Von Martina Annecke

„Vorsicht, Kante!“

Gerade noch konnte sich Becca an einer Straßenlaterne festhalten und vor einem Sturz bewahren.

„Ich habe dich schon im Rinnstein liegen sehen“, rief Lisa grinsend, während ich vor Lachen beinahe selbst hineingefallen wäre. „Das wäre ein würdiger Abschluss des Mädelsabends gewesen.“

„Keine Sorge, so schnell wirft man eine Becca nicht um.“ Ihr nuschelnder Ton und das leichte Schwanken ließen jedoch Zweifel an ihrer Behauptung aufkommen.

Während sie sich wieder in eine aufrechte Position brachte, fiel ihr Blick auf das Schaufenster neben uns. „Lacht ihr etwa auch über mich?“, rief sie den Schaufensterpuppen hinter dem Glas entgegen.

Aber von den stummen Gestalten kam natürlich keine Reaktion. Becca ging näher heran und betrachtete die Auslage.

 „Sieh nur, was für Hosen wir diesen Sommer tragen sollen. Darin sieht mein Hintern aus wie der eines Elefanten“, rief sie aus und alle lachten wieder.

 „Über den Schnitt bekommt man nicht mal eine weite Bluse“, stimmte ihr Lisa zu. „Ich verstehe gar nicht, wie die Schaufensterpuppen damit noch so amüsiert in die Gegend schauen können.“

 „Die wissen halt nicht, was sie tragen“, vermutete ich. „Mal davon abgesehen, so amüsiert schauen die doch eh nicht.“

 „Die haben halt nicht so viel Spaß wie wir.“

 Lästernd und lachend zogen wir weiter. Am Ende der Straße gab es ein Geschäft, das schon seit Urzeiten dort stand. Auch dieses Schaufenster war natürlich mit Schaufensterpuppen dekoriert. Aber im Gegensatz zu den neumodernen Läden vorher waren die „Damen“ mit schicken Kostümen für das eher ältere Semester gekleidet. Noch einmal blieben wir stehen, um einen Blick hineinzuwerfen.

„Die Puppen hier sind wohl genauso alt wie der Laden“, meinte Lisa. Ich nickte.

„Ich glaube auch, dass die bestimmt schon seit meiner Kindheit in diesem Fenster stehen.“

 „Nein“, rief Becca. „Die dort in der Ecke hab ich noch nie gesehen.“

 Lisa trat näher zu ihr. „Du kannst die Puppen echt voneinander unterscheiden?“

„Na ja, sie sieht jünger aus als die alten Dinger. Auch die Klamotten haben einen ganz anderen Stil. Dazu dieses traurige Gesicht.“

„Vielleicht weiß sie ja doch, was sie für scheußliche Klamotten trägt“, witzelte Lisa.

 Während die beiden sich über die auffällige Puppe unterhielten, war ich in Gedanken schon zu Hause in meinem Bett, die Wirkung des letzten Prosecco machte sich langsam bemerkbar.

 „Huch!“ Auf einmal sprangen Becca und Lisa von der Scheibe zurück.

 „Was ist?“, rief ich erschrocken aus meinen Gedanken gerissen.

 „Die Puppe hat sich bewegt. Sie hat ihren Kopf zu uns gedreht!“, rief Becca. Zweifelnd betrachtete ich die Figur jetzt genauer. Es schien tatsächlich so, als ob sie uns beobachtete.

„Sie mochte wohl Lisas Bemerkung über ihre Kleidung nicht“, kicherte Becca. Nur diesmal lachte keine mit, wir staunten die Puppe an, die uns mit ihrem intensiven, traurigen Blick anstarrte.

„Lasst uns gehen“, sagte Lisa endlich und zog Becca mit sich, „Das finde ich gruselig!“

 „Sicherlich ist das nur ein Gag. Ein Roboter oder so“, beschwichtigte Becca.

Jetzt jedoch konnte ich mich nicht losreißen. Je länger ich sie betrachtete, desto menschlicher wirkte sie auf mich. Und außerdem, für eine Roboterpuppe war dieser Laden nicht modern genug. Da zog mich Becca am Ärmel. „Nun komm schon, wir wollen nach Hause.“

Ich wandte mich ab, warf aber noch einen letzten Blick auf die Puppe und zuckte zusammen. Der Kopf hatte sich wieder bewegt und der Blick folgte mir.

Zu Hause konnte ich lange nicht einschlafen. Der Eindruck dieser Augen ließ mich nicht los. Ich beschloss, morgen bei Tageslicht noch einmal dorthin zu gehen.

