Von Ulli Lenz

Noch bevor er die Augen aufschlug, registrierte er das Ziehen im rechten Knie. „Schon wieder schlechtes Wetter“, dachte er, und öffnete seufzend die Augen. Der Blick aus dem Fenster bestätigte nur, was ihm die Knochen schon verraten hatten. Es regnete.

Eigentlich hatte er keine Lust aufzustehen. Bei schlechtem Wetter fühlte er sich wie ein Tiger im Käfig: einsam zog er seine Runden in der Zwei-Zimmer-Wohnung, von Fenster zu Fenster. Die Öffnungen in der Mauer gaben den Blick auf das frei, was er so schmerzhaft vermisste: Lachen, Liebe, Familie. Oder zumindest Arbeit. Aber auch das hatte er unlängst verloren.

Deswegen fühlte er sich bei Sonnenschein besser. Dann konnte er in den Park gehen, Leute beobachten, oder aber durch die Einkaufsstraße spazieren, und sich über die Jugend von heute und deren Sitten wundern.

 

Eine halbe Stunde später saß er am Frühstückstisch. Butterbrot, Kaffee und Zeitung – wie jeden Tag. Anschließend räumte er die Küche auf, und stellte dann erfreut fest, dass der Regen nachgelassen hatte. Er nahm Mantel und Hut und flüchtete aus seinem leblosen Zuhause.

Vor der Haustür atmete er tief die feuchte, kühle Luft ein. Für einen Moment schloss er die Augen und hob dabei den Kopf. Die letzten feinen Tropfen besprühten sein Gesicht. Unweigerlich hatte er einen Frühsommertag vor Augen, als er mit seinem Sohn im Garten ihres damaligen Hauses mit dem Gartenschlauch herumalberte. Ein Lächeln schlich sich in sein Gesicht, und er genoss das gute Gefühl, dass sich dabei in seinem Bauch breitmachte. Mit immer noch erhobenem Gesicht öffnete er schließlich seine Augen und blickte in ein Gemenge aus grau, weiß und – ja, auch ein wenig zartblau am Himmel. Nicht mehr lange und die Sonne würde ihren Platz zurückerobern, stellte er zufrieden fest.

Mit dieser guten Aussicht setzte er sich in Gang, um gleich darauf wieder abrupt stehenzubleiben. Sein immer noch nach oben gerichteter Blick hatte einen Farbtupfer im Blattwerk der Birke vor dem Wohnhaus erfasst, gute vier Meter über dem Boden. Neugierig kam er näher, und mit zusammengekniffenen Augen erkannte er bald, dass es sich um die Reste eines zerplatzten Luftballons handelte. Er war wohl in die Fänge eines spitzen Astes geraten, und hatte dort seinen Atem ausgehaucht. Nun baumelte er dort wie ein reifer Apfel, der darauf wartete, gepflückt zu werden. Er wollte schon weitergehen, als seine Augen ein Detail erkannten, dass ihn abermals halten ließ: Am roten Gummi des Ballons war eine Schnur mit einem kleinen Brief in einem Beutel befestigt. Er zögerte nur kurz, bevor er kehrtmachte, um in der Wohnung die Stehleiter zu holen.

Nur Minuten später hatte er die Leiter durch die Wohnungstür gefädelt und war dabei ein paar Mal gegen das Geländer gepoltert, um das lange Ding um die Ecke zu bekommen. Durch den Lärm hatte er Frau Serlau, seine junge Nachbarin, aus der Wohnung gelockt, die ihn neugierig dabei beobachtete, wie er wie ein Maler, mit seiner Gerätschaft über der Schulter, die Treppe vom zweiten Stock wieder hinuntermarschierte.

Unter der Birke klappte er die Stehleiter auseinander, prüfte kurz den Stand, und stieg dann vorsichtig die ersten Sprossen hinauf. Als er auf die vierte Sprosse treten wollte, gab der feuchte Boden unter der Leiter etwas nach, und er schwankte gefährlich. Als er endlich wieder das Gleichgewicht gefunden hatte, merkte er, dass ihm Schweiß über das Gesicht lief.

„Um Gottes Willen! Geht es Ihnen gut? Warum haben sie nicht gesagt, was sie vorhaben, und um Hilfe gebeten? Warten Sie kurz!“, rief Frau Serlau vom zweiten Stock hinunter. Kurz darauf stand sie keuchend unter ihm und packte die Leiter mit festem Griff.

„Sie hätten sich wer-weiß-was brechen können!“, sagte sie tadelnd, und pustete sich eine weißblonde Haarsträhne aus dem für ihn viel zu grell geschminkten Gesicht. „Was wollen Sie denn überhaupt da oben?“

Vorsichtig deutete mit dem Zeigefinger zum Ballon, denn seine Zunge fühlte sich wie gelähmt an, unfähig auch nur ein Wort des Dankes zu äußern.

„Dann hoffen wir mal, dass es das Risiko wert ist…“, murmelte sie, aber er stieg bereits höher. Zwei Sprossen weiter holte er tief Luft, lehnte seine Schienbeine an die letzte Holzverstrebung, um sich dann vorsichtig, und ohne mit seinen Händen irgendwo Halt zu haben, aufzurichten.

„Wir haben zwar noch nie mehr als einen Satz miteinander gesprochen, trotzdem möchte ich nur ungern dabei zusehen, wie Sie das Zeitliche segnen. Scheiße, ich hoffe, Sie wissen, was Sie hier tun!“, tönte es von unten.

