Von Lynn Artinger

Stephanie flitzte über die Raufasertapete des Hausflurs, überwand den Türrahmen der Küche und hielt auf die Vorratskammer zu. Durch eine kleine Spalte am oberen Scharnier der Tür schlüpfte die Spinne in den dunklen Raum und krabbelte weiter, bis zu ihrem Lieblingsplatz, dem kleinen Zwischenraum hinter dem Gemüseregal. Sie schnappte nach Luft. Dabei wurde Stephanie sich bewusst, wie unkontrolliert sie atmete und sie entschloss sich zu einer Atemübung. Doch schon nach ein paar kläglichen Versuchen brach sie ab und griff zu drastischeren Mitteln. Sie zählte ihre Beine. Erst nach einem halben dutzend Mal durchzählen begann Stephanie sich zu beruhigen. Sie atmete tief ein und aus. Die Regelmäßigkeit der Zahlen von Eins bis Acht und auch die immer wiederkehrende Erkenntnis, dass noch alle ihre Beine dran sind, löste das beklemmende Gefühl in ihr. Dieses Gefühl war in letzter Zeit zur alltäglichen Begleitung geworden. Es machte ihr das Krabbeln schwer.

Die Speisekammer jedoch war ein so angenehm ruhiger, dunkler Ort. Zu schade, dass Herr Thomas und Frau Klara hier keine Krabbeltiere duldeten. Das letzte Mal als es ein paar Insekten in die Speisekammer verschlagen hatte, waren die Beiden mit Chemikalien gegen sie vorgegangen. Eine Asselfamilie hatte ihr Leben dabei gelassen. Stephanie war selbstverständlich zur Trauerfeier gekommen. Danach hatte sie sich ein paar Stunden nicht bewegen können. Tieftraurige Verwandte verdauen sich nicht so gut. Was Stephanie an dem Ganzen nur so furchtbar ärgerte, war, dass Frau Klara und Herr Thomas anscheinend keinen Unterschied zwischen Asseln und Spinnen machten. Eine ganze Woche hatte sie nicht an ihren Rückzugsort gekonnt, weil das Gift ihr wie eine Dampfwolke entgegengeweht war, sobald sie sich der Tür näherte. Dabei hatten Spinnen doch gar kein Interesse an den in die Holzregale gestopften Lebensmitteln. Menschen scherten Insekten allzu oft über einen Kamm und das machte Stephanie manchmal richtig wütend. So wie jetzt gerade. Aber auch abgesehen davon hatte Stephanie in letzter Zeit das Gefühl, die beiden Menschen mit denen sie das Haus teilte, wollten sie loswerden. Öfter als gewöhnlich forderte die dunkelhaarige Frau ihren Mann auf, durch das Haus zu laufen und Stephanies Netze zu zerstören. Ihre mühevoll gewebten Netze! Er machte sie mit einem Wisch seines Staubwedels kaputt. Stephanie bekam jedes Mal eine Krise, wenn sie ihn mit dem Ding erblickte. Es war ja nicht so, dass sie im Überfluss lebte. Sie hatte keine Speisekammer, überquellend von Fliegen und Mücken. Schließlich war sie eine Winkelspinne. Stephanie war keine Sammlerin, sie war eine Jägerin. Davon mal abgesehen, waren Asseltrauerfeiern höchst selten und auch ansonsten gab es leider wenig Insekten im Haus. Warum musste Frau Klara auch immer alle Fenster schließen, sobald ein Licht im Haus brannte? Und dann dieser Fliegenfänger. Stephanie machte die Augen zu und atmete tief ein und aus. Nie in ihrem Leben hatte sie eine so harte Konkurrenz gehabt. Eigentlich war sie stets stolz auf den Biss, mit dem sie ihre Beute erstarren ließ, nachdem sie aus ihrem Versteck gesprintet kam. Aber wenn sie diesen gelben Fliegenfänger betrachtete, wünschte sie sich manchmal, sie hätte statt dieses mörderischen Bisses ein paar klebrige Fäden. Alles wäre so viel einfacher. Schließlich hatte sie eine Familie zu ernähren. Sie könnte faul herum liegen, warten und ab und zu bei einem ihrer Netze vorbeischauen, um sich einen Snack abzuholen. Der Fliegenfänger war klebrig. Bei dem Versuch dem Fliegenfänger seine Beute zu stehlen, waren schon fünf ihrer Kinder ums Leben gekommen. Sina und Sabri waren einfach kleben geblieben und als Scott, Sepp und Shirin ihnen zur Hilfe kamen, ereilte sie dasselbe Schicksal. Shirin hatte so stark dagegen angekämpft, dass sie sich zwei ihrer Beinchen ausgerissen hatte. Eine Träne kullerte Stephanie aus einem ihrer Augen, beim Gedanken an diesen tragischen Tag. Seitdem hatte sie ihren übrig gebliebenen 78 Kindern verboten sich dem Fliegenfänger zu nähern. Egal, wie hungrig sie auch sein mochten.

