Von Hans-Günter Falter

Ich war acht oder neun Jahre alt. Vielleicht auch schon zehn. Zum spielen ging ich raus, auf die Straße. Meine Eltern wussten nur selten, wo ich gerade war. Es interessierte sie aber auch nicht übermässig. Überhaupt gab es kaum Eltern, die das interessierte. Jedenfalls nicht unter den Kindern, mit denen ich damals unterwegs war.
Hauptsache zum Abendessen fand ich mich rechtzeitig wieder ein. Oder wenn es dunkel wurde.
Der Sommer war natürlich die beste Zeit für mich und die Anderen. Es war warm, die Tage endlos. Mit den Eltern gab es keinen Ärger, wenn wir spät zu Hause aufkreuzten, weil es so lange hell blieb. Im Winter kam es, aus diesem Grund, schon leichter zu Problemen.
Da war ich oft zu lange unterwegs, obwohl es kalt und ungemütlich gewesen sein muss. An diese ungemütlichen Gefühle habe ich merkwürdigerweise aber gar keine Erinnerungen mehr. Nur daran, dass die Tage viel zu kurz waren und, dass es viel Schnee gab.
In meiner Erinnerung lag im Winter immer viel Schnee und der Schlitten war das natürliche und selbstverständliche Spielgerät, so wie das Fahrrad im Sommer. 

Wir Kinder trafen uns also meistens auf der Straße, oder wir klingelten bei den anderen aus der Nachbarschaft an der Haustür und fragten nach, ob die zum spielen rauskommen wollten. Falls nicht gerade eine Mutter die Tür öffnete und der Andere noch blöde Hausaufgaben machen musste, waren wir dann schon mal einer mehr. 

An diesem Sommertag fuhr ich mit dem Fahrrad den Berg hinunter. Ich wollte zu Carl. Der wohnte etwas weiter entfernt, als meine anderen Freunde. Bergab war es natürlich auch kein Problem, aber irgendwann musste ich den Berg schließlich wieder hinauf, und das war ganz schön anstrengend.
Aber mit Carl verbrachte ich meine Nachmittage am liebsten. Wir hatten ähnliche Interessen und die gleichen Träume. Wir wollten Detektive werden. Mit ihm verband mich mehr, als mit den meisten anderen Kindern. Ich glaube, wir waren richtige Freunde. Außerdem hatte Carl praktisch immer Zeit, und andere Kinder waren nie bei ihm.

Obwohl ich also sehr gerne mit Carl zusammen war, fuhr ich doch nicht jeden Tag zu ihm, weil der Rückweg so nervend anstrengend war. Heute aber wollte ich ihn besuchen, nahm mein Fahrrad und fuhr los. 

Es gab nicht viel Verkehr an diesem Nachmittag, es war aber eigentlich auch nie viel Verkehr auf dieser Straße, nur bei den paar Querstraßen musste ich aufpassen und immer wieder abbremsen, auch wenn ich gerade gutes Tempo drauf hatte, … ziemlich lästig. Nach einigen Minuten erreichte ich Carls Haus.
Ein ziemlich altes und baufälliges Haus, in dem Carl mit seinem Vater und seiner Mutter wohnte. Geschwister hatte er nicht.

Mein Fahrrad lehnte ich, wie immer, an den Gartenzaun, ging den kurzen Weg zum Haus und wollte an die Tür klopfen, als ich Schreie hörte, die aus dem Haus kamen. Es waren Carls Schreie, ganz klar und eindeutig.
Erschrocken und erstarrt blieb ich erstmal stehen. Machte dann einen kleinen Schritt auf das Blumenbeet, neben der Haustür, und konnte so in die Küche schauen. Da stand Carl an eine Tür gelehnt und daneben sein Vater, der schlug immer und immer wieder mit einem Gürtel auf Carls Rücken ein. Carl schrie fürchterlich. Ich konnte alles ganz deutlich erkennen, war aber wie gebannt, weil die Szenerie so unwirklich war und doch gleichzeitig so real und nah.

