Von Carina Pfäffle

Walpurgia saß wieder einmal gelangweilt auf ihrem lila Sofa. Ihre Beine baumelten fröhlich in der Luft und ihr kleiner, schwarzer Rabe Abraxas, der sein zu Hause in ihren wirren, blonden Haaren gefunden hatte, krächzte schon seit Stunden. Seit dem Walpurgia ihn vor ein paar Jahren aus dem Stadtwald mit nach Hause gebracht hatte, folgte er ihr auf Schritt und Tritt. Mittlerweile konnte sie sich keinen Tag mehr ohne ihn vorstellen. Noch bevor um 5 Uhr ihr Wecker klingelte, krächzte und stöhnte, schnatterte und schabte Abraxas so lange, bis sie es schaffte aus ihrem gemütlichen Bett aufzustehen.

„Was soll ich nur machen, Abraxas?“, stöhnte Walpurgia, während sie anfing auf ihren Fingernägeln herum zu kauen. „Ich weiß einfach keinen Rat…“, fuhr sie fort. Leider konnte Abraxas ihr noch nicht antworten, aber sie arbeitete schon fleißig an einer Mixtur, mit der er die menschliche Sprache erlernen würde, voraussichtlich, sie sollte erfolgreich sein in ihrer Aufgabe als Hexenküche. Abraxas regelte sich und streckte sich. Dann fing er an heftig mit den kleinen Flügeln zu flattern und stieß sich schließlich von Walpurgia´s Kopf ab. Aber das war nicht das einzige Problem, dass Walpurgia hatte. Sie hatte noch ein viel Größeres. Mit ihren 456 Jahren war sie eine recht junge, noch sehr unerfahrene Hexe. Das ließen die alten, buckligen Hexen an den jährlichen Walpurgiasnachttreffen sie auch spüren. Doch mittlerweile war sie abgehärtet gegen ihre Sprüche. Aussagen wie: „Ah, da kommt der Jungspunt mit der glatten Haut und dem geraden Rücken!“ oder „Oh, das moderne Weichei von Hexe“ ließen sie kalt. Was sie aber nicht lockerließ, waren die Fragen nach ihrer Berufung. Selbst nach 456 Jahren des Überlegens hatte sie noch immer keine Aufgabe für ihr Leben gefunden. Selbst Monia- sie war die jüngste Hexe mit 329 Jahren- hatte vor einigen Jahren den Sinn ihres Lebens gefunden. Sie hatte sich darauf spezialisiert alten Männern beim Bücken einen Hexenschuss zu verpassen. Und wie sich herausstellte, war sie auch sehr gut darin. Jedenfalls stiegen die Anzahlen an Patienten in den umliegenden Physiopraxen erheblich an. Eine andere Freundin von Walpurgia hatte vor rund 90 Jahren einen Kostümladen aufgemacht, der darauf spezialisiert war besonders reale und echte Hexenkostüme zu vertreiben. Wie man sieht, Hexen waren überall in unserer Gesellschaft anzutreffen und trugen ihren Beitrag zu einer friedliebenden Gemeinschaft bei.

Mittlerweile hielt es Walpurgia nicht mehr in ihrer kleinen 2 Zimmerwohnung aus. Sie sprang auf die Beine, eilte zur Garderobe und schlupfte schnell in ihren langen Umhängemantel.  „Komm, Abraxas!“, rief sie in die Wohnung. „Wir machen einen Ausflug.“ Schnell flog Abraxas zurück in ihre Haare und sie verließen rauschend das Haus. Walpurgia hatte nie die Fahrprüfung bestanden. Auch nach etlichen Versuchen nicht. Mit knapp 350 Jahren hatte sie es schließlich aufgegeben und sich damit abgefunden ihr Leben lang mit der Straßenbahn zu fahren. Und das taten sie jetzt auch. In der überfüllten, gelben, wirklich sehr langsam zottelten Bahn fuhren sie Richtung Stadtzentrum. Am Hauptbahnhof stiegen sie aus. Endlich befreit von dem beängstigenden Gefühl von den anderen Menschen erdrückt zu werden. Wohin Walpurgia wollte, wusste sie nicht. Also machte sie sich einfach mal Richtung Osten los. Sie schlenderte zwischen den Straßen entlang, schaute neugierig in die Ladenfenster und wartete sehnsüchtig auf eine Erleuchtung. Warum konnte man nicht einfach seine Bestimmung mit einem Brief so etwas ähnlichem erhalten? Eines Tages sollte ein Brief von der Hexengemeinschaftbehörde eintrudeln, der einem sagte, in welchem Sektor man sich nun zu spezialisieren hatte. Das würde so vieles einfacher machen und ihr ganzes Kopfzerbrechen ersparen.

Und dann auf einmal sah sie es. Es war ein kleiner Laden. Zwischen einem Dekoladen und einem kleinen Café. Der Eingang war über drei kleinen Stufe zu erreichen. Der Laden war dunkel. Die Fenster waren mit schwarzem Papier abgeklebt und hinter der Eingangstür klebte ein Schild: „Zu verkaufen!“. Walpurgia wusste nicht warum gerade jetzt ihr die Erleuchtung kam. Vielleicht weil sie so verzweifelt war. Vielleicht weil Abraxas mit den Flügeln auf ihren Kopf schlug oder vielleicht weil die Sonne die Ladentür so hell erleuchtete. Oder vielleicht war es auch, weil all diese Faktoren zusammenkamen. Aber sie wusste, dass hier in kürzester Zeit der neue Tierbedarfsladen der Stadt stehen würde, spezialisiert auf Raben und mit einem Grinsen auf dem Gesicht machte sie sich zurück nach Hause.