Von Wolf-Ulrich Schnurr

Nacht für Nacht hatte er den gleichen Albtraum. Es musste ein solcher
sein, denn danach fand er sich stets in seinem zerwühlten Bett wieder.
Doch jedes Mal erinnerte er sich so genau, an so viele Eindrücke, wie es
bei früheren Träumen nie der Fall gewesen war.
In diesem erlangte er stets auf einer weiten Ebene sein Bewusstsein. Der
Boden wirkte wie Betonplatten, war aber durchzogen von langen Rissen und
Unebenheiten, wie ein alter, verfallender Parkplatz. Von Horizont bis
Horizont waren kein Baum, kein Strauch, nicht einmal einzelne
Grasbüschel zu sehen.
Doch war das überhaupt ein Horizont? Ringsum war die Ebene von einem
willkürlichen Wechsel von Anhöhen und Abrisskanten umgeben, von Kratern
und Kegelformationen, Bauwerken, die so wirkten, als seien sie von einem
Pilzgeflecht oder Narbengewebe überwuchert. Und da, wo die Übelkeit
erregend fremdartige Landschaft nicht seinen Blick bis zum Horizont
verstellte, da wirkte sie, als ob sie einfach aufhöre, abrisse.
Die ersten Male hatte er versucht, eine der scheinbar nicht weit
entfernten Erhebungen zu erreichen. Doch egal wie weit und wie lange er
in eine Richtung gelaufen, gegangen, zuletzt erschöpft gestolpert war –
nichts hatte sich verändert. Die Kegel oder Hügel oder überwucherten
Bauten waren nicht näher gerückt. Gelegentlich hatte er einen großen
Schritt machen müssen, um einen besonders breiten Riss zu überwinden.
Doch selbst diese schienen sich zu wiederholen; mal waren sie nur so
lange, dass er um sie herum gehen konnte, mal von solcher Länge, dass er
selbst nach gefühlt stundenlangem Marsch kein Ende erreichte.
Die Sonne, der gleißende Ball, stach aus einem unwirklich hellen, fast
weißen Himmel bar jeglicher Wolken auf ihn herab. Und sie änderte ihre
Position nicht. Immer schien sie aus derselben Richtung, demselben
Winkel, stand so hoch, dass er selbst keinen Schatten warf, zog keine Bahn.
Ihr Licht war unangenehm grell, und so kalt, dass er auf seinem
Handrücken und Arm jede Pore, jedes Härchen gestochen scharf erkennen
konnte, jedes Stäubchen auf seinen Schuhen. Dem kalten Licht war kein
Entkommen. Und er war alleine.
Nirgendwo ein Lebewesen, nirgendwo auch nur eine Flechte. Er vernahm
kein Geräusch außer seinen Schritten auf dem harten Boden, seinem Atmen,
dem Rascheln und Knistern seiner Kleidung.
Was er aber wahrnahm, war der Geruch. Nach muffigem, altem Staub, nach
zermahlenem Beton, kalter Asche und gelegentlich stechend nach Ozon. Von
Zeit zu Zeit hustete er.
Es war nicht kalt, nicht heiß. Genaugenommen konnte er gar nicht sagen,
wo die Temperatur lag. Es fror ihn nicht, aber warm war es auch nicht –
trotz der unablässig strahlenden Sonne. Es war trocken, eine Atmosphäre
wie in einem Gewächshaus für Kakteen.
Doch diesmal war etwas anders. Er hatte das Gefühl, beobachtet zu
werden. Und die absolute Stille verflog. Es war nichts zu sehen, doch
das Geräusch… wie von dünnen Pappbögen, die gegeneinander geschlagen
werden. In unregelmäßigen Abständen unterbrochen von einem hornenen
Klicken. Es kam näher, doch keine Quelle dafür war zu erkennen.
Er fiel in einen langsamen, Kräfte sparenden Trott, der ihn von der
Stelle weg bringen sollte, wo das Geräusch war. Doch dieses blieb nicht
zurück, wurde nicht leiser, im Gegenteil: Es sank zu einem stumpfen,
pulsierenden Pochen ab. Ihm standen die Härchen auf den Armen zu Berge.
Weg hier!, gellte es in seinem Kopf. Purer Instinkt.
Er beschleunigte seine Schritte im gleichen Maß wie sein Herz schneller
zu schlagen begann. Doch das Geräusch des ihn unsichtbar Verfolgenden
kam immer näher, wurde immer lauter. Ein trockenes Sirren, wie von einem
unsichtbaren Schwarm riesiger Insekten.
Bald rannte er, so schnell er konnte. Gelegentlich kam er ins Rutschen,
wenn seine Sohlen auf graugelbe Sandkörner trafen. Schweiß rann ihm von
Rücken, Armen, Beinen. Jeder Atemzug schmerzte mit Nadelstichen in der
Lunge.
Schließlich geriet eine Schuhspitze in einen der Risse. Er fiel aus
vollem Lauf aufs Gesicht. Ihm wurde schwarz vor Augen.
Als er wieder zu sich kam, spürte er unter sich nicht den harten,
betonartigen Boden, sondern seine weiche Matratze. Grelles Sonnenlicht
fiel durch die Rollladenschlitze in sein Gesicht und blendete ihn. Seine
Muskeln schmerzten, zitterten wie er selbst. Aber er war wieder in
seinem Zimmer.
Er stand auf, um ins Bad zu gehen. Als er in die Hausschuhe schlüpfte,
knirschte etwas unter den Sohlen. Was…? Er schaute hinab und wunderte
sich, wie gestochen scharf er die graugelben Körnchen auf dem Boden
erkannte.
Ein Gefühl des Unbehagens ließ ihn ans Fenster treten. Es dauerte einige
Momente, bis sich seine Augen an die kalte Helligkeit gewöhnt hatten,
die durch die Schlitze drang. Draußen war nicht mehr die Stadt. Die
endlose Ebene erstreckte sich dort. Und dann hörte er das langsam
anschwellende, metallische Sirren.