Entsetzt und ganz benommen wendete ich mich ab, stieg wieder auf´s Fahrrad und fuhr los. Einfach nur weg von hier. Keine Ahnung wohin und wie lange ich unterwegs war. Einen klaren Gedanken konnte ich nicht fassen, war absolut geschockt von dem was ich gerade gesehen und gehört hatte. Ich schätzte, dass ich etwa zwei Stunden auf Achse gewesen sein musste, vielleicht auch wesentlich länger. Oder kürzer?
Dann zog es mich wieder in die Nähe von Carls Haus. 

Ich bog um die Ecke und konnte Carl im Garten stehen sehen. Er winkte mir freudig zu und ich fuhr zu ihm. Wir begrüßten uns, so wie immer. Alles war eigentlich, wie sonst auch.
Aber es fühlte sich ein bisschen an, wie in einem Traum. 

Carl erzählte von der Schule und was er im Garten gemacht hatte, daran kann ich mich noch ganz genau erinnern.
Kein Wort über seinen Vater und zu den Schlägen. Ich fragte auch nicht danach. 
Wir verlebten einen Nachmittag, wie schon unzählige vorher und bastelten an unseren Detektivausweisen.
Das Geschehene rückte, während unserer gemeinsamen Zeit im Garten, in den Hintergrund, verschwand dann ganz.
Kannst du dir das vorstehen?

Am Abend fuhr ich dann wieder nach Hause. Oder eigentlich fuhr ich nicht viel, sondern ging, das Fahrrad neben mir den Berg hochschiebend, so wie immer, wenn ich bei Carl war.

Die Ereignisse des Tages kamen mir auf dem Heimweg wieder besonders nahe und verwirrten mich. Über das Gehörte und Gesehene hatte ich auch an den folgenden Tagen noch sehr viel nachgedacht, es aber dann wohl auch irgendwie verdrängt, tief in mir begraben.
Sehr viel später fragte ich mich natürlich auch, ob ich nicht hätte eingreifen sollen; mich wenigstens irgendwie bemerkbar machen, damit der Vater aufhört Carl zu schlagen. Aber das wäre wohl für einen Jungen, in meinem Alter, gar nicht zu schaffen gewesen. Dafür war ich viel zu überrascht und überfordert von der Situation. Und auch zu zurückhaltend, von meinem Wesen her.
Verstehst du, was ich meine?

Ich habe Carl, nach diesem Tag, nicht mehr oft gesehen. Besucht habe ich ihn gar nicht mehr. Es war immer ein beklemmendes Gefühl, an Carls Haus vorbei zu kommen. Selbst wenn meine Eltern mit mir im Auto daran vorbeifuhren, habe ich nur sehr zaghaft hinüber geschaut, immer in der Angst, ich könnte noch einmal so eine Szene miterleben. Ich wollte mich wohl davor schützen und ging der Gefahr aus dem Wege.

Heute tut es mir um die Freundschaft mit Carl unendlich leid. Es war die Art von Freundschaft, die das Potenzial gehabt hätte eine Freundschaft fürs Leben zu werden, … zumindest glaube ich das. Vielleicht rührt sich da aber auch nur mein schlechtes Gewissen.
Jedenfalls musste Carl doppelt leiden; weil er geschlagen wurde und in der Folge auch noch einen Freund verlor, ohne zu wissen warum.
Genauso wie für mich mit Carl ein Freund unwiederbringlich verschwunden war.
Innerhalb kurzer Zeit verloren wir uns dann ganz aus den Augen und hatten keinen Kontakt mehr zueinander.

Ein paar Jahre später wurde Carls Haus abgerissen und an dieser Stelle drei Reihenhäuser gebaut. Sehr viel später hatte ich einen Bekannten, der in einem dieser neuen Häuser wohnte und den ich dort ein einziges Mal besuchte. Selbst da hatte ich noch das mulmige Gefühl von damals, obwohl von dem Haus und dem Garten rein gar nichts mehr übrig war. Aber der Ort war derselbe und der Geist der hier wohnte, war noch da und für mich zu spüren.
Spürst du diesen unguten Geist auch noch?

