Von Franck Sezelli

»Wollen wir mal wieder die Aiguillettes de poulet nehmen, die sind im Angebot, oder willst du Schweinegulasch am Sonntag? Das Sauté de porc sieht gut aus.« Wir stehen im Supermarkt vor der großen Fleischvitrine.

Auf mein gemurmeltes »Ja« reagiert Elisabeth ein bisschen ungehalten. »Auf eine Oder-Frage kannst du nicht mit Ja antworten, du musst dich schon entscheiden. Wo bist du nur wieder mit deinen Gedanken?«

Eigentlich ist es mir ziemlich egal, was wir nehmen, meine Frau zaubert aus allem Köstliches. Sie kocht sehr gut, für meine Figur viel zu gut. Mal etwas Leichtes, Mediterranes, das andere Mal wieder etwas Deftigeres, je nachdem, worauf wir Lust haben. Schmecken tut’s immer!

»Und? Was nehmen wir nun?«

»Nimm doch die Aiguilettes vom Hühnchen, die sind immer so zart.« Irgendetwas muss ich ja sagen. Wie gesagt, eigentlich ist es egal, Hauptsache, wir sind hier schnell wieder raus. Einkaufen mit Maske macht wirklich keinen Spaß, ich verstehe Elisabeth da auch viel schwerer. Als ob die Maske mir auch noch die Ohren zuklebt, dabei reicht es, wenn die Brille anläuft und ich nichts mehr richtig lesen kann.

»Oder soll ich das Sauté auch noch mitnehmen? Wir können es ja einfrieren.«

 

Ich bin schon wieder mit den Gedanken abgeschweift, überlege, was ich über ein Netz schreiben kann. In dem Forum, an dem ich mich seit einiger Zeit beteilige, steht eine Aufgabe an über ein Netz. Dabei bin ich weder Fischer noch Angler, mag Fische gar nicht, Tennis spiele ich auch nicht. Das Internet ist auch ein Netz, wie der Name verrät, ein riesiges sogar. Oder nehme ich ein Einkaufsnetz? Früher gab es die überall. Ich hatte immer ein winziges Perlonnetz bei mir, kaum handflächengroß. Aber damit konnte man sogar zehn Bierflaschen nach Hause tragen!

 

»Du wirkst so abwesend, worüber denkst du nach?« Während Elisabeth mich fragt, legt sie die Packung Sauté de porc neben die mit den Hühnchenstreifen.

Warum nicht gleich so? Da muss sie mich doch gar nicht fragen! Ich antworte ihr auf die letzte Frage, manchmal hat sie eine Idee, die mir weiterhilft. »Entschuldige, Elisabeth, ich war abgelenkt. In dem Forum vom Verlag Schreibfreude, wo monatlich eine Schreibaufgabe gestellt ist, du weißt schon, habe ich dir oft erzählt, wo ich die anderen Geschichten lese und eine Meinung dazu schreibe und am Monatsende gar bewerten soll … Also in dieser Gruppe ist ›Netz‹ bald das Thema, genauer ›Im Netz gefangen‹. Darüber habe ich nachgedacht, was ich da schreiben könnte.«

»Dann schreib doch über dich! Manchmal kommt es mir so vor, als seist du in einem komplexen Autoren-Netzwerk verstrickt.«

 

Da übertreibt sie aber! Natürlich habe ich viele Leute kennengelernt und Verbindungen geknüpft, seit ich angefangen habe zu schreiben. So lange ist das ja noch nicht her: Seit wir in unser Paradies gezogen sind. Es begann mit Träumen, die ich Lust bekam, mal aufzuschreiben. Und das waren in heißen Augustnächten am Mittelmeer recht erotische Fantasien. Ist doch nicht verwunderlich! Die Traumfetzen wurden kleine Geschichten, die ich schließlich zu einem größeren Ganzen verwebte. Es machte Spaß. Der Gedanke nach Veröffentlichung drängte sich auf. Also Verlagssuche und Ablehnungen … Stutzig wurde ich dann bei einer recht schnellen Zusage. Gesundes Misstrauen und Recherche im Internet halfen. So lernte ich schnell den Begriff Druckkostenzuschussverlag und manch weiteres wichtiges Insiderwissen in der unüberschaubaren Szene der Schreiberlinge im Netz kennen. Zum ersten Mal beschäftigte ich mich mit eBooks, die kannte ich zuvor gar nicht. Das habe ich dann mit recht gutem Erfolg ausprobiert. Bei Neobücher stieg ich ein und hatte sehr bald eine ganz tolle Rezension – von einer mir total unbekannten Frau! Ich war glücklich!

