Von Roger A. Freiburghaus

Robert mochte die ruhigen Sonntagnachmittage in seinem Laden. Er legte die soeben beim Verkäufer um die Ecke geholte Sunday Times auf die Theke, worauf die Zeitung durch den Luftzug des schäbigen alten Ventilators, der wenige Meter neben ihm leise schnurrte, Seite um Seite aufgeblättert wurde. Robert setzte sich hin, schlug das Blatt zurück auf die Titelseite, glättete sie sanft mit seinen altersrauhen Handflächen, legte seine Nase aufs Papier und atmete mit geschlossenen Augen den typischen Zeitungsgeruch tief ein. Ein guter Riecher ist für einen exzellenten Antiquitätenhändler wie ihn unabdingbar, dachte er sich und kicherte verstohlen über sein eigenes Wortspiel.

Gerade wollte er mit Lesen beginnen, als er durch das Bimmeln des über der Eingangstür hängenden Windspiels in seinem Sonntagsritual gestört wurde. Er setzte die Nickelbrille auf, nahm jedoch durch das mit Fingerabdrücken übersäte Glas verschwommen einen etwas altmodisch gekleideten Herrn reiferen Alters wahr, setzte die Brille wieder ab, blinzelte zwei-, dreimal und erschrak.

Geplättet stand Robert vom Stuhl auf und begrüßte den Kunden mit einer höflichen Verbeugung, diesen ungläubig beäugend. Auch der Fremde schien perplex zu sein, stammelte „Guten Tag, Mein Herr. Ich habe da eine Frage; der Mann im Schaufenster, wer ist das?“, und nahm seinen Hut ab. „Oh, das Porträt“, antworte Robert nickend, zog ein adrett gefaltetes Taschentuch aus der Hosentasche und begann damit, nervös seine Brille zu putzen.

„Wissen Sie, mein Herr“, begann der Fremde, „Ich bin eigentlich nur kurz aus dem Krankenhaus herausgegangen, um eine Zigarre zu rauchen und ein paar Schritte zu gehen. Dann habe ich Ihr Antiquitätengeschäft entdeckt. Ich mag Erinnerungsstücke aus der Vergangenheit und als ich dieses Bild entdeckte, ja da dachte ich zuerst, ich blicke in einen Spiegel, bloß diese Wunde war nicht da.“ Der Fremde tippte mit der rechten Hand vorsichtig an das dicke Pflaster, das an seiner Stirn prangte.

Flugs schritt Robert zum Porträt im Schaufenster, hievte es aus der Verankerung und stellte das alte Bild auf eine verstaubte Staffelei. „Verblüffend, diese Ähnlichkeit!“, bemerkten beide unisono.

Der Fremde betrachtete den Mann auf dem Gemälde, zog den Hemdkragen zurecht, gerade so, als ob er sich in einem Spiegel zurechtmachen würde und fragte erstaunt: „Wer ist das? … Stört es Sie, wenn ich hier rauche?“

Robert schüttelte wortlos den Kopf, kramte aus einer Schublade einen Aschenbecher und Streichhölzer, drehte sich um und holte einen abgegriffenen Ordner vom Regal. Während sich der Fremde eine Zigarre ansteckte und weiterhin das Porträt fragend beschaute, blätterte Robert in seinen Dokumenten, bis er freudig ein paar unsorgfältig zusammengeheftete Fotokopien umständlich aus dem Ordner herauszog und in die Höhe hielt: „Mein Herr, hier habe ich die gesamte Information.“

Die beiden Männer beugten sich über die Papiere, währenddem Robert mit ruhiger Stimme halblaut Auszüge vorlas: „Unbekannter Künstler 1891 … Porträt von Declan Alexander Lowry-Lynch … Biographie … Geboren 1839 in Glasgow … Vater Schotte, Mutter Irin … Mit 14 Jahren nach Manchester auf Arbeitssuche gegangen … Fabrikarbeiter … Ehelicht 1861 die Tochter eines Textilfabrikanten … Zwölf Kinder, die Hälfte noch vor Erreichen des Erwachsenenalters verstorben … Geschäftsübernahme … Handelsreisen nach Europa und Amerika … 1884 Tod der Ehefrau, erneute Heirat mit einer 21-jährigen, drei weitere Kinder … Aktivist für das Frauenwahlrecht und Verfechter der Unabhängigkeit Irlands … 1892 verschollen auf einer Fahrt nach London … Vermutlich ermordet … Bestieg den Zug in Manchester-Central und ist nie in St. Pancras angekommen …“ Robert blickte von den vergilbten Papieren auf, rückte die Brille zurecht, flüsterte „Schrecklich!“ und schaute dem sichtbar verstörten Fremden fragend an: „Ist er gar einer Ihrer Ahnen? Ihr Akzent ist ja schottisch gefärbt… Ich mache Ihnen einen guten Preis: 300 Pfund Sterling, cash.“ Und schlug mit der flachen Hand auf die Theke, um damit das Angebot zu besiegeln.

Der Fremde wurde totenblass, steckte sich wortlos eine neue Zigarre in den Mund, auf der er bloß herumkaute, schaute durch die Fenster auf die belebte Straße, liess seinen Blick weiter zum Bahnhof St. Pancras schweifen. „Ich muss mir das erst überlegen, ich trage gerade kein Geld bei mir“, murmelte er schließlich. Er setzte den Hut auf, verließ hastigen Schrittes das Antiquariat, die mit schleichend rollenden Autos und Bussen verstopften Fahrbahnen querend.

Etwas enttäuscht durch den raschen Abgang eines potentiellen Kunden, ahnte Robert den geplatzten Deal. Er stellte vorsichtig das Porträt des nun etwas vertrauter gewordenen Mannes wieder zurück ins Schaufenster, faltete die Dokumente sorgfältig zusammen und legte sie vorerst auf den zugeklappten Ordner.

Dann zog er die Sunday Times unter dem Ordner hervor, um diese ungewöhnliche Begegnung schnell wieder zu vergessen. Die Zeitung lesend, allein dem Brummen des Ventilators lauschend, so wollte er den Rest des Sonntags in seinem Antiquitätenladen verbringen.

Durch die sommerliche Nachmittagshitze schläfrig geworden, überflog Robert die Schlagzeilen nur noch oberflächlich. Bis er auf einen Artikel stieß, der ihn augenblicklich wachrüttelte.

Den Mund weit geöffnet, den Atem anhaltend, strich Robert mit dem Daumen über die kleine Fotografie des Mannes, den er sogleich als seinen Besucher erkannte: „Mann ohne Erinnerung. Dieser Fall stellt die British Transport Police und Scotland Yard vor ein Rätsel: Wer ist der mysteriöse schottische Mittfünfziger, der im Juni dieses Jahres mit einer blutenden Kopfwunde auf den Gleisen im Bahnhof St. Pancras entdeckt worden war? Der Unbekannte selbst weiß es nicht. Und Linguisten sind verzückt über seine antiquierte Sprechweise …“

 

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