Stephanie war klar, dass sie nun schon eine ganze Weile in der Speisekammer verweilt hatte. Schweren Herzens krabbelte sie aus ihrer Nische und machte sich auf den Rückweg. Zumindest war sie nun ein bisschen entspannter als vorhin und trotz der sorgenvollen Gedanken, die sich einfach nicht abstellen ließen, raste ihr kleines Spinnenherz nicht mehr. Als sie die Raufasertapete der Wand im Flur unter sich spürte, dachte sie an das anstehende Familientreffen. Ihre 36 Schwestern inklusive Kinder würden da sein. Sie freute sich natürlich, ihre Schwestern endlich mal wieder zu sehen. Jedoch mussten sie immer so furchtbar doll aufpassen, wenn sie alle zusammenkamen. Menschen neigten dazu, überzureagieren und direkt den Kammerjäger zu rufen.

Als sie durch die Tür des Wohnzimmers schlüpfte, kam Stina ihr entgegen. Aus allen acht Augen tropften ihr die Tränen. Durch die unaufhörlichen Schluchzer war sie kaum zu verstehen, als sie sich ihrer Mama in die Arme warf. Zum Glück ahnte Stephanie sowieso, was passiert war. Während sie sich in der Speisekammer verkrochen hatte, hatten Frau Klara und Herr Thomas sich wohl mal wieder gestritten. Stina nahm leider alles sehr wörtlich, und wenn Frau Klara ihren Mann fragte, ob er spinne, brach sie jedes Mal zusammen. Beruhigend tätschelte Stephanie ihrer Tochter den Kopf und blickte sich nach Silas um. Auch er vertrat die Meinung, es sei diskriminierend, ihre Gattung als Synonym für „den Verstand verlieren“ zu benutzen. Außerdem setzte Silas sich dafür ein, die Lebenserwartung von männlichen Spinnen zu steigern. Stephanie konnte darüber nur den Kopf schütteln. Sie hatte schon alle Hände voll zu tun, ihre 78 Kinder satt zu kriegen. Doch statt Silas zu entdecken, fiel ihr Blick auf den kleinen Silvio. Sie schluckte und versuchte das Bild von Sascha zu verdrängen. Silvio sah ihm von all ihren Kindern am ähnlichsten. Sascha war die hübscheste und weiseste Spinne gewesen, der Stephanie je begegnet war. Und sie hatte ihn aufgegessen. Dass es so kommen musste, war ihnen beiden von Anfang an klar gewesen. Schon als er zum ersten Mal vorsichtig an ihrem Netz gezupft hatte. Es flogen einfach zu wenig Mücken in diesem Haus herum. Sascha hatte sich aufgeopfert. Für ihre gemeinsamen Kinder. Sie vermisste ihn so sehr. Manchmal, wenn ihr wieder mal alles zu viel wurde und selbst das Beine zählen nicht half, fragte sie sich, warum nicht sie sich hätte opfern können. Wie wäre Sascha mit dem Stresslevel wohl klargekommen? Stephanie riss sich aus ihren Gedanken, als Sören auf sie zu gerannt kam. Stinas Tränen waren bereits versiegt, doch sie klammerte sich weiterhin an Stephanie. Besorgt rief Stephanie ihrem Sohn eine Warnung zu, doch da war es schon passiert. Sören schien nicht damit klar zu kommen, dass er – wie jede andere Spinne auch – acht Beine besaß. Wenn er nicht