Von Ingo Pietsch

Ich zuckte zusammen, als mein Handy vibrierte und auf dem Schreibtisch zu wandern begann.

Meine Hände fingen eigentlich ohne Grund an zu schwitzen.

Ich speicherte das Projekt schnell ab, an dem ich die letzten zwei Stunden gearbeitet hatte.

Früher wären die ganzen Daten futsch gewesen, aber seit den letzten zwanzig Jahren war das inzwischen kein Problem mehr. Wir speicherten in unserer Firma die Dateien doppelt und dreifach ab, woran ich mich irgendwie immer noch nicht gewöhnt hatte.

Das Handy näherte sich gefährlich der Tischkante und ich hielt es auf, bevor es verschwinden konnte.

Ohne hinzusehen, nahm ich das Gespräch an: „Windau.“

Mit einer Hand fuhr ich den Rechner herunter und packte meine Tasche.

Meine Mutter war dran. Sie wollte mich nur daran erinnern, dass sie und mein Vater nachher zum Kaffeetrinken vorbeikommen wollten.

„Ja, Mama, ich weiß. Ich mache jetzt Feierabend und fahre direkt nach Hause. Bis gleich.“

Obwohl meine Mutter schon im Rentenalter war, war sie für mich immer noch meine Mama und nicht Henriette.

Ich prüfte noch einmal, ob noch wichtige Nachrichten hereingekommen waren. Und tatsächlich war zwischen dem ganzen unbedeutenden Kram eine Whatsapp von Susann, meiner Frau: „Schlachsahne nicht vergessen!“ Typisch Autokorrektur. Auch wenn man ein längeres Wort richtig geschrieben hatte, verwandelte die App es in etwas völlig anderes.

Gerade als ich meine Jacke angezogen hatte, meldete sich meine Handy erneut. Fast den ganzen Tag  stand es auf lautlos, da ich es meist am Körper in an einer Gürteltasche trug und deshalb jeden Anruf auch so mitbekam.

Auf dem Display stand „Unbekannter Anrufer“. Ich stutzte, ging aber trotzdem dran: „Windau.“

Niemals mit Ja antworten. Gespräche wurden schließlich aufgezeichnet und konnten dann so zusammengeschnitten werden, dass man irgendwas abonniert hatte.

Niemand antwortete, dafür hörte ich leises Hecheln.

„Hallo?“, fragte ich noch einmal. „Ich stehe nicht auf solche Anrufe. Hallo?“

Außer dem Atmen war nichts zu hören. Also legte ich wieder auf. Für so was hatte ich keine Zeit.

 

Auf dem Rückweg im Auto hörte ich meine Lieblingsmusik. Ich nutzte die Zeit gerne, um über alles Mögliche nachzudenken.

Ich war völlig entspannt im Mittagsverkehr, als es an meinem Gürtel wieder vibrierte.

Natürlich brachte es meinen Puls auf 180. Ich fummelte das Handy aus der Tasche, während ich versuchte, auf die Straße zu achten.

Ich Blödmann hatte vergessen, das Handy in die Auto-Halterung zu stecken und das Bluetooth zu aktivieren.

Da ich dachte, dass es ein wichtiger Anruf sein könnte, wischte ich den Anruf frei und hielt mir das Telefon ans Ohr, ohne an die Konsequenzen zu denken.

Dabei fuhr ich gefährlich nahe an den Mittelstreifen, was mit mehreren Autohupen aus dem Gegenverkehr quittiert wurde.

Schnell lenkte ich entgegen und steckte das Handy in die Halterung.

„Windau“ , antwortete ich.

Über alle Lautsprecher kam wieder dieses Hecheln. Auf dem Display war keine Nummer zu sehen.

„Es reicht jetzt!“

Die restliche Fahrt zum Supermarkt konnte mich auch meine Musik nicht wieder beruhigen. Wer ärgerte mich denn bloß? Was hatte ich demjenigen nur angetan?

 

Nachdem ich im Zeitschriftenregal im Supermarkt ein wenig in den Computerzeitungen geblättert hatte, ging es mir wieder besser. 

Schließlich fiel mir wieder ein, dass ich ja wegen der Schlagsahne hier war.

Gerade als ich an der Kasse bezahlen wollte, spielte mein Handy so laut „Eye of the Tiger“ von Survivor, dass alle sich nach mir umdrehten und einige sogar die Köpfe schüttelten. Während ich mein Geld rauskramte, drückte ich alles Mögliche, damit der Lärm endlich aufhörte. 

Ich hatte wohl vergessen, nach meinem Gespräch im Auto die Lautstärke wieder runterzuregeln.

Versehentlich aktivierte ich die Freisprechfunktion und alle anderen konnten ein Hämmern, wie im Stahlwerk hören.

„Lassen Sie mich endlich in Ruhe!“, brüllte ich und verließ unter mitleidigen Blicken und mit hochrotem Kopf den Laden, in der Gewissheit, die nächsten Wochen oder vielleicht nie wieder hier einkaufen gehen zu können, ohne angestarrt zu werden.

 

Zuhause stellte ich die Schlagsahne in den Kühlschrank, ließ mich anschließend in den Wohnzimmersessel fallen und atmete tief durch.

Susann kam mir mit zerzausten Haaren und schlaftrunken entgegen und setzte sich auf meinen Schoß.

„Ich bin wohl eingeschlafen, nachdem ich Bella ins Bett gebracht habe.“

Ich brummte: „Deine Sahne steht im Kühlschrank.“

„Danke“, sagte sie und küsste mich.

„Papa!“, rief mich eine Mädchenstimme.

Ich verzog ein bisschen mein Gesicht und gab Susann noch einen Kuss.

Wir gingen beide ins Kinderzimmer, um unsere Tochter abzuholen.

„Ach, du hast das Telefon!“ ,sagte Susann. „Das habe ich schon überall gesucht.“

Bella klopfte mit dem Mobilteil an das Bettgitter.

„Hat da etwa jemand die Wahlwiederholung gedrückt? Und die Rufnummernanzeige durch beliebiges Drücken ausgeschaltet?“, mutmaßte ich.

Susann nahm das Telefon und schaute nach. „Woher weißt du das?“

„Habe ich geraten“, sagte ich und musste laut lachen.

 

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