Von Albert Rowin

Ein Geheimnis lag in der Luft. »Ich bin adoptiert«, war ich in jungen Jahren davon überzeugt. Jeder würde davon wissen, nur ›ich‹ nicht. Manchmal war es mehr eine Hoffnung als eine Überzeugung, dann war es wieder genau umgekehrt und eher eine stille Angst: »bitte nicht«.

Vielleicht war es die Bravo und die vielen ›hilfe-ich-bin-adoptiert-was-soll-ich-nur-tun?‹-Leserbriefe und die Antworten von Dr. Sommer, die damals zu meiner Überzeugung führten und mich immer wieder zu kleinen Übungseinheiten im Badezimmer eingeschlossen, animierten. Im Badezimmerspiegel übte ich heimlich für den Ernstfall. Wer wollte ich sein?! Der Traurige? Der Wütende? Der Schockierte? Der Schrei? Der Glückliche? – oder war ›der Glückliche‹ in den Augen der Eltern vielleicht gemein? Eines Tages, so war ich mir sicher, würden mich Vater und Mutter an den Küchentisch rufen obwohl es weder Mittagszeit noch ich hungrig sein sollte, begleitet von den drei schrecklichen Worten »wir müssen reden«; doch ich war vorbereitet und für alle Fälle gerüstet. Nur welches Gesicht es am großen Tag tatsächlich sein sollte, wusste ich nicht. Ich würde spontan entscheiden. Im Notfall war auf ein Gesicht schließlich immer Verlass: das Kind ohne Emotionen, der Betäubte, das Wachkoma. 

Es kam anders. An einem sommerlichen Nachmittag sollten alle Adoptionsgedanken in mir zum Meeresgrund sinken, als plötzlich ein Sturm ganz anderer Natur in meinem Geist aufzog. Es war Ferienzeit. Die Schule aus dem Geist gestrichen und ein junger Mann mit ersten glücksraubenden bakteriellen Erhebungen im Gesicht auf der Suche nach Beschäftigung. Er sollte sie finden. Er fand sie aber nicht im Unterhaltungsprogramm des ORF, wie andere Personen in seiner Umgebung es zu dieser Stunde zu glauben schienen. Irrtum. Er fand sie in Gestalt seiner Mutter auf der Terrasse unter dem Sonnenschirm bei Kaffee und Kuchen mit ihrer Schwester, meiner lieben Tante, bei einem angeregten Schwätzchen sitzend. Es ist schon erstaunlich, was man alles erfahren kann, wenn ein Elternteil nicht ahnt, dass ein kleiner Wurm mit langen Ohren keine 50 Zentimeter vom Ort des Geschehens entfernt unter einem gekippten Fensterglas hinter einer Mauer heimlich auf der Lauer liegt, um akustisch in fremde Welten einzutauchen, die nie ein Mensch zuvor betreten hat. Im Belauschen eines Frauengesprächs kann sich das Bild der Welt verändern, sogar für ein damals beinahe-noch Kind. 

«die Inge steigt mit dem Fritz ins Bett. 

 »du spinnst!? Wer sagt das?!

«die Anna! Aber von ›mir‹ hast du das nicht!? 

»sicher nicht! Aber ›die Inge‹?! Die steigt doch selbst mit dem Ernst in die Kiste und der Kurt weiß von nichts.

«ja schon, aber ›das‹ stimmt. Ich habe es auch schon von der Helga gehört. Da läuft etwas!

»mit dem Fritz?! Das ist ja ekelhaft! Der hat seine erste Frau geschlagen!

«ge-schla-gen!?

»ja! Die sitzt jetzt in Wien in der Psychiatrie und ihre Tochter lebt bei ihrer Schwester in der Schweiz. 

«du spinnst?! Wer sagt das?!

»das weißt du nicht?! 

«nein! nichts! erzähl!

»aber von ›mir‹ hast du das nicht!

«natürlich nicht!

