Von Winfried Dittrich

Meine Frau und ich, wir sind ein ungleiches Paar. Sie ist schlank und groß, für eine Frau. Sie kann eigentlich alles tragen; sie könnte auch stehend in einem Schaufenster arbeiten. Für einen Mann bin ich klein. Dick bin ich auch. Und ich trage Bart und Brille. Sie nicht. Na ja. Und als wir uns zum ersten Mal begegneten, bei so einer Blind-Date-Schrägstrich-Single-Börse, da konnte sie, warum auch immer, nicht über mich hinwegsehen, obwohl ich ein bisschen kleiner bin als sie. Gerade einmal zwölf Zentimeter. Zwölf ist eine magische Zahl. Zwölffingerdarm, zwölf Monate, zwölf Propheten, zwölf Aposteln.

Zwölf ist die größte Zahl, die man sagen kann, wenn eine Unterhaltung einsilbig wird. Zum Beispiel dann, wenn sie sich mal wieder über kleine Männer lustig macht. Wenn man zu viele Bloody Marys getrunken hat, dann kann der Wortschatz auch einsilbig werden. In einem doppelten Bloody Mary sind zwölf Zentiliter Tomatensaft enthalten. Je nach Rezept halt.

Ein besonderes Rezept müssen diese Drinks haben, die meine Frau mir an bestimmten Abenden zusammenrührt. So ungefähr alle zwölf Monate passiert das. Die Kinder sind dann schon im Bett, und ich schließe gegen kurz vor Zwölf meine tägliche Hausarbeit damit ab, das letzte Paar Socken zusammenzulegen. Bei einer für unseren Haushalt durchschnittlichen Wäscheladung sind das zweiundsiebzig Paar Socken. Das reicht gerade einmal für knapp zwei Wochen aus, genauer gesagt, für zwölf Tage. Wenn man in einem Fünfpersonenhaushalt wohnt, in dem das jüngste Kind grundsätzlich zwei Paar Socken am Tag benutzt, dann ist das so. Es sind genau einhundertvierundvierzig einzelne Socken. Allein davon könnte einem schon schwindelig werden.

Wenn ich dann den ersten Schluck jenes roten Gesöffs aus dem Glas nehme, geht mir jedes Mal der Gedanke durch den Kopf, dass die Quadratwurzel aus einhundertvierundvierzig zwischen elf und dreizehn liegt.

Und dann trifft es mich immer wie ein Schlag. Voll auf die Zwölf. Zack, und weg bin ich. Als ob mein Betriebssystem einen speziellen Code erkennt und dann ein geheimes, verborgenes Programm zum Ablauf bringt.

Dann höre ich zuerst die beiden. Es ist so, als ob einer von ihnen mit meiner eigenen Stimme spräche.

***

»Mit jeder Faser meines Seins wünsche ich mir, nicht mehr alleine zu sein,  Falco. Ich fühle mich schon länger schlaff. Mein Leben ist so leer. Nicht ausgefüllt. Und ich fühle mich so nutzlos.«

»Geht mir ähnlich. Die Zeiten werden aber wieder bunter. Nur nicht immer schwarz sehen, Wolle!«

»Ob wir heute wohl eine abbekommen werden?«

»Ach, Wolle, keine Ahnung. Aber die Hoffnung gebe ich nicht auf. Es kommen immer wieder ein paar Neue dazu. Heute ist ein guter Tag.«

»Wie lange bist du schon dabei?«

»Bald zwölf Monate. Bin immer noch Single. Auf dem Ü36-Markt ist es schwierig. U37 soll das einfacher sein. Da kommt es schneller mal zur Trennung. Da tut sich immer viel. «

»Ja, nur nicht den Mut verlieren. Irgendwann kommt eine vorbei, die so gestrickt ist wie du. So eine fürs Haus und zwölffädig. Dann kannst du weg von hier und musst dich auch nicht mehr ständig anfassen lassen. Ich drück dir die Daumen, dass es auch eine schwarze sein wird.«

»Auf die Farbe kommt es mir nicht an. Das ist mir zu viel Psychologie. Gelb, Orange, Rosa, Rot, Violett, Pink, Türkis, Blau, Grün, Braun, Weiß, Schwarz … Es muss sich spontan richtig anfühlen, weißt du?«

