Von Gerhard Schönbeck

Da, schon wieder!

Bruder Barnabas umklammerte das hölzerne Kruzifix und sah sich um. Aber abgesehen davon, dass er in diesem stockfinsteren Wald die Hand  kaum vor den Augen sehen konnte und es um ihn herum permanent raschelte, knackte und weiß Gott was noch, war nichts Auffälliges zu entdecken. Wahrscheinlich spielte seine Fantasie ihm einen Streich. Er schob das Kruzifix in die Kutte und setzte widerstrebend seinen Weg fort.

Warum in aller Welt hatte er sich auch auf diese Schnapsidee eingelassen? Er rief sich das Gespräch mit Abt und Bischof in Erinnerung. Es ist wichtig, dass der Heilige Geist auch in den entlegensten Gebieten dieser Welt Einzug hält, Bruder Barnabas. Die Menschen im Norden dürsten nach der frohen Botschaft, Bruder Barnabas. Wenn du dich dazu bereit erklärst, könnten wir noch einmal über deine Verfehlung im Zusammenhang mit dem Astloch in der Holzwand der Klosterstallungen hinwegsehen, Bruder Barnabas. Der letzte Punkt hatte wahrscheinlich den Ausschlag gegeben. Sei es wie es sei, langsam begann Barnabas sich zu fragen, ob die Verfehlung das Ganze wert gewesen war. Seit Tagen war er nun schon in dieser gottverlassenen Gegend unterwegs und hatte jegliche Anzeichen von Zivilisation hinter sich gelassen. Die Leute, denen er bislang begegnet war, hatten nur bedingt dazu beigetragen, dass sein Vertrauen in den Erfolg seiner Mission stieg – schwungvoll vor seiner Nase zugeschlagene Türen stellten noch die freundlichsten Reaktionen auf sein Anklopfen dar. Missmutig setzte er sich auf einen Baumstumpf und dachte nach.

„Entschuldigung, wärst du wohl so freundlich, dich von meinem Tisch zu erheben?“

Barnabas fuhr hoch.

„Vielen Dank.“

„Wer… Wer spricht da?“ fragte der Bruder ins Nichts.

„Ach ja, verzeih.“ Hinter einer mächtigen Fichte trat ein kleines, dürres, grün gekleidetes Männlein mit einem langen Bart hervor, angetan mit einem breitkrempigen Schlapphut.

„Wer bist du?“ wollte Barnabas wissen.

„Der Geist des Waldes,“ antwortete das Männlein. „Beschützer der Natur. Wahrer allen Lebens. Außer vielleicht dem von Trollen. Und manchmal auch Mittler zwischen Menschen und Göttern, wenn es in meinem Kompetenzbereich mal hakt. Du weißt schon. Odin, Thor, die ganze Sippschaft.“

Bruder Barnabas schluckte.

„Und du bist…?“ fragte der Geist des Waldes.

„Ich? Ich bin –“  Barnabas wandte sich zur Seite und nestelte hektisch an seiner Kutte. „Ich komme von weit her und –“ ach, da war es ja. Der Mönch packte das Kruzifix, schnellte herum und hielt es mit einem lauten „deo juvante!“ dem Geist des Waldes entgegen.

„Jaja, wie auch immer. Ich darf doch?“ Mit einer gelangweilten Handbewegung schob der Geist das Kruzifix zur Seite.

„Aber…“ versuchte Barnabas verdattert einen Einwand.

„Was aber?“ Der Waldgeist blickte den Bruder interessiert an.

„Eigentlich dürfte ich dich gar nicht sehen. Ich glaube nicht an dich und deine Götter, sondern an den dreieinigen Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Es gibt dich gar nicht!“ Gegen Ende war Barnabas‘ Stimme wieder ein wenig fester geworden.

„Dann sieh genau her,“ gab der Waldgeist ungerührt zurück.

„Nein!“ schrie Barnabas verzweifelt. „Ich weigere mich! Ich –“

Gibt es ein Problem?

Barnabas hielt inne. Mit einem Mal war es strahlend hell geworden, als die Stimme ertönte – eine Stimme, so unbeschreiblich herrlich, als würden sämtliche himmlischen Chöre in einer makellosen Harmonie verschmelzen, von lieblichem Vogelgezwitscher untermalt. Der Mönch versuchte, den Ursprung der Stimme zu ergründen, konnte aber durch die gleißende Helligkeit nichts ausmachen – er spürte die Präsenz einer höheren Macht, die sein Denken, sein Empfinden erfüllte oder vielmehr umschloss.

„Wer bist du?!“ brüllte Bruder Barnabas – oder er bildete es sich nur ein und sprach in Wirklichkeit mit normaler Stimme.

Ich bin der Geist der Wahrheit, kam auf

Jesus bei seiner Taufe herab, ging als

Hauchung aus Gott Vater und Gott Sohn hervor. 

 „Das ist jetzt nicht wahr! Du bist der Heilige Geist? Es gibt dich wirklich?“ fragte Bruder Barnabas schockiert.

Ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich

das jetzt als Kompliment auffassen soll.

„Ja! Das heißt, nein, ich… Ach du lieber Himmel!“

Beruhige dich. Ich werde dir schon

nicht den Kopf abreißen.

„Genau, komm wieder runter! Ich glaube nicht, dass du von ihm irgendetwas zu befürchten hast, so zahnlos wie ich ihn in Erinnerung habe,“ meldete sich der Geist des Waldes.

Wen haben wir denn da? Wir kennen

uns tatsächlich, auch wenn es schon

ein Weilchen her ist.

