Von Agnes Decker

„Sie können gerne eine Nachricht hinterlassen.“ Genervt höre ich meiner Stimme auf dem Anrufbeantworter zu. Eigentlich bin ich schon weg. Na, ja nicht ganz. Stehe mit dem Schlüssel in der Hand an der Tür unserer Agentur.

„He, Susanne“, ertönt Matthias Stimme, als stünde er neben mir. „Hast wohl schon Feierabend gemacht, du kleine Schlampe? Schade. Schau mal in dein Handy. Bis morgen.“  Schlampe, wie witzig. Aber so ist er, immer für einen lockeren Spruch zu haben. 

Matthias ist mein Geschäftspartner. Wir haben uns selbständig gemacht und sind mittlerweile mehr als erfolgreich. „Nightmare-Events“, unsere Agentur, macht ihrem Namen alle Ehren. Wir bieten gestressten Managern, gelangweilten Lehrern, abgestumpften Bürokraten, Horrorfans und mehr oder weniger normal Bekloppten, Ausflüchte aus dem Alltag, Gruselthrills sozusagen. Unser Angebot reicht von der abgelegenen Hütte im Wald, über den U-Bahnschacht und die Gefängniszelle bis zur stillgelegten Fabrik, dem Unfallauto und, dem bisherigen Highlight, der nicht mehr genutzten psychiatrischen Klinik. Absolut im Trend sind Übernachtungen in der Friedhofskapelle oder Gruft. 

Und ständig kommen neue Orte dazu. Matthias hat ein Händchen dafür, und anscheinend wieder etwas Spannendes gefunden. Ich klicke auf das erste Foto. Wahnsinn – das ist es, das ist unser Haus. Die Eingangshalle mit der geschwungenen Treppe, die zu einer Galerie führt. Ein Traum. Sensationell, der geschmiedete Handlauf. Sonnenstrahlen, die durch das Oberlicht mit den farbigen, bleiverglasten Fensterscheiben fallen, lassen den Kronleuchter in der Kuppel und den Kinderwagen am Fuß der Treppe in marodem Glanz erstrahlen. Relikte einer längst vergangenen Epoche. Meine Fantasie schlägt Purzelbäume. Ich scrolle weiter. Auch die restlichen Fotos sind viel versprechend. Überall gibt es Spuren früherer Bewohner– Regale mit Büchern, Spielzeug, Möbel, Gardinen – so als wäre das Haus fluchtartig verlassen worden.  

Unter den Fotos steht eine Nachricht: „He, Hase, hab schon einen Termin gemacht mit dem Makler, Felix Hartmann. Er erwartet uns am 31.10. um 17.30 Uhr.“ Ausgerechnet Halloween, geht es mir durch den Kopf. Aber egal, ich will dieses Haus sehen. Unbedingt.

***

An besagtem Tag regnet es in Strömen. Das fahle Licht der Straßenlaternen dringt kaum durch die Dunkelheit, als um 17.15 Uhr eintreffen. Das schmiedeeiserne Tor ist weit geöffnet. Wir fahren schwungvoll hindurch. Das Haus sieht genauso aus wie auf dem Foto. Majestätisch ragt das Dach mit den grünen Schindeln zwischen den Bäumen hindurch. Sprachlos stehen wir davor und starren es an. Es hat etwas Verlassenes, Einsames, wie es da steht, mit seinen Gauben, den geschlossenen Fensterläden, der efeubewachsenen Fassade und der  von Moos überwucherten Treppe. 

 „Großartig, irre“, Matthias legt mir die Hand auf die Schulter. „He, Erde an Basis, wo bist du mit deinen Gedanken?“ Er schüttelt mich und ich löse meinen Blick von dem Haus. „Ja, danke, ich bin ganz fasziniert“, stammele ich und befreie mich aus seinem Griff. So perfekt hätte ich es mir nicht vorgestellt. Der Regen hat aufgehört und der gelbe Schein der Außenbeleuchtung taucht alles in ein diffuses Licht. Kein Geräusch dringt von der Straße her durch die Bäume und Sträucher, die es wie eine Mauer umgeben. Es ist absolut still. Zögernd gehe ich hinter dem forsch ausschreitenden Matthias die Treppe hinauf. Die doppelflügelige Tür steht offen. Wir treten ein und ein düsteres Zwielicht nimmt uns auf. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. 

