Von Marianne Apfelstedt

Viktoria nahm das braune Medizinfläschchen und leerte die Flüssigkeit in den Topf der Zimmerpflanze. Aus der Glaskaraffe befüllte sie es mit Wasser und stellte es auf den Tisch zurück. Müde ließ sie sich in den ledernen Ohrensessel sinken, legte ihre Hand auf den flachen Bauch, die Wölbung vermissend. Ihre Finger drehten den goldenen Ring, ihre Gedanken entschwanden wie Rauchfahnen. Ein Klingeln tönte durch den Salon, schreckte sie auf. Schwerfällig erhob sie sich und nahm den Hörer vom schwarzen Apparat.

„Ja“, hauchte sie.

„Nicht gefallen! Kein Unfall!“ Ein Klacken, ein Rauschen, die Leitung tot.

„Darf ich?“, fragte Mrs. Stone und hielt sich den Hörer ans Ohr. Da sie nichts vernahm, drückte sie den Handapparat energisch auf die Gabel zurück. Immer wieder diese Anruferin, die nur mit Viktoria sprach. Viktoria ignorierte den prüfenden Blick der Haushälterin, strich ihren langen Rock glatt, der sich an ihre Hüften schmiegte und ging gerade aufgerichtet in den Salon.

 

Einige Monate zuvor.

Viktoria schlüpfte in den Mantel, um die Besorgungen des Tages in Hampstead zu erledigen. Schon fast an der Tür hörte sie das Klingeln. Sie lief zurück und griff sich den schwarzen Hörer.

„Viktoria Bright!“

„Sie sind gestolpert über die Stufen und tief gefallen. Warum?“, fragte eine ihr gänzlich unbekannte Frauenstimme.

„Wer sind Sie? Wovon sprechen Sie?“

„Es tut nichts zur Sache, wer ich bin. Das Warum muss geklärt werden. Zufall oder Absicht. Verloren, der Schatz! Verrat liegt in der Luft“, dröhnte die Stimme an ihr Ohr, vernebelte die Sinne, ließ den Atem stocken. Sie fiel, in tiefe Nacht.

 

Viktoria öffnete die Augen, sie lag auf dem Sofa. Kissen unter dem Kopf, ein feuchtes Tuch auf der Stirn. Auf den Arm gestützt setzte sie sich auf, das Karussell in ihrem Hirn ignorierend. Edward stand mit dem Rücken zu ihr am Tisch neben dem Kamin, wie immer im zweiteiligen Anzug. Er drehte sich um.

„Liebling, was ist passiert? Du lagst ohnmächtig im Salon. Hattest du einen Schwächeanfall? Soll ich den Arzt holen?“, Edwards Stimme klang an ihr Ohr.

„Mir wurde schwindelig, es geht mir besser. Eine unbekannte Anruferin war in der Leitung.“

„Hat sie einen Namen genannt?“

„Nein, nur wirres Zeug geredet, vom verlorenen Schatz.“

„Nimm den Apparat nicht mehr ab, solche Anrufe sind hinderlich für deine Genesung. Das Telefon übernimmt Mrs. Stone. Ruh dich aus, hier ist eine neue Medizin für deine Schwermut.“ Er zog ein Medizinfläschchen und einen Löffel aus der Tasche. „Ich bemühe mich, einen Termin für eine Sitzung bei einem Psychoanalytiker zu arrangieren.“

„Mir geht es besser, vielleicht sollte ich zuerst etwas essen, ich verspüre Hunger.“

„Nimm deine Medizin ein, dann lass ich dir eine Kleinigkeit bringen“, versprach Edward, als er ihr einen Löffel an die Lippen hielt, schluckte sie folgsam. Er machte sich auf den Weg zu den Hauswirtschaftsräumen.