Gleich am nächsten Vormittag ging ich wieder zu dem kleinen Laden. Die seltsame Schaufensterpuppe stand immer noch da. Eine Weile betrachtete ich sie und hatte tatsächlich wieder das Gefühl, von ihr beobachtet zu werden. Die Augen der Figur wirkten absolut lebendig. Ich ging ein bisschen auf und ab und beobachte die Figur dabei. Aber sie bewegte sich nicht. Also entschloss ich mich nach Hause zu gehen und den Spuk der letzten Nacht zu vergessen. Doch wie am letzten Abend musste ich noch einen letzten Blick zurückwerfen. Und auf einmal schien die Puppe hinter der Scheibe die Hand nach mir auszustrecken. Ich bekam Gänsehaut, wandte mich ab und lief schnellen Schrittes nach Hause. In den nächsten Tagen mied ich die Straße, um den Vorfall zu vergessen, so wie es meine Freundinnen sicherlich auch schon getan hatten. Nachts jedoch ließ die Puppe mich nicht los. Sie tauchte in meinen Träumen auf, versuchte mit mir Kontakt aufzunehmen. Jedes Mal schreckte ich verängstigt aus dem Schlaf auf.

Ich traute mich nicht, mit jemandem darüber zu reden, weil ich mir albern vorkam. Aber so konnte es nicht weitergehen. Es war nur eine blöde Schaufensterpuppe, die wahrscheinlich Menschen erschrecken sollte oder vielleicht in den Laden locken. Ich wollte dieses Gefühl endlich loswerden. Also ging ich noch einmal zu dem Geschäft. Ich hatte mir wohl gewünscht, die Figur wäre nicht mehr da, aber noch immer stand sie dort und wartete – auf mich. Das war mir auf einmal klar. Also fasste ich einen Entschluss. Ich musste in dieses Geschäft und die Puppe näher untersuchen. Eine ganze Weile wartete ich auf einer Bank in der Nähe, bis endlich eine Kundin das Geschäft betrat. Kurzentschlossen folgte ich ihr hinein.

Der Laden war klein und sehr vollgestopft mit Kleiderständern. Die einzige Verkäuferin begann gleich ein Gespräch mit der Dame vor mir. Ganz so, wie ich es erhofft hatte. Möglichst unauffällig versuchte ich, durch den Laden zu stöbern, näherte mich dabei dem Schaufenster. Dort stand sie, die Puppe, und schaute auf die Straße hinaus. Ich untersuchte sie von allen Seiten, soweit es mir möglich war. Sie erschien mir wie eine ganz normale Schaufensterfigur. Aber jetzt, wo ich direkt neben ihr stand, spürte ich etwas, ein Kribbeln oder Vibrieren. Vorsichtig berührte ich sie mit den Fingerspitzen. Das Kribbeln wurde stärker. Schnell zog ich meine Hand zurück. „Also doch nur Strom“, dachte ich ein wenig enttäuscht. Nach all der Aufregung sollte das alles gewesen sein? Zur Bestätigung suchte ich nach einem Kabel, das zu der Puppe führte. Aber ich fand nichts. Ratlos verharrte ich zwischen den Kleiderständern, lauschte in den Verkaufsraum. Die beiden Damen unterhielten sich immer noch angeregt. Eigentlich sollte ich jetzt besser gehen, ich konnte mich auch zu Hause für mein törichtes Verhalten schämen. Was hatte ich mir bloß gedacht, auf ein Abenteuer gehofft? Ich wollte den Laden verlassen, jedoch meine Füße hafteten wie festgeklebt am Boden. Was war das jetzt wieder, Magnete? Mir reichte es, ich rief nach der Verkäuferin. Aber mein nervöses Hallo verklang ungehört. Dafür wurde das Knistern neben mir stärker. „Ach hör schon auf!“, zischte ich gereizt die Schaufensterpuppe an und blickte mich suchend im Laden um. Niemand schien mich zu hören. Wo waren die beiden Frauen? Bis auf dieses Knistern war nur noch Stille um mich herum und langsam kroch wirkliche Angst in mir hoch.

Da plötzlich spürte ich etwas auf meiner Schulter. Erschrocken wandte ich meinen Kopf und sah, wie die Finger der Schaufensterpuppe auf meiner Jacke lagen. Hektisch wollte ich sie wegschlagen, doch sobald ich sie berührte, verschmolzen unsere Hände. Ich spürte ein Ziehen, und etwas wurde aus mir heraus und in die Puppe hineingesogen. Hilflos musste ich es ertragen. Dann war da nur noch Rauschen in meinen Ohren und Schwärze umgab mich.

Das Erste, was ich spürte, als ich wieder zu mir kam, war Erleichterung. Kein Ziehen und kein Knistern mehr. Langsam öffnete ich die Augen und stellte fest, dass ich stand. Im Schaufenster. Irritiert wollte ich mich umsehen, brachte aber keine Bewegung zustande, konnte den Kopf nicht drehen. Wieder ergriff mich Panik. Was war geschehen?  Dann auf einmal sah ich – mich. Draußen auf der Straße, ins Fenster winkend und dann fröhlich davon hüpfend. Mein starrer Blick folgte meinem Körper, der, mit wem auch immer, in den Straßen verschwand…

 

Version 3