Von Ingo Pietsch

„Hey, wieso gehen jetzt auf ein mal die Rollos in der Küche runter?“, drang Danielas Stimme ins Wohnzimmer.

Ulli stand im Türrahmen, den Kopf auf sein Smartphone gesenkt: „Ich habe jetzt auch die Jalousien mit der App für das Haus verlinkt. Jetzt kann ich fast alles damit steuern. Die Heizung einschalten, wenn wir auf dem Weg nach Hause sind oder dem Paketdienst an der Tür sagen, wo er unsere Post hinlegen soll, die nicht in den Briefkasten passt. So einfach ist das!“

Daniela sah das anders: „Muss denn immer alles per Handy gesteuert werden? Ich fand es früher viel schöner, ins kalte Haus zu kommen und mich mit dir und der Decke aufs Sofa zu kuscheln, bis es richtig warm wurde. Oder ich nutzte die Zeit, bis das Essen fertig ist, für andere Dinge. Ich finde, das ist irgendwie alles so geplant. Nur weil alles smart ist, bist du auch nicht auch gleich smarter.“

Ulli hatte die spitze Bemerkung überhört: „Aber es hat auch viele Vorteile.“ Er grinste sie an, bis der Staubsaugerroboter ihm an den Fuß fuhr. „Passiert schon mal“, seufzte er.

Der Roboter setzte zurück und fuhr ihm wieder und wieder an den Fuß. Dann machte er irgendwelche disharmonischen Geräusche und rollte davon.

Ulli schüttelte den Kopf, tippte auf das Display und die Jalousien in der Küche fuhren wieder hoch.

Dann war etwas im Obergeschoss zu hören.

„Waren das jetzt die Jalousien oben?“, fragte Daniela während sie eine Hundefutterdose öffnete.

Ulli legte sein Handy auf den Küchentisch, umschlang seine Frau von hinten und küsste ihren Nacken. „Im Schlafzimmer. Kommst du mit hoch?“

Sie ließ die Dose, wie sie war. „Da fragst du noch?“

 

Als die beiden einige Zeit später wieder in der Küche waren, zeigte sich ihnen ein merkwürdiges Bild: Die Tür der Mikrowelle, vor der die Hundefutterdose gestanden hatte, stand offen. Die Dose war verschwunden und eine Spur aus Fleisch und Gelee führte zur Terrassentür.

„Was ist hier denn passiert?“,fragte Daniela. Sie folgte der Spur.

„Hast du mein Handy gesehen, das liegt hier nicht mehr.“ Ulli lugte unter den Tisch, fand es aber nicht.

„Du Ulli, guck mal“, Daniela hatte sich zur Tür heruntergebeugt. Dort war ein Loch unten in der Tür. Auf der Terrasse lagen überall Stückchen vom Sicherheitsglas.

„Da ist wohl jemand eingebrochen!?“, Ulli zog ein Santoku-Messer aus dem Block.

„Na klar. Und der hat von da unten den Griff der Tür betätigt. Dann muss er ja zwei Meter lange Arme haben. Außerdem liegen die Scherben draußen  – und dass können nicht alle sein. Ein ganzer Streifen in der Mitte fehlt, als hätte sie jemand weggefegt.“

„Willst du mir etwa erklären, dass unser Hund durch die Scheibe gebrochen ist, sich das Futter geholt hat und wieder nach draußen verschwunden ist? Und mein Handy hat er gleich auch noch mitgenommen?“

„Oder der Staubsaugerroboter ist es gewesen.“ Daniela zuckte mit den Schultern. Sie öffnete die knirschende Glastür.

„Boomer, wo bist du?“, rief sie.

Auch Ulli war verwundert.

„Guck mal, die Gartentür steht offen, Boomer ist bestimmt dagegen gesprungen und ist getürmt. Hast du sie wieder nicht abgeschlossen?“, fragte Daniela anklagend.

Ulli dachte nach: „Gestern kam ich nach Hause und dann … . Ich weiß es nicht mehr.“ Ulli fühlte sich schuldig.

„Boomer hat schon wieder im Rasen gebuddelt. Da ist ein Riesenloch vor der Tür.“

Ulli und Daniela gingen zu dem Krater, neben dem noch andere Löcher waren.

„Hier war der Begrenzungsdraht vom Rasenmäherroboter verlegt. Der ist hier herausgerissen worden.“ Ulli sah sich um. „Der Roboter ist auch weg.“

„Klaut jetzt einer unsere ganzen Geräte oder zetteln die eine Rebellion an?“ Daniela wusste nicht, ob sie weinen oder lachen sollte.

Ulli reimte sich eine phantastische Geschichte zusammen: „Also: Die Mikrowelle hat die Hundefutterdose zum Tisch rübergeschossen. Die hat mein Handy mitgerissen, der Staubsaugerroboter ist mit beiden durch die Glastür gebrochen, dann haben sie den Hund bestochen, den Draht auszubuddeln und die Gartentür zu öffnen. Und dann sind die Roboter getürmt.“

Daniela starrte Ulli mit offenem Mund an: „Mal ganz ehrlich, das glaubst du doch selber nicht. Du solltest nicht immer solche übersinnlichen Phänomene im Fernsehen anschauen.“

Plötzlich fuhren die Rollos des ganzen Hauses runter und der Rasensprenger ging an.

„So ein Mist, gleich sind wie total durchnässt.“ Sie rannten auf die Straße.

„Irgendetwas stimmt hier nicht.“ Kaum hatte Ulli das ausgesprochen, wurde er von einem Australian Shepherd angesprungen und umgeworfen, der ihm das Gesicht ableckte. „Boomer, da bist du ja wieder! Wo warst du?“

Der Hund winselte, lief zur Eingangstür und kratzte daran.

„Ich glaube, er will rein“, meinte Daniela. „Er hat Angst.“

„Hast du einen Schlüssel, ich kann die Tür nur mit meinem Handy öffnen.“ Ulli zog eine Grimasse.

Daniela fühlte in ihre Hosentasche. „Der liegt im Flur auf der Kommode.“

Die Straßenbeleuchtung flackerte und ganz unten an der Kreuzung, hupten mehrere Autos.

Ulli und Daniela spähten in Richtung der Geräusche. Die Ampel war mal aus und dann leuchteten alle gleichzeitig Lichter auf. Autos kollidierten. Unfallgeräusche kamen jetzt von überall her. Alarmanlagen gellten. Polizei- und Rettungswagensirenen heulten auf. Ein Hubschrauber stürzte laut ratternd in einen nahegelegenen Park.

Der Rasenmäherroboter und der Staubsaugerroboter kamen unter einem Busch hervorgefahren und hielten funkensprühend unabdingbar auf Ulli und Daniela zu.

Boomer zog den Schwanz ein und lief winselnd davon.

„Bitte kneif mich und sag mir, dass das alles nur ein Traum ist“, sagte Daniela.

„Vergiss es“, rief Ulli, warf das Messer weg, zog Daniela am Arm und rannte mit ihr los. „Wir werden ja wohl nicht beide den gleichen Traum haben …“

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