„Mrs. Stone, rufen sie den Fahrer, ich muss nach London“, befahl Edward der Haushälterin. „Sie achten mir darauf, dass meine Frau fünfmal am Tag ihre Medizin zu sich nimmt. Bringen Sie ihr eine Kleinigkeit zum Essen sie verspürt Hunger.“ Er übergab ihr Medizinflasche und Löffel. Die Hausdame betrat mit einem Tablett den Salon.

„Ich habe heiße Suppe und geröstetes Brot für Sie. Wie schön, dass Sie hungrig sind.“

„Bitte bringen Sie mir noch Wasser, ich bin durstig.“

Nach der Mahlzeit nahm sich Viktoria ihr Buch mit, um auf der Bank vor dem Gartenhaus zu lesen. Einige Zeit später brach ihr der Schweiß aus und sie erbrach die Suppe im Schwall. Auf zittrigen Beinen schlich sie zurück zum Haus, um sich im Salon auf das Kanapee zu legen.

„Ich wollte Sie gerade suchen. Meine Liebe, geht es Ihnen schlechter? Sie müssen nochmals ihre Medizin einnehmen.“ Mrs. Stone flößte Viktoria einen weiteren Löffel der bitteren Flüssigkeit ein. Sie las in ihrem Buch, bald gab sie den Kampf gegen die Schwerkraft auf, ihre Augenlider schlossen sich. Sie erwachte im Morgengrauen aus dem Schlaf, geplagt von wirren Träumen. Die Tage zerflossen für Viktoria wie Nebel in der Herbstsonne, sobald sie etwas zu sich nahm, wurde ihr übel und nach Einnahme der Medizin reisten ihre Gedanken wie Schmetterlinge durch die Luft. Sie schlief auf dem Kanapee, sie schlief am Esstisch und manchmal stand sie gar nicht erst auf.

 

Viktoria folgte Edward an roten Backsteinmauern und weißen Fensterrahmen vorbei, blieb blinzelnd auf dem Gartenweg stehen und dreht den Kopf. Die gelben Blüten zwischen dem Grün tanzten wie Blätter im Wind auf dem See im Park. Fasziniert beobachtete sie den Reigen. Edwards Hand schloss sich um ihre und zog sie vorwärts, wie automatisiert setzten sich ihre Beine in Gang. Im Behandlungszimmer nahm Viktoria dankbar auf einem Sofa Platz, das unter dem Überwurf eines Perserteppichs und Kissen kaum zu erkennen war. In der warmen Stille fielen ihr die Augen zu.

„Guten Tag, wir kennen uns nicht, ich bin Marie Evans. Wie kann ich ihnen weiterhelfen Mrs. Bright?“, erkundigte sich eine unbekannte Stimme. Viktoria mühte sich ab, die Augenlider nach oben zu ziehen.

„Guten Tag, ich begleite meine Frau, Edward Bright. Sie hat vor einem halben Jahr unseren Sohn verloren und versinkt seitdem in Schwermut. Sie bekommt mehrmals täglich Morphium auf Empfehlung von Dr. Blackthorne, dem Arzt der Familie. Immer wieder hört sie Stimmen, meist am Telefon.“

„Können Sie mich hören Mrs. Bright?“, Viktoria setzte zu einer Antwort an, doch Edward antwortete für sie. Viktoria blickte entrückt auf die Gemälde an der Wand.

„Die Dosis wird auf eine Gabe zur Nacht verringert, die Patientin ist zu schläfrig. Beim nächsten Termin können Sie Ihre Gattin nicht begleiten, Mr. Bright. Ich möchte mit ihr von Frau zu Frau sprechen. Ich halte sie über die Fortschritte auf dem Laufenden. Wir sehen uns in zwei Wochen wieder“, verabschiedete Mr. Evans das Ehepaar.

 

In den nächsten Tagen wurde das Morphium reduziert. Edward verreiste geschäftlich und überließ Viktoria Mrs. Stones Obhut. Der Nebel lichtete sich und Viktorias Appetit kehrte zurück. Sie las in ihren Büchern und stärkte sich bei Spaziergängen im Garten. Am vereinbarten Tag fuhr sie der Fahrer zum Haus der Familie Evans.