„Wo bleibt der Makler?“ Matthias klingt genervt. Ich zucke mit den Achseln. „Herr Hartmann?“, ruft Matthias. Seine Stimme verliert sich in der riesigen Eingangshalle. Ich schaue mich um und erkenne alles wieder. Die Treppe mit dem schmiedeeisernen Geländer schwingt sich in die obere Etage. Dort hängt der verstaubte Kronleuchter, der jetzt mit seinen flackernden Kerzen für ein unheimliches Flair sorgt,  und auch der Kinderwagen ist noch da. „Herr Hartmann?“ Matthias öffnet eine Tür, die in eine fast vollständig eingerichtete Küche führt. So, als wären die Hausbewohner einfach für ein paar Jahrzehnte weggefahren. 

 „Das sind sie ja“, die wohlklingende Stimme lässt mich zusammenzucken. „Ach, der Herr Hartmann, nehme ich an.“ Matthias ist ebenfalls herumgefahren und schaut den Eintretenden an.  Der Mann ist klein, ungefähr in meiner Größe und ich bin knapp 1,60 m. Er trägt einen dunklen Mantel und hat einen weißen Wollschal lässig um den Hals geschlungen. „Sie interessieren sich also für dieses Haus?“, sagt er mit einer angedeuteten Verbeugung, und grinsend, zu Matthias gewandt „Nightmare Events, richtig?“ 

Nachdem wir dem Makler unser Geschäftskonzept vorgestellt haben, führt er uns durch die nicht enden wollenden Räume. „Das Haus ist genau das Richtige für Ihre Zwecke. Kommen Sie, schauen Sie sich den verwilderten Park an.“  Ich trete ans Fenster. Von hier oben, aus einem der vielen Schlafräume, hat man einen guten Blick über das Grundstück, das einen gespenstischen Eindruck macht. Es sieht aus, als würden die Bäume und Sträucher nach dem Haus greifen. „Als ob sie es vernichten wollen“, denke ich, und muss über mich selber den Kopf schütteln. 

„Es gibt eine Geschichte zu diesem Haus“, sagt der Makler.  Sein Lächeln wirkt im Flackern der Deckenbeleuchtung fast gemein. „Los, erzählen Sie“, Matthias hat sich auf der obersten Treppenstufe niedergelassen. Zögernd setze ich mich neben ihn. 

„Sie dachten, sie hätten sie längst ausgerottet. Ausgerottet! Ha! Wie dumm die Menschen doch sind.“  Der Makler steht hochaufgerichtet hinter uns. Seine Stimme klingt dunkel und kehlig. „Es war vor vielen Jahren, in einem harten Winter und mitten in der Nacht. Sie kamen von allen Seiten. Der Gutsbesitzer, seine Frau und die drei Kinder, zwei Knechte und eine Magd  hatten keine Chance. Sie wurden im Schlaf überrascht. Der Postbote fand sie. Danach war er nicht mehr derselbe. Er wachte in jeder Nacht schreiend auf. Ein halbes Jahr später nahm er sich das Leben. Er hat sich erhängt. Ein Polizeibeamter erzählte im Dorfkrug,  er habe noch nie im Leben so ein Gemetzel gesehen. Wie im Schlachthof. Und es hätte nach Blut gestunken. Den Geruch wurde er nie mehr los. Es gab noch weitere Geschehnisse. Alle hier in der Nähe. Die Menschen hatten Angst und gingen im Dunkeln nur noch bewaffnet und nicht alleine vor die Tür. Dann war Schluss. Bis heute. Das Haus hatte seitdem einige Besitzer. Meistens Familien. Sie sind nie lange geblieben. Immer ist jemand umgekommen. Unfälle. Selbstmorde. Wer weiß es genau?“ 

Unmerklich bin ich näher an Matthias herangerückt.  „Ja, genau das, das wollen sie. Herr Hartmann muss ihnen die Geschichte erzählen. Dann lassen wir sie allein. Nur ein Notrufhandy bekommen sie, für alle Fälle“, höre ich mich plappern. Ein lautes Geräusch unterbricht meinen Wortschwall. Ich schrecke hoch. Die Eingangstür, fährt es mir durch den Kopf. Hinter mir kichert jemand. „Herr Hartmann“, ich drehe mich vorsichtig um. Aber der Makler ist verschwunden.   

