Von Ricarda Köhler

Geräusche des Tages dringen von draußen an mein Ohr, leise monotone Autogeräusche, eine Fahrradklingel, von fern ein Rettungswagen, wie aus einer anderen Welt. Direkt vor dem Atelier lacht ein Kind und eine Mutter erwidert das Lachen ebenso laut. Unerträglich ist diese Fröhlichkeit, diese Normalität. Ich kann sie nicht ertragen, wie kann heute Fröhlichkeit bestehen. Ein Hauch von Fliederduft bahnt sich den Weg durch die halb geschlossenen Rollläden. Den Neubeginn, das Positive unerträglich. Ich ziehe die Decke über meinen Kopf, die Dunkelheit ohne Geräusche und Düfte soll mich einhüllen, soll mich vergessen lassen, dass vor drei Tagen mein Leben zu Ende ging. Der Frühling und die Sonne passen nicht zu meiner derzeitigen Grundstimmung. Ich will Regen und Dunkelheit.
Ich linse unter meiner Decke hervor und schiele auf die Uhr – 11.00, danach fällt der Blick auf die Flasche Rotwein – leer. Mal wieder.
Luisa ist schon wach, steht schon da und sagt kein Wort. Ich spreche sie an:
„Luisa, wie gehts heut morgen. Ist mal wieder ein Scheiß Tag, oder? Hast wieder die Flasche Rotwein ausgetrunken?“
Sie lächelt. Eigentlich hat sie selten schlechte Laune.
Ich setze mich auf.
„Komm, Luisa, setz dich neben mich aufs Sofa.“ Luisa bleibt lieber stehen.
Luisa schweigt.
Ich werfe einen Blick auf das Telefon. Ich versuche, mir vorzustellen, was Marie sagen würde und stelle dabei fest, dass der Anrufbeantworter blinkt. Dann wollen wir mal hören, was der mir zu sagen hat. Eine kleine Hoffnung keimt in mir auf.
„Frau Lacon, wo sind Sie? Hier Lindermann, wir hatten gestern einen Termin. Ihr Atelier war dunkel, ans Telefon gehen Sie auch nicht! Haaalllo! Mein Kleid! Ich heirate in einer Woche und mein Kleid muss noch geändert werden. Rufen Sie mich sofort an!“
Ich lächel, irgendwie ist die Frau hysterisch. Die soll sich mal nicht so anstellen, wahrscheinlich bewahre ich sie vor einem großen Fehler, vielleicht sogar den größten Fehler ihres Lebens. Heiraten. Ihr Glück kann nicht lange währen. Kein Glück kann lange bleiben. Zieht immer schnell weiter, wie bei mir.
Vor zwei Tagen hatte Luisa noch das Kleid von Frau Lindermann getragen, aber heute trägt sie das Kleid, das ihr wahnsinnig gut steht. In dem Kleid wirken ihre Beine noch länger als sonst. Ihr flacher Bauch passt perfekt in dieses kleine Schwarze.
Drei Tage lebe ich in meinem Atelier, schlafe auf dem durchgelegenen Sofa, das ich seit vielen Jahren austauschen möchte, weil der Stoff abgerieben ist, gestern hab ich sogar ein Loch in dem Polster entdeckt. Im gesamten Raum sind Stoffreste verteilt, an den Wänden hängen Skizzen von Kleidern, Taschen und Hosen, aber in den letzten Tagen habe ich nicht einmal die Nähmaschine bedient. Mein Kopf ist wie ausgehöhlt, keine Idee findet sich in meinen Gehirnwindungen, nur Leere und Traurigkeit. Mir ist schon bekannt, dass mich hier nicht für immer vergraben kann, zwischen diesen Fetzen, aber in die Wohnung kann ich noch nicht zurückkehren. Zuviel Erinnerungen.
Mein einziger Ansprechpartner ist Luisa, die einen wohlgeformten Busen, einen kleinen Apfelpo und schlanke Beine aufweist. Luisa, die je nach Stimmung, schwarze Haare, mit denen sie ein wenig nach Nana Mouskouri aussieht, oder ihre blonden Haare, mehr Madonna, trägt. Gestern wollte sie jedoch unbedingt diese raspelkurzen grauen Haare tragen, die bei jungen Frauen im Moment modern sind. Mir soll es egal sein, meine Haare sind irgendwie fettig, wie man eben so aussieht, wenn man sich drei Tage nicht duscht.
Meine Zukunft habe ich vor kurzem auch rosig geplant, bis sie mir genommen wurde. Das Glück ist gegangen.
Ich kann Marie nicht anrufen, nicht nach dem, was ich verbockt habe. Die letzten vier Jahre hatten wir kaum Kontakt. Immer hat sie mich gewarnt, dass es nicht gut gehen wird. Und sie hatte recht. Aber ich wollte es nicht hören, also habe ich meine beste Freundin, die ich seit der Grundschule kenne, immer weniger angerufen und nur noch selten getroffen.
Luisa hört immer zu und gibt mir keine gut gemeinten Ratschläge.
Ein weiterer Blick auf die Wanduhr – 12.00 Uhr. Zeit, eine weitere Flasche Rotwein aus dem Abstellraum zu holen. Nach drei Gläsern fließen die Tränen. Wir wollten doch in sechs Monaten heiraten, Kinder kriegen und ein Haus bauen, warum hat er mir das angetan nach vier Jahren, in denen wir glücklich waren. Zwei Gläser weiter hole ich mein bereits entworfenes Hochzeitskleid aus dem Schrank. Elfenbeinfarben mit einem weiten, tiefen Dekolletee und Träger aus Spitze. Es hätte mir bestimmt gut gestanden. Bevor ich es Luisa anziehe, frage ich sie nochmal:
„Möchtest du nicht doch ein Glas Rotwein trinken?“
Luisa verzichtet, wie jedes Mal.
„Bleibt mehr für mich!“
Ich ziehe das Hochzeitskleid Luisa über und trinke den Rest meines fünften oder sechsten oder wievielte Glas auch immer in einem Schluck aus. Hole die größte Schere von meinem Schneidetisch und setze unten am Saum an, um dann kreuz und quer das Kleid in kleine Stücke zu zerschneiden. Am Ende steht Luisa nackt da und kein Fetzen ist größer als ein DIN-A5-Papier. Tränen laufen meine Wangen entlang, vermischen sich mit meinem Rotwein. Ich drehe mich von Luisa weg, kann ihr nicht mehr in die Augen schauen.
„Jetzt reichts aber! Ruf Marie an!“
Schlagartig bin ich nüchtern – hat meine Schaufensterpuppe Luisa tatsächlich mit mir gesprochen? Das Lächeln scheint aus ihrem sonst so fröhlichen Gesicht gewichen zu sein oder täusche ich mich.
Rückwärts gehe ich zum Telefon, Luisa nicht mehr aus den Augen lassend und wähle endlich die Nummer von Marie.
„Marie, ich bin´s Claire! Hajo hat mich wegen einer anderen verlassen, kannst du ins Atelier kommen?“
„Ich bin in fünf Minuten da!“

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