine junge Frau sofort für sie da war.

Eberhard legte den Beleg auf den Tisch. »Wir haben eine Buchung auf unserem Konto, mit der wir leider nichts anfangen können.«

»Wieso leider?«, fragte die Frau, die sich als Inka Graf vorgestellt hatte. Sie nahm den Auszug, las die Kontonummer und öffnete auf ihrem Computer das Konto. »Haben Sie Ihre EC-Karten dabei?« Eberhard gab ihr seine. Inka verglich die Nummern und gab die Karte zurück. »Welche Buchung stimmt nicht?«, fragte sie.

»Na, die Million Euro. Wir wissen nicht, woher die kommt«, sagte Sabine.

Inka rief die Buchung als Vorgang auf. Sie las aufmerksam alle Einträge. Dabei sagte sie langsam: »Das Geld kommt von einem Sperrkonto. Das ist ja wirklich seltsam.« Sie griff zum Telefon. »Ich rufe mal oben die Kollegin an, die den Vorgang bearbeitet hat.« Sie wählte eine zweistellige Nummer, Eberhard und Sabine verfolgten mit Spannung das Gespräch. Inka sagte nur mehrmals »Okay.« Dann legte sie wieder auf.

»Spielen Sie Lotto? Meine Kollegin sagt, das Geld sei durch einen Buchungsfehler von der Lottogesellschaft auf dem Sperrkonto gelandet. Die haben den Fehler selbst gemerkt und die Umbuchung auf Ihr Konto beauftragt. Das ist ein Gewinn.« Sie strahlte Sabine und Eberhard an. »Herzlichen Glückwunsch. Sie sind Millionäre!«

»Aber wir haben doch gar nicht  gespielt«, sagte Sabine skeptisch.

Inka durchsuchte die Umsätze. »Doch, hier gehen monatlich acht Euro an die Lottogesellschaft. Vielleicht haben Sie das aus den Augen verloren, weil Sie längere Zeit nichts gewonnen haben.«

Eberhard und Sabine staunten sie an. Eberhard sagte: »Ja, das stimmt, wir haben vor Jahren mal gespielt. Aber wir haben es schon vor einer Ewigkeit gekündigt.«

Sabine wurde unruhig und blass. »Ich war vor Kurzem auf der Seite, ich weiß gar nicht, warum. Auf jeden Fall funktionierte unser Account noch. Dabei muss ich den Auftrag wieder aktiviert haben. Anders kann das nicht gewesen sein.«

Jetzt war es Eberhard, der seine Gesichtsfarbe verlor. »Mein Gott, dann ist das Geld ja doch unser«, sagte er und er klang unendlich enttäuscht.

Sabine sprang auf. »Warum freust du dich denn nicht?!«, rief sie und wirbelte herum.

Eberhard stand langsam auf, drehte sich ihr zu und sah sie mit offenem Mund an. »Ich habe zwar meine Strafe abgesessen, aber noch lange nicht abgezahlt.« Er sagte es so leise, dass es nur Sabine hören konnte.

»Was sagst du da?« Sabine erstarrte zur Salzsäule. »Was hast du da eben gesagt?! Das heißt, das Geld ist unser, aber nun doch wieder nicht, weil du für deine gottverdammten Scheiß…« Sie fuchtelte mit den Armen in der Luft und suchte nach den schlimmsten Worten, die ihr glücklicherweise nicht einfielen. Eberhard fühlte sich, als müsste er jeden Augenblick im Boden versinken.

Sabine überlegte eine Sekunde, dann huschte ein Grinsen über ihr Gesicht. »Moment mal«, sagte sie, »der Account geht auf meinen Namen. Der Gewinn gehört mir!«

Sie setzte sich wieder auf ihren Stuhl. Eberhard schien für sie nicht mehr zu existieren, denn sie sprach jetzt auf Inka ein. »Eröffnen Sie ein Konto auf meinen Namen und transferieren die Million dorthin.« Nun wandte sie sich Eberhard zu. »Eberhard, leb wohl! Ich wünsch dir Glück!« Sie winkte von unten her mit dem Handrücken in seine Richtung. »Du kannst zum Amt gehen. Das geht jetzt nur noch mich etwas an.«

Eberhard sah sie entrüstet an. »Sabine, das kannst du nicht machen!«

»Ich fürchte, sie kann doch«, sagte Inka. »Auf Wiedersehen.« Eberhard erhob sich zögernd.

Sabine sah ihn bedauernd an. »Schicksal«, sagte sie und wandte sich wieder der Bankangestellten zu, als hätte sie eben nur eine lästige Fliege verjagt.

 

Ende V2