»gut. – Also, die Christa hat mir gesagt, dass…

Nichts kann unterhaltsamer sein und mehr zur stillen Belustigung eines Schülers zur Ferienzeit beitragen als ein Frauengespräch, es sei denn, man wird plötzlich selbst zum Thema und der Spaß zieht davon. Das Gespräch auf der Terrasse verließ allmählich den sicheren Hafen der Rosamunde Liebesgeschichten und begann sich plötzlich in meine Richtung zu drehen. Du liebe Zeit!? Mein Name war gefallen, und mit ›ihm‹, meine Sensoren augenblicklich geschärft. Was sollte es schon über mich zu schwätzen geben?! Meine ekelhaften Bettgeschichten lagen damals noch Lichtjahre von meiner Matratze entfernt, und die einzige Liebesbeziehung, die ich je führte, war vorbei – doch genau ›darum‹ drehte sich plötzlich das Gespräch vor dem Fenster, und wie es ›mir‹ ging, nun da ›sie‹ fort war. 

«habt ihr ihm eigentlich gesagt, was damals ›wirklich‹ passiert ist?

»ja, spinnst du denn?! Das können wir ihm nicht sagen.

«warum denn nicht?!

»bitte, dann ist ja alles aus und vorbei!

Obwohl sie der dreifaltige Gott in meinen Gebeten immer behüten und sie immer beschützen sollte, kam es eines Tages anders und ihr Platz in meinem Bett blieb leer – für immer. Jede Suchaktion blieb vergebens. Keine Nachricht. Kein Abschiedsbrief. Keine Erklärung. Nichts. Ghosting! Auch die lautesten Rufe nach ihr und die weltbesten Versuche das Piepsen einer Maus zu imitieren, konnten nichts an ihrem Verschwinden ändern: sie blieb fort. Entweder sie wurde »von einem Auto erfasst und stieg in den Katzenhimmel auf«, hieß es immer, oder sie hat den Partner ihrer Träume gefunden, ein Haus gebaut, geheiratet »und eine Familie gegründet«. Diese Lügen. Diese Menschen. Dieser Moment. Unter einem gekippten Fensterglas drang die nackte Wahrheit nun plötzlich mit einem Paukenschlag an mich heran, und eine Kindheit war für immer aus und vorbei:

 «und wenn sich der Josef verplappert? Er war doch dabei und hat sie in die Tierverwertung geliefert – oder ›das‹, was von ihr übrig blieb.

»ich habe ihm gesagt, er soll es gefälligst mit ins Grab nehmen! Auch ›du‹ solltest es besser ›nicht‹ wissen!

«ja glaubst du denn wirklich, ich sage ′hallo kleiner Mann, wie geht es dir, jetzt wo deine Katze in tausend Teile zerfetzt …′

Atmen. Auch wenn das Schwätzchen auf der sommerlichen Terrasse ungehindert weiter in die heiteren Tiefgründe der Menschheit hinab plätscherte, herrschte nur einen Wimpernschlag davon entfernt plötzlich eine Stille der nächsten Generation. Es war nicht einfach nur still, obgleich alle Uhren schwiegen. Es war kalt. Es war dunkel. Es war nicht von dieser Welt; und es war an der Zeit den Tatort der Offenbarung augenblicklich zu verlassen, sich ins Badezimmer einzuschließen, vor den Spiegel zu treten und sich zu fragen, wer man war. 

Ich war verändert; und hatte neben der Erkenntnis, literweise Tränenflüssigkeit in mir zu tragen,  vor allem ›eines‹ erfolgreich gelernt, und ›das‹ war die Erkenntnis, dass ich nicht immer alles wissen musste, so auch nicht in Sachen Adoption. Vielleicht war das Schweigen die bessere Wahrheit, dachte ich mir, als erfahren zu müssen, wie das vielleicht liebevollste Wesen dieser Welt, das mich durch alle wunderbaren Jahre meiner Kindheit schnurrte, tatsächlich ums Leben kam und den vielleicht grauenhaftesten aller Katzentode sterben musste. Diese Liebe. Dieses Ende. Diese Tränen. Dieses Unrecht. Dieser Gott. – Bis zu diesem Tag sitzt der Schmerz um die Wahrheit des Todes tiefer in meiner Brust, als das Wissen um das Geheimnis meiner Mutter, die mich nur vor mir selbst schützen wollte, auf ihre eigene Art, aber gescheitert ist, ohne davon zu wissen.