Er war selbst nicht sicher, ob es eine gute Idee war, seine Gesundheit wegen eines Zettelchens aufs Spiel zu setzen, aber so knapp vor dem Ziel wollte er doch nicht aufgeben. Noch einmal atmete er tief durch, und streckte dann vorsichtig seinen Arm nach oben. Mit den Fingerspitzen konnte er den Gefrierbeutel, in den das Briefchen gesteckt worden war, bereits erreichen. Ein paar Mal schaukelte die Plastiktüte an seinen Fingern vorbei, bevor es ihm gelang, sie zwischen Mittel- und Zeigefinger einzuklemmen. Vorsichtig versuchte er daran zu zupfen, aber diese kleine Bewegung reichte bereits aus, um ihn fast vornüber über die Leiter stürzen zu lassen. Frau Serlau stieß erschrocken einen schrillen Schrei aus. Im letzten Moment konnte er in die Hocke gelangen, um sich mit den Händen an der obersten Sprosse festzuklammern. Sein Herz raste, und sein Atem ging stoßweise.

„Sie kommen jetzt sofort von da oben runter und lassen gefälligst mich…“ zeterte Frau Serlau von unten, aber in dem Moment sah sie, dass der Grund des gefährlichen Unternehmens auf seinem Rücken gelandet war, und verstummte.

„Danke“, flüstere er, bevor er sich mit wackeligen Knien an den Abstieg machte.

 

Mit zitternden Fingern faltete er wenig später das Blatt Papier auseinander. Das Papier war trotz des Beutels etwas feucht geworden, aber die krakelige Kinderschrift war immer noch gut zu erkennen. Neugierig beugte sich auch Frau Serlau vor, um mit ihm mitlesen zu können.

 

LIEBER GOTT!

WENN DU DIESEN BRIF LIHST, HAT MEIN LUFTBALLONG ES BIS IN DEN HIMML GESCHAFFT!!!
BITTE SAG MEINEM OPA HEINRICH, DAS ICH IN FURCHBAR VERMISSE. WER SOLL JETZT MIT MIR MEIN FOGELHAUS FERTIG BAUEN? ER SOLL MIR WENIXTENS SCHREIBEN, WENN ICH IN SCHON NICH SEHEN KANN.

DEIN TOBIAS

TOBIAS LEBE
MÜHLENGASSE 13
NEUSTADT
(FALLS OPA NICH MEHR WEIS, WO ICH WOHNE)

 

Neustadt. Der Kleine wohnte also in der gleichen Stadt.

Frau Serlau schniefte laut. „Mein Gott, wie rührend! Da haben Sie doch gut daran getan, diesen Brief zu retten. Sie müssen ihm antworten! Das werden Sie doch tun, nicht wahr?!“

Unsicher sah er sie an. Musste er das wirklich? Konnte er das überhaupt?
Andererseits, wozu war dieses Abenteuer sonst gut gewesen, wenn nicht dazu, um diesen Brief zu beantworten? Also nickte er.

 

Vor dem Briefkasten nahm er ein letztes Mal den Briefbogen aus dem Kuvert und überflog den Text, für den zu schreiben er ganze drei Tage gebraucht hatte, in wenigen Sekunden.

 

Lieber Tobias!

Mein Name ist Hermann Sternard, und ich habe Deinen Brief gefunden. Der liebe Gott hat Deinen Ballon zu mir gebracht!

Du bist bestimmt enttäuscht darüber, dass nicht Dein Opa Heinrich Dir schreibt, aber leider kann er Dir von da, wo er jetzt ist, keine Briefe schicken. Aber ich habe lange darüber nachgedacht, und ich bin mir sehr sicher, dass der liebe Gott sich genau überlegt hat, wo Dein Brief landen soll…

Mir ist klar, dass ich Deinen Opa Heinrich niemals ersetzen kann. Aber ich bin ziemlich gut im Bauen von Vogelhäuschen. Zumindest habe ich das früher sehr gerne gemacht. Und ich kenne mich sehr gut mit dem Vermissen aus, mehr als mir lieb ist. Ich vermisse nämlich meine Frau und meinen Sohn. Sie sind wie Dein Opa Heinrich im Himmel, schon seit vielen Jahren. Ich gebe es nur ungern zu, aber seit sie mich verlassen haben, habe ich es irgendwie verlernt, zu lachen.

Falls Deine Eltern es erlauben, würde ich mich sehr freuen, wenn ich Dir dabei helfen darf, Dein Vogelhäuschen fertig zu bauen. Und möglicherweise kannst Du mir dafür helfen, mein Lachen wiederzufinden. Vielleicht war das nämlich der Plan vom lieben Gott, als er Deinen Luftballon zu mir gelenkt hat. Ich möchte das jedenfalls gerne glauben.

Herzlichst,
Dein Leihopa Hermann

 

Schließlich zuckte er mit den Schultern, schob das Papier zurück in den Umschlag, und verschloss es sorgfältig. Er war sich nicht sicher, ob er die richtigen Worte gewählt hatte. Es war einfach zu lange her, dass er mit einem Kind gesprochen hatte. Dennoch war er mit sich zufrieden. Dieser hoffnungssuchende Brief hatte ihn seltsam aufgewühlt und – ja, Hoffnung geschenkt. Und als er sein Antwortschreiben durch den Briefschlitz steckte, gab er, ohne es zu wissen, nicht nur seinen Brief, sondern auch seine Einsamkeit auf.

 

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