„In der Tat. Du hättest dich zumindest ein klein wenig in Form halten können, alter Knabe,“ ätzte der Waldgeist.

„Einen Moment.“ Bruder Barnabas hatte sich gefasst und beschlossen, sich für den weiteren Verlauf der derzeitigen Situation von allen Ereignissen und Wendungen, die die Aufnahmefähigkeit des menschlichen Geists überstiegen, nicht mehr aus dem Konzept bringen zu lassen. „Woher kennt ihr euch?“

„Eine kleine Begebenheit im Jahr 89 in einem Dampfbad in Damaskus, wo ich auf Studienreise war,“ erläuterte der Waldgeist.

Und damals hatte dieser verhutzelte Waldschrat

den Nerv, mir zu sagen, dass meine Herabkunft auf die

Apostel zu Pfingsten eine matte Sache war und er

das hundertmal besser hinbekommen hätte.

„Und dazu stehe ich immer noch. Aber jetzt komm, wir haben noch eine Rechnung offen.“

Ach bitte, lassen wir doch die alten Geschichten.

„Neinnein, jetzt will ich es wissen. Oder hast du plötzlich Angst? Muss ich Hühnergeräusche machen?“

Barnabas hätte schwören können, den Heiligen Geist grummeln zu hören.

Na gut, gehen wir’s an.

Der Mönch spürte etwas wie eine Folge von heftigen Bewegungen oder vielmehr Impulsen um sich, ohne sie genau definieren zu können. Die Atmosphäre schien in unregelmäßigen Abständen dichter zu werden und sich wieder zu entspannen. Es fühlte sich an, als würden Heiliger Geist und Waldgeist miteinander … raufen? Barnabas versuchte erfolglos, etwas auszumachen, drang aber nicht durch die Aura des Heiligen Geists, die dessen Kontrahenten gleichsam einzuhüllen schien. Barnabas beschloss, sich aus dem unmittelbaren Kampfgeschehen herauszuhalten und aus sicherer Entfernung zu beobachten, wie es weiter ging.

Nach einer Weile ebbten die Erschütterungen ab. Langsam wurde auch ein etwas zerzaust wirkender, schwer atmender Geist des Waldes wieder sichtbar. Die Strahlkraft des Heiligen Geists hatte merklich abgenommen; der vorhin noch alles überstrahlende Lichtschein pulsierte nur noch schwach.

„Heiliger Geist? Bist du noch da?“ erkundigte sich Barnabas vorsichtig.

Das war jetzt ein Schuss in den Ofen.

„Aber gut gekämpft, muss ich neidlos anerkennen,“ keuchte der Waldgeist. „Und du weißt, was das heißt.“

Jaja, schon klar.

„Du wirst dich bis in alle Zukunft aus dieser Gegend fernhalten und keinen Versuch unternehmen, auf irgendeine Art und Weise hier zu missionieren oder missionieren zu lassen.“

Ich habe verstanden, danke.

„Wie bitte? Das wars? Ich komme den ganzen Weg hierher, kämpfe mich durch tiefe Wälder und Schluchten, halte Wind, Wetter und Wölfen stand, und wofür das ganze?“ Bruder Barnabas wurde mit einem Mal von einer nicht gekannten Energie erfüllt.

Tut leid. Wie auch immer, ich muss weiter.

„Das ist jetzt nicht dein Ernst! Was glaubst du, was ich den Ordensoberen erzählen soll? Hallo? Ich rede mit dir!“

Keine Reaktion.

„Mach dir nichts draus. Betrachte es als Erfahrung. Und nun halte ich es für eine überlegenswerte Idee, dass du dich wieder dorthin begibst, wo du hergekommen bist. Nur so als unverbindliche Empfehlung. Und als Zeichen meines guten Willens gebe ich dir noch etwas mit auf den Weg. Viel Spaß damit.“ Der Geist des Waldes drückte Bruder Barnabas einen versteinerten Tannenzapfen in die Hand und begann, sich aufzulösen. Im nächsten Moment fühlte sich der Mönch, als wäre er aus einem Traum erwacht. Tief seufzend machte er sich auf den Heimweg.

 

Bad Rittersbrunner Anzeiger, 31. Oktober 2019, Chronik:

 

Die Entdeckung eines versteinerten Tannenzapfens im Zuge der Renovierung des städtischen Waldbads rückt ein fast vergessenes Kapitel der Bad Rittersbrunner Geschichte  wieder ins Blickfeld: den von dem offensichtlich geistig umnachteten Klosterbruder Barnabas im Jahr 1364 begründeten kurzlebigen Kult des heiligen nordischen Waldmännleins.

Die aus diesem Anlass erneut gesichteten Aufzeichnungen des Klosters sprechen von einer bedauernswerten Verirrung des Mitbruders, der sich aus dem Konvent zurückzog, eine Klause im nahegelegenen Wald errichtete und zufällig vorbeikommende Reisende unter Verwendung des Tannenzapfens zu missionieren versuchte. Dem Klosterarchiv zufolge konnte der Kult in seiner Hochphase vom dreizehnten bis zum einundzwanzigsten September 1364 bis zu drei Anhänger verzeichnen.

Das nunmehrige Wiederauftauchen des Tannenzapfens bietet einen idealen Aufhänger, sich eingehender mit dem Leben und dem tragischen Ende des Gottesmanns zu befassen, der nach der reuigen Rückkehr in den Konvent an einer Blutvergiftung starb, die er sich auf ungeklärte Weise durch einen von den Klosterstallungen stammenden Holzsplitter zugezogen hatte.