Wenn ich nicht wissen durfte wie ›mein Mädchen‹ aus dem Leben gerissen wurde, und wie schrecklich es war, dann durfte ich wahrscheinlich auch nicht erfahren, wer ich in Wirklichkeit war, ein Findelkind aus der Mülltonne vielleicht, geboren in den kalten Kellern eines Kinderschänders – und so war das elterliche Schweigen vielleicht auch besser so für alle, dachte ich mir. Keine Fragen. Keine Antworten. Keine Schmerzen. Alles gut. Der Fall schien erledigt. Adoptive Ruhe zog in meinen jungen Geist ein und hielt sich dort eine Weile auf, bis sie eines Tages aus dem Winterschlaf erwachte und sich ohne Rücksicht auf menschliche Verluste wieder auf mich stürzen sollte. Das Gesicht für die Offenbarung dieser Stunde hatte ich allerdings nie geübt – oder hatte ich doch, aber in Erwartung einer anderen Wahrheit. 

Es war ein gewöhnlicher Schultag. Die Vulkane der Pubertät mittlerweile über die gesamte Stirn verstreut, die Haare gekonnt platziert um sie zu verbergen, und neben ungemachten Hausübungen die vielleicht größte aller jugendlichen Sorgen tief im Rucksack verstaut: Gegenwind. Es war 7 Uhr 15. Im Auto: mein Vater am Steuer, ich daneben, und zwischen uns, keine fünf Zentimeter unter dem Rückspiegel befestigt, an einer zarten Silberkette baumelnd, die immer stärker wippende Unwahrscheinlichkeit unserer biologischen Nähe: das kleine Kreuz. 

Das Handschuhfach sollte an diesem Morgen mein Interesse wecken. Hinter verschlossenen Türen ist immer Interessantes zu entdecken – und so war es auch. Der Büstenhalter einer heimlichen Geliebten aus dem Nachbarort war es nicht. Ein Playboy war auch nicht zu finden. Nicht einmal eine angebrochene Packung Zigaretten konnten meinen Vater an diesem Morgen einer möglichen Blendung überführen. Nein; er war nichts als die Wahrheit auf zwei Beinen: Brieftasche. Brillenetui. Hundeleine. Waffenschein. Fernglas. Diese Langeweile. Doch plötzlich lag in meinen Händen die Wahrheit über mich selbst, nach der ich nicht mehr freiwillig suchte, und doch war sie mir nun einfach geschehen: der Führerschein meines Vaters und darin eingeklebt auf Seite zwei ein Foto von ›meinem‹ Gesicht, nur schlechter frisiert und ohne jedes Verständnis für die Notwendigkeit einer Augenbrauenpflege. Großer Gott!? Ich war das exakte Spiegelbild und die 100%ige genetische Kopie meines Vaters von vor 30 Jahren, und am Steuer links neben mir lenkte mich plötzlich meine eigene Zukunft ›mit Hut‹ in Richtung Schule. 

Atmen. Erwartet sich mein Vater etwa, dass ich so werde wie er?! Äußerlich war ich es schließlich schon. Ich war sein junges Ich, seine Vergangenheit, und die einzig mögliche Verlängerung seiner Erfolgsgeschichte in dieser Welt. Ein Vater. Ein Sohn. Ein Auto. Ein Auftrag. Du liebe Zeit?! Aus einer kindlichen Überzeugung, manchmal einer Hoffnung, dann wieder einer stillen Angst, war mit seinem Führerscheinfoto in meiner Hand plötzlich ein Ding der Unmöglichkeit und mit einem Blick nach links eine traurige Gewissheit geworden: »ich bin nicht adoptiert«. Ich bin das Ebenbild meines Vaters auf dem Weg in eine Zukunft des Grauens: der Mann ohne Haare, das Ich von morgen, das Ende der Welt ›mit Hut‹: »bitte nicht«. 

»Erde an Traumschiff: Ziel erreicht!

«oh. Sorry!

»na hoffentlich träumst du nicht auch in der Schule mit offenen Augen. Sonst wird ›nichts‹ aus dir.

«haha. Danke – ciao!