 

»Warum lächelst du? Lachst du mich heimlich aus? Die Chips sind doch nur für den Fall, dass Gäste kommen. Nimm noch ein Stück Butter mehr!« Wir sind bei unserem üblichen Rundgang bei den Molkereiprodukten angekommen. Ich kann auch über etwas anderes nachdenken, wenn ich Routinen folge und die Butter aus dem Regal nehme.

 

Sehr bald wurde mir bewusst, dass Klingeln auch zum Schreibhandwerk gehört. Zumindest, wenn man gelesen werden will. Also erweiterte ich meine Präsenz bei Zuckerberg und stieg in einigen Büchergruppen ein, die Leser und Autoren vernetzen. Da war ich drin im Netzwerk! Nicht direkt gefangen, aber doch beschäftigt.

 

»Wollen wir uns hier noch nach einem Aperitif für die nächsten Tage umsehen? Oder fahren wir bald zu unseren Vignobles?«

Diese Frage bekomme ich auch bei meinem gedanklichen Ausflug in die Vergangenheit mit. Bedient das jetzt ein Klischee über Männer, frage ich mich. »Ich denke, wir könnten morgen in den Laden der Winzergenossenschaft fahren und dabei noch einen Abstecher zum Carrefour machen. Vielleicht haben die wieder Lammfilet? Oder auch mal wieder Spargel? Und wenn es grüner ist …«

 

Wo war ich in meinem Autorenleben angekommen? Ach so, eine Konkurrenz von Neobücher habe ich damals auch getestet. Bei Buchfix habe ich an Schreibwettbewerben teilgenommen, einige gewonnen, und kleinere Geschichten auf dieser Plattform veröffentlicht, später auch zum Verkauf freigegeben. Dabei habe ich auch einige ziemlich  erfolgreiche Autoren kennengelernt. Innerlich lachen muss ich, wenn ich daran denke, dass ich mich bei einigen Leuten recht schnell unbeliebt gemacht hatte. Denn ich war entsetzt, wie unbedarft da Texte in die Öffentlichkeit geschickt wurden. Texte, die von Fehlern wimmelten. Ich meine keine komplizierten Rechtschreibfragen, sondern durchaus auch Tippfehler, fehlende Wörter und ähnliche Dinge. Lesen diese Leute ihren Text nicht noch einmal durch, bevor sie ihn in einem Wettbewerb einreichen, fragte ich mich und schließlich auch in die Runde. Da hatte ich in ein Wespennest gestochen. Gemeinsam haben wir das geklärt und vielleicht die Maßstäbe ein wenig angehoben. Auch heute denke ich, dass ein Tischler Hobel, Sägen und Stemmeisen kennen und beherrschen sollte. Mein Selbstbewusstsein hat nie gereicht, irgend jemandem Unfertiges zu präsentieren.