„Heute sehen Sie schon munterer aus, Mrs. Bright. Liegen Sie bequem? Dann beginnen wir, …“

 

Nach der Sitzung fühlte sich Viktoria frei wie eine Lerche am Himmel, sie schickte den Chauffeur zurück und ging zu Fuß. Sie konnte nicht sehen, dass der Fahrer ihr in gebührendem Abstand folgte.

„Glaubst du mir jetzt? Warum hat sie nach deinen Eltern gefragt?“

„Mutters Selbstmord habe ich nicht erwähnt“, beteuerte Viktoria.

„Sie horcht dich aus! Sucht das Geheimnis. Vermutet, dass dein Vater am Sterbebett etwas ausgeschwatzt hat.“

„Sie ist so freundlich“, erwiderte Viktoria.

„Paperlapapp, freundlich! Die tut nur so, zieht dich auf ihre Seite. Sie steckt mit Edward unter einer Decke. Du musst vorsichtig sein. Halte dich von den Fläschchen fern, sie müssen verschwinden. Nimm meine Warnung ernst!“

„Die Flaschen zu zerbrechen nutzt nichts, Edward besorgt immer wieder Neue.“

„Du musst nur den Inhalt loswerden. Sie müssen in die Irre geführt werden.“

„Du hast Recht! Ich muss achtsamer sein, muss sie täuschen.“

Der Fahrer sah, wie Viktoria gestikulierte und wie sich ihre Lippen bewegten. Dann stand sie, wie eine Marionette, deren Fäden durchtrennt wurden, still am Straßenrand. Er hielt neben ihr an, als er die Tür des Fahrzeugs für sie öffnete, blinzelte sie. Viktorias Blick sah durch ihn hindurch. Er nahm sie sanft beim Arm und half ihr, einzusteigen.

„Die Mylady ist im Moment nicht ansprechbar. Sie führt wieder Selbstgespräche“, teilte der Fahrer Mrs. Stone mit.

Diese brachte Viktoria zum ledernen Ohrensessel und legte ihr zwei runde Pillen in die Handfläche.

„Bitte meine Liebe, einfach schlucken. Hier ist Wasser zum Runterspülen, dann fühlen Sie sich gleich besser.“ Viktoria führte die Hand folgsam zum Mund und trank das Glas aus. Mrs. Stone brachte es in die Küche zurück, deshalb sah sie nicht, dass zwei runde Pillen in den tiefen Ritzen des Sessels verschwanden und sich zu der restlichen Pillensammlung gesellten.

 

Als das Telefon klingelte, nahm Edward den Hörer ab.

„Edward Bright“

„Können wir reden?“, fragt eine weibliche Stimme.

„Ja. Viktoria hat vor einer Stunde ihre Pillen bekommen. Sie schläft jetzt. Du solltest gegen 19.00 Uhr nochmals anrufen, ich sorge dann dafür, dass sie am Telefon ist. Bestärke Sie in ihrem Wahn. Sie darf nicht mehr selbstständig handeln. Diese Psychoanalytikerin ist noch nicht überzeugt. Sobald Sie im Bethlem Royal Hospital eingewiesen ist, kann ich mich um unsere Angelegenheiten kümmern, einer Entmündigung steht dann nichts mehr im Wege.“

 

Stunden später, kurz vor Mitternacht.

Viktoria erwachte, mit Nachthemd und wallendem Haar huschte sie die Treppe im Dunkeln hinab und trank in der Küche ein Glas Wasser.

„Pst, leise … . Ja, ich glaube, du hast Recht“, flüsterte Viktoria. Ihre Hand wanderte ziellos über den Messerblock auf der Anrichte. Mit verträumtem Lächeln schritt Viktoria die Treppen hinauf, zurück ins gemeinsame Schlafgemach.

 

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