Von Anne Zeisig

Die Schranktür in Phils neuem Kinderzimmer steht weit geöffnet. Der Knabe hockt vor seinem Kleiderschrank und wispert: „Mama glaubt nicht an Geister.“

 

„Ich bin ja auch nicht Mamas Geist. Ich bin Dein Geist. Dein Geist Oskar.“

 

„Nur für mich?“

 

„Ja. Ich bin nur für dich da.“ 

 

* * *

 

In der Küche sitzen seine Mutter Marietta und deren Freundin Sandra.

 

„Eine schöne Wohung“, schwärmt Sandra. „Endlich bist du weg von deinem Mann.“

 

Marietta schenkt ihr eine Tasse Kaffee ein und bläst sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht: „Und dennoch habe ich das Gefühl, dass er uns verfolgt.“ Sie rührt Zucker und Milch in ihren Kaffee.

 

Die Freundin nimmt ihr den Kaffelöffel aus der Hand, legt ihn auf den Unterteller: „Es dauert halt, bist du seine Schläge, seine Erniedrigungen verarbeitet hast.“

 

„Aber die meißten Sorgen macht mir der Kleine.“ Sie holt tief Luft. “Seit wir hier wohnen, hat er einen imaginären Freund, und das ist der Geist Oskar.“

 

Sandra lacht laut. „Auf so eine Idee muss man erstmal kommen!“ Und nimmt sich einen Keks von der Etagere.

 

„Ich finde das nicht lustig. Ich muss für seinen Geisterfreund ein Essgedeck auf den Tisch stellen, ich muss auch für ‘seinen Geist’ eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen und selbstverständlich kniet Phil stets in seinem Kleiderschrank und unterhält sich leise mit dem Geist, verstellt dabei auch seine Stimme.“ Die Mutter stöhnt.

 

Ihre Freundin meint, das sei okay, weil der Sohn in der neuen Schule noch keine Freunde gefunden hätte und somit seine Phantasie bemühe. Sie solle sich nicht sorgen.

 

Marietta lächelt erleichtert. „Mag sein, dass ich Gespenster sehe!“

 

Beide Frauen amüsieren sich über diese Bemerkung.

 

„Dennoch gibt es Sonderbares in der Wohnung.“

 

„Was denn?“

 

„Dass zum Beispiel mein Lippenstift nicht auf der Spiegelablage steht, sondern liegt. Oder dass meine Slips unordentlich in der Lade liegen! Meine Büstenhalter nicht nach Farben sortiert im Wäscheschrank liegen!“, erklärt Marietta atemlos und fächelt sich mit der Serviette Luft zu.

 

Sandra lacht laut: „Ich würde sowas nicht bemerken, weil ich recht chaotisch bin!“

 

„Aber ich bin mir sicher, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht.“

 

„Söhne wühlen auch gerne mal in Schubladen der Mama “, gibt die Freundin leise zu bedenken und rät ihr, kein Aufhebens davon zu machen.

 

* * *

 

„Warum sprichst du so leise im Schrank zu mir? Warum kommst du nicht zu mir an den Tisch, wenn ich esse?“ Der Kleine lugt mit großen Augen in den dunklen Schrank hinein.

 

„Weil ich ein Geist bin. Und da muss ich zunächst unsichtbar bleiben.“

 

„Für immer?“

 

„Nein.“

 

„Und wann wann kann ich dich sehen?“

 

„Wenn es die Situation erlaubt.“

 

“Was ist das? Eine erlaubte Situation?“

 

„Das ist dann eine Überraschung für dich.“

 

„Super!“ Phil tollt in seinem Zimmer umher. „Ich mag Überraschungen!“ 

 

* * *

 

„Hast du es gehört? Er spricht wieder mit ihm. Dabei verstellt er seine Stimme derart, dass man meinen könnte, es gäbe dieses Oskar-Gespenst wirklich, der ihm antwortet.“

 

„Ich höre, dass Phil fröhlich umher springt.“

 

Es entsteht eine kleine Pause.

 

Die Freundin legt ihre Hand auf die der Kindsmutter: „Du hast viel mitgemacht in all der Zeit.“ Sie zeigt hinüber zum Kinderzimmer. „Lass dem Kleinen seine Phantasiewelt, bis er Freunde gefunden hat.“

 

Marietta reckt ihren Rücken. „Recht hast du! Ich sollte positiver in die Zukunf blicken und diese gewalttätige Ehe mit Gerd Olge, dem Scheißkerl, endlich hinter mir lassen. Wie wäre es mit einem kleinen“, sie zwinkert mit den Augen, „Gläschen Sekt?“

 

„Gerne!“ Die Freundin atmet erleichtert auf. „Lass uns auf eine gute Zukunft für dich und Phil anstoßen.“

 

Und selbstverständlich soll es nicht bei dem einen Glas bleiben. Sandra schiebt eine CD in den Player und die Frauen tanzen ausgelassen.

