Von Bianka Boyke

Draußen regnet es und der kalte Wind ändert ständig seine Richtung. Auch im Hauptbahnhof ist es heute eisig. Dick eingepackt hetzen die Menschen aneinander vorbei und lassen immer wieder arglos ihren Müll fallen. So erlebt Kidane sie jeden Tag. Und was seinen neuen Kollegen Karl heute richtig wütend macht, stört Kidane kein bisschen. Während er Dosen, Kaugummipapiere und Zigarettenstummel mit der Zange aufsammelt, blickt er in die Gesichter der Hetzenden und ist kein bisschen neidisch. Ja, früher wünschte er sich einen anspruchsvolleren Job, hoffte, auch in Deutschland wieder als Ingenieur Fuß zu fassen oder zumindest etwas mehr Abwechslung oder Aufregung bei seiner Arbeit zu erleben. Aber mit seiner Frau, seinen Kindern und dem Dach über dem Kopf ist er zufrieden. 

 „Nun komm schon“, sagt Karl. „Ich will nach Hause und endlich raus aus den Klamotten.“ Karl schnappt sich den Handmüllkarren, gibt Kidane einen kleinen Schubs und schlurft los. Kidane bleibt dennoch stehen. „Geh du schon vor und mach‘ Feierabend. Ich komme nach und räume später alles weg.“ 

„Du bist echt komisch“, grummelt Karl ihm zu. Die beiden teilen heute zum ersten Mal eine Schicht miteinander. „Na dann, bis morgen.“ 

„Bis morgen, Karl.“

Kidane schiebt den Wagen zu den Schließfächern, lässt ihn dort stehen und geht Richtung Brezelstand weiter. Nun kann er sein Ziel schon sehen. Die Telefonzellen. Es ist schon viertel vor vier, also müsste er gleich kommen.

 „Hey, ist das ihr Karren?“, hört Kidane plötzlich von hinten jemanden recht laut und aggressiv rufen und erschrickt noch mehr, als er sich umdreht. Gleich mehrere Polizisten stehen in Sicherheitsmontur samt Helmen mit Visier neben seinem Karren. 

„Ja. Was ist denn los?“, fragt Kidane so leise und zitternd, dass man ihn kaum hören kann. Was hat er nur falsch gemacht?

„Sie müssen hier weg! Es gab eine Bombendrohung und wir müssen die Schließfächer checken. Verlassen Sie einfach den Bahnhof, der Karren kann hier bleiben.“

Ach so. Kidane blickt sich um. Erst jetzt bemerkt er, dass sich kaum noch Menschen im Bahnhof befinden. Die Rolltreppen stehen still, der Brezelstand, der Zeitschriftenladen und die Information sind menschenleer. Einige Polizisten sperren gerade mit Flatterband den Bereich um die Schließfächer ab, andere bringen Reisende hinaus. „Bestimmt wieder ein Fehlalarm“, vermutet der Polizist. „Aber wir müssen dennoch alle Schließfächer kontrollieren und den gesamten Bahnhof räumen.“

Drrrrr. Drrrrr.

„Mist“, denkt Kidane, während er plötzlich das mittlere Telefon klingeln hört. 

Drrrrr. Drrrrr.

Darauf wartete er. Schon vor Monaten hatte er ihn bemerkt: einen schlanken Mann, groß, hellbraune Haut, große braune Augen – wie er. Vielleicht auch aus Eritrea? Zidane ist sich fast sicher. Jeden Dienstag kommt er und telefoniert. Immer um 16 Uhr, immer genau fünf Minuten. Während er zu Beginn des Jahres noch passend zur Jahreszeit und eher schick gekleidet war, trug er irgendwann immer dieselbe Kleidung und die wurde über die Wochen dünner und abgetragener. Und während er zunächst beim und auch nach dem Telefonieren sehr fröhlich klang, sah er ihn die letzten Wochen nach dem Auflegen oft weinen.

Kidane nahm sich vor, ihn heute endlich anzusprechen. Heute, weil sein Kollege Walter im Urlaub ist und er unbedingt alleine zu ihm gehen wollte. Karl konnte er wegschicken, aber Walter kannte ihn längst zu gut und hätte sofort gewusst, dass Kidane irgendetwas vorhatte, wo er unbedingt dabeisein wollte.

Drrrrr. Drrrrr.

Der Polizist guckt Richtung Telefonzellen. „Ist das für Sie?“, fragt er, erwartet aber gar keine Antwort. „Sie können da jetzt nicht rangehen. Jetzt müssen Sie hier raus. Vorschrift.“

Während Kidane Richtung Ausgang geht, schaut er sich immer wieder nach dem Mann um, kann ihn jedoch nirgendwo entdecken. Auf dem Vorplatz angekommen, überlegt er kurz, wohin er gehen soll. Er entscheidet sich für den nahegelegenen Park. Es ist nicht die erste Bomenüberprüfung der Schließfächer, die er mitbekommt. Sicherlich wird es auch diesmal eine Weile dauern. Am Park angekommen, setzt er sich auf eine leere Bank, zieht eine flache Schachtel aus der Tasche und nimmt sich eine Zigarette heraus, als sich jemand beinahe lautlos neben ihn setzt. 

