Von Bernd Kleber

Über mir an der Decke Quadrate … viele, ich beginne sie zu zählen … dreizehn in einer Reihe und abwärts? Vierzehn …

Der Raum ist abgedunkelt. 13 x 10 sind 130, 4 x 13 ist schon schwieriger, wenn sie dir die Vene in der Leistenbeuge aufschneiden. Es ziept. Au!

2 x 13 sind 26 mal 2 gleich 52 plus 130 … ah, 182 sind an der Decke, diese weißen langweiligen Quadrate mit Poren. Die Poren schlucken den Schall. Es surrt der Führungsdraht, wenn die Ärztin den Katheter in meinen Körper durch die Vene vorantreibt. Fies! An einigen Stellen, die irgendwie enger scheinen, kitzelt es. Und ich weiß, das Unangenehmste kommt noch. Ist die Katheter-Spitze in der Herzkammer platziert, kitzelt es und führt zu Rhythmusstörungen, die wiederum Husten, Herzhusten, hervorrufen. Ich liege ausgeliefert bereit und weiß, dass diese Frau, diese schöne Frau, ihr ganzes Können gibt. Sie mag mich, das weiß ich! Wir haben einen Draht zueinander, nein, nicht den Führungsdraht des Katheters. Ich vertraue ihr.

Ich sage: „Ich habe Angst, Frau Doktor.“ Sie lächelt und meint, dass es normal sei und sie werde sehr sorgsam mit mir umgehen. Ob ich eine Beruhigungspille bekam? „Ja“, bestätige ich nickend.

Ich sehe nur an die weißen Quadrate der Decke in dem abgedunkelten Raum. Links von mir sind drei große Monitore, als ginge es darum, Breitwandkino zu offerieren. Ich schaue nicht dorthin. Ich kenne alles schon. Nicht mein erstes Mal. Ich möchte nicht meine pulsierenden Herzkammern begaffen und schon gar nicht, sollte sie Gefäßengen finden… das ängstigte mich beim letzten Mal extrem.

Die Kardiologin macht jeden Handgriff sehr zielbewusst, keiner zu viel oder zu wenig. Ich fühle, dass auch sie mich nicht länger untersuchen möchte, als notwendig. Einstudierte Routine höchster Konzentration und Präzision. Die beiden Schwestern wuseln unaufhörlich um meine Liege. Schreiben Maße auf… per Tastatur in einen Computer. Die Ärztin kommentiert, Durchlaufgeschwindigkeit, Klappendurchmesser, Rückfluss und solche Dramen.

Ich knete meine Finger und fühle bewusst die Bahn der herab rinnenden Schweißperlen an meinen Schläfen. Auch das kitzelt. Nur besser außen, als innerlich.

Die geschickt hantierende Ärztin sagt: „Eine Kammer haben wir ausgemessen, Herr Grünert, jetzt gehe ich in die andere Kammer und gleich sind wir fertig.“ Sie versucht, mich zu beruhigen. Ich finde es sehr mütterlich, dass sie ahnt, wie aufgeregt ich bin. Sie ist wohltuend empathisch und verbunden. Sie ist eine Traumfrau!

Ich sehe weiter auf die Quadrate an der Decke und knete unter dem chirurgischen Tuch meine Finger. Die sind nass, wie aus einem Spülbecken gezogen. Dann fangen die Quadrate an, zu tanzen, und drehen sich sehr schnell, als wären sie nun Kreise. Die Quadratur des Kreises fällt mir ein und ich sage noch: „Mir wird jetzt aber schwindelig!“

Eine Wiese… so grün und unheimlich schön. Blumen, und es duftet. Und dort kommt Cleo angerannt. Cleo! Wo kommt sie her? Und eine Frau. Die hat Cleo an einer Ausziehleine. Wie kommt sie zu meinem Hund? Cleo ist eigentlich tot. Eineinhalb Jahre schon. Aber sie freut sich so sehr und ich mich auch. Cleo!

