Von Agnes Decker

„Hallo. Aufwachen. Hören Sie mich? Frau Krüger. Wir haben sie gefunden.“ Gefunden? Mich? War ich denn verloren gegangen?

„Frau Krüger. Hören Sie mich?“ Die Stimme dröhnt in meinem Kopf. Der Schmerz schießt vom Hinterkopf in die Schädeldecke und von dort in den Nacken. Sie sollen ruhig sein. Mich schlafen lassen.

„Frau Krüger.“ Jemand schüttelt mich. Mit aller Kraft versuche ich, die Lider zu heben. Vergeblich, sie sind wie zugeklebt.

„Sie hat geblinzelt.“ Jetzt ist es eine andere Stimme, hell und schrill.  Als ich endlich die Augen öffnen kann, sehe ich einen Schatten, der sich über mich beugt. Schlafen, bitte lasst mich schlafen.

„Frau Krüger, schauen sie mich an“, wieder eine andere Stimme, sanft aber bestimmend.

Ich versuche es. Hebe die Lider. Stück für Stück. Ich kann das Gesicht über mir erkennen. Verdammt, plötzlich ist es wie weggezoomt. Jetzt wieder näher. Wieder weg. In meinem Kopf dreht sich alles.

„So und jetzt schauen Sie mich noch einmal an.“ Wieder diese samtweiche Stimme.  „Da sind Sie ja, hallo Frau Krüger“, ich sehe einen jungen Mann, der sich gerade eine blaue Haarsträhne aus dem Gesicht streicht. „Wir haben sie gefunden. Machen Sie sich keine Sorgen. Es geht ihr gut“, der junge Mann lächelt mich an.

Ich setze mich abrupt auf. Sofort wird mir übel und ich lasse mich wieder zurückfallen. Vorsichtig schaue ich mich um.“ Leitender Notarzt“ steht auf der rotweißgelben Jacke. Dahinter steht ein Rettungswagen, daneben ein Einsatzwagen der Polizei mit Blaulicht. Das Flackern und das blitzende Licht tun mir weh. Mein Kopf schmerzt. Wo bin ich? Wer sind die vielen Menschen, die hinter dem flatternden rot-weißen Band stehen?

„Wir bringen Sie ins Krankenhaus“, sagt der junge Mann und reißt mit einem ratschenden Geräusch die Manschette von meinem rechten Arm. Zwei andere Männer schieben mich in den Rettungswagen. Die Menschenmenge hinter dem Absperrband gerät in Bewegung und drängt nach vorne. Der Arzt mit der blauen Haarsträhne sticht eine Nadel in meine Handoberfläche. Ich sehe einen Schlauch, aus dem eine Flüssigkeit tropft. Tropf. Tropf. Tropf. Bin ich krank? Hatte ich einen Unfall?

„Was ist?“ Meine Stimme klingt rau und brüchig. „Passiert?“

„Schlafen Sie, es ist alles gut“, die sanfte Stimme hüllt mich ein. Alles wird leicht. Ich schwebe. Ja, schlafen. Bin so müde.

Als ich aufwache, schaue ich in einen blauen Himmel. Die Sonne strahlt durch ein großes Fenster direkt in mein Gesicht. Ich liege in einem Bett unter einem weißen Bettlaken.

„Guten Morgen, Frau Krüger. Wie geht es Ihnen?“ Eine weiß gekleidete junge Frau lächelt mich freundlich an.

„Danke, gut. Wo bin ich?“ Ich versuche, mich aufzusetzen, falle aber sofort wieder zurück. Die Frau zieht mich mit gekonntem Griff  in eine sitzende Position.

„Sie sind im Krankenhaus. Jetzt frühstücken Sie erst einmal.“ Die junge Frau stellt ein Tablett auf den Nachtschrank. Leise zieht sie die Tür zu. Hunger habe ich keinen. Aber der Kaffee ist heiß und gut.

„Guten Morgen“, schwungvoll wird die Tür aufgerissen. Ein dynamisch aussehender Mann in Weiß tritt ein.  „Sie haben alles gut überstanden, Frau Krüger. Der Arzt schaut zuerst in die Krankenakte und dann mich über seine Brille an. „Fühlen Sie sich in der Lage, mit der Polizei zu sprechen?“

Mit der Polizei? Habe ich etwas verbrochen? „Natürlich spreche ich mit der Polizei“, stammele ich. „Natürlich.“ In meinem Kopf herrscht Chaos. Ein Klopfen an der Tür lässt mich aus meinen Gedanken aufschrecken.