„As salam alay kum“, begrüßt ihn der Mann. „Darf ich auch eine haben?“ 

Kidane muss den Fremden gar nicht angucken. Er weiß, dass es der Telefonzellenmann ist, der sich da neben ihn setzt. 

„Du musst mir helfen. Ich weiß, dass du mich die letzten Monate immer wieder beobachtet hast und mir auch manchmal beim Telefonieren zusiehst. Das ist nicht schlimm, weil du mir nichts Böses willst. Das weiß ich. Ich kann nicht länger warten, ich muss zur Arbeit. Bitte geh du für mich nachher ans Telefon. Vielleicht klappt es schon um 17 Uhr, sonst um 18 Uhr. Ja?“  Der Mann steht auf. „Machst du das? Bitte!“

„Ja, mache ich. Aber … .“ Kidane möchte noch etwas fragen, aber es ist schon zu spät. Von Weitem hört er ihn nur noch rufen: „Ich bin Hawi – und danke.“

Irritiert bleibt Zidane zurück. Hawi. Dieser Name. Ganz bestimmt kommt er auch aus Eritrea. Wer wohl anrufen wird? 

Jetzt gerade möchte Kidane am liebsten sitzenbleiben. 

Dabei ist es doch das, was er wollte. Er wollte wissen, mit wem der Mann jede Woche telefoniert. Er wollte wissen, warum er jede Woche zur gleichen Zeit kommt, um rechtzeitig für den Anruf da zu sein. Jetzt konnte er es herausfinden. Nun wächst Kidanes Neugier doch wieder.

 

 Langsam wird es dunkel. Kidane steht auf, läuft zurück zum Bahnhof. Die vielen Menschen auf dem Vorplatz sind verschwunden, das Flatterband auch. Also war es wieder mal falscher Alarm. Wie meistens. Kidane geht Richtung Schließfächer. Dort wickelt der freundliche Polizist gerade das letzte Flatterband auf. „Steht noch am gleichen Platz ihr Karren. Na dann, schönen Feierabend.“

„Ihnen auch“, antwortet Kidane. Ohne die Erinnerung hätte er den Karren ganz vergessen, schiebt ihn nun mit zu den Telefonzellen. 

Drrrrr. Drrrrr.

Da! Das Telefon klingelt tatsächlich. 

Drrrrr. Drrrrr. 

Kidane blickt auf die große Bahnhofsuhr. 18 Uhr. Er wird schneller, möchte am liebsten rennen, bremst sich aber. Im Bahnhof ist es leer. Die Rolltreppen fahren ohne Gäste auf und ab und der gegenüberliegende Brezelstand bleibt nun wohl für den Rest des Tages geschlossen.

Drrrrr. Drrrrr. 

Langsam, als wäre er aus Glas, nimmt Kidane den Hörer ab und hält ihn ans Ohr. 

„Hawi? Hawi? Fen kunt el-youm?“ „Hawi? Hawi? Wo warst du?“, hört er eine zitternde, aber laute Frauenstimme. 

„Hier ist nicht Hawi, hier ist Kidane. Ein Freund. Sadiq. Ein Freund.“ 

Tuuut. Aufgelegt. 

Kidane hängt den Hörer ebenfalls ein. Das war bestimmt seine Frau. Die Frau von Hawi. Nun macht sie sich bestimmt noch mehr Sorgen. Oh nein!

 

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„Mama, was ist los?“, fragt Feven und zerrt am Mantel ihrer Mutter. „Mama, was ist los?“ 

Sesuna hält die Hand ihrer Tochter nun ganz fest und verlässt mit ihr die stickige Telefonzelle. Nun stehen die beiden mitten auf dem Markt Asmaras und Sesuna hat zum ersten Mal, seit ihr Mann vor über einem Jahr aus Eritrea vor der Zwangsarbeit nach Deutschland geflohen ist, große Angst. 

„Ich weiß es nicht, Feven. Ich weiß es nicht. Da war ein Fremder am Telefon.“

„Und was wollte er?“, fragt Feven. 

„Ich weiß es nicht“, antwortet Sesuna.

„Können wir ihn nicht fragen?“, hakt Feven nach. 

Sesuna blickt ihre Tochter an. Sie hat Recht. Was soll schon passieren? Der Mann sagte, er sei ein Freund, sogar auf Arabisch. Sadiq, ein Freund. 

„Du hast Recht, mein Schatz. Wir fragen“, antwortet Sesuna und geht mit Feven nochmal zurück, kramt nach der Telefonkarte, steckt sie ein und wählt. Nach so vielen Monaten kann sie die lange Nummer längst auswendig. 

Tuuut. Tuuut.

Es tutet nicht mehr. Der Hörer wurde abgenommen. 

„Kidane?“, fragt Sesuna.

„Ja.“

 

Version 2