Von Angelika Brox

Nervös ging Kim im Flur auf und ab. Felix war jetzt schon über zehn Minuten in Dr. Raffkes Büro.
Sie hatten gestern Abend noch lange darüber gesprochen. Felix machte sich die Entscheidung nicht leicht, aber letztendlich fühlte er sich als Business Officer im Privatkunden-Segment mehr seinen Anlegern verpflichtet als der Bank.
„Ich will mir noch im Spiegel in die Augen sehen können“, sagte er.
In der Nacht hatten sie beide schlecht geschlafen. Heute Morgen nahm sich Kim frei, um Felix zu begleiten. Er wollte seinen Vorstandsvorsitzenden darüber in Kenntnis setzen, dass er im Falle einer Untersuchung nicht für ihn lügen würde.

Raffkes Sekretärin kam aus dem Vorzimmer, stöckelte den Gang entlang und verschwand in der Damentoilette.
Kim hielt die Spannung nicht mehr aus. Sie huschte ins Vorzimmer und lauschte an der Tür zum Allerheiligsten. Die beiden schrien sich an, doch sie konnte nichts verstehen. Vorsichtig öffnete sie die Tür einen Spalt breit.
Protziger Schreibtisch, dicker Ledersessel, bodentiefe Fenster mit Blick auf Hochhaustürme. Der wuchtige Dr. Raffke stand vor Felix aufgebaut wie ein kampfbereiter Stier. Im Vergleich zu dem älteren Mann im stramm sitzenden blauen Anzug wirkte ihr schlanker Felix in seiner verwaschenen Jeans und dem weißen Shirt sehr verletzlich.
„Ich decke diese Methoden nicht mehr!“, rief Felix gerade. „Ihretwegen haben unzählige kleine Anleger ihre Ersparnisse verloren!“
Raffkes Gesicht lief rot an wie das Hinterteil eines Pavians. Er schrie: „Schafe werden nun mal geschlachtet! Spielen Sie jetzt nicht den Moralapostel!“
„Immerhin habe ich noch Moral! Im Gegensatz zu Ihnen!“
Die wuchtige Ohrfeige traf Felix so unerwartet, dass er stürzte und mit dem Kopf gegen den Schreibtisch prallte. Reglos blieb er auf dem Perserteppich liegen. Blut sickerte aus einer Platzwunde.
Kim stieß die Tür auf, rannte zu ihm und kniete neben ihm nieder.
„Einen Krankenwagen! Schnell!“, rief sie.

Seitdem lag er im Koma. Täglich saß Kim an seinem Bett.
Eines Tages ging sie nach einem Krankenbesuch im Wald spazieren. Als sie zu einem plätschernden Bach kam, setzte sie sich ans Ufer.
Sie seufzte.
Sie seufzte noch einmal.
Sie seufzte ein drittes Mal, trommelte mit den Fäusten auf den Boden und schrie: „Aaaah-grrrr!“
Plötzlich stand eine zierliche Frau vor ihr. Auf ihrem blauen Seidenkleid und den langen silbernen Haaren glitzerten Wassertropfen. Ihre Augen leuchteten hellblau. 
„Huch“, sagte Kim peinlich berührt, „ich habe Sie gar nicht gesehen.“
Die Frau lächelte freundlich. „Ich kam soeben aus dem Bach, weil ich deine Klagen hörte. Ich bin die Wasserfee Ondina.“
„Wie bitte? Das ist jetzt ein Scherz, oder?“
„Keineswegs. Ihr Menschen glaubt, uns gäbe es nur im Märchen. Doch wir sind überall zu finden, aber wir zeigen uns nur, wenn wir Lust haben.“
„Wahnsinn! Darf ich ein Foto von dir machen?“
„Bitte sehr.“
Kim zog ihr Handy aus der Tasche und fotografierte die Fee. Doch als sie sich das Bild anschaute, sah sie nur einen dunstigen Umriss vor einem Busch.
Ondina schmunzelte.
„Ich bin nun mal eine Wasserfee“, erklärte sie. „Magst du mir von deinem Kummer erzählen?“
Also berichtete Kim ihr, was geschehen war, während Ondina sich neben sie setzte und die nackten Füße in den Bach hielt.
Schließlich sagte die Fee: „Dein Liebster fiel in einen ewigen Schlaf. Um ihn zu erlösen, brauchst du eine Locke vom Kopf des Teufels. Ich als Wasserwesen kann nicht in die Hölle gehen, aber du könntest es.“
Mit diesen Worten verschwand sie in einem Nebelhauch.