 

Sandra kichert und lässt sich auf den Stuhl fallen: “Ich fürchte, heute bei dir nächtigen zu müssen.“

 

Marietta plumpst auch auf einen Stuhl und wedelte sich mit einer Serviette Luft zu. „Na klar, schläfst du bei mir! Jetzt kannst du eh kein Auto mehr fahren!“

 

„Hast du eigentlich schon zu den Nachbarn Kontakt aufgebaut?“, fragt Sandra und nimmt sich einen weiteren Keks, knabbert darauf herum. 

 

„Nein“. antwortet Marietta lächelnd. “Bisher noch nicht.“ 

 

„Das kommt noch!“, lacht Sandra und schenkt weitere Gläser ein.

 

Sie schäkern eine Weile hin und her, bis Marietta ihre Hand zur Ruhe erhebt und flüstert: „Phil ist so ruhig.“ 

 

„Bestimmt ist er selig eingeschlummert.“

 

„Ohne Gute-Nacht-Geschichte?“ Wundert sich die Mutter.

 

Sandra kichert: „Dein Kleiner wird langsam größer.“

 

Marietta springt unvermittelt auf: „Da stimmt was nicht!“ Und läuft ins Kinderzimmer.

„Er liegt nicht in seinem Bett!“, gellt es durch die Wohnung. „Phil! Phil!“

 

Nun eilt auch Sandra herbei, kurz streift ihr Blick die offenstehende Schranktür: „Hat er etwa sie Wohnung verlassen?“

 

„Aber die Wohnungstür ist abgschlossen!“, schreit Marietta hysterisch. Wirft Schlafdecke und Kopfkissen aus seinem Bett, als habe sich das Kind darunter versteckt. Sie kniet vor dem Bett und schluchtzt, hält sich ein Kissen vor das Gesicht und weint hinein, „Phil.“

 

Sandra geht auf die Knie und lugt in den Schrank: „Hallo“, sagt sie leise. „Hast du dich vor Mama versteckt?“ Sie erhebt ihre Stimme: „Ist es das Versteckspiel von deinem Geisterfreund Oskar?“

 

Die Mutter sieht nun unter dem Bett nach. Dort ist ihr Sohn auch nicht.

Hastig reißt sie die langen Vorhänge beiseite, aber auch da kommt der Knabe nicht zum Vorschein.

 

Die Freundin schiebt die Kleiderstange mit den Kindersachen im Schrank beiseite und erschrickt!

 

Währenddessen hört sie, wie Marietta die Wohnungstür aufschließt und ruft: “Ich frage die Nachbarn, ob sie Phil gesehen haben!“

 

Die Rückwand des Kleiderschrankes war ausgesägt worden und in der dahinterliegenden Wand befindet sich ein großes Loch im Mauerwerk.

Gänsehaut überzieht den Körper der Freundin und sie traut sich nicht, dort hindurchzukriechen.

Marietta bemüht sich um einen klaren Gedanken.

Dahinter musste sich aber die Nachbarwohnung befinden!

Panisch entfernt sie sich aus dem Zimmer und läuft zur Freundin in den Flur, welche gerade bei den Nachbarn anklingeln will.

 

„Nicht!“, zischt sie ihr zu, reißt Sandras Hand zurück und zückt ihr Handy. „Ich rufe die Polizei. Da ist ein großes, ein, äh – „

 

„Polizei?“, fragt Phils Mutter tränenüberströmt, als sie auf das Klingelschild blickt, welches sie betätigen wollte. 

Obwohl sie die Initialen auf dem Klingelschild nur verschwommen sieht, so brennen diese sich in ihr Hirn ein: „G.O. steht da“, haucht sie und sinkt auf die Stiege, als sei alles Leben in ihr erloschen.

 

„Geist Oskar!“, faucht die Freundin, während sie den Notruf sendet. „Da wohnt ein Irrer in der Nachbarwohung!“

 

„Schlimmer!“, hallt es nun von der Kindsmutter durch das Treppenhaus. „Gerd Olge! Mein Ex!“

 

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