Ich hocke mich und grinse breit, da mein Hund mich gleich umreißen wird. Ich werde auf dem Rücken liegen. Sie springt mich an. Ich habe die Arme ausgebreitet, versuche sie zu halten, aber 35 Kilo Kraft hauen mich um, wie ein Bowlingkegel durch die Kugel getroffen. Die Lefzen fliegen. Ich muss so lachen. Dieser, mein Hund, ist so schön. Mit einem harten Aufprall lande ich auf dem Rücken. Mich durchwellen Tsunamis des Glücks und der Freude. Ich rieche bewusst Cleos Eigengeruch und bin der glücklichste Mensch der Welt. Es ist herrlich hier.

Aber wer ist diese Frau? Ich kenne sie. Ganz gewiss habe ich sie schon gesehen. Sie steht jetzt daneben, hat die Hundeleine losgelassen und lächelt ein so wärmendes Lächeln, das ich nur erwidern kann.

Immer noch halte ich die wild wedelnde Cleo fest am Körper, den Arm um ihren Rumpf geschlungen. Der Schwanz geht wie eine Antriebsachse, so heftig, dass die wedelnde Bewegung des Hundekörpers sich auf mich überträgt.

Die ältere Dame lächelt immer noch.

„Wir kennen uns!“, sagt sie. „Ja“, erwidere ich. „Ich weiß, aber woher, weiß ich nicht und wieso haben sie meinen Hund?

„Ach, das ist ganz normal. Die Tiere laufen den Menschen zu, die geistig ihren Besitzern am nächsten stehen. Also wir müssen uns sehr nahe sein.“

„Aber wodurch? Bitte verraten Sie mir Ihren Namen.“

„Hedda Zinner.“

„Ah, ich habe ein Foto mit ihnen, wo ich auf ihrem Schoß sitze, während einer Weihnachtsfeier, im Betrieb meiner Mutter. Meine Schwester sitzt neben uns beiden. Und ich weiß, dass sie einer meiner frühesten kindlichen Erinnerungen sind.“

„Ich hoffe nur gute Erinnerungen, Joachim.“

„Ja. Ich fühlte mich sehr wohl auf ihrem Schoß! Und hoffte, sie seien mit uns verwandt und besuchten uns jetzt öfter. Ich kann nicht älter als vier gewesen sein.“

„Ja, so ungefähr, es war 1965.“

„Später, beim Betrachten der Fotos, erklärte mir meine Mutter, dass sie Hedda Zinner sind.“

„Ich war zu der Weihnachtsfeier auch eingeladen. Wir Autorinnen und Autoren fuhren in der Weihnachtszeit in Produktionsbetriebe und lasen aus Geschichten oder Romanen. Kultur für Werktätige und ihre Kinder. Ich hatte gerade meine Erzählung `Wenn die Liebe stirbt` veröffentlicht und einige Preise erhalten, die mir aber nichts bedeuteten. Ich wollte immer nur die Menschen an die schönen Dinge des Lebens erinnern und Ungerechtigkeit verteufeln. Ich fühlte damals, dass du einen großen Gerechtigkeitssinn besitzt. Du wolltest, dass ich auch zu deiner Schwester nett sei und euch beide beschenke.“

„Frau Zinner, wie kommen sie nun, bei allem Respekt, an meinen Hund?“

„Das sagte ich ja schon. Seelenverwandten läuft so ein Tier zu. Wir beide sind verwandt. Innerlich verwandt. Mein Glaube an eine gerechte, soziale, befriedete Weltgesellschaft muss dir auch sehr wichtig sein. Anders kann es nicht sein.“

„Ja, Frau Zinner, ich glaube an eine sich entwickelnde gerechte Welt, schon aus Gründen des Intellekts und der Vernunft. Jeder muss doch einsehen, dass es nichts mit Neid zu tun hat, wenn Güter allen gleichmäßig geteilt oder verteilt werden.“

„Obwohl du noch ein Kind warst, haben sich auf der damaligen Weihnachtsfeier unsere Seelen angenähert, wenn man von Seelen sprechen möchte. Man kann auch Geist oder Lebensenergie sagen. Eine synchrone Schwingung vielleicht. Das führte auch dazu, dass auch dein Hund Cleo mir zulief. Ich habe dir ein Gedicht mitgebracht, das heute wieder sehr aktuell ist. Damals sollte die Ukraine die Kornkammer des sogenannten Großdeutschen Reiches werden. Getreide, Eier, Vieh. Heute ist es die strategische Lage, welche die Ukraine zum Spielball der Mächte macht:

Siehste auf die große Frage,

die uns quälte all die Tage;

wozu so viel Blut vergossen,

wozu so viel Tränen flossen,

wozu dieser Krieg denn sei?