Ich schaue Matthias an, der neben mir sitzt und in die Halle starrt. Aha, denke ich und boxe ihn in die Seite. „He, Wahnsinn, Superinszenierung. Wie hast du das mal wieder gemacht, du Heimlichtuer? Mann, ist das gruselig, besser geht’s nicht. “, sprudele ich heraus. „Die Geschichte und die Geräusche, einfach super.“ Lachend drehe ich mich zu ihm um und schaue ihn an. Sein Gesicht ist hinter einem Nebelschleier nur undeutlich zu erkennen.„Mann, Matthias, du bist ja ein richtiger Künstler. Das Trockeneis ist einsame Spitze.“  

„Los komm jetzt, Susanne“, Matthias ist steht ruckartig auf. „Hast du sie gesehen?“, zischt er mir zu.  Sein Blick geht ins Leere. Er ist bleich. „Ich war das nicht, Susanne, verstehst du?“ Und dann sehe ich zu meinem Entsetzen, dass er zittert. Matthias, der ganzkörpertätowierte Riese, zittert, seine Arme, seine Beine, sein Gesicht. Gehört das mit zur Inszenierung? Mir wird eiskalt. Ich schlinge beide Arme um meinen Körper. Das beruhigt.

 „Was soll das heißen?“, brülle ich und spüre Matthias Hand, die sich schmerzhaft in meinen Oberarm gräbt. Er brabbelt vor sich hin, aber ich kann nicht verstehen. Ein modriger Geruch weht uns entgegen. Mir wird übel und in meinem Kopf dreht sich alles. „Was heißt, du warst es nicht?“, meine Stimme klingt zerbrechlich und piepsig. „Sag doch was, du machst mir Angst.“

Matthias antwortet nicht. Ich fühle die Kälte seiner Hand durch meine dicke Jacke, während er an mir zerrt und die Treppe hinabsteigt. Der Nebel erfüllt jetzt die gesamte Halle und legt sich schleimig auf meine Kleidung und mein Gesicht. Blind, mit brennenden Augen, tappe ich hinter Matthias her. Ich kann kaum noch atmen. Irgendwo muss doch dieser gottverdammte Eingang sein. Hat da jemand hinter mir gekichert? Was, wenn sie … weiter will ich nicht denken. Vorwärts, spreche ich vor mich hin und versuche, mich nur darauf zu konzentrieren. Der Schweiß rinnt mir über das Gesicht und vermischt sich mit der klebrigen, stinkenden Masse.

„Ja, Mann“, Matthias stößt die Türe nach außen. Kühle Nachtluft umfängt uns. Wir rennen die moosbewachsene Außentreppe hinunter und machen erst am Auto halt. Ich lasse mich auf den Beifahrersitz fallen. Matthias dreht den Schlüssel herum und tritt aufs Gas. Der Wagen macht einen Satz nach vorne, dann rast er über den Schotterweg zum Tor. Ich drehe mich noch einmal um. Der Nebel quillt aus der Eingangstür und kriecht langsam über die marode Treppe. Er verfolgt uns, denke ich, und mir ist, als würde das Haus mich anschauen. 

Das Klingeln von Matthias‘ Handy holt mich in die Wirklichkeit zurück. „Geh du ran“, er hat die Hände ums Lenkrad gekrallt und biegt mit hohem Tempo auf die wenig befahrene Straße ein. Ich öffne die Whatsapp-Nachricht und lese sie laut vor. 

„Lieber Herr Weinhold, ich muss mich entschuldigen und leider den Besichtigungstermin verschieben. Ich hoffe, sie sind noch nicht unterwegs. Melde mich bei Ihnen. Felix Hartmann.“

Wir haben den Termin übrigens nicht wahrgenommen.

Version 2