Zwei Männer treten ein. „Frau Krüger, ich bin Hauptkommissar Kurt Seitz und das ist mein Kollege Ralf Meyer.“ Der Kommissar rückt einen Stuhl an mein Bett und einen zweiten daneben. Dann nehmen beide Männer Platz. „Woran können Sie sich denn erinnern“, fragt er und zieht Notizbuch und Kugelschreiber aus der Innentasche seines Jacketts.

Ja, an was kann ich mich denn noch erinnern? An den jungen Arzt mit der blauen Haarsträhne und der sanften Stimme, an das flackernde Licht und den Rettungswagen.

„Ja, ja, Frau Krüger, das wissen wir schon. Aber was war davor?“ Der Mann, den Seitz als Ralf Meyer vorgestellt hat, hat beide Hände auf seine Knie gelegt und trommelt mit den Fingerspitzen darauf. Das macht mich nervös. Ich überlege. Mein Kopf tut wieder weh. Ich halte ihn mit beiden Händen fest, damit er nicht auseinander platzt.

„Ich weiß nicht. Das einzige was mir einfällt ist, dass sie gesagt haben, ich solle mir keine Sorgen machen, sie hätten sie gefunden“, sage ich und reibe mit den Fingerspitzen über die Schläfen.

„Ihrer Tochter geht es gut. Gottseidank hat die Feuerwehr sie gefunden. Sie hatte sich unter dem Bett versteckt. Er bringt mich um, hat sie immer wieder geschrien.“ Der Hauptkommissar schaut mich fragend an. „Hat man Ihnen das nicht gesagt? Lea ist hier im Krankenhaus.“

„Meine Tochter“, frage ich erstaunt. Ich habe keine Tochter. Oder? Quatsch. „Nein“, sage ich laut,  „Ich bin Maja Krüger, 42 Jahre alt, freie Journalistin, ledig, lebe und arbeite in Hamburg und wohne alleine in einer Altbauwohnung in Altona“,

„Kann es sein, dass sie eine Amnesie hat“, fragt Seitz den Arzt, der das Geschehen verfolgt hat.

„Möglich“, antwortet dieser, „Die Verletzung am Kopf, der Schock, das Trauma. Das Erlebte wird verdrängt. Ein Selbstschutz des Körpers.“

Lea. Eine Erinnerung klingt an, dann ist sie verschwunden. So, wie wenn man einen Traum erinnert und ihn fassen will. Dann wird er Stück für Stück weggezogen und nur das Gefühl bleibt zurück. „Hat sie gesagt, ich sei ihre Mutter“, frage ich den Kommissar.

„Nein“, er schaut mich prüfend an. „Sie ist noch nicht ansprechbar.  Aber, das fragen sie besser den Arzt. Der Ausweis in der Handtasche, da stand der Name, Lea Krüger.“

„Lea Krüger. Und da haben sie angenommen, dass ich ihre Mutter bin, weil sie Lea Krüger heißt. Krüger, ich bitte sie, ein Allerweltsname.“ Ich wollte gar nicht so heftig werden, was ist nur mit mir los?

„So“, der Arzt ist an mein Bett getreten, „Das sollte erst mal genug sein.“ Er wendet sich an die Polizisten. „Kommen Sie morgen wieder.“

Erschöpft drehe ich mich auf die linke Seite, meine Einschlafseite. Es tut gut, alleine zu sein. Aber an Schlaf ist nicht zu denken. Ich bin verwirrt und gleichzeitig ist tief auf dem Boden meines Bewusstseins etwas, was mit Lea Krüger zu tun hat und was ich nicht zu fassen bekomme. Mühsam schwinge ich die Beine aus dem Bett. Ich muss sie sehen. Es gelingt mir, Jeans und Pullover über das Krankenhaushemd zu ziehen. Dann schlüpfe ich in meine Schuhe und schleiche mich aus dem Zimmer.