„Wenn es Feen gibt, warum sollte es dann keinen Teufel geben?“, dachte Kim. „Aber wo findet man den?“
Als erstes wollte sie es im Fairy-Land versuchen, einem Vergnügungspark für Erwachsene mit Spielcasinos, Bars und Gästehäusern. Bisher kannte sie es nur aus Prospekten, doch das wäre ein passender Ort für den Teufel.
Durch einen beleuchteten Torbogen trat sie in eine riesige Halle voller Spieltische und Glücksspiel-Automaten. Bleiche Gäste legten mit müden Bewegungen ihre Karten aus. Menschen mit dunklen Augenringen starrten wie in Trance auf rollende Roulettekugeln. Spieler mit Schweiß auf der Stirn hingen erschöpft vor klingelnden Automaten und schienen sich nur mühsam wachzuhalten. Kim ging zwischen den Tischen hindurch und hielt nach allen Seiten Ausschau, doch den Teufel konnte sie nicht entdecken, nur arme Seelen.

Am anderen Ende des Raumes befand sich eine Doppeltür. Kim öffnete einen Flügel und glaubte, in die Vorhölle zu blicken. Die Luft war aufgeheizt von Anspannung und fiebriger Gier. An den Wänden hingen Monitore, auf denen Aktienkurse flackerten. Schwitzende Menschen klammerten sich an Computermäuse, hackten auf Tastaturen ein oder schrien in Telefone. Immer wieder sprang einer auf und versuchte zu fliehen, doch sofort wurde er wie magnetisch zu seinem Arbeitsplatz zurückgezerrt.

Mit klopfendem Herzen eilte Kim durch den Raum und öffnete eine schlichte Stahltür. Vor ihr lag eine Treppe, die scheinbar endlos in die Tiefe führte. An den Wänden hingen brennende Fackeln.
Vorsichtig stieg sie die steinernen Stufen hinab. Je tiefer sie kam, umso wärmer wurde es.
Endlich stand sie vor einem eisernen Tor. Hier war es so heiß, dass ihr die Kleidung schweißfeucht auf der Haut klebte. Mit dem letzten trockenen Zipfel ihres Shirts wischte sie sich über das Gesicht. Dann klopfte sie an.
Eine rauchige Stimme fragte: „Wer ist da?“
„Kim Beste. Ich möchte zum Teufel.“
Knarrend öffnete sich die Tür und entließ einen Schwall wabernder Gluthitze. Ein attraktiver Mann mit welligem, dunklem Haar und grauen Schläfen schaute heraus. Bekleidet war er mit einem Morgenmantel aus roter Seide. Sollte das etwa der Teufel sein?
„Was starrst du denn so?“, knurrte der Mann. „Denkst du, ich würde heutzutage noch mit Hörnern, Pferdefuß und Ziegenbart herumlaufen?“
Als Kim genauer hinsah, entdeckte sie unter den Stirnlocken, dort, wo Teufel normalerweise die Hörner haben, zwei kleine Beulen.
„Nun sag schon, was du willst!“
„Ich brauche eine Locke von Ihnen, um meinen Liebsten aus dem Koma zurückzuholen.“
Der Teufel lachte. „Du machst mir Spaß. Na los, komm rein!“

Drinnen war es heißer als in der heißesten Sauna. Vor Kims Augen flimmerte die Luft. Undeutlich erkannte sie ein riesiges Herdfeuer, rußige Wände und ein rotes Sofa. Auf wackligen Beinen ging sie zum Sofa und sank in die Polster. Der Teufel setzte sich neben sie. Ihr fiel auf, dass er nach Patchouli duftete.
„Du kannst mich Luzi nennen“, sagte er. „Dann erzähl mal deine Geschichte. Ich hoffe, sie ist gut. Mir ist nämlich gerade ein wenig langweilig.“
Also erzählte Kim zum zweiten Mal, was geschehen war.
„Hm“, machte Luzi, „magst du Spiel-Shows?“
„Ähm … ja ….“
„Fein!“, freute sich der Teufel. „Dann geh raus und warte draußen!“