Viel gelernt habe ich in einer recht seltsamen, geschlossenen Schreibgruppe, die seinerzeit interessierte Mitglieder suchte. Sie lebte von Textdiskussionen, kritisch, fundiert und strukturiert. Auch die Gruppe selbst war streng strukturiert, was ich als Neumitglied nicht so schnell erfasste. Obwohl in den Gruppenregeln selbstverständlich ein höflicher und freundlicher Umgangston gefordert wurde, war die Realität eine andere. Es war immer wieder vom Team die Rede, was ich naiv als das Gruppenkollektiv übersetzte. Bald merkte ich, dass es einen internen Kreis gab, der sich offenbar über andere Kanäle abstimmte, und dessen Mitglieder andere Rechte hatten und sich gegenüber dem Rest auch überlegen gaben. Straff geleitet wurde die sektenartige Gruppe von einem Mann, der sich als Guru aufführte. Wie bei einem richtigen Guru konnte man bei ihm einiges lernen, hier über Schreibtechniken, Stilistik, Buchsatz, auch Lektorieren und den Buchmarkt. Das meiste hatte er sich mit viel Fleiß selbst angeeignet und in meist simple, für ihn eherne Regeln gegossen. Grammatik und Rechtschreibung vermittelte er ebenfalls in gleicher Weise, konnte mir da aber nichts Neues bieten außer dem Umgang mit den sogenannten amtlichen Rechtschreibregeln, denen er aber selbst immer mal wieder nicht folgte.

Mit Lektionen zu diversen Themen, mit regelmäßigen Schreibaufgaben, auch unter Zeitdruck wie zum Beispiel Abgabe innerhalb einer Stunde nach Themenstellung, mit eigenen Ausschreibungen und der Unterstützung der Gruppenmitglieder bei fremden Ausschreibungen ist es ihm gelungen, das Niveau der Kurzgeschichten einer Reihe von Mitgliedern, sicher auch meines, zu heben.

 

Nebenbei höre ich gerade die Ansage: »… va ouvrir la caisse numéro quatre …« Das bedeutet, dass die Kasse vier gleich geöffnet wird.

»Welche Kasse?«, fragt Elisabeth.

»Quatre«, antworte ich, »schnell, wir haben wohl alles, stellen wir uns bei der Vier an, ehe es noch mehr Leute mitbekommen.« Meine Frau folgt mir und schon packe ich unsere Siebensachen auf das Band, während ich an einen Streit mit dem Guru denke.

 

Widerspruch duldete er keinen, da konnte man mit den besten Argumenten kommen. Dann lenkte er nicht ein, sondern wurde extrem beleidigend! Trotzdem blieb ich dort ziemlich lange, denn – wie gesagt – lernen konnte ich auch etwas. Außerdem war ich nicht der Einzige, mit dem der Meister sich anlegte. Ich sah viele kommen und gehen in dieser geschlossenen Gruppe. Vor allem Männer biss er schnell wieder weg. Es war sicherlich kein Zufall, dass sein Team, mit dem er sich umgab, aus lauter Frauen bestand, die ihm nach dem Mund redeten.

 

Abends zu Hause bei Baguette, Käse und einem Glas Fitou frage ich Elisabeth: »Sag mal, stört es dich eigentlich sehr, dass ich mich immer mal zurückziehe, um zu schreiben?«

»Nein! Wieso kommst du darauf?«

»Nun, weil du vorhin im Supermarkt so genervt von einem Autoren-Netzwerk gesprochen hast, in das ich verstrickt sei.«

»Na ja, weil du nicht richtig bei der Sache warst – sonstwo mit deinen Gedanken.«

»Das passierte früher doch auch, als ich noch gearbeitet habe.«

»Hast schon Recht! Aber beim Einkaufen – und auch beim Autofahren – wäre es schon gut, wenn du voll da bist.«

»Entschuldige bitte! Manchmal schwirren einem eben die Gedanken so durch den Kopf.«

»Ist schon in Ordnung. Mit irgendetwas musst du dich schon beschäftigen.«

»Du hast mir ab und zu auch schon gute Ideen geliefert, die ich dann ausgeführt habe. Im Übrigen – das weißt du ja – habe ich seit längerem diese Gruppe beim Verlag Schreibfreude gefunden. Da habe ich zwar einiges zu tun, erhalte aber auch viele Anregungen. In diesem Netz von Hobby-Autoren fühle ich mich überhaupt nicht gefangen, sondern gut aufgehoben!«

»Das ist doch gut! Ich lasse dir gern den Freiraum und die Zeit, die du brauchst.«

»Ich weiß, meine Liebe! Aber du weißt auch, dass – egal wieviel und wie gut ich schreibe und sogar verkaufe – eine Villa in der Karibik wohl nicht mehr drin ist …«