Von Regina May

Charly? Mein Gott, das ist jetzt schon so lange her. Wie kommst du denn jetzt auf den? Weißt du noch, wie wir alle mit dem Stefan im „Pudel“ gesessen haben, damals, nach dem Wader-Konzert im Saal hinten? Gibt’s den „Pudel“ wohl noch? Man, haben wir da gesoffen.

 

Ja und hinterher ging es meist beim Charly weiter. Erst beim DKP-Konzert laut mitgegrölt, dann beim Nazi weitersaufen. Wir waren schon verdammt dämlich. Wie – beim Nazi? Wusstest du nicht? Klar, der war richtig stramm auf Linie. Der hat doch dauernd gegen die Türken gewettert, auf übelste Art. Da konnte einem schlecht werden. Ich bin mal einen ganzen Monat nicht mehr hingegangen, weil ich’s nicht mehr hören konnte.

 

Jaja, der hatte den Bill hinterm Tresen, wohl wahr. Das war, als er selbst kaum mehr laufen konnte. Das war kurios. Bill war der Sohn von einem Ami, von der Besatzung, damals gab’s ja noch die Garnison. Der war in Wetterstetten zur Schule gegangen und sprach ganz breites Badisch, war immer gut drauf, der Schwarze. Hat am Ende ja den ganzen Laden allein geschmissen. Wie die sich überhaupt kennengelernt haben, weiß ich gar nicht. Der wird ja als Schwarzer nicht in die Nazi-Kneipe gegangen sein.

 

Aber das ist jedenfalls lange gut gegangen mit den beiden. Da stand Charly sogar im Reiseführer als „gemütliche Heimatstube“ mit dem Bill als Touri-Attraktion. Wenn der Bill dann loslegte und Badisch schwätzte, kreischten die Ruhrpottweiber vom Kegelclub das ganze Viertel zusammen. Das waren goldene Zeiten für Charly und Bill. Auf den knapp dreißig Quadratmetern haben sich ganze Busladungen mit dem billigsten Trollinger ins All geschossen, die standen die ganze Gasse rauf. Der Charly hat sich dumm und dämlich verdient in der Zeit. Und keiner sprach mehr vom alten Nazi.

 

Alle wollten plötzlich mit Charly schon lange befreundet gewesen sein, sogar der Hanke vom Kirchenvorstand kam damals regelmäßig vorbei. Was wohl aus dem Bill geworden ist nach der Sache? Hast du später noch was gehört? Jeder wusste doch, dass die Knarre unterm Tresen lag, der Charly selbst erst recht. Es kam ihm ja auch nur gelegen, dass Bill oft in der Kneipe übernachtete, nach den vielen Überfällen davor. Die sind ja damals für ein paar Flaschen Sprit eingestiegen, jedes Mal war die Tür oder ein Fenster kaputt. Da hatte der Charly sich die Knarre von seinem Vatter untern Tresen gelegt und hatte erst mal selbst im Kabäuschen hinten die Treppe hoch geschlafen.

 

„Eines Tages krieg ich die.“ Das hat der Charly immer gesagt. Wir haben immer gelästert, dass er nur da geschlafen hat, damit er nicht zuhause neben seiner Alten liegen musste. Oh man, Charlys Alte, wie hieß die noch, wir haben sie immer nur „Charlys Alte“ genannt, also, die hatte Haare auf den Zähnen. Am Anfang habe ich die gar nicht verstanden, die sprach ja überhaupt kein Hochdeutsch. Die saß den ganzen Tag mit den anderen Schrapnellen am runden Tisch und trank eine Schorle sauer nach der anderen und kommandierte den Charly rum.

 

Und als die gestorben war und der Charly an der Treppe den Unfall gehabt hatte, wie er da im Krankenhaus lag, da tauchte der Bill zum ersten Mal auf und schmiss den Laden alleine, bis der Charly wieder aus dem Hospital da war. Und von da an gehörte er einfach zum Inventar. Keine Ahnung, wo der Charly den seinerzeit aufgetrieben hat. Ich hab den vorher noch nie da gesehen.

 

Dass der Bill ihn dann erschossen hat, man das war damals ’ne Sache. Aber der Reitlinger hat wohl für lau die Verteidigung übernommen und den Bill rausgehauen. War ’ne prima Publicity für den Reitlinger und seine Kanzlei, stand ja mit Bild alles ganz groß in jeder Zeitung. Ein Jahr auf Bewährung hat er gekriegt, der Bill. Der hat ja geglaubt, es wäre ein Einbrecher. Der Charly, der alte Sack, hatte den Bill mit seinem Gesabbel darüber schon genauso verrückt gemacht. Gab ja wohl auch keine Hinweise auf irgendeine Absicht. Hat sich aber auch nie rausgestellt, was der Charly mitten in der Nacht da wollte. Der wohnte doch draußen in Bingheim, bestellte sich immer eine Taxe und ließ sich nach Hause fahren und der Bill schlief dann im Kabäuschen. Was wohl aus dem Bill geworden ist?! Ja, das waren Zeiten.

 

 

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