Von Roger A. Freiburghaus

Joe war ganz allein, fern seiner Heimatstadt.

Den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt, tief ein- und zögerlich ausatmend, saß er am Küchentisch. Mit halb geschlossenen Augen betrachtete er die verschwommenen Umrisse des schäbigen alten Kartons auf dem Tisch vor ihm, der sich im Schein des Fensters wie eine dunkle schwere Silhouette abzeichnete.

 

Heute wurde der Karton ihm zugestellt. Aus dem Nachlass von Julie, einer alten Freundin aus seiner Jugendzeit. Sie hatten sich aus den Augen verloren, damals, als er aus der tristen Heimatstadt wegzog. Seit gefühlten Stunden saß Joe nun da, fühlte wie die Schwere der Kartonbox den Raum und seine Stimmung mehr und mehr füllte. Sein Kaffee war längst erkaltet. Joe atmete immer flacher und schien in einen Traumzustand zu fallen.

 

Ein heftiges Donnergrollen erschreckte ihn. Getrieben stand er auf und betrachtete nun, die Hände in die Seiten gestützt, den muffig riechenden Karton von oben. Die Laschen immer noch ordentlich verklebt sah man der Schachtel nicht an, dass sie über zwanzig Jahre ungeöffnet blieb.

 

Joe kippte den kalten Kaffee in einem Zug runter, legte die Tasse ins Spülbecken und griff mit der linken Hand nach einem Küchenmesser. Mit drei sauberen Schnitten durchtrennte er das eingetrocknete Klebeband worauf sich die Decklaschen mit einem schmerzhaft lauten Ploppen öffneten. Joe atmete tief durch, das Messer verkrampft in der Linken haltend, als er durch die Laschen einen ersten Blick auf den Inhalt des Kartons erspähte.

 

Sorglos und Mitte zwanzig war Joe damals. Knapp ein Jahr davor hatte er Robert kennengelernt, einen fantastisch aussehenden Kerl in seinem Alter. Nie hätte er gedacht, dass er so glücklich sein würde, eine echte Beziehung führte, eine strahlende Zukunft vor sich hatte. Das einzige Problem war, dass Robert über 150 Meilen von ihm weg wohnte und sie sich bloß an Wochenenden sehen konnten, eine teure Zugreise entfernt. Nun aber zog er weg aus der Wohngemeinschaft mit Julie, in den Süden, zu Robert. Einen Job zu finden sollte kein Problem sein, meinte Robert. Innert Tagen nach dieser Entscheidung packte Joe sein Hab und Gut in zwei Koffer und trat seine Reise in den Süden an. Dabei vergaß er aber diese Kartonbox, mit wertvollen Erinnerungsstücken aus den ersten Monaten mit Robert. Julie verwahrte die Schachtel sorgsam über all die Jahre in denen sie Joe nie abholte.

 

Sachte legte Joe das Messer auf das Tischblatt ab, ein lauter Seufzer entging ihm. Gerade hatte er sich getrennt, schmerzvoll war der Abschied. Üble Streitereien. Danny zog vor zwei Tagen aus, nach fast zehn Jahren. Eine lange innige Beziehung. Voller Zukunftshoffnungen. Zerstört. Irgendwie wie damals mit Robert. Und Joe war wieder ganz allein, fern seiner Heimatstadt.

 

Mit beiden Händen wischte sich Joe die tränennassen Augen und setze sich die Brille wieder auf. Rasch griff er in den Karton und zog eine Postkarte hervor. Er verbrachte damals ein Wochenende mit Robert an der Küste, den ersten gemeinsamen Urlaub. Robert hatte es geschafft, ihm noch während des Trips diese Postkarte zu schreiben und abzuschicken. Joe fand sie bei seiner Rückkehr auf seinem Bett vor. Julie hatte sie zuoberst auf seinen Poststapel gelegt.

 

War es das schlechte Licht in der durch den aufkommenden Sommersturm dunkel gewordenen Küche oder die Tränen, die ihm wiederum in die Augen schossen, was ihm erschwerte, die Zeilen Roberts zu entziffern? „Ich bin dein, für immer wenn du willst“, war da ganz am Schluss zu lesen.

 

Nur wenige Tage, nachdem Joe mit Robert zusammenzog, fand er tatsächlich einen Job, in einem Büro als Sachbearbeiter. Und freundete sich rasch mit dem gesamten Team an. Und lernte Chris kennen. Irgendwie gingen sie aus. Irgendwie war da mehr als Freundschaft. Irgendwie landeten sie im Bett. Irgendwie kriegte Robert das mit. Und Joe war wieder ganz allein, fern seiner Heimatstadt.

 

Hastig legte Joe die Postkarte neben den Karton ab und begann nun den Inhalt im Halbdunkel zu durchwühlen. Fundstücke aus einer längst vergangenen Zeit. Erinnerungen an die erste große Liebe. Seine einzige wahre Liebe vielleicht?

 

Rasch klappte er den Karton zu, legte die Postkarte auf die Kiste und schritt zum Küchenfenster, von dem er in der Regen hinausschauen konnte, auf die Strasse, die Busse, die sich durch den Verkehr zwängten. Durch die Wolkendecke schien die Sonne bereits wieder etwas durchzuscheinen und Joe zog aus der Hosentasche sein Mobiltelefon. Über die Schulter blickte er zurück auf die Postkarte, las nochmals die Worte: „Ich bin dein, für immer wenn du willst.“

 

Joe wählte ruhig die Nummer, die er immer noch auswendig konnte, blickte direkt in die Sonne, die nun über den regennassen Dächern durch die aufgebrochenen Wolken zu sehen war. Nach dreimaligem Klingeln hörte Joe ein freundliches „Hallo“, dem der übliche belanglose Text der Sprachbox folgte.

 

„Ich kriege das mit den Männern nicht hin, Julie.“, sagte Joe, sich mit der linken Hand an den wackligen Tisch stützend. Und das Messer fiel scheppernd auf den Küchenboden.

 

Und Joe war wieder ganz allein, fern seiner Heimatstadt.