seine volle Konzentration aufs Krabbeln verwendete, schaffte er es immer wieder sich in seinen Beinen zu verheddern und zu stolpern. Das war ein fast so unpraktisches Problem wie das von Samira, die auf jedem ihrer acht Augen blind war. Gerade als Stephanie sich in Gedanken darüber freute, dass die kleine Samira wenigstens intakte Tasthaare hatte, durch die sie sich orientieren konnte, platzte es aus Sören heraus: „Selina rasiert sich die Beine!“. Stephanie war fassungslos. „Sie ist schon beim sechsten Bein! Wir haben ja versucht sie abzuhalten, aber seit sie mit der Mauerspinne Marie gesprochen hat, glaubt sie irgendwie, Haare an den Beinen wären unnatürlich und eklig. Zumindest bei weiblichen Spinnen, sagt sie. Es ist absurd!“. Stephanie machte einen Bogen um Sören, der seine Beine immer noch nicht geordnet hatte und rannte in die Richtung, in der sie ihre pubertierende Tochter vermutete. Hoffentlich war es noch nicht zu spät. Schon als Selina in Sichtweite war, fing ihre Mutter an sie zurechtzuweisen. Selina wurde ordentlich ausgeschimpft und so blieb zumindest eines der acht Beine noch behaart. Gestresst blickte sich Stephanie um und versuchte vergeblich einen Überblick über die 78 durcheinanderwuselnden Spinnen zu behalten. Die Familienfeier würde der reinste Horror werden. „Sebastian!“ rief sie ihrem Sohn entgegen, als er eifrig auf sie zu krabbelte. „Nenn mich Basti! Das hab‘ ich doch schon achttausendmal erklärt.“, beleidigt drehte er ab. Stephanie seufzte. Sebastian hatte irgendwas gegen Traditionen. „Warte doch Basti, es tut mir leid. Was ist denn los?“, erkundigte sich Stephanie. Ihr Sohn brauchte nur einen Namen zu sagen, da rannte sie schon los. Samy.

Panik stieg in ihr auf. Samy, der Adrenalin-Junkie. Alle paar Wochen ließ er sich von der Decke fallen. Alles nur für den Kick. Stephanie sah bereits den Kreis Neugieriger, der sich um Samy gebildet hatte. Anstatt auf den Kreis zu, raste sie senkrecht die Wand hinunter und begann in Windeseile einige Fäden zu spannen. Das Netz, das sich nun bildete, war alles andere als saubere Arbeit. Es hatte riesige Löcher. Samy könnte hindurch fallen und sich seine Beinchen oder seinen Chitinpanzer brechen. Panisch flitzte Stephanie hin und her, spannte Faden um Faden, betete darum, dass sich Samy noch etwas Zeit lassen würde, als sie einen Luftzug verspürte. Er war direkt neben ihr gelandet. Zwei gekreuzte Fäden hatten den Aufprall abgemildert und nun lag Samy mit glänzenden Augen auf dem Parkett. Wütend funkelte Stephanie ihren Sohn an. Als ob sie nicht so schon genug Probleme hätte! Von der Decke rief Soraja ihr zu, dass Herr Thomas gerade den Staubwedel aus dem Putzschrank krame und da bekam Stephanie zu viel. Sie drehte sich um und krabbelte erschöpft in Richtung Speisekammer, das zweite Mal heute, um ihre Beine zu zählen.