»Ja, aber zumindest die Größe muss stimmen. Da gibt es keine Kompromisse. Ungleiche Paare werden ja nur schwer akzeptiert.«

»Und viel dicker oder dünner darf sie auch nicht sein …«

»Was war denn eigentlich mit der Roten? Warum hat das nicht funktioniert mit Euch?«

»Ach, die Rote. Das war so eine linke Socke. Die hat erst so getan, als ob an ihr alles Natur wäre. Stimmte aber nicht. Mir war da zu viel Plastik drin. Dann redete die so viel. Da hab ich immer den Faden verloren. Und dieser stechende Schweißgeruch. Ne. Das war nichts.«

»Ich steh‘ auch nicht so auf Plastik. Erinnert mich an eine, bei der es beinahe gepasst hätte. Von der Größe her perfekt, und Probleme mit ihrem Gewebe hatte sie auch keine, nirgends ausgeleiert.«

»Ja, ich erinnere mich. Und die haben hier ja auch ganz viele hoffnungslose Fälle. Mit Bärchen drauf, Rentieren oder anderen Viechern. Oder mit irgendwelchen klugen Sprüchen. Manche haben sogar Namen drauf. Wie soll man da jemand passendes finden?«

»Du musst gefunden und ausgesucht werden. Ist ja nicht so, dass du die freie Wahl hättest. Unmenschlich. Mensch müsste man sein.«

»Ja, Mensch … Was ist eigentlich mit deiner Letzten passiert?«

»Vermisst.«

»Ist ja fast immer so. Das sagen auch die Statistiken. In den seltensten Fällen kann ermittelt werden, wo sie abgeblieben sind. Aber manche kommen ganz unverhofft dann doch wieder.«

»Und deine? Hat sie dich hängenlassen?«

»Ne. Anders. Es drehte sich irgendwann alles im Kreis bei uns, immer turbulenter wurde es, bis wir ins Schleudern gekommen sind …«

»Falco?«

»Ja?«

»Ist es schon zwölf Uhr nachts?«

»Wieso?«

»Hat sich die Schaufensterpuppe gerade bewegt?«

»Ja!«

»Spukt es hier?«

»Was? … Nein!«

»Warum bewegt sich das Ding dann?«

»Die Puppe ist mit der Eingangstür verbunden und hält das Türglöckchen. Da kommt jemand herein. Schnell. Einfach ganz flach hinlegen und entspannen! Der Rest geschieht von selbst.«

***

„Guten Tag“, höre ich die Inhaberin eines Secondhandladens mit freundlichem Lächeln auf den Lippen sagen. „Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?“

„Ja, guten Tag. Das ist ja eine Offenbarung, hier! Ich habe im Schaufenster das Schild hängen sehen. Wir sind gerade hergezogen und haben beim Einräumen festgestellt, dass wir insgesamt zwölf Singles in unserem Haushalt haben. Ohne passendes Gegenstück. Und da dachte ich, vielleicht haben wir bei Ihnen Glück.“

„Das kommt darauf an. Wir haben eine Socken-Singlebörse für Kindersocken, also für Größen kleiner als 37. Die hat einen großen und vielfältigen Bestand. Da ist immer viel Bewegung drin. Und eine Börse für die Ü36er. Da müssen wir mal genauer hinsehen und die passende Socke sorgfältig auswählen. Manchmal müssen Sie da auch etwas länger warten, bis die richtige dabei ist. Es sei denn, sie tolerieren auch ungleiche Paare …“

In diesem Moment erkenne ich in dieser Frau dann immer meine Ehefrau wieder, die da in dem Laden steht, eine knallgelbe Jacke und Moon Boots an hat, eine Krone mit zwölf Diamanten trägt, lacht und mit ihrem verliebten Blick erklärt, dass wir unsere Socken untereinander tauschen, weil wir dieselbe Größe haben.

Was das bedeuten soll – keine Ahnung. Aber hinterher sehen wir uns immer zusammen meine Briefmarkensammlung an.

Die durchschnittliche Lesedauer dieser Geschichte beträgt ca. 12 Minuten.

Version 2 (zwölf Sechstel)