*

Als ich 19 Jahre alt war, habe ich Carl, unverhofft, in einer Kneipe getroffen. Wir erkannten uns nach all den Jahren sofort wieder, obwohl wir uns in den vergangenen, ungefähr 10 Jahren, bestimmt so stark verändert hatten, wie in unserem ganzen Leben nicht mehr. Bei dieser Begegnung fiel mir zum allerersten Mal sofort etwas an Carl auf, was ich früher nie bemerkt hatte, und was für uns keinerlei Bedeutung gehabt hatte.
Heute verstehe ich gar nicht mehr, wie mir das entgehen konnte und ich bin andererseits ziemlich stolz darauf, diese Nebensächlichkeit übersehen zu haben.

Carl und ich, wir unterhielten uns an diesem Abend lange und wir lachten viel. Ich hatte kurz überlegt, ihn nach seinem Vater zu fragen, vielleicht auch nach den Schlägen, die er einstecken musste. Hatte es aber nicht getan, weil ich annahm, es könnte ihm peinlich sein. Vielleicht befürchtete ich auch, Carl könnte mir Vorwürfe machen, weil ich ihm damals nicht geholfen hatte, mich stattdessen feige verdrückt hatte.

Jedenfalls sind wir irgendwann auseinandergegangen, ohne uns zu verabreden, haben auch keine Adressen oder Telefonnummern ausgetauscht. Es kam wieder ganz stark das Gefühl von damals in mir auf, als wir noch Kinder waren, da hatten wir uns auch nie verabredet, es gab nur diesen ganz selbstverständlichen Abschiedssatz: „Bis bald mal, ich komme einfach bei dir vorbei“.
Es war aber wohl endgültig die letzte Begegnung mit Carl, und die ist jetzt fast 40 Jahre her.

Was mir bei diesem letzten Treffen mit Carl aufgefallen ist, hat mir damals blitzartig eine Erklärung für die Schläge des Vaters geliefert, obwohl ich natürlich nicht wirklich sicher sein kann, dass es tatsächlich so stimmt, wie ich es empfinde. 

Es war aber ein so starkes Gefühl, mit so vielen Facetten und Einzelheiten, die mir da plötzlich im Kopf waren; die sich wie eine reale Erinnerung anfühlten. Und ich traute diesem Eindruck absolut, bin auch heute noch fest davon überzeugt, dass es stimmt, weil diese Ahnung sicherlich nicht nur einfach aus mir selbst heraus kommen konnte.
Es war eine Gewissheit, woher auch immer.

Carls Vater konnte gar nicht Carls Vater sein, weil er unfruchtbar war und keine Kinder zeugen konnte. Deshalb wurde er immer wieder so wütend und entlud seinen Zorn auf ihn, der nichts dafür konnte.
Carls Mutter hatte eine Affäre mit einem amerikanischen Soldaten, die damals in großer Zahl hier, in Südhessen, stationiert waren, und wurde schwanger.
Carls Vater war alleine schon durch Carls Vorhandensein in seinem Selbstwertgefühl und in seiner Männlichkeit verletzt. Deshalb hatte er ihn immer wieder geschlagen, auch wenn es keinen weiteren Anlass dafür gab und obwohl er sich immer Kinder gewünscht hatte.
Aus Sicht des Vaters belegte Carls Existenz, für alle wahrnehmbar, dass er als Mann versagt hatte, dass er betrogen wurde, dass er lächerlich war.

Vielleicht wäre unter anderen Umständen alles gar nicht so schlimm gewesen, vielleicht hätte er Carl einfach annehmen können, wie einen leiblichen Sohn, und es wäre für alle Beteiligten ohne erkennbare Probleme geblieben.
Wenn dieser Amerikaner, mit dem ihn seine Frau betrogen hatte, nur nicht so eine tiefschwarze Hautfarbe gehabt hätte.

Carl, kannst du mir verzeihen?