Nach endlosen Minuten wurde Kim wieder hereingerufen.
Luzi hatte inzwischen drei Kisten in die Mitte des Raumes gestellt. Breitbeinig saß er auf dem Sofa und hielt einen Bierkrug in der Hand. Mit gluckernden Schlucken leerte er ihn bis zur Neige und seufzte zufrieden: „Aaah, das tat gut!“
Jetzt erst wurde Kim bewusst, wie durstig sie war. Sie leckte sich über die trockenen Lippen. Leider bot er ihr nichts zu trinken an. Stattdessen deutete er auf die Kisten und sagte: „In einer findest du eine Locke von mir, in den beiden anderen steht jeweils eine Flasche Wasser. Du  hast nur einen Versuch.“
Kim betrachtete die Kisten. Alle drei sahen gleich aus. Wenn sie die falsche wählte, wäre alles verloren! Obwohl sie es nicht für möglich gehalten hätte, schwitzte sie noch mehr als zuvor. Ratlos schaute sie den Teufel an, doch der machte ein Pokergesicht.
„Hör auf deinen Bauch!“, dachte Kim und sagte spontan: „Die mittlere.“
Luzi grinste diabolisch. „So, glaubst du? Schauen wir erst mal, was in der rechten gewesen wäre.“
Er öffnete die rechte Kiste und hob eine Flasche Wasser hoch.
„Herrlich kühl und frisch!“, sagte er. „Du solltest sie nehmen, sonst verdurstest du auf dem Rückweg.“
Kim schüttelte den Kopf.
„Soso“, meinte der Teufel, „dein Liebster ist dir also wichtiger als dein Leben?“
Kim zögerte kurz, doch dann deutete sie entschlossen auf die mittlere Kiste.
Der Teufel grinste so breit, dass seine sämtlichen Backenzähne zu sehen waren.
Er säuselte: „Weil du so tapfer bist, will ich großzügig sein. Du darfst dich noch einmal umentscheiden.“
Kim blickte zwischen den beiden verbliebenen Kisten hin und her. Mit Sicherheit wollte der Teufel sie reinlegen. Also befand sich die Locke vermutlich in der mittleren Kiste. Aber vielleicht sollte sie auch genau mit diesem Trick rechnen und die Locke lag doch in der linken Kiste. Die Chancen standen fifty-fifty. – Halt! Der Mathe-Leistungskurs fiel ihr ein. Das Ziegenproblem. Sie überlegte: „Als alle Kisten geschlossen waren, standen die Chancen für jede eins zu drei. Nach dem Öffnen der rechten Kiste hat die mittlere immer noch die Chance eins zu drei, aber die linke ist mit einer Zwei-Drittel-Wahrscheinlichkeit die richtige.“
Sie streckte den Zeigefinger aus und deutete auf die linke Kiste.
„Ich nehme diese.“
„Ganz sicher?“
„Ja.“
„Vorhin wolltest du doch noch die andere.“
„Ich habe mich umentschieden.“
Luzi kräuselte die Lippen, öffnete langsam die mittlere Kiste und zog eine Wasserflasche hervor. Bedächtig öffnete er die linke Kiste, griff hinein und reichte Kim eine Locke.
„Man muss auch verlieren können“, sagte er. „Das Spiel mit dir hat mir Spaß gemacht. Also nimm deinen Gewinn, ich lasse dich gehen.“

Zurück in der Oberwelt, eilte Kim sofort ins Krankenhaus. Felix lag noch immer im Koma.
Ratlos betrachtete sie die Teufelslocke in ihrer Hand.
Was jetzt?
Plötzlich erschien die Wasserfee neben ihr.
„Gut gemacht“, lobte sie. „Lege ihm die Locke auf die Stirn!“
Kim befolgte ihre Anweisung. Die Fee zog einen Zauberstab aus ihrer Rocktasche und ließ ihn dreimal über Felix‘ Kopf kreisen.
Seine Augenlider zuckten.
Ondina verstaute die Locke in ihrem Dekolleté und verabschiedete sich mit den Worten: „Du darfst deinen Prinzen jetzt wachküssen.“




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