Unbemerkt gelange ich zum Aufzug und ins Erdgeschoß. Die freundliche Dame an der Information nennt mir Station und Zimmernummer. Ich nehme die Treppe und steige langsam, Stufe für Stufe nach oben. Mein Atem geht keuchend. Ich bin alles andere als fit.

In dem Zimmer steht nur ein Bett. Ich trete heran und schaue in ein Gesicht, das dem meinen ähnelt, als ich zwölf oder dreizehn war. Ich setze mich auf die Bettkante und nehme die eiskalte Hand des Mädchens. Mir wird schwindlig. Während ich in das zugleich fremde und vertraute Gesicht schaue, kehrt die Erinnerung zurück. Ganz langsam, wie beim Tauchen, wenn man vom Grund nach oben gleitet, kämpft sie sich mühsam an die Oberfläche meines Bewusstseins.

Es war Freitagabend. Ich hatte am Schreibtisch gesessen, um einen Artikel noch einmal zu überarbeiten, da hatte es geklingelt. Ich erwartete keinen Besuch und öffnete irritiert die Tür.  Sie schlüpfte hinein und flehte mich an, sie anzuhören. Wie ein kleiner gerupfter Vogel sah sie aus, der aus dem Nest gefallen war „Ich bin Lea, deine Nichte“, sagte sie.

Meine ältere Schwester hat also eine Tochter? Das letzte Mal sah ich Marlene, als sie mit einer Gruppe Punker in einem besetzten Haus lebte, vor etwa 15 Jahren. Wie oft hatte ich versucht, sie aus der Szene herauszuholen, aber sie war immer wieder dahin zurückgekehrt. Wir hatten heftige Auseinandersetzungen, vor allem wenn Marlene betrunken war oder unter Drogen stand. Und das war sie fast jedes Mal, wenn wir uns sahen. Irgendwann hatte sie den Kontakt abgebrochen. Dabei war es geblieben.

Als Lea den Mantel auszog, konnte ich sehen, wie zart sie war. So, wie Marlene früher. Sie war immer die Hübsche, Weibliche und Wilde gewesen.

Lea erzählte von der engen Wohnung in Hannover,  dass ihre Mutter krank sei, aber clean und von dem Mann, der gewalttätig wurde, wenn er getrunken hatte und Marlene schlug. „Wenn du was sagst, bist du tot“, hatte er Lea gedroht. Vor zwei Tagen dann hatte sie die Mutter schwer verletzt aufgefunden. „Du musst zu Maja Krüger gehen, sie ist meine Schwester. Da bist du sicher“,  rief Marlene ihr noch zu, bevor der Krankenwagen los fuhr. Lea hatte meine Adresse gegoogelt und jetzt war sie hier.

Ich hatte ihr das Gästezimmer gerichtet. Wie ein kleines Mädchen sah sie aus in meinem Schlafshirt. Am liebsten hätte ich sie in den Arm genommen und ihr vorgelesen.

Als ich wieder am Schreibtisch saß, gab es einen großen Knall, Glas splitterte und überall waren Flammen und Rauch. Und dann war da der junge Arzt mit der blauen Strähne.

„Hier sind Sie also, Frau Krüger. Na, können Sie sich jetzt wieder erinnern“, fragt Seitz, der mit seinem Kollegen das Zimmer betritt und ich erzähle ihnen die ganze Geschichte.

„Sie haben Glück, einen so aufmerksamen Nachbarn zu haben. Er hat nicht nur die Rettungskräfte alarmiert, sondern auch das Feuer gelöscht.  Den Täter haben wir übrigens auch schon gefasst. Er hatte den Brandbeschleuniger noch bei sich. Er ist über die Balkone geklettert. Dann hat er einen Stein in ihr Küchenfenster geworfen und einen in Benzin getränkten Lappen und eine brennende Fackel hinterher. Gottseidank hatte sich das Feuer noch nicht ausgebreitet. Ihre Wohnung steht also noch, eine neue Küche werden sie aber brauchen..“

„Das ist gut“, sage ich, „es ist der Ex-Freund meiner Schwester. Lea ist meine Nichte. Gut, dass man sie noch rechtzeitig gefunden hat. Sie bleibt natürlich bei mir.“ Eine ängstliche Wärme breitet sich in mir aus. Wir werden es schon hinkriegen, wir drei.

 

Version 2