Ist die Antwort: Für ein Ei.

Für die Eier fielen wir in Russland ein.

Da biste platt,

wat?

 

Dreieinhalb Millionen Leichen

in den Weiten Russlands bleichen.

Nicht umsonst sind sie gefallen,

sieh, ihr Tod, er nützt uns allen.

Denn für jeden toten Mann,

rollen jetzt zehn Eier an.

Eier aus der Ukraine,

wat sagst Du?

Da biste platt,

wat?*

„Ein Ei!“, ich lache und unterdrücke es sofort, „Aber wo bin ich denn hier? Ich war doch eben im Krankenhaus.“

 

Es gibt einen Ruck, der Boden bebt und es knallt laut. Frau Zinner und der Hund fliegen wie von einem Trampolin geschleudert gen Himmel.

Über mir wieder die weißen Quadrate. Das Gesicht einer Schwester hektisch über meinem Gesicht von stirnseits. Jemand ruft: „Er ist wieder da!“

Auf meiner Brust brennt es wie Feuer. Ich denke an Salz – oder Schwefelsäure, reibe über meine Brust und sage: „Es brennt so sehr.“

Meine Ärztin lächelt und streicht über meine Wange. „Alles gut!“, sagt sie. Jedoch mit so besorgtem Blick, dass mir mulmig wird.

„Ich habe ganz komisches Zeug geträumt. Was ist passiert?“

 

Später im Krankenbett liegend, erzähle ich meiner Nichte davon. Sie sitzt auf dem Besucherstuhl und sieht mich mit gefurchter Stirn an. Das ist der besorgter Blick einer Krankenschwester. Mit fester Stimme sagt sie, ich solle mal mein T-Shirt hochheben. Auf meiner Brust zwei juckende rote Abdrücke, als hätte jemand zwei Bügeleisen dort abgestellt. „Die haben dich zurückgeholt. Du warst weg!“

„Defibrillator?“, frage ich. „Ja … “, raunt sie mit schmalen Lippen. Mir läuft ein Schauer über den Rücken.

Später suche ich im Internet mehr Angaben zu Hedda Zinner und treffe auf die Biografie einer interessanten Autorin und Publizistin. Sie ist Zeit ihres Lebens für ein gerechtes humanistisches Weltbild eingetreten. Ich bin beeindruckt. Ich suche nach Literatur und möchte etwas kaufen. Jedoch wird nirgends etwas angeboten, außer auf Internetseiten von antiquarischen Buchhändlern. Ich bin enttäuscht. Keine Gesamtausgabe? Keine E-Books.

Ich suche im Internet Straßennamen mit Hedda Zinners Namen, einer Frau, einem Frauenbild, mit lebensbejahenden politischen Ansichten. Ich finde nur eine kleine Straße in der Bundesrepublik: Hedda-Zinner-Weg in Rostock. Keine anderen Erinnerungen an sie …

Jetzt gebe ich in die Suchmaske Bismarck, Hindenburg, Kaiser, Prinz, Richthofen, Hoeppner ein und breche dann ab… so viele Alleen, Straßen, Plätze, die an Männer erinnern, welche namentlich für Militarismus und Krieg stehen. Geboren werden Helden von Frauen.

Ich suche noch weitere namhafte Frauen in Straßennamen und allgemein im Netz, die meiner Meinung nach unserer Republik in der Erinnerungskultur einen würdigen Platz hätten…

Flora Tristan

Sophie von Hatzfeldt

Mathilde Franziska von Anneke

Louise Otto-Peters

Louise Michel

Eleanor Marx

Emma Ihrer

Clara Zetkin

Beatrice Webb

Lily Braun

Emma Glodman

Rosa Luxemburg

Marie Juchacz

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*Hedda Zinner (ca. 1941)