Von Christiane Labusga

Zwischen 5 und 6 bauen die Vögel mit ihrem Gesang einen Dom über dem Dorf. Jedenfalls im April. Jedenfalls auf der Nordhalbkugel. Jedenfalls auf diesem Breitengrad. Oder ist es Längengrad?

Erst vor drei Monaten hat sie das in Wikipedia nachgeschlagen, und schon wieder vergessen.

Jedenfalls, was ihren Bauch betrifft, das sind Breitengrade. Und die dehnen sich aus. Jedenfalls haben sie das getan während der sogenannten „Wechseljahre“. Man sollte das besser „Kleiderwechseljahre“ nennen, denn danach passt nichts mehr, was man vorher getragen hat. Und dann wurde es wieder stiller um ihre Breitengrade.

Nicht stiller wird es draußen, wo sich die Amseln (das sind morgens die ersten und die letzten Dombauer) immer noch in territorialer Abgrenzung üben.

Gleich wird der Wecker klingeln, darum fischt sie mit ihrer Linken nach ihm, ohne sich aus der Rückenlage zu bewegen oder ihre Augen zu öffnen. Nein, solange es noch eine einzige Amsel da draußen gibt, die ihre Melodie in die Unendlichkeit hinein pfeift, wird sie ihre Augen nicht öffnen.

„Kann ich helfen?“

Eine nicht unsympathische, aber leider völlig unpassende Stimme. Sie reißt die Augen auf, dreht sich nach links: „Wer sind Sie?“

Eigentlich fragt man doch in solchen Situationen: „Was machen Sie hier?“ oder schreit einfach entsetzt auf – und das möglichst lange, oder auch das klassische : „Hilfe! Mörder!“

Aber das fällt ihr alles nicht ein. Sie sollte mehr Horrorfilme schauen, einfach wegen der Etikette.

„Hm“, räuspert sich die Stimme, „darf ich mich materialisieren?“

„Materialisieren? Sind Sie etwa Stephen Hawkins?“

„Hawking – ähm, nein.“

„Sind Sie ein Perverser?“

„Nein, Entschuldigung, ich glaube, damit kann ich auch nicht dienen. Ich bin, nun, in Ihren Augen sicherlich, ein Geist. Gewissermaßen ein Hausgeist. Weil ich nur hier erscheine, und auch nur, hm, alle 10 Jahre. Komplizierte Geschichte.“

Sie rückt ihre Decke zurecht, klopft noch einmal rechts und links darauf, um nur ja keine Lücke zu lassen zwischen Decke und Laken, eine Angewohnheit, seit die Breitengrade auseinander – aber das gehört jetzt nicht hierher:

„Na, dann zeigen Sie sich mal und erzählen Sie!“

Es erscheint erst etwas nebulös, dann immer mehr die Sicht auf den Schrank hinter ihm verdeckend, ein nicht allzu alter Mann in Eisenbahneruniform. Eigentlich sehr schick, aber zu jung für ihre Breitengrade.

„Was wollen Sie von mir?“, fragt sie daher barsch.

„Gar nichts. Ich muss nur alle zehn Jahre hier spuken.“

„Warum?“, sie bleibt bei ihrem barschen Tonfall.

„Na ja, wegen des Unfalls damals. Nee, eigentlich Selbstmord. Also, ich hab versucht, den Kerl zu retten, der sich da vor den vorbeifahrenden Güterzug warf, bin ihm halb nach gesprungen und hab gerufen: Denk an deine unsterbliche Seele! Dann hat auch mich der Zug erwischt.“

„Ah, ja, und wo ist der  Kerl jetzt?“

„Na, im Nirwana. Wie alle Nihilisten. Die ohne Seele. Oder besser, ohne Glauben an eine Seele. Die, die den Joker haben.“

Wie kann man jetzt ihr Gesicht beschreiben, ein Fragezeichen. In wörtlicher Rede so: „?“

„Ja“, sagt der Eisenbahner, „hm. Also, Frantz Fanon, der hat doch so ungefähr gesagt, dass jeder bekommt, was er verdient…“

„Äh, nein, das hat er so nicht gesagt, entschuldigen Sie, dass ich unterbreche!“

„Ja, gut, aber denken Sie bitte an den, das macht es vielleicht leichter: Das Jenseits ist so konstruiert…“

„Von wem?“

„Äh, keine Ahnung. Also, das Jenseits ist so konstruiert, dass jeder das bekommt, woran er glaubt. Re-Inkarnisten werden als Flöhe wiedergeboren, Buddhisten auf der höchsten Stufe und Nihilisten gehen gleich ins Nichts beziehungsweise Nirwana ein. Rechtschaffene Christen und Christinnen sitzen neben ihrem Gott und so mancher Muslime hat nach dem Tod ein wildbewegtes Sexleben mit 72 Jungfrauen (mal im Ernst, ha, ha, ha, wildbewegt, wie soll das gehen mit Anfängerinnen?)“

„Und warum sitzen Sie nicht bei Gott?“, sie unterbricht die sexistische Fantasie. Aber die Frage ist ihr auch schon oft gekommen, wenn sie davon gehört hat. Eigentlich sind die muslimischen Helden richtig arm dran…

„Na, weil ich hinterher gesprungen bin. Weil ich den Quatsch ja auch nicht glaube, aber den Quatsch als Argument genommen habe, um den Nihilisten zu retten.“

„Also Sie glauben nicht an eine unsterbliche Seele, sind aber eine.“

„Ja, aber nur… weil ich das Falsche gesagt habe im Augenblick meines Todes.“

„Tragisch.“

„Ja.“

Beide schauen sich betrübt an, dann hat sie eine Idee:

„Wissen Sie was, ich glaub‘ den Quatsch auch nicht. Wenn Sie in 20 Jahren wieder vorbei kommen, und ich bin noch da, dann erwürgen wir uns einfach gegenseitig. Und schreien: Keine Angst, nach dem Tod kommt nur das Nichts!“

„Danke!“, der Bahnuniformierte verbeugt sich: „ Das klingt nach einem guten Plan!“

Dann verschwindet er.

Sie bekommt endlich ihre Uhr in die Linke: 8:20 Uhr. Es hat nicht geklingelt.

Dann fällt ihr ein, dass es Samstag ist. Sie dreht sich auf die rechte Seite, schüttelt in Gedanken den Kopf (denn wenn man auf der Seite liegt, kann man den Kopf nur in Gedanken schütteln) und schiebt noch ein Schlummerstündchen ein.

 

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